Ehre füllt den Kühlschrank nicht

von Cornelia Fiedler

4. Juli 2020. Es ist deprimierend: Die neusten Zahlen zu Frauen im Kulturbetrieb zu sichten macht keinen Spaß. Der Blick auf das Einkommen von Künstler*innen generell liest sich noch immer als gesellschaftliches Armutszeugnis; und die Fakten zu Freiberufler*innen im Speziellen bestätigen die schlimmsten coronainduzierten Befürchtungen. Einerseits. Andererseits tut es richtiggehend gut, sich mit diesen Statistiken zu konfrontieren. Weil es klarzieht, dass kein individuelles Verschulden vorliegt, wenn nach dem Shutdown plötzlich die Hartz-IV-Anträge auf dem Küchentisch in der Kreativen-WG liegen. Weil wir schlicht in Strukturen leben und arbeiten, die die geringe Wertschätzung kultureller Arbeit ebenso reproduzieren wie die Schlechterstellung von Frauen.

Bochumer Verwandlungen

von Max Florian Kühlem

3. Juli 2020. Ein Moment Wahrhaftigkeit auf der Spielzeitvorstellung am Schauspielhaus Bochum: Johan Simons schaut leicht verknittert in sein Publikum aus verteilt sitzenden Journalisten auf der großen Bühne, hinter ihm der schöne Saal mit der "offenen Wunde" aus wegen Corona ausgebauten Sitzen. Der 73-Jährige sagt: "Wenn man startet, tut man so, als wisse man alles über eine Stadt. Und dann begegnet man ihr."

Vor uns liegen Monate der Angst-Arbeit

1. Juli 2020. Die Corona-Krise hat in vielen Bereichen bereits existierende Probleme verschärft oder zumindest sichtbar gemacht. Auch in der Gegenwartsdramatik, wo die Folgen der Pandemie besonders den Autor*innen noch lange schaden könnten – sagt der österreichische Dramatiker Ferdinand Schmalz im Gespräch mit Andrea Heinz. Aber der Lockdown hat Schmalz auch dazu inspiriert, sich verstärkt um die Dramen-Analyse zu kümmern und ein neues Forschungsprojekt anzustoßen.

"Sie haben Lügen erzählt"

von Kirill Serebrennikow

Bevor der russische Regisseur Kirill Serebrennikov am 26. Juni 2020 in Moskau zu drei Jahren auf Bewährung verurteilt wurde, hielt er am Montag, 22. Juni, vor dem Gericht in Moskau eine Rede, die wir hier dokumentieren. Die Übersetzung aus dem Englischen stammt von Birgit Lengers, Dramaturgin am Deutschen Theater in Berlin. Sie weist darauf hin, dass die ersten Buchstaben jedes Absatzes im russischen Original folgende Aussage ergeben: "ICH BEREUE NICHTS. IHR TUT MIR LEID."

Das Theater der feinen Unterschiede

von Francis Seeck

25. Juni 2020. Seit Kurzem wird im Kulturbereich vermehrt über soziale Ungleichheit gesprochen: Der Begriff Klassismus (engl. classism), der analog zu Rassismus und Sexismus eine Diskriminierungs- und Unterdrückungsform beschreibt, etabliert sich langsam auch im Deutschen – und wird immer seltener mit der Kunstepoche Klassizismus verwechselt (vgl. Seeck/Theißl 2020).

Das Interview entstand im Rahmen des Überblickstextes: Zur Lage der deutschsprachigen Schauspielschulen unter den Corona-Schutzverordnungen.

 

Den Zauber weiterflüstern

Maria Happel im Interview mit Elena Philipp

Maria Happel, die Theater sind geschlossen. Was fehlt Ihnen am meisten?

Das Publikum, der Geruch meiner Garderobe.

Was wird aus dem Schauspiel, einer Kontaktkunst, wenn der Körperkontakt verdächtig wird?

