Jeden Tag ein Ohr abschneiden

von Martin Krumbholz

Köln, 11. Oktober 2013. Den Künstler Martin Kippenberger, 1953 in Dortmund geboren, 1997 in Wien gestorben, begreift man in Köln als eine Art Lokalmatador, weil K. in den Achtzigern hier vorübergehend zu Hause war und die damals sehr lebendige Kölner Kunstszene mit seinen Aktionen und Auftritten aufmischte. Tatsächlich war K. nirgendwo zu Hause, weder topographisch noch künstlerisch. Man kann ihn zu den neuen Wilden rechnen, aber die Malerei machte nur den kleineren Teil seiner Aktivitäten aus. In der Hauptsache inszenierte K. sich selbst und seinen Ruhm, der ironischerweise erst nach dem Tod des Künstlers – und dann rapide zunehmend – Gestalt annahm.

Künstlers Visitenkarte

"Man kann sich nicht jeden Tag ein Ohr abschneiden", sagte K. sehr pointiert in Anspielung auf van Gogh. Und genau darum ging es – sich möglichst jeden Tag ein Ohr abzuschneiden. Aufmerksamkeit zu erzwingen. Mit künstlerischen Mitteln, und mit allen erdenklichen anderen. Gut sein in dem, was man – unaufhörlich – tut, und eine große Klappe haben. Jedes Erscheinen zu einem (unvergesslichen) Auftritt machen, andere Anwesende zum Publikum. "Künstler" auf die Visitenkarte setzen, und damit das Anmaßende und Schillernde dieses Begriffs auch schon thematisieren. Denn ein Funken Ironie gehörte immer dazu. Sonst wäre Größenwahn unerträglich. So aber hatte das Gesamtprodukt durchaus Klasse. Und Kippenberger verdiente sich ein Ausrufezeichen hinter dem eigenen Namen. kippenberger 560 sandrathen uK. und seine Double: v.l.n.r. Marek Harloff, Melissa Logan, Judith Rosmair, Yuri Englert, Malte Sundermann. © Sandra Then

Nun also "Kippenberger!" daheim in Köln, gleich am Beginn der Intendanz Stefan Bachmanns. Einen "Exzess des Moments" nennt Angela Richter ihren Abend im Untertitel, und das trifft die Sache sehr schön: das Exzessive einer exemplarischen Existenz – bis hin zum permanenten alkoholischen Exzess, der letztlich zum frühen Tod des Künstlers führte – und das Momenthafte daran, gerne auch im pathetischen Sinn des "Momentums". Zugleich aber auch die punktuelle, sprunghafte Dramaturgie, die ja nicht viel mehr bieten kann, als einzelne Momentaufnahmen eines Lebens aneinander zu reihen, Statements von K. selbst und von diversen Zeitgenossen und Wegbegleitern, subjektive Ansichten, die sich vielleicht zu einer Art Porträt addieren.

Unterschätzt, überschätzt

Das "Depot 2" im Ausweichquartier Carlswerk, eine ausgediente Fabrikhalle, eignet sich sehr gut als Kulisse für diese Performance, da sich die Anmutung eines Künstlerlofts mühelos einstellt: Es werden einfach große Tafeln mit Kippenberger-Motiven auf die Bühne geschoben, darunter die berühmte "Paris Bar" (Raum: Christian Jankowski), und schon ist das Milieu da, in dem die fünf ausgezeichneten Schauspieler die endlose Galerie der Zeitzeugen simulieren können – ganz wie in einer jener Fernseh-Dokus, in der Menschen über Menschen befragt werden und tief in den Brunnen der Vergangenheit hineinblicken. Allzu Gewichtiges fördern sie dabei nicht zutage, und es ist auch nicht unbedingt der Ehrgeiz der Autorin des Abends, das wenig Gewichtige ihrerseits zu gewichten. Die Summe macht's.

Einmal sagt einer, so unterschätzt K. zu Lebzeiten gewesen sei, so sehr werde er postum überschätzt. Und so plattitüdenhaft das klingt, trifft es wohl doch zu. Auch das ist exemplarisch: Die Legende löst sich spektakulär von ihrem Gegenstand – der diesen Prozess freilich mit aller Macht initiiert hat.

Nachruhm zelebrieren

Die Abschweifung ist an diesem recht kurzweiligen Abend sehr erwünscht und hat ihren guten Sinn und Zweck. So zählt es zu den performativen Höhepunkten, wenn Yuri Englert, wiederum mit Abschweifungen und Anläufen, einen Köln-, Weihnachten- und Schildkrötenwitz in einer Manier erzählt, in der man einen sehr großen, aber etwas dürren Baum mit Lametta schmückt. (Und es ist wohl auch gewollt, dass die jeweils unbeteiligten Akteure uninszeniert am Rand stehen und die Arme hängen lassen.) Auch wenn Marek Harloff mit Wiener Akzent einen jungen Mann spielt, den K. im Café Einstein oder sonstwo zum Teil einer Performance machte. Und natürlich, wenn Judith Rosmair mit all ihrem Charme und ihrer Energie ein bisschen die Rampensau gibt. Oder wenn alle Fünf in Erinnerung an Herrn K. – stumm weinen. Lauter schöne exzessive Momente.

