Was sind wir für Tage - Kosmos-Theater Wien
Zum Meme mit der Achtsamkeit
12. April 2026. Wenn man schon politisch ohnmächtig ist, will man zumindest achtsam sein. Diesem Gegenwartsgefühl spüren Milena Michalek und Ensemble in ihrer neuen Arbeit nach. In "Was sind wir für Tage" begeben sie sich lustvoll in die Absurditäten der Alltagskommunikation.
Von Ole Zeitler
"Was sind wir für Tage" von Milena Michalek und Ensemble am Kosmos-Theater Wien © Bettina Frenzel
12. April 2026. "Die letzten Tage war es schlimm. Gestern war auch schlimm. Vorgestern war's noch schlimmer. Freitag ging’s. Und Donnerstag war auch ganz schlimm." Der Dauerkrisenmodus ist zum Meme geworden. Die Überforderung, in der Krise Kunst zu schaffen, sich zu positionieren und überhaupt zu sprechen, scheint neue Formen der Nicht-Kommunikation hervorzubringen. Wenn alles schlimm ist, ist auch alles irgendwie egal.
"Was sind wir für Tage" ist der Titel des Stücks, das Regisseurin und Autorin Milena Michalek gemeinsam mit einem vierköpfigen Ensemble entwickelt hat. Hierin reagieren die Figuren auf ihre empfundene politische Ohnmacht mit dem Versuch, zumindest ihre zwischenmenschliche Kommunikation achtsam zu gestalten. Dabei entfaltet sich auf der Bühne des Wiener Kosmos Theaters eine eigentümliche Freude an entleerten Alltagsgesprächen.
Zurück vom Usedom-Retreat
Mit zur großen Geste erhobenen Hand liest Schauspielerin Aline-Sarah Kunisch einen im Usedomer Schreib-Retreat verfassten Text. Ironisch formt sich ihre Hand zum mahnenden Zeigefinger, wenn der Text in persönlichen Erfahrungen nach Wahrhaftigkeit sucht. Die Ostsee-Insel und das Bühnenbild von Albert Frühstück aus wohlig weißen, in regelmäßigen Abständen gehängten Papierbahnen versprechen Klarheit. Aus der Distanz ihres Ferienappartements blickt die Verfasserin belustigt auf ICE-Beamte, die auf Eis ausrutschen: "Wenn es nicht so schrecklich wäre, würde man lachen." Doch ihre Abgeschiedenheit kippt bald in einsame Kauzigkeit und Erschöpfung. Also zurück unter Leute! Wenn das nur so einfach wäre. Bevor irgendwer irgendwem begegnet, ist Kunisch gezwungen, einen Berg an Absagen à la "Sorry, aber ich packs heute nicht" vorzulesen.
Beschwingt und kauzig ihr Empfinden umkreisend: Das Ensemble in "Was sind wir für Tage" am Kosmos Theater Wien © Bettina Frenzel
Zusammen mit den Schauspieler*innen Luca Bonamore, Marlene Hauser und Samuel Simon bildet sich schließlich eine Gruppe auf der Bühne. Die Figuren tauschen sich ständig über ihr persönlich unterschiedliches Empfinden aus. Selbst wenn buchstäblich nichts passiert ist: Waren die paar Sekunden Schweigen gerade eher eine wohlige Ruhe oder eine unangenehme Stille?
Wohlige Ruhe oder unangenehme Stille?
Ironisch vorwurfsvoll blicken die Schauspieler*innen ins Publikum, wenn dieses belustigt über die Sorgen der Figuren lacht. Die Dialoge beißen sich wie eine Schlange in den eigenen Schwanz. Selbst wenn die Frage über das eigene Empfinden als uninteressant empfunden und abgetan wird, landet das Gespräch doch nur wieder beim persönlichen Empfinden. Schnell versteht man das Bedürfnis, statt in der Gruppe Wahrhaftigkeit auf einer einsamen Insel zu suchen.
Bald kreiselt das Ensemble minutenlang um die Frage, wie man denn ständig behaupten könnte, dass "alles gut" sei, wenn doch offensichtlich vieles schlimm ist. Die fürsorgliche Frage "Wie geht's?" ist nur eine Floskel. Der Versuch kollektiver Achtsamkeit wirkt albern. Alle reden über ihr Innenleben, aber doch oberflächlich aneinander vorbei, bei gleichzeitiger Sehnsucht nach Nähe.
Im Redekreis in "Was sind wir für Tage" © Bettina Frenzel
Im einsam Geschriebenen, im Austausch über aktuelles Empfinden sowie im gemeinsamen Schwelgen und Streiten über Erinnerungen gelingen pointierte Zweischneidigkeiten: Die privaten Insel-Erfahrungen werden in großen Gesten nach Außen gerichtet. Schweigen ist bedeutungsvoll, während das Sprechen über Stille hohl erscheint. Nur verklärte Urlaubs-Erinnerungen bieten eine Grundlage für eine harmonische Realität.
Groteskes im Alltäglichen
Milena Michalek und Ensemble finden Humor im schwermütigen Gegenwartsgefühl, indem sie lustvoll die Absurdität entleerter Kommunikation aufspüren. Ihre Figuren wollen alles richtig machen und erstarren gerade deshalb in Untätigkeit. Das Ganze hat viel Selbstironie: Denn wofür braucht es überhaupt Theater, wenn Künstler*innen aus Unwissenheit darüber, was sie sagen sollen, nur noch über ihre eigenen Gefühle reden? "Was sind wir für Tage" blickt augenzwinkernd auf das Groteske des Alltäglichen. Die Dialoge drehen sich konsequent um sich selbst und verweigern eindeutige Inhalte. Darauf muss man sich einlassen, kann aber Vertrautes wie Aberwitziges entdecken.
Als am Ende der Vorstellung das Licht ausgeht, verharrt das Publikum unsicher. War das jetzt das Ende? Empfinde ich die Stille als Moment zum Innehalten? Ist die Stille unangenehm? Erst nach ein paar Sekunden: erlösende Eindeutigkeit des Applauses.
Was sind wir für Tage
von Milena Michalek & Ensemble
Uraufführung
Regie & Text: Milena Michalek, Bühne & Kostüm: Albert Frühstück, Dramaturgie: Karl Börner, Choreografie: Luca Bonamore, Regieassistenz: Jana Maier, Lichtgestaltung: Dulci Jan, Ton: Tom Skoruppa.
Mit: Luca Bonamore, Marlene Hauser, Aline-Sarah Kunisch, Samuel Simon.
Premiere am 11. April 2026
Dauer: 1 Stunde 25 Minuten, keine Pause
www.kosmostheater.at
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