Es gibt nun mal die Regelungen. Wenn man sich darauf einlässt, entstehen vielleicht ganz neue Dinge. Wir mussten viel über Zoom unterrichten – und ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass Nähe entstehen kann, wenn man einen Othello in seinem Kämmerchen in Wien sitzen hat und eine Desdemona in ihrem ehemaligen Kinderzimmer in Leipzig – das ist aber geschehen. Man sah einen Othello in einem Kriegsgebiet , der mit seiner Freundin in Leipzig chattete. Uns kam die Idee, dass man das so auf die Bühne bringen könnte, es hatte plötzlich eine andere Aktualität.

Der Mailwechsel entstand im Rahmen der Recherchen zum Überblickstext: Zur Lage der deutschsprachigen Schauspielschulen unter den Corona-Schutzverordnungen.

 

Es ist einfach ALLES anders

Mailwechsel von Frank Schubert und Elena Philipp

Frank Schubert am 8. Mai 2020: Es hat sich die Welt verändert

Liebe Elena Philipp!

Es ist seit unserem letzten Kontakt nicht nur Zeit vergangen, es hat sich die Welt verändert. Natürlich auch für die Schauspielausbildung. Gerade für die Schauspielausbildung. Und ganz speziell für die Studieneinsteiger, die nicht wissen, ob sie überhaupt noch Schauspiel studieren können.

Mit dem Untertitel "Szenen, die der Autor nicht schrieb" entwickeln unsere Studis in jedem Jahr (am Ende des ersten Semesters) eigene Szenen aus Shakespeare-Stoffen heraus. Persönlich und energiegeladen. Daran halten wir allerdings aus guten Gründen fest.

Aber Corona hat alles verändert. Auch den Blick auf die Inhalte.

Schreiben ist wie Atmen

11. Juni 2020. Überschlagen haben sich die Ereignisse zuletzt für die Theater. "Hurra, wir spielen wieder!", tönt es nach fast drei Monaten Corona-Shutdown allerorten, und groß ist die Freude über Aufführungen im Freien oder vor lose bestuhltem Parkett. Wer aber erzählt diese überstürzte Gegenwart fürs Theater? Die AutorInnen Gerhild Steinbuch und Necati Öziri fragen wir im Theaterpodcast warum  - und was – sie gerade fürs Theater schreiben, weshalb das Theater heute keine moralische, sondern eine empathische Anstalt sein sollte, und inwiefern ein zeitgemäßes Autor*innen-Theater mit kollektiven Strukturen verbunden ist. 

steven houston man writing in the dark 1000© Steven Houston

 

 

Zoomster's Paradise

von Sophie Diesselhorst

3. Juni 2020. Natürlich, der Chor der Murrenden ist laut vernehmbar. In froher Erwartung der Wiederaufnahme des "regulären" Theaterbetriebs erklären Kritiker*innen und Publikum, dass sie keine Lust mehr haben auf Theater im Internet: "Langsam reicht es mit den Zoom-Performances", schreibt Nicholas Potter in der taz. Im Nachgespräch zu Lisa Stieglers Georg-Büchner-Livecam-Performance "Lenz" vom Residenztheater München bekennt eine Zuschauerin: "Länger als eine Dreiviertelstunde wäre ich auf keinen Fall dabeigeblieben." Sogar Ex-nachtkritik-Redakteur und Kolumnist Wolfgang Behrens gestand jüngst, wie gering seine "Verweiltoleranz" bei Online-Theaterangeboten ist.

Neues, das anknüpft

von Sabine Leucht

München, 19. Mai 2020. Als Avatare sehen Barbara Mundel und Viola Hasselberg ein bisschen ungelenk aus. Schön aber ist, dass die virtuellen Doubles der künftigen Intendantin der Münchner Kammerspiele und ihrer Chefdramaturgin barfuß sind und die vergnügten Original-Stimmen ihre Steifbeinigkeit vergessen lassen. Eine Handvoll Schauspieler*innen aus dem künftigen Ensemble sagen kurz via Zoom "Hallo" und man kann in dem gigantischen Mosaik gerade noch viele alte Bekannte und eine vordergründige Diversität ausmachen, da schaltet der Vimeo-Livestream (nachzuschauen hier) schon in die Kammer 1, von der aus Barbara Mundel und Team die Pressekonferenz ins Virtuelle senden.

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