Hamlet. Ein irres Rock-Vaudeville - Staatstheater Cottbus
Hamlet, zünd' die Bude an!
30. März 2025. In Cottbus stehen die Zeichen auf Wechsel, die neue Interimsintendanz ist schon in den Startlöchern. Schauspielchef Armin Petras fährt da noch einmal ganz groß auf: Mit dem Klassiker aller Klassiker als Sprengsatz aus Shakespeare, Heiner Müller und Tiger Lillies. Theater am Rande der Implosion.
Von Sylvia Belka-Lorenz
"Hamlet. Ein irres Rock-Vaudeville" in der Regie von Armin Petras am Staatstheater Cottbus © Bernd Schönberger
30. März 2025. Da versaut er ihnen doch spornstreichs die (beinahe) letzte Gelegenheit zum Fäustchen ballen, zum (wenigstens inneren) Buh rufen, zum zornigen Pausen-Abgang. Petras macht Hamlet; und so doof sie das auch finden mögen, die Verfechter (und -innen) des gediegenen Stadttheaters: als die Show nach anderthalb Stunden schon fertig erzählt, der dreifache Hamlet von Shakespeare, Müller und den Tiger Lillies zu Ende ist, da sind die begeistert Jubelnden schlichtweg in der Überzahl – oder doch einfach lauter.
Sin, Sünde, heißt der erste Titel des Hamlet-Albums der britischen Anarcho-Combo Tiger Lillies und damit geht es hier los. E-Gitarre, Schlagzeug; hinten auf der Bühne feiern Werktätige in Kittelschürzen, Blaumännern und Uniformen. Die Zeit ist aus den Fugen, aber sowas von, und der Eiserne Vorhang ist noch halb unten oder halb offen, wer weiß das schon so genau. Etwas ist faul im Staate D... ja wo eigentlich nicht?
"Das schaffen wir"
Hamlet, seines Zeichens Prinz und Student, ist nach dem plötzlichen Tod des königlichen Vaters in die Heimat zurückgekehrt. Selbige ist kaum wieder zu erkennen: die Mutter ist frisch liiert – mit Westonkel Claudius, der zugleich der Mörder seines Bruders ist. Ophelia ist schwanger, von wem auch immer; ihren Magic Moment erleben Ophelia und Hamlet später vor der Babyklappe. Rein oder nicht rein. Es ist die Zeit, in der ohnehin pausenlos große Entscheidungen getroffen werden wollen. Hamlet wird, so viel Werktreue bleibt denn doch, die Welt nicht einrenken, aber dieses Bündel Kind, das holt er raus. Hamlet, der sanfte, nachdenkliche Prinz in den Ost-Jeans, die damals Niethosen hießen. "Das schaffen wir", die ewige Autosuggestion pappt im Hintergrund an einem Blechspind.
Armin Petras und seine Ausstatter (Julian Marbach und Philipp Basener) verpflanzen das Stück in ein ostdeutsches Bahnwerk der Wendejahre, so eins, wie es das in Cottbus damals gab. Ein Sarg mitten auf der Bühne, an dem das Konterfei des toten Königs prangt, daneben die Buchstaben RAW für Reichsbahnausbesserungswerk. Des Altkönigs Asche wird irgendwo achtlos auf den Boden gekübelt; hier wurde einiges mehr abgemurkst als ein Ex-Herrscher.
Hinterm eisernen Vorhang ist schon Betrieb (Bühne von Julian Marbach) © Bernd Schönberger
"Slaves" skandieren die Werktätigen sogar noch selber in einem weiteren Stück der Tiger Lillies. Slaves, Sklaven, und dabei trommeln sie ein auf alles, was sich annähernd rhythmisch malträtieren lässt, und realisieren nicht, dass sie in dem schaurigen Spektakel längst nur noch als Statisten dienen. Der alte König erscheint Hamlet als überlebensgroßes Video: zu Pferde, in Brustpanzer und Boxershorts. Zwar meint Hamlet, seine Botschaft zu verstehen, mithin: heroisch war früher auch irgendwie anders.
Sein oder Nichtsein in Feinripp
Es wäre DIE Gelegenheit für Petras, hier auf den letzten Metern ein paar Eswarnichtallesschlecht-Marschflugkörper auszupacken: Stattdessen kriegen an diesem Abend ausnahmslos alle reichlich Senge. Vor dem Hintergrund der großen politischen Verwerfungen spielen sich die todtraurigen Dramen im kleinen ab. Ophelias Vater (Kai Börner), der fleht und notfalls auch rappt, um sein Kind vor der unheilvollen Liaison mit Hamlet zu bewahren, auch wenn sich das mit ihrem "keuschen Schatz" nun wirklich lange erledigt hat. Ophelia, allein mit ihren Brüsten, ihren Schenkeln, ihrem Schoß (zu Recht bejubelt: Nathalie Schörken) und alleinerziehend nun auch noch.
