Wer hat meinen Vater umgebracht - Schauspiel Frankfurt
Ein Herz für Kämpfer
16. November 2024. Statt Klassenkampf gibt's Schläge für den Sohn, statt Ausbruch ins Offene nur Ausbruch von Gewalt. Édouard Louis' autobiographische Erzählung "Wer hat meinen Vater umgebracht" kommt in Frankfurt in der Regie von Lisa Nielebock auf die Bühne. Und Plexiglasscheiben erzittern.
Von Shirin Sojitrawalla
Lisa Nielebock zeigt Édouard Louis' "Wer hat meinen Vater umgebracht" in Frankfurt © Felix Grünschloß
16. November 2024. Unter einer rhetorischen Frage versteht man eine Frage, die keine Antwort erwartet, sondern ihre Aussage verstärken möchte. "Wer hat meinen Vater umgebracht" ist so eine rhetorische Frage, weswegen Édouard Louis im Titel seines 2018 erschienenen Büchleins (keine 80 Seiten) getrost aufs Fragezeichen verzichtet.
2021 hat Thomas Ostermeier das Buch als Stück an der Berliner Schaubühne herausgebracht. Édouard Louis selbst spielte das damals beziehungsweise spielt es immer noch, im Dezember steht es dort wieder auf dem Spielplan. Nach allem, was man hört und liest, ein imponierendes Theater-Solo.
Am Schauspiel Frankfurt inszeniert den Stoff jetzt die Regisseurin Lisa Nielebock, Fachfrau für Roman-Eindampfungen. Zuletzt verkürzte sie Goethes "Wahlverwandtschaften", davor Hesses "Siddhartha".
Kein Prolo-Porno
In "Wer hat meinen Vater umgebracht" stellt sie drei Leute auf die Bühne. Torsten Flassig gibt im wesentlichen den Ich-Erzähler Édouard Louis, Manja Kuhl seine Mutter und Uwe Zerwer seinen Vater. Die beinahe leere Bühne hat Oliver Helf als lichten Erinnerungsraum mit vielen Auswegen arrangiert. Hinten links gibt es eine Kleiderstange, rechts einen Rollstuhl für den bei einem Arbeitsunfall verletzten Vater, davor ein Fernsehgerät. Zu Anfang turnt Flassig umher, hört Musik, malt sich die Lippen versuchsweise rot an. Lange Minuten sind das, in denen die Hinterköpfe des Publikums sich als interessanter erweisen als mancher Blick auf die Bühne.
Sehnsucht nach einer anderen Kindheit und anderem Klassenbewusstsein: Torsten Flassig als Édouard im Tüllrock, in Hintergrund Manja Kuhl © Felix Grünschloß
Die Mutter tritt dann im verschwenderisch roten Hosenanzug hinzu und wirkt wie aus einem Yasmina-Reza-Stück gefallen, während Uwe Zerwer den Arbeitervater im modischem Brecht-Aufzug gibt (Kostüme: Sofia Dorazio Brockhausen). Die Mutter sieht so schick aus, weil sie ihren Mann verlassen hat und nach Paris gegangen ist. Vermutlich wollte man auch den üblichen Prolo-Porno vermeiden, arme Menschen nicht als schlampige Jogginghosenbewohner ausstellen. Später schlüpft die Mutter dann aber doch in ihr altes Ich und in graue Jogginghosen und ein geringeltes Sweatshirt, womöglich auch nur in der Erinnerung ihres Sohnes. Dabei stehen die Eltern schon mal wie Klischee-Typen in der Gegend herum, breitbeinig und mit vorgeschobenen Hüften.
Torsten Flassig als Anti-Lindner
Die berührenden Momente und das politische Herz des Abends gehören dem Schauspieler Torsten Flassig. Etwa wenn er als Édouard sein eigenes Begehren erlebt, indem er in einen himmelblauen tortenartigen Tüllrock steigt wie in ein neues Leben. Mit seinem jungenhaften Gesicht, seinen hellen Haaren und den blitzblauen Augen erinnert er manchmal an FDP-Chef Christian Lindner und sagt das genaue Gegenteil von dem. Schöner Nebeneffekt.
Die Gewalt des Vaters, der selbst als Kind Gewalt erfahren hat, entlädt sich in harten Schlägen gegen die Plexiglaswand und in vielfach splitternden Glasflaschen. Später ist der Vater arbeitsunfähig und auf Zuwendung angewiesen. Dazwischen läuft der Abend immer mal wieder leer, ergießt sich existenzielle Fadesse. Bei nur 75 Minuten Aufführungsdauer herrscht an diesem Abend einfach zu viel Durchzug.
Vater gegen Sohn: Uwe Zerwer (rechts) attackiert Torsten Flassig als Édouard © Felix Grünschloß
Dabei schreit das Buch nach einer Bühnenumsetzung, beginnt es doch mit dem Satz "Wenn dies ein Theatertext wäre, müsste er mit den folgenden Worten beginnen." Diesen Satz spricht dann auch Torsten Flassig zu Beginn, nachdem er sich aus der ersten Reihe des Publikums erhoben hat. Ein paarmal greift er später zum schmalen Band "Gespräch über Kunst und Politik" von Ken Loach und Édouard Louis, und zitiert daraus. Kampfansagen an die gesellschaftliche Gegenwart.
Kämpferische Momente
Gegen Ende kämpft er sich in eine politische Wutrede hinein, brüllt sich die Seele aus dem Leib angesichts der herrschenden Verhältnisse, welche die Armen zur Kasse bittet statt den Reichen ans Leder zu gehen. Alles, was er sagt, möchte man Leuten, die meinen, man müsste das Bürgergeld kürzen, um die Ohren hauen. Es ist der Moment, an dem der Text auf der Bühne endlich körperlich wird.
Die Abrechnung mit dem Vater und seinen Männlichkeitsbildern mündet im Buch wie auf der Bühne in eine sachte Liebeserklärung an den Vater. Doch in Frankfurt versuppt ihre Wirkung. Auch weil die Inszenierung dem Buch zu wenig hinzufügt und das wenige oft sehr unterspannt darbietet. Zurück bleibt ein klassenkämpferisches Kammerspiel, das zwar nicht ärgert, sich aber auch nicht empfiehlt.
Wer hat meinen Vater umgebracht
nach Édouard Louis
Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel
Regie: Lisa Nielebock, Bühne: Oliver Helf, Kostüme: Sofia Dorazio Brockhausen, Musik: Thomas Osterhoff, Dramaturgie: Alexander Leiffheidt, Licht: Frank Kraus, Choreografie: Esther Murdock.
Mit: Torsten Flassig, Manja Kuhl, Uwe Zerwer.
Premiere am 15. November 2024
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause
www.schauspielfrankfurt.de
Kritikenrundschau
Regisseurin Lisa Nielebock habe sich den Text "genau angesehen", schreibt Eva-Maria Magel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (17.11.2024). "Etwas weniger treues Entlangarbeiten und mehr spielerische Freiheit hätten allerdings gutgetan." Es seien insgesamt 75 "eher spannungsarme" Minuten zu verzeichnen, findet die Kritikerin.
In Frankfurt wirke dieser Text, "als solle er zum Brief an das Publikum werden, eine Lecture Performance. Eine Lecture Performance mit langen Pausen", so Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (17.11.2024). Die Inszenierung zeige "Respekt und Abstand zum Text", was den Abend als Theater aber "nicht gerade spannender" mache. Glechwohl trage der Text und auch Torsten Flassig trage ihn mit – "einsam, friedlich, neugierig".
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