Arbeit oder: Acht Stunden Aktionismus

12. April 2026. Im Auftrag des Stadttheaters Regensburg hat Philipp Löhle ein Stück über Arbeit geschrieben. Macht das überhaupt Sinn, was tagein, tagaus in den Büros passiert? Im Comedy-Stil hat Löhle sein Stück auch gleich selbst inszeniert.

Von Isa Hoffinger

"Inventur" von Philipp Löhle am Theater Regensburg © Sylvain Guillot

12. April 2026. Keine kann Aktenordner schöner stapeln als Clara. Die Stirn in Falten gezogen als würde sie ein hochkomplexes Problem lösen, zählt sie Spitzer, Radiergummis, Heftklammern und Briefumschläge. Bleistifte bindet diese Frau mit einem Gummi so liebevoll zu kleinen Bündeln zusammen als seien es hübsche Blumensträußchen. Mit elegantem Schwung stempelt Clara lange Listen ab, die auf ihrem Schreibtisch liegen. Dann wuchtet sie Pakete mit Papier von einem Wägelchen, nur um sie in einem Stahlregal verschwinden zu lassen, weil niemand DIN-A4-Blätter braucht.

Clara Kaufmann, grüner Rock, blaue Pumps, die Haare zum Knoten gesteckt, strenger Blick, weiß insgeheim, dass ihr Job keinen Sinn ergibt, aber sie klammert sich fest an die geordneten Abläufe im Büro.

Von New Work keine Spur

Philipp Löhle zeigt in seinem Auftragswerk für das Stadttheater Regensburg eine Arbeitswelt ohne Sinn und Verstand. Auch Claras Kollegin Laura W. Fischer, eine Working Mum, die ihre Kinder nur "der Sohn" und "die Tochter" nennt, hinterfragt die eigenartige Büroroutine nicht. Dabei passiert tagein, tagaus dasselbe – ähnlich wie im Film "Und täglich grüßt das Murmeltier". Eine Mitarbeiterin kontrolliert, welches Büromaterial noch da ist, die andere bestellt neues. Eine hat "Vorrang" und ist in dieser Schicht die Chefin, eine hat "Nachrang" und muss auf die Kollegin hören, danach wird gewechselt.

Jeden Morgen erfolgt in diesem Büro die Anmeldung mittels Handinnenflächenscan vor einem Stechuhrcomputer. Jeden Mittag gibt es ein kurzes Meeting mit dem Vorgesetzten, der sich nur durch eine Art Gegensprechanlage zuschaltet und Kölschen Dialekt spricht. Danach verkündet eine Stimme, welche Gerichte es in der Kantine gibt und bittet die Mitarbeiterinnen, viel Wasser zu trinken.

Inventur 4 Sylvain GuillotBürowesen höherer oder niederer Ordnung: Eileen von Hoyningen Huene, Katharina Solzbacher und Silke Heise © Sylvain Guillot

Einen Obstkorb, einen Kicker oder eine Mitgliedschaft im Urban Sports Club gibt es nicht. Statt Boni bekommen die Frauen nur, was der 1961 geborene und 2020 verstorbene Anthropologe David Graeber in seinem gleichnamigen Spiegel-Bestseller "Bullshit Jobs" nannte: zu wenig Geld für überflüssige Dienstleistungen, die den Beschäftigten keinen Raum für Kreativität lassen und deren stupide Art der Durchführung das Gegenteil von New Work-Modellen ist.

Ausbruch aus dem Arbeitsalltag?

Vermutlich würden Clara und Laura bis zur Rente ihr "same procedure as every day" weiterspielen, denn ihr Acht-Stunden-Aktionismus lenkt die beiden von seelischen Nöten ab – doch als mit Happy Schubert eine dritte Bürokraft eingestellt wird, die eines Tages viel zu spät kommt, wird allen klar: Irgendetwas stimmt hier nicht. Warum bemerkt niemand, dass Happy am Morgen nicht zum Anmeldeappell vor der Stechuhr angetreten ist? Gibt es überhaupt einen Chef? Was passiert, wenn sie einfach alle mal zu Hause bleiben? Um das auszuprobieren, gehen die drei Frauen tatsächlich nicht mehr ins Büro, zuerst ein paar Tage, dann länger.

Doch ohne Arbeit wird ihnen langweilig, es fehlt die gewohnte Tagesstruktur. Laura (im schwarzen Lederrock sexy gespielt von Eileen von Hoyningen Huene) hat erkannt, dass sie ihre Kinder gar nicht mag, und flüchtet wieder ins Büro. Clara, der Silke Heise teilweise ulkige Züge wie in Anke Engelkes "Ladykracher" verleiht, ist frustriert von ihren neuen Hobbys – Finnisch, Backen, "hat überhaupt nicht funktioniert". Und auch die selbstbewusste Happy geht am Ende wieder zur Arbeit, um dort fortan Erzählungen zu schreiben.

