Kunst, die aus Karenz entsteht

Nicolas Stemann und Benjamin von Blomberg im Interview mit Elena Philipp

3. April 2020. Live-Präsenz ist im Theater derzeit strengstens untersagt, dafür wird verstärkt telekommuniziert. Woran arbeitet ein geschlossenes Theater, wenn die üblichen Arbeitsweisen unterbrochen sind und vorerst alles brach liegt? Davon berichten Nicolas Stemann und Benjamin von Blomberg, die Intendanten des Schauspielhaus Zürich, im Zoom-Gespräch.

Der Corona-Reflex

von Katja Grawinkel-Claassen

Düsseldorf, 30. März 2020. In Zeiten von Corona und "social distancing" explodiert die Zahl der digitalen kulturellen Angebote. Bei Theatern war am Anfang noch das Streaming hoch im Kurs, die Live-Übertragung von Vorstellungen. Besonders diskursive Formate wie Vorträge oder Gesprächsrunden können mit überschaubarem Aufwand gestreamt werden, wenn die Ensembles nicht mehr zusammenkommen können und "Geister-Vorstellungen" – ohne Zuschauer*innen, nur für den Stream – nicht mehr möglich sind. Hier kommen im Theater ähnliche Technologien zum Einsatz wie in Schule, Universität oder Unternehmen, die aufgrund der sozialen Isolation zur Eindämmung des Virus auf "home office" umgestellt haben.

Ist Kunst jenseits der Verschwendung denkbar?

von Lynn Takeo Musiol und Christian Tschirner

25. März 2020. Welche Rolle spielen Überlegungen zu Ökologie und Nachhaltigkeit? Ist klimaneutrales Theater technisch möglich und künstlerisch interessant? Gibt es überhaupt Zeit, sich im Alltagsgeschäft über die obligatorischen Solidaritätsbekundungen hinaus mit der Klimakrise zu beschäftigen? Mit diesen Fragen im Hinterkopf wollten wir uns mit Akteur*innen aus Stadttheater und Freier Szene zu einem Gespräch zusammensetzen, um eine Art Bestandsaufnahme zu machen.

Warten auf die große Kunstparty

von Sascha Westphal

21. März 2020. So war das nicht geplant. Eigentlich sollte das vom Netzwerk "Cheers for Fears" gemeinsam mit der Dortmunder Akademie für Theater und Digitalität und dem medienwerk.nrw veranstaltete Symposium "Staging Complexity. Ein Labor zu Kunst und Theater im digitalen Zeitalter" in den Räumen des Theaters Dortmund stattfinden. Außerdem sollte es noch von zwei Präsentationen und mehrtätigen Workshops flankiert werden. Doch in Zeiten von Corona und Social Distancing war das alles natürlich keine Option mehr. Die Workshops sind auf den Herbst verschoben, die Präsentationen mussten bedauerlicherweise ausfallen.

Rechte und Sicherheiten in Zeiten von Corona

Wir fassen hier die Antworten und Hinweise zusammen, die der Bundesverband Schauspiel (Interview mit dem Justiziar Bernhard Störkmann) und der Verband der Gründer und Selbstständigen Deutschland e.V. geben.

Eine weitere "Handreichung für die Unterstützung selbständiger und freier Kulturschaffender" bietet der Verband deutscher Schriftstellerinnen und Schriftsteller der Gewerkschaft ver.di hier an.

 

Haben Theaterschaffende bei Vorstellungs- und Probenausfall oder Schließung des Theaterbetriebes ein Anrecht auf ihr Gagenhonorar?

Fallen an einem Theater Vorstellungen bzw. Gastspiele aus und wird nicht mehr geprobt, kommt es zunächst darauf an, ob der zwischen Theaterbetrieb und Künstler*in geschlossene Vertrag eine Regelung für solche Fälle enthält.

Gibt es keine solche vertragliche Regelung, greift die gesetzliche Regelung des § 616 BGB: Die Theater sind ihren festangestellten Arbeitnehmer*innen gegenüber weiterhin zu den vereinbarten Entgeltzahlungen verpflichtet, sofern diese arbeitsfähig und -bereit sind, auch wenn keine Vorstellung oder keine Proben stattfinden. Ebenfalls bleibt der Entgeltanspruch bestehen, wenn ein Theater aufgrund von Krankenstand oder Versorgungsengpass ganz geschlossen werden sollte und die Beschäftigten nicht arbeiten können. Das gilt genauso für Privattheater.

Auch für "feste Freie", die z.B. im Rahmen eines Gastspielvertrages an einer Theaterproduktion mitwirken, die nicht mehr gespielt oder geprobt werden kann, ändert sich – wenn nicht vertraglich anders geregelt – nichts am Anspruch auf Entgeltzahlung.

