Hochzeitsfeier mit Rampenlicht

12. April 2026. Um drei Schwestern in der englischen Provinz geht es in Beth Steels "Wenn die Sterne fallen", das Christian Schlüter in Osnabrück inszeniert hat. Und um eine prekäre Welt, in der sich auf dem Hochzeitsfest offenbart, warum es zumindest eine Schwester weggeschafft hat. 

Von Kai Bremer

Beth Steels "Wenn die Sterne fallen" von Christian Schlüter am Theater Osnabrück inszeniert © Joseph Ruben

12. April 2026. Beth Steels "Wenn die Sterne fallen" hatte vor etwas mehr als zwei Jahren in London Premiere und wurde ein großer Erfolg. Das well-made play erzählt die Geschichte der Schwestern Sylvia, Hazel und Maggie. Aufgewachsen sind sie in einem englischen Kaff, in dem einst der Bergbau blühte. Inzwischen bleibt aber kaum mehr, als sich an die Vergangenheit zu erinnern und zaghaft auf die Zukunft zu hoffen.

Gleichwohl sind die drei keine kleinbürgerlichen Wiedergängerinnen von Tschechows "Drei Schwestern". Während diese vom Aufbruch in ein neues Leben träumen, kommt zumindest Sylvia und Hazel gar nicht in den Sinn, wegzuziehen. Das ist schon bemerkenswert. Denn zumindest Hazels Leben ist alles andere als glücklich. Während die jüngere ihrer beiden Töchter, Sarah, neben ihr steht, nennt sie diese unvermittelt einen 'Unfall'. Ihr Mann John ist arbeitslos, sie selbst hat einen anstrengenden und frustrierenden Job. Die dritte Schwester Maggie ist zwar inzwischen weggezogen. Was sie genau macht, ist jedoch unklar – und damit auch die Gründe, warum sie gegangen ist.

Zumindest eine Schwester zog weg

Das Drama handelt von der Hochzeitsfeier Sylvias, von den Vorbereitungen am Vormittag bis zum nächsten Morgen. Aristoteles, ick hör Dir trapsen. Die jüngste der drei Schwestern heiratet den Polen Marek, der selbständig ist und offenbar gutes Geld verdient. Diese Ausgangssituation nutzt Steel, um die familiären Konflikte, Alltagsrassismus und Verwerfungen eskalieren zu lassen. Und da die englische Dramatikerin wunderbar pointierte Dialoge gestalten kann, erinnert "Wenn die Sterne fallen" nicht selten an Yasmina Rezas Dramatik, auch wenn deren bildungsbürgerlichen Paaren und Freunden der immer wieder vulgäre Ton von Steels Figuren abgeht.

Im Hochzeitskleid der eigenen Mutter: Sylvia und ihre Schwestern, v.l.n.r. Lua Mariell Barros Heckmanns, Verena Maria Bauer, Monika Vivell, Stefan Haschke, Ronald Funke © Joseph Ruben

Die Premiere im Großen Haus des Theaters Osnabrück lässt von der ersten Szene an keinen Zweifel aufkommen, dass diese handwerklich souveräne Mischung aus privater Tragik und energischem Wortwitz auch beim deutschen Publikum zündet. Früh setzen erste Lacher ein. Regisseur Christian Schlüter gibt dem zum Teil derben Pointenfeuerwerk von Steels Dialogen ("Der würde auch einen Frosch vögeln, wenn er ihn dazu bringen könnte, lange genug stillzuhalten") viel Raum. Die Gespräche der drei Schwestern Sylvia (Lua Mariell Barros Heckmanns), Hazel (Monika Vivell) und Maggie (Verena Maria Bauer) mit ihrer Tante Carol (Sascha Maria Icks) während der Hochzeitsvorbereitung sind nicht nur liebenswert-schrill, sondern auch ungemein präzise verschränkt.