Aufzeichnungen aus der Menschenwelt

Philipp Löhle stellt in "Inventur" mehrere Fragen: Warum arbeiten wir, statt unsere Träume zu leben? Wer würde morgen zur Arbeit gehen, wenn es nicht aus finanziellen Gründen nötig wäre? Ist der Kapitalismus wirklich das beste Wirtschaftssystem? Das passt in eine Zeit, in der Politiker darüber diskutieren, ob wir wieder länger arbeiten müssen, um produktiver zu sein, und ob durch den Fokus auf die Work-Life-Balance und den Siegeszug von Achtsamkeitsgurus unsere Wirtschaft lahmt.

Inventur 1 Sylvain GuillotJob als Freiheitsberaubung: Eileen von Hoyningen Huene, Silke Heise, Katharina Solzbacher in "Inventur" © Sylvain Guillot

Der Titel "Inventur" ist doppeldeutig, bezieht sich auf das Sortieren des Warenbestandes gleichermaßen wie auf die persönliche Bestandsaufnahme, in der Lebensmitte oder vor dem Renteneintritt. Aber die Befindlichkeiten der Mitarbeiterinnen stehen hier nicht so sehr im Fokus wie ein Ausblick, was aus der schönen, aktuellen Arbeitswelt einmal werden könnte.

Kristopher Kempf stellt Regale, Stühle und Schreibtische in einem retrofuturistischen Setting hinter meterhohe Gitterstäbe. Das Bild von Gefangenen, das er damit erzeugt, ist ein wenig zu naheliegend. Wunderbar dagegen funktionieren die Kostüme und die roboterartigen Bewegungen der Schauspielerinnen am Anfang, als drei Androiden die Aufzeichnungen von Laura, Happy und Clara finden. Diese Wesen leben offenbar in einer Welt, in der es keine Erwerbsarbeit mehr gibt. Ist das jetzt eine Utopie?

Inventur
von Philipp Löhle
Inszenierung: Philipp Löhle, Ausstattung: Kristopher Kempf, Licht: David Herzog, Dramaturgie: Maxi Ratzkowski, Regieassistenz und Abendspielleitung: Lisa Birkenbach.
Mit Silke Heise, Eileen von Hoyningen Huene, Katharina Solzbacher.
Uraufführung am 11. April 2026
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.theaterregensburg.de

Kritikenrundschau

Löhles Stück "trifft mit der Frage nach dem Sinn der Arbeit einen Nerv", berichtet Marianne Sperb in der Mittelbayerischen Zeitung (13.4.2026). "Immer mehr Menschen suchen die Work-Life-Balance, während die Jobs rarer werden. Bürger stöhnen über Bürokratismus, der zum Beispiel altgediente Hausmeister regelmäßig zur Schulung im Umgang mit der Leiter zwingt. Politiker drängen auf mehr Arbeitsstunden, während Gewerkschaften für das exakte Gegenteil kämpfen. Mit seinem Stück also greift Philipp Löhle tollen Stoff auf, über den das Publikum nach der Uraufführung auch gleich lebhaft diskutiert. Er findet kluge Sätze und witzige Pointen. Aber als Regisseur lässt er dem Autor einige Längen durchgehen."

Ein "geradezu kafkaesk anmutendes Szenario" erlebte Tobias Hell von der Deutschen Bühne (13.4.2026). "Trotz aller Stumpfsinnigkeit, präsentiert sich der von Philipp Löhle auch selbst inszenierte Text überraschend kurzweilig. Denn mit ihren nüchtern runtergebeteten Paragrafen, ziellosen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und autoritären Strukturen steckt 'Inventur' irgendwo im Niemandsland zwischen Realsatire à la Loriot und den düsteren Vorahnungen des Netflix-Hits 'Black Mirror'."

Kommentare  
Inventur, Regensburg: Zum Bühnenbild
Sehr geehrte Frau Hoffinger,
ich bin der Bühnenbildner des Stückes. Was sie wahrscheinlich nicht mitbekommen haben ist, dass wir dieses Jahr im Theater Regensburg ein Experiment gewagt haben und alle sechs Haidplatz-Stücke der Spielzeit in einem Grundraum mit Variationen spielen. Die Idee der Metallstäbe als gleichzeitig offener und hermetischer Raum, als Durchlässigkeit und Härte ist bereits Monate entstanden, bevor das Stück „Inventur“ überhaupt geschrieben wurde. Insofern war nicht meine Idee zu naheliegend, wahrscheinlich haben sich Bühne und Stück einfach hervorragend ergänzt.
Mit freundlichen Grüßen
Kristopher Kempf
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