Im Klammergriff des Für und Wider

von Dirk Pilz

Oktober 2008. Es gibt in Nicolas Stemanns Inszenierung Die Räuber eine prägnante Szene, in der vier verschwitzte Männer an der Stahlblechrampe thronen und im Chor "Freiheit!" skandieren. Die vier Herren leihen ihre Körper hier dem revoltierenden Karl Moor, der unter Freiheit die Lossagung von jeglicher Tyrannei begreift. Die nächste Sequenz dieses im Sommer bei den Salzburger Festspielen herausgekommenen und jetzt ans Hamburger Thalia Theater übernommenen Abends ist dagegen ein wildes Stimmen-Wirrwarr desselben Chorquartetts, das sich um den Satz "Ich will alles um mich her ausrotten" windet. Es ist ein Wutausruf des Karl-Bruders Franz, der Freiheit als Freibrief zur grenzenlosen Selbstdurchsetzung begreift.

Ein Märchen aus Thüringen

von Nikolaus Merck

Berlin, 8. Oktober 2008. Wir lieben Weimar!

Kaum hat die Stadt das Haus der Frau von Stein (Goethe! Lotte! Werther!) an einen spanischen Kunsthändler verkauft, der dort angeblich Salvador Dali ausstellen will, was zweifelsfrei der Stadt von Klassik, Bauhaus und Buchenwald gerade noch gefehlt hat, kaum also hat sich das geistige Butzenscheibenstädtchen den Zorn der Bildungsbürger links und rechts von Elbe und Ilm zugezogen, stampft es in den nächsten Fettnapf rein.

Im Strudel der Leistungsgesellschaft

von Dirk Pilz

Juli 2008. Als im Juni 1797 Schiller eine frühe Fassung von Goethes "Faust" liest, wird ihm schwindelig. Denn für die "hoch aufquellende Masse" dieses Stoffes, schreibt er an den Freund, wüsste er "keinen poetischen Reif", der ihn zusammenhält. Goethe bedankt sich für die "Bemerkungen" und verspricht, dafür Sorge zu tragen, dass beide Tragödienteile "anmutig und unterhaltend sind und etwas denken lassen". Er hat sein Versprechen gehalten: Der "Faust" ist auch ein im besten Sinne unterhaltendes Stück Theaterliteratur.

Am besten Bemerkenswert

von Hartmut Krug

Berlin, Juni 2008. Berichte von der Juryarbeit für das Theatertreffen gleichen nicht selten folkloristisch-ethnographischen Schilderungen. Da ist von überfüllten Zügen und einsamen Hotelaufenthalten, von Termin-Hetze und Reise-Stress, von Publikumsirritation oder (natürlich falschem) Abonnentenjubel die Rede. All das aber unterscheidet sich nicht vom Alltag eines reisenden, normalen Theaterkritikers. Was die Reisearbeit der Theatertreffen-Juroren besonders macht, das ist vor allem der auf jedem einzelnen Juror lastende Erklär- und Rechtfertigungsdruck. Er droht nicht nur von der gesamten Fachszene, die die endgültige Auswahl kommentiert, kritisiert  und analysiert, sondern jeder Juror empfindet ihn von Anfang an, gegenüber sich selbst und gegenüber den Jurykollegen.

Gebt ihm mehr Platz, dem Hund!

von Andreas Jüttner

Stuttgart, 30. Mai 2008. "Schlagt ihn tot, den Hund, er ist ein Rezensent" – das ist von Goethe, aber eindeutig von vorgestern. Zwar mögen mitunter noch heute Künstler mit ihren Kritikern hadern. Theaterpragmatiker hingegen jammern weniger darüber, dass die Kritik sie zu hart anfasst, sondern darüber, dass der Kritik in vielen Medien immer weniger Platz eingeräumt wird. So kam es zu einem seltenen Schulterschluss zwischen Kritikern und ihren Gegenübern aus den Pressestellen und Dramaturgien beim Stuttgarter Symposium "Theaterkritik heute".

Kammerspiel mit Mikrophon

von Regine Müller

Bochum, 30. Mai 2008. Ein fatalistischer Schicksalston war schon im Einladungstext zu diesem Pressegespräch auszumachen: "Das Bochumer Schauspielhaus ist immer größer als der amtierende Intendant", ließ Elmar Goerden sich darin zitieren. Die Einladung zum Pressegespräch flatterte am Morgen nach der abendlichen Kurzmeldung herein, in der nur kurz bekannt gegeben worden war, dass Goerden sich entschieden habe, für eine Vertragsverlängerung über die Spielzeit 2009/2010 hinaus nicht mehr zur Verfügung zu stehen.

Wie es ist

von Elmar Goerden

Bochum, 30. Mai 2008. Die Entscheidung war schwer. Die Gründe sind einfach, wiegen darum aber nicht weniger schwer. Die Personalie Goerden wirft einen zunehmend großen Schatten auf das Bochumer Schauspielhaus. Weder der Intendant noch der Regisseur werden seinem künstlerischen Ruf gerecht. Im Gegenteil, meine Arbeit schadet augenscheinlich der Reputation der Theaterstadt Bochum. Ich muss Sie von diesem Befund nicht erst überzeugen, stammt er doch größtenteils von Ihnen. Ich bin lang genug am Theater, um zu wissen, dass Kritik und Objektivität zweierlei sind.

Stockhausens Schrei

von Joachim Lux

7. Mai 2008. Theater ohne Autoren: Ist die Zukunft dramatisch? – Die Frage klingt schon wieder nach Krise, Untergang und Waldsterben. Keine Angst und auch keine Hoffnung: ich mache hier nicht die Kassandra für den angeblich oder wirklich vom Untergang bedrohten Autor. Im Gegenteil: ich möchte aufräumen und die Fenster aufreißen. Denn die Debatte um das Theater und seine angeblich immerwährenden Krisen ist weitaus verblödeter als das Theater in seinen Hervorbringungen. Sie klebt immer noch an Vorgestern. Die Klischees, mit denen Theaterleute und ihre sich antilobbyistisch gerierende kritische Lobby gern hantieren, ermüden seit langem.

Nische oder Netiquette!

von Andreas Horbelt

2. April 2008. Ein berühmter Cartoon aus dem Magazin The New Yorker, schon 1993 erschienen, zeigt zwei Hunde vor einem Computer. Der eine sagt zum anderen: "On the internet, nobody knows you're a dog."

Langeweile ist der beste Zeitvertreib

Von 31. Januar bis 3. Februar 2008 findet im Hamburger Thalia Theater die Jahrestagung der Dramaturgischen Gesellschaft statt. Diesmal steht das Symposium unter dem Motto Geteilte Zeit, und es soll um die Auseinandersetzung mit Zeiterfahrung in den verschiedensten Positionen des Theaters gehen, von der Alltagspraxis bis zur Ästhetik.

Einer der "Tischredner" wird der Berliner Theaterwissenschaftler Hans-Friedrich Bormann sein, dessen Forderung nach mehr Platz für eigene Gedanken im Theater ("Für ein Theater der Langeweile") wir mit Dank dem Programmbuch entnehmen. Als weiterer Tischredner wird übrigens Dirk Pilz die Zeitökonomie beim Verfassen von und im Umgang mit Nachtkritiken thematisieren: Was unmittelbar und blitzschnell geschrieben werden muss, ist danach unbegrenzt verfügbar.

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