Man muss sich Mephisto als einen glücklichen Menschen vorstellen - Düsseldorfer Schauspielhaus
Jetzt kommt der Höfgen-Hammer!
19. Oktober 2024. Am Gustaf-Gründgens-Platz bringen Jan Bonny und Jan Eichberg ihr auf Klaus Manns Roman "Mephisto" basierendes Stück heraus. Es geht um einen opportunistischen Künstler, der einen Pakt mit dem Bösen eingeht. Dazu wird Dosenbier gereicht.
Von Andreas Wilink
"Man muss sich Mephisto als einen glücklichen Menschen vorstellen" am Düsseldorfer Schauspielhaus
19. Oktober 2024. Ein halbes Dutzend Grabsteine, darunter der – weiß Gott weshalb – von Bernd Eichinger, verteilen sich über die Bühne. Im Düsseldorfer Schauspielhaus findet jedoch kein Requiem statt, sondern eine Leichenfledderei. Eine hingeschlunzte, abgefuckte Veranstaltung für sechs vollzugsverpflichtete Darsteller/innen.
Dem Textbuch wurde als Motto ein Satz von Gottfried Benn, "Die deutsche Form der Revolution ist die Denunziation", vorangestellt. Wer aber wird in dieser "Mephisto"-Adaption, -Paraphrase oder -Fantasie denunziert? Die Antwort heben wir uns auf. Die näher liegende Frage lautet, wer spielt eigentlich wen oder was? Längst ist es eine Belanglosigkeit, nicht so zu tun als ob und stattdessen penetrant die Fiktion dessen zu demonstrieren, was man als Stück zu spielen hat. Also haben die Schauspieler Thomas Schubert und Claudius Steffens zu tun, auf eingezogenen Distanz- und Diskursebenen an den Rollen herumzumäkeln, die sie lieber nicht verkörpern wollen: Gustaf Gründgens beziehungsweise Hendrik Höfgen, wie er im Roman heißt, und Klaus Mann, deren Geschichte fortgeschrieben wird bis in die junge Bundesrepublik.
Ein Affe der Macht
Höfgen durfte nicht schwul sein. Der Autor konnte sich selbst und die homosexuelle Lebenswelt nicht bloßstellen. Aber die an Gründgens, seinem ehemaligen Schwager und damit Schwiegersohn von Thomas Mann, angelehnte Kunstfigur des Schauspielers brauchte ein gewisses Extra und wurde von Klaus Mann stattdessen in eine sadomasochistische Beziehung hineinmanövriert. So oder so, er sollte in den Augen derjenigen anstößig erscheinen, in deren Dienst sich Höfgen als "Affe der Macht" stellte und den Pakt mit dem Teufel (Göring, Goebbels, Hitler) schloss. Skrupel solcher Art hat das auf dem Roman basierende Stück namens "Man muss sich Mephisto als einen glücklichen Menschen vorstellen" nicht. Regisseur Jan Bonny und sein Co-Autor Jan Eichberg lassen Hendrik/Gustaf und Klaus als Lover posieren.
Thomas Schubert und Claudius Steffens in den Hauptrollen © Sandra Then
Der Komödiant als Herr der Lüge: Klaus Mann wollte einen Phänotyp erschaffen, wie ihn die Diktatur hervorbringt – opportunistisch, amoralisch, selbstgefällig. Nicht allein Gründgens' Glanzrolle von Goethes schillerndem Verführer-Teufel, die er in Berlin und auch noch während seiner Intendanzen in Düsseldorf (1947–1955) und am Hamburger Schauspielhaus gab, macht die Behauptung Klaus Manns, er habe einen fiktiven Charakter zu Papier gebracht, unglaubwürdig. Sein "Mephisto" ist – auch – Abrechnung des politisch engagierten Anti-Nazi und gekränkten Freundes.
Wo ist die Gegenwart?
Auf der Bühne wurde der Stoff 1979 in Paris von Ariane Mnouchkine durchgesetzt: nahe an Brecht erzählt. Im Kino wurde Klaus Maria Brandauer als Höfgen in István Szábos Verfilmung zum Weltstar: nahe an der Kolportage erzählt. Doch gleich wie viel Entstehungsgeschichte es gibt, das Werk muss für sich bestehen. Was gehen uns Gründgens, Höfgen, Klaus Mann heute an, da die Republik von ihren Rändern her angefressen ist und die Erosion vordringt?