 

Haben Theaterschaffende Anspruch auf ihr Gagenhonorar oder ihr Gehalt, wenn sie am Corona-Virus erkrankt sind oder wegen einer vom Gesundheitsamt angeordnete Quarantäne zuhause bleiben müssen?

Es gilt das Infektionsschutzgesetz. Wenn das zuständige Gesundheitsamt Qurantäne angeordnet hat, hat die/der festangestellte Arbeitnehmer*in für die Dauer von bis zu sechs Wochen Anspruch auf Lohnfortzahlung (§ 56 IsfG). Die Arbeitgeber sind verpflichtet, das Geld zu zahlen, können sich dieses jedoch vom Gesundheitsamt zurückerstatten lassen. Danach greift die Krankentagegeldversicherung, so man eine besitzt.

Auch für freie Theaterschaffende besteht die Möglichkeit, nach dem Infektionsschutzgesetz ihren Verdienstausfall kompensiert zu bekommen; sie müssen diesen Anspruch allerdings direkt gegenüber dem Gesundheitsamt geltend machen. Die Entschädigung wird berechnet auf Grundlage des Gewinns, der im Steuerbescheid für das letzte Kalenderjahr festgestellt wurde.

 

Wird es eine Einnahmeausfallentschädigung für freie Kulturschaffende geben?

Es gibt Zeichen aus der Politik, die darauf hindeuten, allerdings lässt sich dazu noch nichts Konkretes sagen. In jedem Fall sollten freie Kulturschaffende genaue Aufzeichnungen über ihre Einnahmeausfälle führen: Datum (Ausfall), Leistung (was war Inhalt meines Auftrags), Entgelt (vereinbares Honorar, welches ich nun nicht bekomme). Da noch nicht absehbar ist, wie bürokratisch eine möglichen Entschädigung ausfallen wird, ist es ratsam, die Ausfälle durch Verträge, Auftragsbestätigungen, Mails, Briefe, Kurznachrichten etc. nachzuweisen zu können.

 

Was kann ich tun, wenn ich in finanzielle Schieflage gerate?

Ab 27. März 2020 12 Uhr können bei der Investitionsbank Berlin Anträge für die Notfallhilfe des Berliner Senats für Künstler*innen und Kleinbetriebe bis zu maximal 5 Angestellten gestellt werden - unter die auch kleine Bühnen fallen.
Auch unabhängig von Corona gilt: Man kann jederzeit beim Finanzamt einen Herabsetzungs- bzw. Stundungsantrag für Steuern stellen. Gleiches gilt für Krankenkassen- und Rentenversicherungsbeiträge. Wer in der Künstlersozialversicherung versichert ist, sollte jetzt sein geschätztes Jahreseinkommen nach unten korrigieren. Verschiedene Organisationen verfügen zudem über Notfonds, etwa die VG Wort.

 

Was passiert mit den Fördermitteln für freie Projekte, die derzeit nicht stattfinden können?

Der Fonds Darstellende Künste schreibt auf seiner Facebook-Seite: "Falls von uns geförderte künstlerische Vorhaben zurzeit durch Absagen zur Eindämmung des Covid-19 Virus betroffen sein sollten, so finden wir gemeinsame Lösungen für die Absicherung der zugesagten Mittel. Das finanziellen Risiko darf nicht bei frei produzierenden Künstler*innen liegen! Hier sind Produktionstrukturen und wir als Fördereinrichtung in der Verantwortung." Der Fonds führe außerdem bereits Gespräche mit anderen Fördereinrichtungen.

Auch Kulturstaatsministerin Monika Grütters stellt in Aussicht, bei vom Bund geförderten Projekten und Veranstaltungen, die wegen des Coronavirus abgesagt werden müssen, auf Rückforderungen so weit wie möglich zu verzichten.

 

Dürfen Künstler*innen zuhause bleiben, wenn die Kindertagesstätten oder Schulen ihrer Kinder wegen Corona schließen oder ihre Kinder an Corona erkrankt sind?

Für diejenigen Arbeitnehmer*innen, die ohne eigenes Verschulden nicht zur Arbeit erscheinen können, darf kein Nachteil entstehen. Wer also keine alternative Betreuungsmöglichkeit für ein aufsichts- bzw. betreuungspflichtiges Kind findet, darf für die Kindesbetreuung für fünf Tage zu Hause bleiben. Sind die Einrichtungen länger geschlossen, müssen die Erziehungsberechtigten die Betreuung aufteilen. Auch hier gilt es, wegen etwaiger Regelungen in die Arbeitsverträge zu schauen.

Wer ein an Corona erkranktes Kind betreuen muss (die Erkrankung muss ärztlich attestiert werden), kann sich vom arbeitgebenden Betrieb freistellen lassen. Bei gesetzlich mitversicherten Kindern unter 12 Jahren trägt die Krankenkasse den Lohnausfall für bis zu 5 Tage. Bei Privatversicherten ist der Arbeitgeber zur Lohnfortzahlung verpflichtet.

