Letters Home - Festspielhaus Hellerau Dresden
Eine ganz normale Flucht
15. Januar 2025. Das Schauspielerduo Alena Starostina und Ivan Nikolaev ist nach dem russischen Angriff auf die Ukraine aus St. Petersburg nach Dresden geflohen. Dass sie jetzt am Festspielhaus Hellerau auf der Bühne stehen ist für niemanden selbstverständlich. "Letters Home" heißt der Abend, der sich thematisch aber überraschend aufs Private konzentriert.
Von Michael Bartsch
"Letters Home" von aliveduo am Festspielhaus Hellerau in Dresden © Klaus Gigga
15. Januar 2025. Ein junges Schauspielerpaar aus St. Petersburg, nach dem russischen Überfall auf die Ukraine nach Dresden geflohen, in einer vierteiligen Performance am Europäischen Zentrum der Künste Hellerau – das versprach Brisanz. Ein ähnliches Vorhaben, russische Flüchtlinge auf die Bautzener Bürgerbühne "Thespis" zu bringen, plant deren russlanderfahrener Leiter Georg Genoux seit zwei Jahren vergeblich.
Doch schon nach den ersten beiden Teilen wird deutlich, dass spontane Erwartungen an einen politisch engagierten Auftritt nicht erfüllt werden. Entweder ist es zu gefährlich, sich im Feindesland als Vaterlandsverräter zu zeigen. Die Schergen des FSB sitzen überall, und die Liste der Ermordeten ist lang. Oder aber Alena Starostina und Ivan Nikolaev sind einfach zu liebenswürdige, sympathische Menschen, sodass sie sich auf die Selbstdokumentation letztlich austauschbarer Situationen von Heimatverlust und Assimilationsbemühungen beschränken.
Zurückgelassene Wohnung
Nur an zwei Stellen wird überhaupt eine Positionierung deutlich. Vorab erklärt Ivan auf Englisch eher flüsternd als deklamierend, dass man den Krieg verurteile. Und nachdem lange unkommentiert ein tonloser Schmalfilm mit unbeschwerten Disko-Tanzimprovisationen vermutlich aus der russischen Heimat lief, werden kriegsübliche Begriffe an eine Wand projiziert. Teils in kyrillischen Buchstaben, teils englisch oder deutsch, teils in Lautumschrift. Flüchtlinge, Drohnen, Faschismus, selbstverständlich die „militärische Spezialoperation“ und „Diskreditierung der Armee“ kommen vor. Das Äußerste ist eine Salve "Heimat ist nicht der Arsch des Präsidenten".
Abschied, Ankunft, Selbstdokumentation: Alena Starostina und Ivan Nikolaev in "Letters Home" © Klaus Gigga
Um den Abschied von dieser Heimat geht es in einem weiteren Schmalfilm. Ein Hafen, eine Fähre, ein gepacktes Auto. Als Schatten tritt Alena manchmal in die Projektion ein. Unter den klassischen Dias der offenbar zurückgelassenen Wohnung bleibt das starke Bild zweier Reisepässe neben einem Schlüsselbund auf dem Tisch in Erinnerung.
Unterkühlte Selbstdokumentation
Man muss Geduld mitbringen bei der betont entschleunigten Dokumentation. Als ahnten es die beiden Performer, wird unter dem jeweiligen Zwischentitel die voraussichtliche Dauer des Abschnitts angezeigt. Am Ende des ersten Teils läuft sechs Minuten lang nichts weiter als das über das Bordgeländer gefilmte endlose Meer.
Die Selbstdokumentation erfolgt in Selbstdistanz. Keinerlei kämpferischer Anflug, schon gar keine Empörung oder ein menschenrechtsgetönter Alarm. Auch szenisch geschieht wenig, artifiziell überhöht schon gar nicht. Schritte in der Enge eines auf dem Parkett in einem der Seitenräume des Festspielhauses Hellerau vorgezeichneten Quadrats legen zumindest Assoziationen nahe.
Deutschkurs und andere Probleme
Der zweite Teil bringt uns das Paar nach der Ankunft in Deutschland nahe. Es sind die allzumenschlichen Probleme eines Wechsels zwischen Ländern und Kulturen, die warme Reaktionen bei den etwa 50 Besuchern auslösen, von denen viele russisch sprechen. Zumal sie mit ungekünsteltem Humor vorgetragen werden.
