Einmal mittendurch, bitte!

31. Januar 2026. Jules Vernes "Die Reise zum Mittelpunkt der Erde" schwankt zwischen Abenteuer, Fantasy und Science-Fiction. Da liegt es nicht so fern, bei der Theaterfassung auf Mixed Reality mittels VR-Brillen zu setzen. Das Team um Regisseur Lukas Joshua Baueregger versucht's – im Stil historischer Figurentheaterkulissen.

Von Susanne Greiner

Jules Vernes' "Die Reise zum Mittelpunkt der Erde" von Lukas Joshua Baueregger, Benjamin Seuffert, Finn Pfeilschifter und Corinna Wörle am Staatstheater Augsburg inszeniert © Jan-Pieter Fuhr

31. Januar 2026. Hans ist entspannt. Ausgestreckt liegt er in seinem Schaukasten inmitten Islands grüner Hügel und schaut zu, welch Spektakel sich vor seinen Augen entfaltet: Professor Lidenbrock und Neffe Axel entziffern die Runenschrift des Alchemisten Arne Saknussemm, der mit einem "Das habe ich vollbracht!" seine Reise zum Mittelpunkt der Erde behauptet. Der abenteuerlustige Professor ist angefixt: Was Saknussemm kann, kann Lidenbrock schon lange. Und Neffe Axel darf, meint: muss mit. Auch wenn dem beflissenen Junggelehrten das beschauliche Hamburg des 19. Jahrhunderts eigentlich genug Abenteuer wäre.

Schon die ersten 20 Minuten der Augsburger Inszenierung von Jules Vernes "Die Reise zum Mittelpunkt der Erde" zeigen die Lust am Spiel und das Spiel mit den Ebenen von Regisseur Lukas Joshua Baueregger. Neben Hans' Schaukasten gibt es vier weitere. Bühnenbildnerin Rosa Wallbrecher zitiert hier Humboldt, den Reisenden und Entdecker, der auch Jules Verne inspirierte. Zwei der Kästen dienen Axel, der wie bei Verne auch hier Erzähler ist, als Figurentheaterbühnen, in denen er sich selbst und seinen Oheim mittels Stabpuppen zum Leben erweckt. Samt glühend rauchendem Mini-Vulkan.

Blick in den Hamsterbau

Ein Schaukasten erinnert an einen aufgeschnittenen Hamsterbau mit Gängen und Höhlen – wie damals in der Schule. Hier visualisiert der Hamsterbau mittels bewegbarem Lämpchen den jeweils aktuellen Aufenthaltsort der Reisenden. Der fünfte Schaukasten ist fast banal: Er ist der Schrank mit der Reiseausstattung der beiden Erdmittelpunktsucher: samt Federballschlägern, mit denen sie ihre wissenschaftlichen Dispute über das wahre Erdinnere "ausfechten".

Abenteuer-Forscherteam: Wiard Witholt, Florian Mania, Gerald Fiedler in "Die Reise zum Mittelpunkt der Erde" © Jan-Pieter Fuhr

Zu den Schaukasten-Bühnen und Axels Erzählungen kommt die Ebene des Kommentators: Hans, der wortkarge Reiseführer, in Augsburg umso stimmgewaltiger: Bariton Wiard Witholt übernimmt den Part und kommentiert neben seinem energischen "Forût!" ("Vorwärts") rein musikalisch mit isländischen Volksliedern, mit Benjamin Britten, Edvard Grieg, sogar mit Operettenkönig Emmerich Kálmán. Eine großartige Idee, die Witholt, begleitet von seinem Pianisten, wohltönend und mit schauspielerischem Sinn für feinen Humor umsetzt. Gerald Fiedler übernimmt stürmisch drängend den Professor, der jegliche Theorie hinterfragt und die Empirie als Prüfstein setzt. Florian Mania setzt Neffe Axel treffend steif im Zwiespalt zwischen Angst und Neugierde feststeckend um.

Schön verspielt zum Leben erweckt

Aber die Schauspieler haben starke Konkurrenz: Nach dem Einstieg der Forschungstruppe in den Vulkan Snaefellsjökull – über dessen richtige Aussprache Hans gerne und laut belehrt – startet die Mixed Reality mittels VR-Brille. Mixed, weil es nicht reine Virtual Reality ist: Die Bühne ist bis auf wenige Momente immer zu sehen, wird aber durch virtuelle Elemente ergänzt. Wie gut, dass die 3D-Künstler Benjamin Seuffert, Finn Pfeilschifter und Corinna Wörle nicht maßlos die Möglichkeiten ausschöpfen, sondern sich am Bühnenbild von historischen Figurentheatern orientieren.