Akuten Zeitbezug haben Bonny / Eichberg im Kopf, aber amputieren ihn um Hand und Fuß. Was für ein konfuses Sammelsurium! In gedanklichem Kauderwelsch und politischer Unschärfe wird zu saurem Kitsch vermengt: "Leiden an Deutschland", das Goethe, Heine und Thomas Mann für sich beanspruchen können, der rechte Zeitgeist, der Wagners Nibelheim, Aiwanger, Wagenknecht und Weidel an AfD-Brandmauern umweht, deutsche Seelenkunde, Mythenmissbrauch, intellektuelles Versagen, ungesunde Familienbande und einiges mehr aus dem Repertoire unserer Ideen- und Kulturgeschichte, aus dem Zusammenhang fallende Trigger-Punkte, Trivialmuster, sexuelle Verrenkungen und banales Düsseldorf-Bashing. Folglich ist dies die Denunziation: die der zeitgeschichtlichen und literarischen Figuren durch die methodische Aneignung von Bonny / Eichberg.
Im Seichten geschürft © Sandra Then
Auf der trashigen Bühne mit Spiegeln, Perücken und Plunder, reichlich Bier in Dosen und nackter Haut ist das vorherrschende Inszenierungsmittel ein schlaffer Erregungszustand. Während auf einer Videoleinwand ein Trupp Bergleute im Kyffhäuser (!) vor sich hin bohrt, bleibt vom "Rätselcharakter" (Adorno) des Kunstwerks nichts auffindbar. Eine Stationenfolge: Höfgens / Gründgens' Flirt mit der Linken, seine kurze Ehe mit der höheren Tochter Barbara / Erika Mann, der Kotau vor Göring und dessen Gattin, der Schauspielkollegin Lotte Lindenthal, die Wende ins Demokratische der Bonner Republik und in gültige Klassizität. Der "deutsche Michel", der hier überführt werden soll, steht in Person von Regisseur und Autor selbst auf der Bühne. Das von Bonny / Eichberg Göring in den Mund gelegte Zitat gilt auch der Aufführung: "Kunst ist nicht ein Spiegel, den man der Wirklichkeit vorhält, sondern ein Hammer, mit dem man sie gestaltet."
Kein Sinn, kein Maß
Auf der Bühne ragt ein Galgen, an den fast alle zu hängen kommen: das Theater als Hinrichtungsstätte für Sinn und Form, Maß und Wert. Nur die letzten Minuten wechseln die Stimmung. In der einsetzenden Stille hätte das Scheitern dieser beiden so verschiedenen, einander so ähnlichen Künstlermenschen hörbar werden können, wäre der Abend nicht taub in seiner lärmenden Schäbigkeit.
Man muss sich Mephisto als einen glücklichen Menschen vorstellen
von Jan Bonny und Jan Eichberg nach dem Roman von Klaus Mann
Regie und Video: Jan Bonny, Bühne: Alex Wissel, Kostüm: Ulrike Scharfschwerdt, Licht: Jean-Mario Bessière, Kamera: Jakob Berger, Dramaturgie: Stijn Reinhold.
Mit: Cathleen Baumann, Mila Moinzadeh, Julian Sark, Thomas Schubert, Claudius Steffens, Blanka Winkler.
Premiere am 18. Oktober 2024
Dauer: 2 Stunden, keine Pause
https://www.dhaus.de
Kritikenrundschau
Alexander Menden berichtet in der Süddeutschen Zeitung (20.10.2024) von vorgestrigem "Hirnrülpstheater", in dem "alles einen Bart" habe "bis in den untersten Theaterkeller, vom ständigen Dosenbiergesaufe und den schlechten Perücken bis hin zum Meta-Gelaber, mithilfe dessen die Darsteller sich nicht nur durch betont lustloses Spiel, sondern auch verbal von ihren Rollen und der ganzen Kunstform distanzieren". Auf ihre "kindische, humorbefreite Art" sei dieses Theater "ein genauso knalldummdeutsches Phänomen wie die AfD selbst", die es kritisieren will. "Sie hat mit dieser zudem gemein", so der Kritiker, "dass beide gleichermaßen davon überzeugt sind, auf der richtigen Seite zu stehen, und beide einfach immer, immer weitermachen."
"Die Inszenierung überzieht die Möglichkeiten eines Theaters, will zu viel, ist oft klamaukig, und die vielfach gezogenen Parallelen zur Gegenwart treffen nicht immer ins Schwarze", Bertram Müller in der Rheinischen Post (21.10.2024). Bonny/Eichberg "setzen auf rasche Szenenwechsel, Lautstärke und Überraschungseffekte, allerdings – das muss man ihnen zugutehalten – in aufklärerischer Absicht".
