Die Verschwörung des Fiesco zu Genua - Theater Chemnitz
Der Machtmensch in der Revolte
2. Februar 2025. Alexander Nerlich inszeniert das selten gespielte Stück schnörkellos und ohne Belehrung. Friedrich Schiller wäre aber wohl trotzdem nicht glücklich über das Ergebnis.
Von Michael Bartsch
"Die Verschwörung des Fiesco zu Genua" in Chemnitz © Dieter Wuschanski
2. Februar 2025. Die Spielzeitplaner am Chemnitzer Schauspiel müssen mit dem Fatum im Bunde gewesen sein. Oder aber die Vorgänge der vergangenen Woche im Bundestag selbst inszeniert haben, was dem gelegentlich schlitzohrigen Schauspieldirektor Carsten Knödler zuzutrauen wäre. Denn Schillers "Fiesco"-Verschwörung bietet die passendste Klassiker-Parabel auf sinistre Ränkespiele, fatale Machtspiele und auf Umstürze um des Umsturzes willen.
Der Plot ließe sich so zusammenfassen: "Die da oben" im Genua des Jahres 1547 sind im Volk nicht gerade beliebt. Aber auch der Mittelstand murrt gegen den greisen Dogen Andrea Doria und seinen Neffen Gianettino. Die Opposition ist allerdings wegen ihrer Heterogenität und einem Durcheinander von Partikularinteressen geschwächt und dementsprechend außer Stande, ein klares revolutionäres Programm zu formulieren.
Wie stets in der Geschichte muss man sich in solchen Situationen, die keine natürliche Vielfalt, sondern radikale Einfalt erfordern, auf eine möglichst eindimensionale Führerperson verständigen. Das soll Fiesco, Graf von Lavagna sein. Niemand weiß allerdings, woran man mit ihm ist. Denn in der Chemnitzer Aufführung erinnert Alexander Ganz-Kuhl dem Phänotyp nach an einen verspäteten Achtundsechziger, und seine Revolution-Life-Balance tendiert eher zu den Frauen.
Schiller stellt drei Schlussvarianten zur Wahl. In Chemnitz frisst die Revolution umgehend ihre Kinder. Ein Blut-Bad, das die meisten der Verschwörungsgenossen nicht überleben.
Das Stück ist Trumpf
Regisseur Alexander Nerlich muss dem Publikum mögliche Parallelen zum Heute nicht wie in einer Schulstunde verklickern. Die Chemnitzer sind helle genug, sie selbst zu erkennen. Wobei es wie stets bei historischen Stoffen insbesondere bei Schiller eine Herausforderung bleibt, auch dem halbwegs vorbereiteten Publikum das oft komplizierte Exposé zu vermitteln. Das strengt eine halbe Stunde lang an, überfordert aber nicht.
Nerlich, derzeit Hausregisseur in Mainz, bemüht dafür und für den Kontext keinerlei Erkenntniskatalysatoren. In der Industrieruine Spinnbau, eigentlich mehr als ein Provisorium während des Umbaus des Schauspielhauses, gibt es Klassik pur. Eine Einstufung, gegen die Schiller bei seinem zweiten Stück nach den "Räubern" vermutlich intervenieren würde.
Kniefall vor dem Führer
Es knistert zwischen Fiesco und seiner der Affäre Julia weit überlegenen Ehefrau und Beraterin Leonore (Andrea Zwicky). Dirk Glodde, ohnehin ein "geborener Klassiker", erscheint in der Rolle des Republikaners Verrina wie der Letzte einer aussterbenden Gattung, die noch an Ideale glaubt. Unmittelbar vor dem Black fällt er aber doch vor dem neuen Führer Fiesco auf die Knie. Und hat als der alte Doria in einem "Königsmantel" aus geknüllter Plastik einen grotesk-dämonischen Zweitauftritt.
Unaufdringlich, aber wirksam hat Nerlich einen Demokratieexkurs in seine Textfassung eingebaut. Verglichen wird mit dem Tierreich, in dem "Dumme und Feige" keine Chance haben, weshalb das Volk sich stets dominante Herrscher wähle. Da hört man schon im Winter die sprichwörtlichen Nachtigallen im Massenchor trapsen.
Katka Kurze (Hase), Alexander Ganz-Kuhl (Fiesco); hinten: Andrea Zwicky (Leonore) © Dieter Wuschanski
Mit einem Kunstgriff hat sich die Regie aus dem Dilemma befreit, einen "Mohr von Tunis" namens Muley Hassan besetzen zu müssen. Hier ist es ein androgyner Doppelagent und Auftragskiller "Hase", in geradezu mephistophelischer Dialektik verkörpert von Katka Kurze. Entkrampfenden Humor darf man zu Beginn des zweiten Teils auch üben, wenn das Publikum in die Verschwörung einbezogen wird.
Spieler, die Ordnung propagieren
Dass diese Palastrevolution eine von oben ist, in der die Volksreaktionen nur kalkulatorisch berechnet werden, unterstreicht auch das Bühnenbild. Die Vertikalelemente muten anfangs wie Festungstürme an, öffnen aber dank der Drehbühne auch wechselnde Räume, in denen Kastenelemente sinnfällig benutzt und montiert werden. Es sind freilich hermetische Räume, und die Grundfarbe ist ein Schwarz mit Grautendenz.
Friedrich, der schillernde Große, hat wiederentdeckungswürdigen Klartext verfasst. In Chemnitz wird er ohne agitatorische Attitüden aufgegriffen. Man sieht in Fiesco einen Mann, der "in Ordnung bringen will", was für ihn und das Volk letztlich nur ein Spiel bleibt. Ein kulturhauptstadtwürdiger Politkrimi!
Die Verschwörung des Fiesco zu Genua
von Friedrich von Schiller
in einer Bühnenfassung von Alexander Nerlich
Regie: Alexander Nerlich, Dramaturgie: Kathrin Brune, Bühne: Thea Hoffmann-Axthelm, Kostüme: Lara Belén Jackel, Musik und Sounddesign: Malte Preuss.
Mit: Alexander Ganz-Kuhl, Andrea Zwicky, Katka Kurze, Dirk Glodde, Joseph Bundschuh, Patrick Wudtke, Vera-Cosima Gutmann, Richard Koppermann, Christian Schmidt.
Premiere am 1. Februar 2025
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause
www.theater-chemnitz.de
Kritikenrundschau
Nerlich habe den alten Schiller in seiner starken Inszenierung kräftig entstaubt und durchgeschüttelt, so Maurice Querner in der Freien Presse (3.2.2025). "Es ist eine sehr fatalistische Deutung des Schiller-Stücks. Alexander Nerlich verweigert dem Publikum sogar den Tyrannenmord, der hier nur andeutungsweise in das Auditorium gestellt wird. Doch das kann auch als Plädoyer verstanden werden, den heutigen Feinden der Republik rechtzeitig die Stirn zu bieten, bevor es zu spät ist."
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