Gertrud (Sigrun Fischer), Königin und Hamlets Mutter, sie ist so bezirzt von der schönen neuen Welt, dass sie weder trauern noch klar denken kann. Konsum fressen Seele auf. Und schließlich ist da noch Claudius, der Neue, der weder Giftmord noch Mühen gescheut hat, um den maroden Laden hier zu übernehmen. Er kommt mit Schwung und Geschenken und Markus Paul gelingt das Kunststück, ihn bei aller Kolonialherrenattitüde nicht zum Schmierlappen zu degradieren. Dieser Claudius wird später bei Schnaps und Kippen einen der größten Monologe der Theatergeschichte halten: Sein oder Nichtsein – in Feinripp und Tennissocken. Da ist von weiter Welt und Glanz nicht so viel übrig.
Da hilft auch kein tiefer Schluck aus der Pulle: Die Welt steht kopf © Bernd Schönberger
Shakespeare, Heiner Müller, Tiger Lillies. Spiel, Anarcho-Oper, Video, Tanz. Zeitsprünge und Zwischenwelten – und gerne passiert auch alles gleichzeitig. Da geht Richtung Schluss durchaus das eine oder andere Pferd mit Petras durch, aber das Publikum wiehert vergnügt.
Kurz vor der Implosion
Letzter Auftritt Hamlet, da ist Ophelia längst tot. Hamlet in Hemd und Schlüpfer, das Gesicht blutig, die Krone aus dem Faschingsbedarf. Seine letzten Worte sind von Heiner Müller: "Meine Gedanken sind Wunden in meinem Gehirn. Mein Gehirn ist eine Narbe. Ich will eine Maschine sein." Spricht es, tritt nach hinten und fackelt den ganzen Bums ab. Müller lässt Hamlet nicht mit dem Heldentod davonkommen. An dem Haus, an dem in diesen Wochen so viele Zeichen auf Abschied stehen. Geduldiger kulturpolitischer Blindflug hat es vollbracht, das großartige Cottbuser Schauspiel um Armin Petras, Philipp Rosendahl und Franziska Benack zu fleddern. Erste Liga hat man in dieser Stadt immer nur kurzzeitig ausgehalten.
Die Zeit ist aus den Fugen – Armin Petras und der fabelhafte Johannes Scheidweiler machen daraus ein Fest. Anderthalb Stunden, die der theatralen Raumzeit trotzen: eine klitzekleine Winzigkeit mehr und die Bühne müsste wohl implodieren wie ein Schwarzes Loch. Willkommen zum Grande Finale.
Hamlet
Ein irres Rock-Vaudeville nach der Musik von den Tiger Lillies
Premiere am 29. März 2025 1:35 Stunde ohne Pause
Regie: Armin Petras, Musikalische Leitung: Miles Perkin, Bühne: Julian Marbach, Kostüm: Philipp Basener, Choreografie: Berit Jentzsch, Video: Peta Schickart, Dramaturgie: Wiebke Rüter.
Mit: Kai Börner, Sigrun Fischer, Berit Jentzsch, Markus Paul, Miles Perkin, Johannes Scheidweiler, Nathalie Schörken, Lucie Luise Thiede.
Premiere am 29. März 2025
Dauer: 1 Stunde 35 Minuten, keine Pause
www.staatstheater-cottbus.de
Kritikenrundschau
"Songs von den Tiger Lillies, live gespielt und gesungen vom Ensemble mit dem Musiker Miles Perkin an der Spitze, führen die Andeutungen schnell in die anschlussfähige emotionale Höhe. Das Stück muss nicht tief gehen, um angenommen und verstanden zu werden, das Publikum ist begeistert", schreibt Ulrich Seidler von der Berliner Zeitung (30.3.2025).
"Bleibt bei alldem in nur gut anderthalb Stunden ohne Pause noch etwas von Shakespeare übrig? Eingefleischten Shakespeare-Fans mag es zu wenig sein. Und doch ist in dieser Fassung vieles anders, aber erstaunlich viel Hamlet drin", bemerkt Ida Kretzschmar von der Lausitzer Rundschau (30.3.2025). Es sei ein irrer, dramatischer und doch poetischer Abend.
mehr nachtkritiken
meldungen >
- 17. April 2026 Kunststiftung Sachsen-Anhalt warnt vor nationalistischer Kulturpolitik
- 16. April 2026 Göttingen: Schauspielerin Thyra Uhde gestorben
- 16. April 2026 Salzburg: Ex-Festspielpräsident Heinrich Wiesmüller gestorben
- 16. April 2026 Konstanz: Intendantin Karin Becker verlängert
- 15. April 2026 Preisjurys der Mülheimer Theatertage 2026
- 13. April 2026 Chemnitz: Theater wehrt sich gegen Abschaffungspläne
neueste kommentare >
-
Die Quelle, Wien Claquere unterwegs
-
Leser*innenkritik Black Rider, SHL Flensburg
-
Burn, Baby, Burn!, Hannover Sagenhaft gut
-
Die Quelle, Wien Bitte weitermachen
-
Fräulein Else, Wien Danke!
-
Über die Notwendigkeit, ... , Wiesbaden Super Abend
-
Fräulein Else, Wien Phänomenal
-
Irgendetwas ist passiert, Berlin Lauwarm
-
Theaterpodcast Investigativtheater Aufklärung?
-
Quelle, Wien Frontalunterricht





Die Aufführung ist GROSSARTIG!!!
Ich war mehrmals dort - immer ausverkauft - und ich wünsche mir eine Übernahme in die nächste Spielzeit :-)