Der schöne Schrecken

von Kai Krösche

Wien, 8. November 2013. Im Schlussbild dann doch die Ahnung: Dass die Gewalt des Krieges größer, dass das Ausmaß der Zerstörung unfassbarer ist als es uns das Theater, die Kunst je konkret zeigen könnte. Dass die Konsequenzen und die Schrecken bewaffneter Konflikte vielleicht nur in Form von Andeutungen, Verfremdungen, Hinweisen vermittelt werden können, dass die Inszenierung als solche kapitulieren muss. Da verschwimmen die zuvor akustischen Trompetenklänge zu einem übersteuert-rückgekoppelten Lärm, während im grellen Gegenlicht die, die volle Höhe und Breite der Bühne des Burgtheaters abdeckende Rückwand in sich zusammenfällt – das Theater und seine Ästhetik kapituliert, bricht buchstäblich zusammen im Angesicht einer unfassbaren Wirklichkeit.

Würde dieses potentiell starke Schlussbild nicht durch die in Zeitlupe mit einem stummen Schrei niedersinkende Maria Happel wieder ästhetisch relativiert, so könnte es vielleicht einen konsequenten Schlusspunkt setzen unter die zwei Stunden lange Demonstration, dass Bertolt Brechts "Mutter Courage und ihre Kinder", wenn weitgehend brav und ohne Brüche auf die Bühne gebracht, enttäuschend wenig mit unserer Wirklichkeit zu tun hat: Zu angestaubt, zu sehr in seiner Zeit verhaftet wirkt dann die Geschichte von der mit ihren Kindern durch den 30-jährigen Krieg umherziehenden Marketenderin, die auf der Suche nach dem finanziellen Gewinn nach und nach ihre Kinder verliert, ohne dazuzulernen. Die Brecht’sche Mahnung: Der Krieg kennt keine Gewinner, am wenigsten unter den Armen und Schwachen der Gesellschaft. Folglich muss es ein Irrtum sein, den Krieg zu seinen Gunsten nutzen zu wollen – man wird immer und ausnahmslos scheitern.

Hoch hängende Kirchenglocken

Es wäre zynisch, zu behaupten, dass derlei Gedanken heutzutage banal seien, da selbst dort, wo die allgemeine Ablehnung gegenüber Krieg Konsens ist, dennoch nicht oft genug an ebendiese Konsequenzen erinnert werden kann. Doch muss sich die Form dieses Mahnens an unsere Zeit anpassen, muss die Entwicklung der Zeit mitreflektieren, muss die Komplexität und Undurchdringlichkeit unserer Gegenwart zu fassen suchen und einen zeitgenössischen Blick auf ein alt, aber sicher noch nicht überflüssig gewordenes Theaterstück werfen.

muttercourage491173 560 georg soulek uAuf den Schlachtfeldern: "Mutter Courage" © Georg Soulek

Doch all das tut David Böschs Brecht-Abend nicht. Nicht, dass diese Inszenierung ästhetisch schlecht wäre; Bösch und sein großartiger Ausstatter Patrick Bannwart beweisen einmal mehr, dass sie gemeinsam wunderschöne, düster-schmutzige Wunderwelten ins Theater hineinzaubern können: Die Drehbühnenlandschaft mit hoch aus dem Schnürboden hängenden Kirchenglocken, hochragenden hölzernen Masten, einem klapprigen Ziehwagen und einem Pferdekadaver in der Mitte der Bühne, im Hintergrund von einer teils zerschlissenen und mit langen, schiefen Kreuzen bepinselten Tücherwand begrenzt, macht zweifelsohne Eindruck beim Hinschauen.

Geschäftige Haltung

Auch das großartige und großartig geführte Ensemble gibt sein Bestes, die Brecht'schen Zeilen zum Leben zu erwecken, allen voran Maria Happel in der Rolle der Mutter Courage, die stets die Haltung bewahrt, immer ganz Geschäftsfrau bleibt und nur in den Zwischentönen und kleinen Gesten ihre Gefühle durchblitzen lässt; und auch die schiefschräg marschierende Livemusik mit Maultrommel, Trompete, Trommel, Horn und Flöte schafft – insbesondere im Zusammenspiel mit der schaurig-schön in Szene gesetzten Drehbühne – so manchen grotesken Augenblick. Dennoch: Etwas fehlt.

Denn Böschs Regie scheint sich trotz aller ästhetischen Perfektion nicht wirklich dafür zu interessieren, was uns Brechts Stück heute vielleicht noch erzählen könnte. So wird die Story von der Mutter Courage und ihren nach und nach sterbenden Kindern handwerklich einwandfrei abgespult, ohne dass man auch nur einmal wirklich emotional berührt oder, um die Einfühlung mal beiseite zu lassen, intellektuell ge-, gar überfordert würde: Es bleibt einem nichts anderes übrig, als zur Kenntnis zu nehmen, dass hier Theater auf ästhetisch hohem Niveau gespielt wird – aber eben nicht mehr.

Weltsicht-Bestätigung

Das reicht aber nicht, wenn man vor den Schrecken des Krieges warnen möchte, reicht erst recht nicht, wenn man eine Inszenierung vor einem Publikum spielt, das fast mehrheitlich von Krieg (glücklicherweise) nur eine theoretische Vorstellung hat: So gerät der Abend zur Insiderveranstaltung für Theaterinteressierte, die sich ihrer korrekten Weltsicht auf ästhetisch ansprechende Weise wieder einmal vergewissern können. Das ist wirklich ärgerlich, weil Bösch es so viel besser kann. Wie er oft zuvor und zuletzt in seiner Wiener Talisman-Inszenierung bewiesen hat, die einem Klassiker der deutschsprachigen Literatur mit genau jenem Biss, Scharfsinn und schließlich Mut begegnete, die diese "Mutter Courage" vermissen lässt.