Was in der Saalmiete enthalten ist

Hazels Töchter Leanne (Lilly Theis) und Sarah (Hanna Poniatowski) mischen im lärmenden Durcheinander überzeugend mit. Ein erstes Mal umzuschlagen scheint die Situation kurz, als Sylvia das Hochzeitskleid nicht passt. Aber glücklicherweise findet sich noch das der inzwischen verstorbenen Mutter. Den Vater der drei, Tony (Ronald Funke), haut der Anblick der Tochter im Kleid der verstorbenen Gattin zwar für einen Moment um. Aber zum Glück steht er bald wieder, so dass die Feier endlich beginnen kann.

Nachdem die Vorbereitungen noch vor dem apricotfarbenen Vorhang stattfanden, öffnet sich der Blick auf die Bühne. Anke Grot hat darauf eine zweite Bühne errichtet, vor der an drei Tischen die Hochzeitsgesellschaft tafelt. Zwar steigt Marek (Hans-Christian Hagewald) einmal auf die Bühne, um für Sylvia mehr schlecht als recht ein Liebeslied zu singen. Oft aber bleibt die Bühne leer. Auch, weil ihre Nutzung nicht in der Saalmiete enthalten ist. Grots Einrichtung ist damit eine überzeugende Allegorie für die Feier selbst, für Sylvias Hoffnung, zumindest für eine Nacht im Rampenlicht zu stehen – was aber, wie zu erwarten, in jeder Hinsicht scheitert. Schlüter wird diese Hoffnung im Schlussbild überzeugend wieder aufnehmen.

Wenn die Sterne fallen 4 JosephRubenZwischen Verletzungen und Überlebenswitz: "Wenn die Sterne fallen" in Osnabrück © Joseph Ruben

Je länger die Hochzeit dauert und je mehr Alkohol fließt, umso mehr brechen Verletzungen auf, werden Erinnerungen wach und vor allem zeichnet sich immer mehr ab, warum Maggie gegangen ist. Zwischen ihr und dem Mann ihrer Schwester Hazel, John (Stefan Haschke), hatte sich eine immer größere Liebe entwickelt. Um die Ehe der Schwester nicht zu zerstören, hat sich Maggie für die Flucht entschieden.

Liebenswerte Familie

Die Stärke von Steels Text ist, dass sie trotz des Pointenfeuerwerks die ganze Familie nicht nur ausgesprochen liebenswert zeichnet. Sie gibt auch der Sehnsucht nach Liebe und Nähe, der Hoffnung auf ein erfüllteres Leben Raum. Wiederholt zeigt sich, dass die Schauspielerinnen und Schauspieler in der Lage sind, souverän vom flapsigen Ton ins ernsthafte, seelische Abgründe eröffnende Spiel zu wechseln (allen voran Verena Maria Bauer und Ronald Funke). Schlüters Inszenierung schätzt die Pointen allerdings mehr als die stillen, verzweifelten Momente. Sie werden zwar nicht gestrichen (Schlüter arbeitet wie üblich ausgesprochen textnah), aber immer wieder abgebrochen, indem eine andere Figur losplappert. Das Publikum hat das freilich nicht gestört, es hat sich mit einem begeisterten Schlussapplaus bedankt.

Wenn die Sterne fallen
von Beth Steel, deutsch von Jessica Higgins
Regie: Christian Schlüter, Bühne, Kostüme: Anke Grot. Dramaturgie: Sophie Hein.
Mit: Verena Maria Bauer, Ronald Funke, Stefan Haschke, Lua Mariell Barros Heckmanns, Hans-Christian Hegewald, Sascha Maria Icks, Thomas Kienast, Hanna Poniatowski (als Sarah, in den folgenden Inszenierungen wird auch Eva Selinger Sarah spielen), Lilly Theis, Monika Vivell.
Premiere am 11. April 2026
Dauer: 2 Stunde 45 Minuten, eine Pause

www.theater-osnabrueck.de/

Kritikenrundschau

Die Autorin Beth Steel habe "einiges hineingepackt in ihr Stück", meint Ralf Döring in der Neuen Osnabrücker Zeitung (14.4.2026). Nicht alles sei dabei "super originell, die derb-vulgäre Sprache" könne man mögen, müsse man aber nicht. "Doch das Ensemble mit seiner spürbaren Lust, die Figuren zum Leben zu erwecken, beschert ein Theatererlebnis erster Güte."

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