Im Stil der Schaukastenbühnen erscheinen die Gesteinsgebilde und Höhlengänge als "Papier"-Formen, gezeichnet und hintereinandergestellt. Farbe und Formen sind relativ schlicht. Nur im Mittelpunkt der Erde leuchten Pilze und Pflanzen, glitzern Diamanten, schwingt ein 3D-Mammut Hufe und Rüssel. Und auch der von Händels Arie "See! The raging Flames arise" dramatisch begleitete Sektkorken-Aufstieg der Reisenden auf Stromboli bis zum Plopp aus dem Vulkanmaul wird spektakulär virtualisiert.

Reise zum Mittelpunkt 04 1200 Jan Pieter FuhrMit VR-Brillen: Die Zuschauer:innen in "Die Reise zum Mittelpunkt der Erde" © Jan-Pieter Fuhr

Zur rein virtuellen Realität greifen die 3D-Artisten nur zweimal: am Anfang, wenn sie die Zuschauer in die grünen Islandhügel schicken, die zur Zeichnung werden und wieder der realen Bühne Blick-Platz bieten. Und in dem Moment, in dem Axel getrennt von den anderen durchs Erdinnere irrt – und dem Zuschauer schwarz vor Augen wird: eine Visualisierung, die Verlorenheit körperlich spürbar macht. Und was für eine Erleichterung, wenn die Schwärze einer schwarz-weißen Höhlenwelt weicht und sich die Stimme des Professors als weißes Gitter zum verängstigten Axel windet.

Sinnvolle Ergänzung

So wie sich die Mixed-Reality-Szenen im Stil zurückhalten, beschränken sich die Virtual Reality-Szenen auf diese beiden Szenen. Gut so. Denn diese vierte Ebene, die hier mit auf die Bühne kommt, schwächt die Präsenz der Schauspieler. Sie nimmt ihnen teilweise die Möglichkeit, dem Zuschauer mittels Schauspielkunst Welten oder Gefühle "vorzuspielen". Braucht’s das denn dann überhaupt, könnte man schwäbisch granteln. Und beherzt mit einem "Warum nicht?" antworten. Mixed Reality kann – ebenso wie Video – sinnvoll ergänzen. So wie bei dieser Reise zum Mittelpunkt der Erde.

Die Reise zum Mittelpunkt der Erde
Mixed-Reality-Schauspiel nach dem Roman von Jules Verne
Regie: Lukas Joshua Baueregger, 3D-Artists: Benjamin Seuffert, Finn Pfeilschifter, Corinna Wörle, Bühne & Kostüme: Rosa Wallbrecher, Dramaturgie: Sophie Walz.
Mit: Gerald Fiedler, Florian Mania, Wiard Witholt, Piano: Volker Hiemeyer, Michael Wagner.
Premiere am 30. Januar 2026
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.staatstheater-augsburg.de

Kritikenrundschau

"Was man zu sehen bekommt, sind Zitate aus dem Jahrhundert, in dem Jules Verne schrieb und publizierte," schreibt Yvonne Poppek in der Süddeutschen Zeitung (2.2.2026). "Dadurch entsteht ein schöner Kontrast zwischen heutiger Technik und damaliger Optik. Gleichzeitig spiegelt sich darin das Vertrauen in die Kraft der Bühne wider. Es muss nichts dazu erfunden werden, um sie zu verstärken. Nur die Mittel sind anders."Zusammengenommen ist 'Eine Reise zum Mittelpunkt der Erde' aus Sicht der Kritikerin "historisierend und gleichzeitig neuartig, fantasievoll und überraschend – und das hat tatsächlich seinen Charme."

"Dass moderne Mixed Reality auch bei einer Abenteuerreise im 19. Jahrhundert funktionieren kann, zeigt diese Inszenierung der Digitalsparte," schreibt Pauline Held in der Augsburger Allgemeinen (2.2.2026). Zwischen den historischen Dialogen und der neuen Technologie entsteht für die Kritikerin ein spannender Kontrast. Am eindrücklichsten wird das für sie, "als sich Axel Meilen unter der Erde im Vulkan verirrt. Plötzlich wird es nämlich schwarz vor der Brille. Nichts als Dunkelheit sieht der Zuschauer. Stille hüllt sich über das Geschehen. Ein feiner Luftzug lässt einen frösteln. So also muss es Axel gehen, verloren in der Dunkelheit. Die virtuelle Realität macht es dem Publikum einfach, sich in den Protagonisten hineinzuversetzen. Seine Angst zu spüren. Ohne die Brillen wäre das so nicht möglich."

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