Mutter Courage und ihre Kinder
von Bertolt Brecht
Regie: David Bösch, Bühne, Kostüme & Video: Patrick Bannwart, Musik: Paul Dessau, Musikalische Leitung: Bernhard Moshammer, Licht: Friedrich Rom, Dramaturgie: Florian Hirsch.
Mit: Maria Happel, Sarah Viktoria Frick, André Meyer, Tino Hillebrand, Stefan Wieland, Dirk Nocker, Tilo Nest, Hermann Scheidleder, Falk Rockstroh, Regina Fritsch. Musiker: Bernhard Moshammer, Tommy Hojsa, Sebastian Heigl, Alexander Wladigeroff, Aneel Soomary, Michael Niederegger, Otmar Klein, Thomas Grimm, Sarah Viktoria Frick.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause.

www.burgtheater.at

 

Kritikenrundschau

Auf Die Presse.com, dem Web-Auftritt der Wiener Presse schreibt Norbert Mayer (9.11.2013): Das Bühnenbild habe "ganze Arbeit geleistet", so stelle man sich "Apokalypsen" vor. Maria Happel spiele die Titelfigur als "Abgebrühte" mit "fremder Kühle", "raffiniert zurückgenommen" und im Gesang brillant", sogar "List und Lust" würden der Figur abgewonnen. Nur am Schluss gäb's ein bissel viel Pathos. Regina Fritsch dürfe als Yvette "im falschen Sentiment so richtig aus sich herausgehen". Sarah Viktoria Frick als Kattrin zeige ohne Worte "starke Präsenz". Tino Hillebrand rühre als Schweizerkas, doch André Meyer wirke als Eilif "wesentlich gefährlicher". "Der Klassiker wurde gekonnt und fast unspektakulär belebt, mit Empathie für Brechts Humanismus."

Ronald Pohl fasst sich auf der Website der Wiener Tageszeitung Der Standard (8.11.2013, 23:15 Uhr) kurz: David Böschs Brecht-Aufführung sei "ein Wintermärchen", die Brecht-Gardine einem Traumvorhang gewichen. Bösch erzähle nicht episch, sondern eine Ballade, die Strophen wie von einem "träumenden Kind ungläubig gestammelt". Maria Happel lasse als Courage im "Carmen-Look" ihre "tausendfach erprobte Virtuosität getrost beiseite". "Die Courage, das zu Tode geschundene Zugpferd des epischen Theaters, erstrahlt wie neu." So, "poetisch neu befragt", besitze auch Brecht, der "ewige Rechthaber", wieder eine Chance. Eine, "trotz kleinerer Einwände, gewaltige Leistung".

Paul Jandl bemüht sich in der Berliner Tageszeitung Die Welt (11.11.2013) das Stück als "allerunseligste Schullektüre" auf den Kehricht-Haufen der Geschichte zu entsorgen. Böschs Inszenierung sehe aus wie Wilder Westen, mit Maria Happel als "Calamity Jane". Zwar trotzten die Schauspieler "tapfer den widrigen Umständen", dennoch wirke die Inszenierung so "unentschlossen", als hätte "eine Kamarilla angejahrter Deutschlehrer" Bösch gedungen, den "Lesestoff noch einmal durchzunehmen". Den Text lasse der Regisseur "halbherzig herunterbeten", im übrigen setze er auf einen luxurierenden "Expressionismus des Ungemütlichen" in der Ausstattung. Heraus käme ein "Stellprobentheater", mit "leblosen Abziehbildern", ein "Museumsstück", in dem es dunkel bleibe wie in einer "Mottenkiste".

Martin Lhotzky schreibt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (11.10.2013), trotz Brechts "nostalgisch, museumsreifem" Stück zeige Böschs "Kompaktversion" großes Schauspiel. Getragen vom "differenziert, beinahe zärtlich und nahe am Aufgeben agierenden" Regimentskoch Tilo Nest und dem "verzweifelt-zynischen", dann wieder erschüttert wirkenden Feldprediger Falk Rockstroh sowie der Kattrin der Sarah Victoria Frick. Die große Überraschung aber sei Maria Happel. Sonst auf "Kichererbse" festgelegt, zeige sie sich hier "hin- und hergerissen zwischen Lust" und am Boden zerstört. Um diese "couragierte Mutter zu bestaunen", lasse man gern "das Belehrungsdrama" über sich ergehen.

Wolfgang Kralicek schreibt in der Süddeutschen Zeitung (11.11.2013): David Bösch, dem "Gameboy" unter den am Burgtheater-Regisseuren, dem sonst immer "noch ein Trick, noch ein Gag" einfalle, sei zur "Courage" nicht viel eingefallen. Die ganze Inszenierung habe einen "biederen Retro-Charakter", den "Wahnsinn und die rohe Gewalt des Krieges" spüre man nie. Aber Maria Happel zeige, dass man ihr Unrecht tue, reduziere man sie wie üblich auf die "Ulknudel". Die Happel "kann Tragödie". Ihre Courage sei eine "starke Mischung aus Flintenweib und Punkerbraut, die Kraft und die Härte der Figur stecken in ihrer Performance ebenso wie mütterliche Gefühle, aber auch erotische Gelüste."

 

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