 

Wie sollten sich Theaterschaffende verhalten, die Sorge haben, sich mit Corona infiziert zu haben?

In jedem Fall sollte telefonisch oder persönlich ein*e Ärzt*in oder das Gesundheitsamt konsultiert werden. Damit oben aufgezählte Regelungen greifen, muss es sich um eine offizielle Quarantäne handeln.

 

(Stand 11. März 2020. Quellen: Bundesverband Schauspiel / Verband der Gründer und Selbstständigen Deutschland e.V. / Fonds Darstellende Künste; Zusammenfassung: ape)

 

Mehr zu den Folgen von Corona? Hier finden Sie die Reaktionen der bzw. die Auswirkungen auf die Theater.

Die Rückkehr der Großen Erzählung

von Christian Tschirner und Lynn Takeo Musiol

"I've seen penguins, plutonium, pollution and pollen.
But I've never seen Nature at all."
Timothy Morton

11. März 2020. Es gab Zeiten, da war die Zukunft glänzend. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts zum Beispiel: Gottes Plan, ein Himmelreich auf Erden zu errichten, stand kurz vor der Verwirklichung. Christliche Sektierer in ganz Europa fühlten sich zu den unterschiedlichsten sozialen Experimenten ermutigt: Die englischen Levellers wollten die Privilegien des Adels abschaffen. Die Diggers oder True Levellers besetzten und bearbeiteten Land, verteilten die Erträge, um Handel und Geldwirtschaft zu beenden. Einige der Täufer und Mennoniten unterstützten die aufständischen Bauern in ihren Forderungen nach Auflösung der Klöster und Armenspeisung. "Natur, du bist mein Gott, dein Recht ist meins", deklariert Bastard Edmund selbstbewusst im "King Lear". Was die Zukunft brachte, war aber nicht das Reich Gottes, sondern die Neuzeit und mit ihr den Kapitalismus.

"Is she hot or not?"

10. März 2020. Nackte auf der Bühne? Gehören für viele längst zum Klischee des zeitgenössischen Theaters. Als die junge Eva Mattes 1976 in "Othello" nackt über die Bühne gejagt wurde, taugte das zu einem echten Theaterskandal. Mit seiner "Blut-und Fäkalien"-Orgie "Macbeth" löste Regisseur Jürgen Gosch noch 2005 die legendäre "Ekeltheaterdebatte" aus. Auf den FAZ-Großkritiker wirkte das Enthüllen damals wie ein "Verbrechen": "Das Theater, das sich mit 'dem Leben' (meist nichts weiter als ein Synonym für Nacktheit) verwechselt, schändet die Phantasie", schrieb Gerhard Stadelmaier.

Auswirkungen auf die Theater

März 2020. In diesem Beitrag haben wir das Theater betreffende Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus gesammelt. Bis zum 16. März 2020 wurden die Angaben laufend aktualisiert. Da jetzt alle Theater und Spielstätten in Österreich, der Schweiz und Deutschland geschlossen sind, wird diese Liste nicht weitergeführt.

Was festangestellte und freie Theaterschaffende wissen sollten, finden Sie hier.

Final Climatsy

von Lynn Takeo Musiol und Christian Tschirner

26. Februar 2020. Ein neues Jahrzehnt beginnt! Mit einem Januar wie Australien noch keinen hatte. Es herrscht Urlaubssaison, Buschbrände wüten. Vororte werden evakuiert, tausenden Urlaubern ist der Fluchtweg abgeschnitten. Einige sind an Strände geflohen, und warten, von den Flammen eingeschlossen, im seichten Wasser des Ozeans auf Rettung durch das Militär. Die Buschbrände sind so heiß, dass sie Tornados erzeugen. Zeitgleich zur Dürre in Australien gibt es in Jakarta Hochwasser, ausgelöst durch heftige Monsunregen. 400.000 Menschen müssen ihre Wohnungen verlassen. Im Großraum Jakarta leben circa 30 Millionen Menschen, etwa ein Drittel der Fläche liegt unter dem Meeresspiegel. There's nothing to fix, sie wird in den nächsten Jahren untergehen.

Scheitern inklusive

von Sophie Diesselhorst, Janis El-Bira und Georg Kasch

Berlin, 19. Februar 2020. Im November 2019 wurde am Berliner Ensemble (BE) sehr kurzfristig eine Premiere abgesagt: im Theaterbetrieb eine merkwürdige Begebenheit, aber nicht automatisch ein Skandal. "Pussy – eine Ode an die Männlichkeit" von Stephanie van Batum sollte im Rahmen des Autorenprogramms herauskommen. Das ließ dann doch aufhorchen: Denn diese Sparte des BE hatte schon vorher merkwürdig viele Signale der Unruhe produziert.

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