Sex auf Deutsch, wie bitte?!

von Stephanie Drees

Braunschweig, 16. Januar 2014. Die Sterne Europas leuchten hell. Auf die Mitte des Bodens projiziert zeigen sie einen stolzen, hoffnungsvollen Reigen. Auf ihnen: fünf junge Europäerinnen und Europäer. Ihre Füße schwingen über das Tanzparkett, zwei Frauen legen die Hände ineinander und drücken die Arme der Anderen. Geschmeidige Pedalbewegungen. Es gibt was zu feiern. "Europa", verliest eine Schauspielerin anfangs aus einem Manifest, "das ist vor allem eine Idee." Alles prima in der tanzfreudigen Union?

Fuß fassen in einem anderen Land Europas

Geht man von dem Enthusiasmus aus, den die fünf Schauspielerinnen und Schauspieler von unitedOFFproductions für diesen Abend mitbringen, scheinen die guten Seiten des Bündnisses zu überwiegen. Weil Ideen aber dazu neigen, vor allem in der Konstruktion gut zu sein, hat sich die Gruppe unter der Regie von Dieter Krockauer aufgemacht: Sie wollten erfahren, was Menschen beschäftigt, die ihr Heimatland verlassen haben, um in einem anderen Land Europas Fuß zu fassen.

Ihr jeweiliger Antrieb ist so einzigartig wie jede Biographie. Und doch gibt es etwas, das alle suchen: "Eine Perspektive." Entsprechend tragen sie es chorisch vor. Das ist einer der wenigen Momente, in denen "Eigentlich wollte ich nach Finnland", wie im Untertitel angekündigt, ein "europäischer Monolog für fünf SchauspielerInnen" ist. Ansonsten werden hier fragmentierte Einzelmonologe vorgetragen, deren Grenzen sich berühren. Manchmal sanft, manchmal ecken sie an. Es sind Schlaglichter individueller Erzählungen, verkörpert durch Spieler, die ihre Figur genauso schnell wechseln wie ihren Platz auf der Bühne.

Residenzen der Einsamkeit

Eine karge Fläche bespielen sie im Braunschweiger LOT-Theater, auf dem Boden sind mit weißer Farbe Umrisse gemalt. Eine stilisierte Landkarte. Weiter hinten im Raum liegen Bausteine aus Pappe. Dort sitzen die Schauspieler ab und an – Residenzen der Einsamkeit. Europa, das ist hier auch eine große, vertane Chance.

In der Chorus Line mit Mikroständern gibt es frontale Erzählkunst: Herkunftsländer werden genannt, Lebensgeschichten angerissen. Ob sie Teile der Lebensgeschichten derer beherbergen, die vor uns auf der Bühne stehen? Vielleicht. Athena Tsantekidou, Lidia Cangiano, Mirca Preißler, Aleandru Cirneala und Eneko Sanz sind in Russland und Griechenland, Italien, Deutschland, Rumänien und Spanien aufgewachsen. So wie einige der Menschen, deren Geschichten sie erzählen.

Recherche unter jungen Einwanderern

Für ihre Produktion haben Krockauer und die Dramaturgin Graciela González de la Fuente Interviews mit jungen Einwanderern geführt und ihre Gedankenwelt ausgelotet. Einige von ihnen haben zuvor schon in Ländern gelebt, die nicht ihre Heimatländer sind. Viele werden weiterziehen.

eigentlich-finnland 560 uoffp xDie fünf DarstellerInnen von "Eigentlich wollte ich nach Finnland" – Pressematerial.
© unitedOFFproductions

Die genaue Recherche ist typisch für die Arbeitsweise von unitedOFFproductions. In einer Trilogie beschäftigten sie sich zuletzt mit den Themen "Familie", "Alter" und "Sterblichkeit/Zukunft". Drastisch ging es dabei teilweise zu, ungeschönt. Mit Karacho landeten sie in den Wunden gesellschaftlicher Realitäten. Intensität vergleichbarer Art gibt es in der neuen Produktion nicht, auch wenn unter der WG-Partystimmung, die an der Oberfläche verbreitet wird, oft bittere Wahrheiten mitschwingen.