"Kümmere dich nicht um Stil", riet K., "sondern um das, was du sagen willst." Stil sei etwas für die, die immer das Gleiche wollten. Und er wollte ja immer etwas anderes, das aber ganz. Vor allem wollte er den Ruhm, und er wäre gerne dabei gewesen, als es endlich soweit war. Das lässt sich nicht mehr gutmachen. Auch in Köln wird hier und heute nur ein wenig Nachruhm zelebriert.

Kippenberger! Ein Exzess des Moments
von Angela Richter
Regie: Angela Richter, Raum: Christian Jankowski, Kostüm: Wiebke Schlüter, Musik: Melissa Logan, Film: Februar Film, Licht: Hartmut Litzinger, Dramaturgie: Thomas Laue. Mit: Yuri Englert, Marek Harloff, Melissa Logan, Judith Rosmair, Malte Sundermann.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause.

www.schauspielkoeln.de

 


Kritikenrundschau

Ein für Richter typisches "Crossover aus Dokumentartheater und Performance" hat Ulrike Gondorf für die Sendung "Fazit" auf Deutschlandradio Kultur (11.10.2013) erlebt. In "mehr oder weniger geglückte Einzelszenen" punkteten die Darsteller "mit schnellen Haltungswechseln, körperlicher Agilität und präsentem Erzählen." Den Künstler Martin Kippenberger brächte einem der "sehr insiderisch" geratene Abend aber nicht näher.

Nach schwächerem Beginn in einer "Art Theaterversion des Genres Doku-Romans" befreiten sich "die exzellenten Schauspieler aus dem engen Korsett der Recherche", urteilt eine Kurzkritik mit dem Kürzel cbo auf der Onlineseite des Kölner Stadt-Anzeigers (11.10.2013). In den "besten Momenten der Inszenierung wähnt man sich auf einem Abend mit, nicht über Kippenberger". Allerdings halte die Arbeit ihren "manischen Drive" nicht bis zum Schluss durch und trudele "viel zu unverbindlich aus".

"Angela Richter hat mit vier aufgedrehten Schauspielern und einer etwas unbeteiligten Sängerin einen Abend über den Künstler Martin Kippenberger montiert, beschreibt Stefan Keim in der Welt (14.10.2013). Judith Rosmair gehe mit Worten ebenso tänzerisch, verspielt und leicht um wie mit ihrem Körper. Während der schlaksige Yuri Englert einen sehr langen, aber auch sehr lustigen Witz über Weihnachten, Köln und Schildkröten erzähle. "Ein ganz eigener Typ, zwei Meter intellektuelle Arroganz, aber auch lakonisch selbstironisch." Manchmal blitze in den Eröffnungspremieren schon auf, dass sich hier ein interessantes Ensemble zusammenfindet. "Aber manche Elemente in "Kippenberger!" passten bei der Premiere nicht zusammen, der rote Faden ging oft verloren."

"Der Geist, der spiritus rector M. K., bleibt bei der szenischen Séance bewusst im Ungefähren", schreibt Vasco Boenisch in der Süddeutschen Zeitung (14.10.2013). "Diffuses Idol. Komische Ikone. Der Berserker, Säufer, Weiberheld, Witzereißer, Provokateur und 'Auserwählte': für Richter auch ein Archetyp des Künstlers an sich."Am Ende habe Angela Richter viel ausprobiert. "Exzess, Selbstdarstellung, Eitelkeit, mit all dem spielt der Abend vergnüglich, ohne Kippenberger ganz zu fassen zu kriegen." Wer in jedem Fall begeistere: die fantastischen vier Yuri Englert, Marek Harloff, Judith Rosmair und Malte Sundermann, die unprätentiös alle Mimikry-Register zögen. "Ein Kunst-Genuss."

In der taz (15.10.2013) kann Alexander Haas sich nach anfänglichem Zweifel im Laufe des Abends "mit den Tanz- und Musikeinlagen sogar richtig gut anfreunden, lässt sich immer mehr bezirzen von der Kippenberger-Welt, die die Spieler insgesamt auf sympathisch unaufdringliche Weise zum Leben erwecken." "Einigermaßen sicher" umgehe Angela Richter "die Gefahr der Beweihräucherung einer alten Kölner Suppe". Die recherchierten Statements und Erzählungen der Spieler beleuchten aus seiner Sicht "Facetten Kippenbergers und seines selbstironischen Kunstverständnisses. Ironie beweist auch der Abend, wenn er Kippenbergers unverhohlenes Show- und Wettbewerbsdenken auf sich selbst bezieht."

Aus Sicht von Hans-Christoph Zimmermann in der Neuen Zürcher Zeitung (15.10.2013) ist Angela Richters 'Kippenberger!' "über einen dürren Zitat-Abend in wechselnden Settings" kaum hinausgekommen.

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