Einigkeit und Recht und Blut

von Sascha Westphal

Bonn, 9. Mai 2014. Germania ist müde. Die Zeit der großen Gesten vorüber. Dabei hatte ihr erster Auftritt noch eine enorme symbolische Kraft. In Gestalt von Sophie Basse schwebte sie auf einem Metallleuchter stehend vom Bühnenhimmel herab in den holzvertäfelten Raum, den zuvor acht Studenten, allesamt Burschenschaftsanwärter, erstürmt hatten. In der einen Hand hielt Basses heroische Verkörperung der deutschen Nation ein riesiges Schild, in der anderen ein schweres Schwert.

waffenschweine 280h thilobeu-uGermania, Du Schmerzensreiche (Sophie
Basse) © Thilo Beu
Widersprüche der Geschichte

Nun hat sie an sich selbst mehr als genug zu tragen. Mühselig schleppt Germania sich von rechts hinten nach links vorne. Die riesige Deutschlandfahne, in die sie sich gewickelt hat, schleift über den Boden. Sie hat ihre Bedeutung weitgehend verloren, zumindest für die Menschen im Land und im Zuschauerraum, an denen Germania gerade verzweifelt. Trotzig stimmt sie auf ihrem schweren Weg die erste Strophe von August Heinrich Hoffmann von Fallerslebens "Lied der Deutschen" an. Dann setzt sich Sophie Basse an die Rampe und wendet sich direkt ans Publikum. Germania, die Lamentierende. Voller Selbstmitleid beklagt sie die Vorurteile, die Burschenschaftlern und Corpsstudenten entgegengebracht werden, erwähnt Verfolgungen und Diskriminierungen, um zugleich auf die Ursprünge der Burschenschaften im frühen 19. Jahrhundert zu verweisen. Dabei dürfen natürlich auch die Ideale der Paulskirche und der Revolution von 1848/49 nicht fehlen.

So betrachtet sind die Burschenschaften weitaus offener und demokratischer als alle, die sie nun als rechte Institutionen schmähen. Zwischendurch singt sie allerdings immer wieder "Das Lied der Deutschen" und verfällt dabei in einen stets aggressiver werdenden Ton. Entsetzen paart sich mit Zweifeln. Auf der einen Seite blickt einem in dieser Szene genau die verzerrte Fratze eines deutschtümelnden Nationalismus entgegen, die Teil der rechten Burschenschaften-Szene ist. Auf der anderen Seite lassen sich die Widersprüche deutscher Geschichte nicht leugnen.

Agitprop und Reflexion

Denn da war ja auch einmal eine demokratische Idee, auf die wir uns auch heute noch voller Stolz berufen, und die lässt sich nicht von der Geschichte der studentischen Corps und Landmannschaften trennen. In Momenten wie diesem ist Volker Löschs Theater ganz bei sich. In ihnen offenbart sich, was es mit seiner ganzen eigenen Mischung aus Provokation und Aufklärung, aus Agitprop und Reflexion, leisten kann. Nicht zufällig markiert diese Szene den Wendepunkt in dem "Theaterprojekt über schlagende Verbindungen", das nun "Waffenschweine" heißt und von Lösch zusammen mit der Bonner Schauspieldirektorin Nicola Bramkamp auf der Basis von Gesine Schmidts Dokumentarstück "Bier, Blut und Bundesbrüder" erarbeitet wurde.

Zuvor war diese theatrale Auseinandersetzung mit den Burschenschaften und ihren Ritualen fast schon ein bizarrer Liederabend. Wieder und wieder haben Samuel Braun, Daniel Breitfelder, Glenn Goltz, Jonas Minthe, Benjamin Berger, Benjamin Grüter, Robert Höller und Hajo Tuschy Burschenschafterlieder gesungen und von männlicher Kameradschaft geschwärmt. Natürlich drängte sich dabei der Gedanke an Klaus Theweleits "Männerphantasien" und dessen Analyse der psychologischen Hintergründe von kriegerischen Männerbünden auf. Trotzdem hatte das alles etwas sehr Komödiantisches, fast als könnten weder Lösch noch sein Ensemble diese sich mit Degen schlagenden und mit Bier übergießenden Studenten wirklich ernst nehmen.

waffenschweine 560 thilobeu uDer Boden aus Blut und Bier: ausgerutschte Füxe nach einem Saufgelage.
© Thilo Beu

Entsetzen und Ekel

Nicht zufällig rutscht bei einem simulierten Saufgelage einer der Füxe, wie die neuen Mitglieder in der Sprache der Burschenschaften heißen, im gerade Erbrochenen eines seiner Kameraden wie auf einer Bananenschale aus. 35 Jahren nach Theweleits Betrachtungen haben eben diese Männerphantasien, die dann auch noch in einem Akt kollektiver Entgrenzung, einem gemeinsamen Nacktbad in Bier, Blut und Erbrochenem, gipfeln, während Heinos Coverversion von Rammsteins "Sonne" aus den Lautsprechern dröhnt, etwas Lächerliches an sich. Doch dann schlägt die Stimmung um. Germania bereitet dem Spaß ein Ende.