Wer interessiert sich schon für Bulgarien?

So sehen dann die wenigen kraftvollen Momente aus: Alexandru Cirneala macht sich endlich diesen Raum zu eigen, sprengt sich selbst hinein und sitzt plötzlich neben einer Zuschauerin. Das Gute an Bulgarien sei, dass er im Ausland praktisch alles über das Land erzählen könne. Denn: Wer interessiert sich im westlichen Teil Europas schon wirklich dafür?

An Deutlichkeit lässt seine Darstellung nichts zu wünschen übrig. "Zum Beispiel könnte ich sagen: In Bulgarien essen wir Affenhirne". Dann greift er sich in die Rippen, geht in die Knie, juckt sich, macht den Affen. Und zeigt danach einen steppenden, verkitschten Folkloretanz. Seine Hacken hauen auf den Boden, die Beine wippen. Wenn ihr eh nur das seht, was ihr sehen wollt, dann gebe ich es euch. Seht mich tanzen. Für eure Affenhirne.

Momente dieser Art, geladen, mehrdeutig, rau und bildnerisch, sind selten. Sehr selten. Dieses Theater ist in seiner reduzierten Form oft unterhaltsam, juckt einen aber kaum. Dass die Gedanken oft wenig originell sind und man sie in ihrer geschliffenen Formulierung schon oft gehört hat, ist sekundär. Fast durchweg sind es die Gedanken hoffnungsvoller, charmanter junger Menschen mit Uniabschluss. Manchmal erzählen sie aber auch die Geschichte einer polnischen Putzfrau – in der dritten Person.

Kulturelle Identität ist ein wackliges Ding

Gewiss haben Krockauer und seine Truppe Sinn für das Anrührende und auch den Humor, doch zu viele Themen werden hier zum Meinungskaleidoskop verbastelt: die Fallstricke der transnationalen Politik, die Schattenseiten der Globalisierung, die Nachlässigkeiten der deutschen Integrationspolitik. Alles kommt vor. Alles ist richtig beobachtet. Und vieles rauscht vorbei.

"Wenn mir früher jemand gesagt hätte, dass ich mal beim Sex Deutsch sprechen würde, hätte ich gedacht, das ist unmöglich", sagt eine Schauspielerin mit kokettierender Verwunderung. Wenn es ein verbindendes gedankliches Element an diesem Abend gibt, dann die Beobachtung, dass kulturelle Identität ein wackliges, diffuses und störrisches, sich still und leise wandelndes Ding ist. Solche Gedanken sind gute Ideen. Und vertane Chancen.

 

Eigentlich wollte ich nach Finnland
Ein europäischer Monolog für fünf Schauspierlnnen
Text: Dieter Krockauer, Graciela González de la Fuente
Regie: Dieter Krockauer, Dramaturgie: Graciela González de la Fuente.
Mit: Athena Tsantekidou, Lidia Cangiano, Mirca Preißler, Aleandru Cirneala, Eneko Sanz.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten , keine Pause

www.lot-theater.de

 

 

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Kritikenrundschau

Im Grunde nichts Neues, brächte das aus Interviews mit 17 MigrantInnen gewonnene Stück von unitedOFFproductions, schreibt André Pause in der Neue Braunschweiger (19.1.2014), dem Anzeigenblatt der Braunschweiger Zeitung. Was treibe junge Migranten an, "ihr Glück - oder was auch immer - im Ausland, respektive in Deutschland suchen". Wie stelle sich das Leben fern der Heimat für sie dar. Die "Schilderung der Erlebnisse und Empfindungen" würde "temporeich vorgetragen", die "im Kopf erzeugten Bilder wie ein Skatblatt" gemischt. Die "launigen individuellen Rückblicke und Ausblicke" brächten auf den Punkt: Das Zusammentreffen und Zusammengehen kultureller Identitäten sei "mitunter" schwierig. "Höheren Wallungswert" besäßen nur die "Beobachtungen der politischen Rahmenbedingungen". Die verdeutlichten, dass das "europäische Haus" noch "sehr viel unfertiger und fragiler ist als lange Zeit angenommen".

 

 
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