"In ständiger Erregung wird auf der Bühne gerammelt und gehechelt, als Witz auch sehr lange mit einem Bockwürstchen masturbiert. Die Fans im Publikum lachen sich kaputt. Ihre Idole erscheinen (wegen der nackten Wahrheit?) in Unterhosen, kreischen und spucken sehr viel zwischen höhnischen Goethe-Rezitationen, verschmieren Ekliges, produzieren beachtliche Rülpser und verspritzen den Inhalt unzähliger Bierdosen. Das sechsköpfige Team zeigt vollen Einsatz und Mut zum schlimmsten Klamauk. Wenn das von Gründgens beschworene 'Theater als heiliger Raum' hier zerschlagen werden soll – das ist gründlich gelungen", so Birgit Koelgen in der Internetzeitung Ddorf-aktuell (21.10.2024).
"Ein Hauptproblem des Abends: Die nachvollziehbaren und vertretbaren Denk-Ansätze des Duos Eichberg/Bonny werden ohne roten Faden einfach zusammengekleistert – zu einem schwer nachvollziehbaren, grellbunten Kuddelmuddel", schreibt Michael-Georg Müller von der Westdeutschen Zeitung (22.10.2024). Das Ganze versinke in einer feucht-fröhlichen, grell überschminkten Trash-Comedy mit Tendenz zum Chaos. "Schade für die exzellenten Darsteller, die sich für so wenig echte Theater-Substanz ins Zeug werfen und alle ulkigen Clownereien mitmachen (müssen)."
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was für eine geistreiche und treffliche Rezension von Andreas Wilink. Dem dummen - und drum grad in unserer Zeit gefährlich verharmlosenden - Mephisto-Murks im D‘haus gebührt leider ein kräftiges „Pfui!“. Die Gedanken von Herrn Wilink arbeiten dem klug entgegen. Danke. Freundlich grüßt Peter Claus
Ich kenne nur wenige Arbeiten des vorallem als Filmregisseur tätigen Jan Bonny. Gangster scheinen eines seiner bevorzugten Sujets zu sein. Sei es die deutlich an das Mördertrio der NSU um Beate Zschäpe angelehnten Protagonisten seines Films WINTERMÄRCHEN oder der Protzkopf und Kunstbetrüger Helge Achenbach in der Komödie RHEINGOLD, deren szenische Lesung im 3.Stock der Berliner Volksbühne für mich zu den ganz wenigen Highlights der unseligen Dercon-Intendanz gehörte. Immer scheint es Jan Bonny um die "Banalität des Bösen" zu gehen. Und ich kenne im Augenblick niemanden im deutschsprachigen Raum, dem Erzählungen auf diesem Sektor ob auf einer Bühne oder einer Kinoleinwand in vergleichbarer Intensität gelingen.
Der Vorwurf der "Schäbigkeit" durch den Nachtkritikrezensenten und das "kräftige Pfui" im Leserkommentar zur Düsseldorfer MEPHISTO-Inszenierung hört sich für mich also sehr vielversprechend an. Also: Bitte nicht "AbsetzenI". Ich möchte nämlich gerne noch die 600 Kilometer von Berlin nach Düsseldorf fahren, um mir die "Zerstörung der Würde des Theaters" mit eigenen Augen anzuschauen.
P.S. Das letzte Mal fürs Theater nach Düsseldorf gefahren bin ich für Einar Schleefs SALOME-Inszenierung. Meine Erwartungen sind also hoch gesteckt.
ich wünschte, Sie würden ein vergleichbares Erlebnis „erwarten" können. Im Übrigen hätte es sich gelohnt, im Mindesten ein weiteres Mal aufzubrechen: zu Jürgen Goschs „Macbeth". Die „Salome" war etwas Ungeheures und beinahe so unwirklich, als sei ein Raumschiff von einem fernen Planeten auf dem Gründgens-Platz gelandet und habe eine Gruppe wundersamer Schauspiel-Aliens mit Schleef an der Spitze abgesetzt. Deren Botschaft lautete: dichterische Sprachmacht, geistige Klarheit, Formstrenge, Ästhetik als Widerstand, Körperbewusstsein und Rigorismus der Behauptung von Theater als absolutem Kunst-Ort. Vielleicht können diese Begriffe bei Ihrer Einordnung des baldigen Vorstellungsbesuchs von Nutzen sein.
Mit gutem Gruß
Andreas Wilink