Halligalli und Bambule im Verantwortungs-Vakuum

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 25. September 2017. Die Berliner Volksbühne ist besetzt. Seit Freitagabend. Mit der Aufstellung einer Papp-Bombe des potenten Typs B61-12 (die Besetzer nennen sie und sich "VB6112") wurde die Übernahme besiegelt (Nordkorea und Donald Trump lassen grüßen). Auf einem Transparent an der Volksbühnen-Fassade weht der Spruch: "Make Berlin geil again".

Warum hört der Streit nicht auf?

von Christian Rakow

Berlin, 19. September 2017. Mit der Berufung des Museumsleiters Chris Dercon auf den Intendantenposten der Berliner Volksbühne im Jahr 2015 entzündete sich eine Debatte um den damit verbundenen Strukturwandel des Hauses, die als Berliner Theaterstreit bundesweit bekannt wurde. Auch nach dem Spielzeitstart der Intendanz Dercon mit zwei Tanz-Marathons an der neuen Volksbühnen-Spielstätte auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof ist der Streit nicht beendet.

Wir Ausputzer

von Andreas Wilink

8. August 2017. Der Fleck muss weg. Es ist der Fleck auf der Weste des Düsseldorfer Oberbürgermeisters und des eigentlich doch gar nicht so gebeutelten Stadtsäckels. Ein bisschen ist es auch ein Schandfleck, der das Image der Kultur-Landeshauptstadt verunreinigt hat. Das Düsseldorfer Schauspielhaus wurde Ende 2016 kurzzeitig mit seinem angestammten Standort am Gründgens-Platz, mithin in seinem Status und seiner Perspektive in Frage gestellt. Großes Theater wegen der unausgegorenen, dann hastig relativierten Ideen des OB Thomas Geisel – als Konsequenz bildeten sich geschlossene Reihen für die von Stadt und Land NRW je zur Hälfte getragene Bühne. Die Zukunft aber kostet Geld. Das Haus ist zu und wird’s noch lange bleiben. Die Sanierung und allerlei Reparatur-Maßnahmen, die im Kontext der Neuordnung des zentralen Areals stattfinden, sollen an die zwölf Millionen Euro kosten.

Das Dimmen der Lautstärke

von Oliver Bukowski

17. August 2017. Nun also ich. Warum erst jetzt?
Weil ich, wie damals in den persönlichen Gesprächen, den direkten Kontakt zu Darja Stocker suchte. Die Idee: Vielleicht schaffen wir es, mit einander zu reden und der anscheinend so unversöhnlichen Debatte durch eine GEMEINSAME Veröffentlichung die andere Qualität zu geben. Darja Stocker hat geantwortet und denkt über meinen Vorschlag nach. Sicherlich gibt es viel zu besprechen, denn ich kenne bis heute ja nicht einmal den Wortlaut des Beschwerdebriefes an den Präsidenten der UdK; die Autorinnen wiesen an, ihn strikt vertraulich zu behandeln. Die Universitätsleitung folgte dem, und so standen wir zwar in der Kritik, nur in genau welcher?

So war’s nicht

von Anne Rabe 

14. August 2017. Sexismus, strukturelle Benachteiligung und Gewalt sind in unserer Gesellschaft allgegenwärtig, die Diskussion darüber notwendig. Deshalb hat es mich nicht gewundert, dass es auch eine Debatte zu Sexismus an Schreibschulen gibt. Heute aber wurde ich durch nachtkritik.de auf einen Text von Darja Stocker aufmerksam (hier die Presseschau des Texts, der im "Merkur" erschienen ist), der, wie nachtkritik.de es selbst zusammenfasst, von "erschütternden Erfahrungen während der Zeit" an der Universität der Künste in Berlin berichtet. Dieser Text betrifft mich, denn ich habe ab 2006 mit Darja Stocker gemeinsam im Studiengang "Szenisches Schreiben" studiert.