Nun widmen sich Lösch und sein Team dem Rechtsruck der Burschenschaften. In der wohl intensivsten Szene des Abends berichtet das Ensemble chorisch mit den Worten eines "alten Herren", der sich selbst als "Fechtsau" bezeichnet, von einem Mensur-Abend, bei dem die neuen, aus dem extremen rechten Lager kommenden Burschenschaftler ihre ritualisierten Fechtkämpfe austragen. Der "alte Herr" erlebte ein "Blutbad", bei dem sich die Kontrahenten so lange gezielt verletzten, bis einer von ihnen nicht mehr kann. Der von Entsetzen und Ekel zeugende Bericht von der Lust am Blut, vom Rausch der Gewalt, legt sich über die ganze Inszenierung und wiegt schwerer als alle agitatorischen Einschübe. Angesichts dieser Erzählung wirken die für Lösch so typischen Ausbrüche in den Zuschauerraum banal.

 

Waffenschweine (UA)
Ein Theaterprojekt über schlagende Verbindungen von Nicola Bramkamp und Volker Lösch nach dem Dokumentarstück "Bier, Blut und Bundesbrüder" von Gesine Schmidt
Regie: Volker Lösch, Bühne und Kostüme: Cary Gayler, Licht: Helmut Bolik, Musik: Johannes Winde, Dramaturgie: Nicola Bramkamp.
Mit: Sophie Basse, Benjamin Berger, Samuel Braun, Daniel Breitfelder, Glenn Goltz, Benjamin Grüter, Robert Höller, Jonas Minthe, Hajo Tuschy.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.theater-bonn.de

 

 

Kritikenrundschau

Thomas Kliemann schreibt auf dem Online-Portal des Bonner General-Anzeigers (12.5.2014): Am Ende "großer Jubel" sogar bei Burschenschaftern und "Alten Herren" im Publikum. Wieso sei ein "Rätsel". Denn Lösch habe nichts "ausgelassen". Die Inszenierung wähle das Format der "Doku-Revue mit Tempo" und "schmissiger Musik". "Komik statt Kommentar." Was "als Werbespot" begönne, wandele sich auf "biertriefender Bühne" zum "fiesen Männerritual mit obszönen Strafen und anschließendem homoerotischen Nackttanz". Die acht Bundesbrüder träten darauf im "Vollwichs" an, verkörperten "Galionsfiguren des schlagenden Verbindungswesens". Da werde es "gruselig, dumpf deutschtümelnd, undemokratisch, rechtsradikal". Im Abspann höre man die Namen von Politikern und Wirtschaftslenkern mit "Wurzeln im rechten Verbindungswesen". Zum Lachen sei das nicht mehr. "Ein starker Abend."

Sebastian Eckert schreibt auf express.de (12.5.2014), dem digitalen "Angebot" der Boulevard-Blattes Express aus Köln, "Waffenschweine" lege "plakativ" die "anscheinend aus der Zeit gefallenen Bräuche" offen. Es gehe um "Werte, Hoffnungen, um Netzwerke und Lebensbünde, ums Fechten und Trinken ...". Sorgten "Zitate und Szenerie" für Lacher, so schockiere das "übertriebene Gelage". Gegen Ende werde es politisch: "Angeprangert wird die Gefahr einer rechten Unterwanderung der Burschenschaften". "Vom Publikum gab es minutenlangen Applaus für eine sehr mutige Aufführung."

Das Textmaterial zeuge zwar "vom Bemühen um Differenzierung", Ausgewogenheit sei allerdings noch nie Löschs Sache gewesen, schreibt Marius Nobach in der Süddeutschen Zeitung (21.5.2014). "Erwartungsgemäß nutzt er den Stoff vor allem, um ordentlich über die Männerbünde vom Leder zu ziehen." Das Bühnenbild deute an, "worauf der Regisseur hinaus will": Der Graben suggeriere ein "Zoogehege, bei dem die Besucher aus sicherem Abstand beobachten, was für merkwürdige Dinge sich unter diesen fremdartigen Lebewesen abspielen". Lösch stelle entsprechend "das Bizarre an den Männerbünden lustvoll heraus". "Subtil geht anders", aber dank der "beherzten" Schauspieler gerade einiges "unwiderstehlich komisch". Obwohl "nicht alles neu oder überraschend ist, muss man diesen Abend – auch wegen der hohen Konzentration aller Beteiligten – doch zu den besten Lösch-Arbeiten zählen. Zumal vor allem gegen Ende sehr erhellende Momente gelingen".

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