Zuerst der Intensivsprachkurs Deutsch. Diese 45 Minuten gehören Ivan, der dieses Deutsch erstaunlich akzentfrei gelernt hat. Glöckchenklingelnd, wie man es auch aus orthoxen Gottesdiensten kennt, flitzt er ständig eine Treppe hinauf, einen neuen Zettelstapel mit deutschen Wörtern zu holen, die er an die Wand heftet. Zwischendurch erzählt er vom Winter, vom Bäcker, vom Lieblingsessen und von Dresdner Sehenswürdigkeiten an der Elbe.
Haltungen finden: Der Tanz-Teil mit Tanva Chizhikova in "Letters Home" © Klaus Gigga
Das ist nicht mehr so steril wie der erste Teil. Aber es erhellt auch nichts, vor allem keine Spezifik eines Wechsels vom zaristischen Putin-Russland in ein zwischen eben diesem autoritären und dem libertären Ideal zerrissenes Deutschland. In der Teilen 3 und 4 am Folgetag soll es ebenfalls um Assimilationsfragen gehen.
Die Frage, ob es sich nur um einen vorläufigen Aufenthalt hier handelt, wird nicht gestellt. Denn beide mit dem Künstlernahmen "aliveduo" sind offenbar nur mit einem Arbeitsvisum in Dresden und also noch russische Staatsbürger. Im Norden der Stadt haben sie zunächst eine Wohnung gefunden. Überraschend fällt zwischen den Nettigkeiten plötzlich der vom Alena-Double englisch eingespielte Satz "Ich kann meine Wurzeln nicht fühlen".
Schmusen mit dem Knüppel
Zwischen beiden Teilen gab es eine wahre Schule der Konzentration und Kontemplation mit der ergänzenden Performance von Tanva Chizhikova. Hingestreckt auf weißem Boden neben einem imponierenden Knüppel tat sich sechs Minuten lang überhaupt nichts. Dann 45 Minuten lang der Selbstversuch verschiedenster Posen und Positionen, als suche sie nach einer Haltung. Bis hin zum Arrangement mit dem Knüppel, und sei es schmusend mit dem Diktator. Aber er will einfach kein Baum werden und sich auch nicht in eine Schlange verwandeln wie bei Aaron im Alten Testament.
Man fährt also freundlich gestimmt von diesem Bewältigungsversuch, aber achselzuckend nach Hause. Ein Verweis immerhin auf die unter brutalen Fronten immer beeinträchtigten ganz normale Gefühlslagen.
Letters Home
von aliveduo
Mit: Alena Starostina und Ivan Nikolaev (aliveduo), Tanva Chizhikova.
Premiere am 14. Januar 2025 im Festspielhaus Hellerau Dresden
Dauer: 4 x 45 Minuten
In Zusammenarbeit mit der Hochschule für Bildende Künste Dresden, der Landeshauptstadt und der vom früheren Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden gestifteten Initiative seines Namens
www.hellerau.org
mehr nachtkritiken
- Letters Home, Dresden: Sicherheit für wen?
- #1
- Intrathekla
meldungen >
- 17. April 2026 Kunststiftung Sachsen-Anhalt warnt vor nationalistischer Kulturpolitik
- 16. April 2026 Göttingen: Schauspielerin Thyra Uhde gestorben
- 16. April 2026 Salzburg: Ex-Festspielpräsident Heinrich Wiesmüller gestorben
- 16. April 2026 Konstanz: Intendantin Karin Becker verlängert
- 15. April 2026 Preisjurys der Mülheimer Theatertage 2026
- 13. April 2026 Chemnitz: Theater wehrt sich gegen Abschaffungspläne
neueste kommentare >
-
Deutsche Märchen, Leipzig Erfolgssträhne
-
Hermann Nitsch Danke
-
Deutsche Märchen, Leipzig Doppelerfolg
-
Thyra Uhde Tiefstes Mitgefühl
-
Wokey Wokey, München Virtiosität schlägt Inhalt
-
Frauenliebe und - sterben, Hamburg Leichte Irritation
-
Nach dem Leben, Nürnberg Empfehlung
-
Die Quelle, Wien Claquere unterwegs
-
Leser*innenkritik Black Rider, SHL Flensburg
-
Burn, Baby, Burn!, Hannover Sagenhaft gut