Die Volks(bühnen)vertreter

von Esther Slevogt

5. August 2017. Was macht eigentlich Michael Müller (SPD)?, fragt man sich in diesen Tagen, in denen die Unterschriften unter die Petition gegen die Pläne des neuen Volksbühnenintendanten Chris Dercon immer schwindelndere Höhen erreichen und auch sonst der Ton in der Auseinandersetzung immer schriller wird. Im Internet, wo das neue Volksbühnen-Team zum 1. August 2017 die Social Media Accounts übernommen hat, brach sofort ein Shitstorm gegen sie los, der einen das Fürchten lehren kann. Ist Wutbürgertum das neue Bildungsbürgertum?, fragt man sich allerdings angesichts des Hasslevels, das manche Posts erreichen. Hier desavouiert sich ein Anliegen selbst. Auf die zivilisatorischen Kräfte der Kunst, insbesondere der darstellenden, darf man anscheinend nicht hoffen.

Sehnsucht nach der großen Geste

Interview: Elena Philipp

3. August 2017. Wie weit darf die Kunst in ihrem Bestreben, politisch aufzurütteln, gehen? "Tod dem Diktator" stand auf Flugblättern, die das Zentrum für politische Schönheit (ZpS) kurz vor dem G20-Gipfel im Juli aus dem Fenster eines Istanbuler Hotels am Gezi-Park flattern ließ. Ausgeworfen von einem ferngesteuerten Drucker. Es war der spektakuläre dritte Teil der Aktion "Scholl 2017", zu deren Anfang Münchener Schüler*innen aufgefordert wurden, im Geiste der "Weißen Rose" Flugblätter gegen eine Diktatur ihrer Wahl zu verfassen (nachtkritik.de berichtete). Über die politischen und künstlerischen Implikationen der ZpS-Aktionen spricht nachtkritik.de-Redakteurin Elena Philipp mit dem Kölner Theaterwissenschaftler Peter W. Marx, der kürzlich in der taz einen Essay über Theater und Tyrannenmord veröffentlicht hat.

Endlich angekommen

von Nikolaus Merck

30. Juni 2017. Eitel Sonnenschein in Wien, da der zuständige Bundesminister für Kunst und Kultur, Verfassung und Medien Magister Thomas Drozda den neuen Burgtheaterdirektor Martin Kušej den Medien präsentierte. Er freue sich, "den wichtigsten Regisseur des Landes" für das "wichtigste Theater des Landes" gewonnen zu haben, strahlte der Magister. Und der Künftige in Jeansjacke und krawattenlosem Blauhemd gleichsam sein Desinteresse am austriakischen Hof- und Kleiderordnungszeremoniell nach außen kehrend, revanchierte sich für die Freundlichkeit mit einem Herzensbekenntnis: "Ich kann nicht anders, ich bin halt Österreicher, deshalb ist der Burgtheaterdirektor ein besonderer Job", zudem sei er, anders als früher, diesmal gerufen worden, laut genug, um das beschauliche München für neue Wiener Herausforderungen hinter sich zu lassen.

Der blinde Fleck

2. Juni 2017. Wie halten sie's mit den Schauspieler*innen? Diese Frage kam immer wieder auf im Zuge der Debatten um die beiden neuen Intendanzen in Berlin. Ohne festes Ensemble starten an der Volksbühne Chris Dercon und Marietta Piekenbrock in die nächste Spielzeit. Oliver Reese versammelt am Schiffbauerdamm eine Riege hochkarätiger Spieler*innen, allerdings mit monochronem Hintergrund. Wie viel Diversität ein Stadttheater-Ensemble nötig hat, diskutieren Nikolaus Merck und Elena Philipp im Podcast.

Das Herz des Spiels

von Georg Kasch und Christian Rakow

Berlin, 30. Mai 2017. Große Fußstapfen locken ihn, scheint’s. Der Gang ins Berliner Ensemble ist der Eintritt in eine mächtige Traditionslinie: von Ernst Josef Aufricht, Bertolt Brecht, Helene Weigel, Ruth Berghaus und Heiner Müller. Sie alle nennt Oliver Reese auf seiner Antrittspressekonferenz, die heute Vormittag im Rangfoyer des Berliner Ensembles über die Bühne ging. Vorgänger Claus Peymann ward aus dieser Linie geflissentlich ausgespart. Manchmal ist auch ein Verschweigen ein Seitenhieb. Und durchaus verständlich als zarte Retourkutsche für die harten Kanten, die Peymann gegen seinen Nachfolger zu Zeiten ausgeteilt hatte (wegen der Nichtverlängerungen des Peymann-Ensembles, wegen der Nähe zum "Phänotyp" Tim Renner, man erinnert sich...).

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