Es ist nicht alles verloren!

6. Dezember 2025. Leo Meier hat eine neue, herrlich übersteuerte Komödie geschrieben. Über einen Fünfjährigen, dem auf der Suche nach einem neuen Bagger die Erwachsenenwelt in die Quere kommt. Matthias Reichwald bringt es in Dresden zur Uraufführung. Mit Gespür fürs Abgedrehte.

Von Philipp Mantze

Leo Meiers "auf der suche nach dem verlorenen bagger" in Dresden © Sebastian Hoppe

6. Dezember 2025. Das Leben steckt voller Richtungsdreher und hinter allem Freudvollen lauert sogleich dessen Kehrseite: Kaum ist man glücklich verliebt, bangt man vor der möglichen Trennung. Je größer die eigenen Lebensziele, desto krasser drohen Enttäuschungen. Und dann gibt es natürlich noch den Endgegner: den Tod, über den sich nicht viel Schlaueres sagen lässt, als es Woody Allen einmal tat: "Ich bin vehement dagegen!"

Das Leben ist also starker Tobak. Und das bereits für den 5-Jährigen Alfi, der im neuen Stück von Leo Meier einen gewieften Plan schmiedet, um einen neuen Spielzeug-Bagger zu bekommen, fernsteuerbar, wenn's geht: Für den neuen Bagger muss das alte billige Exemplar aus seinem Besitz verschwinden. Aber Alfi hat seine Rechnung ohne die Erwachsenen gemacht. Bei seinem Gang zur Polizei erhält er nicht etwa die erhoffte ausgedruckte Verlustanzeige, die er seiner Mutter ganz amtlich vorlegen könnte, sondern die Polizistin nimmt sich seines Falles an und geht dem Verlust nach – und torpediert so Alfis Plan.

Ein Lausbube hält die Welt in Atem

"auf der suche nach dem verlorenen bagger" heißt das neue Stück des Autors und Schauspielers Leo Meier, der mit seinem Debüt "zwei Herren von real madrid" einen echten Hit gelandet hat und an vielen Häusern gespielt wird. Sein neues Werk ist eine Lausbubengeschichte, die immer absurdere Wendungen nimmt. Aus dem Verlustfall wird ein Politikum, Alfi schafft es sogar bis ins Fernsehen. Was gewaltig nach "South Park" klingt und in seinen sich stetig übersteigernden Abstrusitäten immerzu Gefahr läuft, ins Lächerliche abzusinken, klappt auf der Bühne erstaunlich gut.

Bagger4 1200 Sebastian HoppeIn den Fängen der Polizistin und Helikopter-Mutter: Hans-Werner Leupelt (Alfi) und Karina Plachetka (Polizistin) © Sebastian Hoppe

Das liegt zuvorderst natürlich daran, dass man Hans-Werner Leupelt seine Rolle als Alfi allzu gerne abnimmt, mit seinem sehr reduzierten Spiel, das den apathisch-überfordert anmutenden Lausbuben, völlig ahnungslos durch die Welt der Erwachsenen stolpern lässt. Regisseur Matthias Reichwald (selbst einer der herausragenden Schauspieler im Ensemble des Dresdner Staatsschauspiels) führt Alfi sensibel durch seine Konfrontations-Odyssee. Der wilde Trip bleibt bei aller Überspitztheit nahbar.

Lebenssorgen beim Kind abladen

Wider Willen und komplett an seinem Horizont vorbei wird Alfi von einer persönlichen und tragischen Lebensgeschichte in die nächste geschleppt. Da wäre zunächst etwa die Mitarbeiterin im Fundbüro (Sven Hönig), die recht unversehens ihren exhumierten Opa auspackt. Ihr Vorwurf: Der Abschied auf der Trauerfeier war kein richtiger Abschied, und so muss er nachgeholt werden.

Karina Plachetka als überambitionierte Polizistin und Ersatz-Helikoptermutter ist den Abend durch der Motor, der Alfi immer weiter von seinem Ziel eines neuen Baggers abbringt. Passiv lässt Alfi über sich die Ängste, Desillusionierungen und zerschossenen Träume der Erwachsenen ergehen, die bei all ihren Sorgen zuweilen zu vergessen scheinen oder bewusst ignorieren, dass sie mit einem 5-Jährigen sprechen. Wie etwa der von Ahmad Mesgarha gespielte Liebeskranke, der sich mit seinem eigenen Kummer in die Baggergeschichte hineindrängt.

Bagger3 1200 Sebastian HoppeHans-Werner Leupelt als Alfi im Bühnenbild von Jelena Nagorni © Sebastian Hoppe

Nichts hat wirklich mit dem titelgebenden Bagger zu tun, das machen uns die schelmischen, immer wieder im Übertitel eingeblendeten Regieanweisungen von Leo Meier deutlich. Verlust ist sein Thema, für das er sich von der neuesten Studie des Soziologen Andreas Reckwitz inspirieren ließ.

Als Thesendrama darf man diese durch und durch vergnüglichen knapp zwei Stunden aber dennoch nicht verstehen, zumindest nicht als solches, das mit klarer Position aufwartet. Wenn, dann als Thesenpool, voller Widerspruch und Streit, der einem alles offen lässt. Ist es besser, wie Alfi und seine Freundin Aylin meinen, dass der Tod ein Geheimnis ist, oder hört man doch lieber auf den großmütterlichen Realismus: Wir kommen aus dem Nichts und wir gehen ins Nichts?

Optimistisches Motto

Wie von seinen vorherigen Stücken bleibt bei Meier alles so herrlich übersteuert, dass man den menschlichen Makel schnell vergessen hat. Den Höhepunkt und Abschluss des Abends bildet dann die Fernsehshow: "Es ist nicht alles verloren!", mit einem unangenehm-strahlenden wie überzeugenden Henk Buchholz als charismatischem Showmaster. Und das könnte man dann vielleicht doch tatsächlich auch als optimistisches Motto mitnehmen.

auf der suche nach dem verlorenen bagger
von Leo Meier
Regie: Matthias Reichwald, Bühne: Jelena Nagorni, Kostüme: Ira Storch-Hausmann, Musik: Jens-Karsten Stoll, Lichtdesign: Rico Löwe, Dramaturgie: Kerstin Behrens.
Mit: Henk Buchholz, Sven Hönig, Hans-Werner Leupelt, Ahmad Mesgarha, Anna-Katharina Muck, Karina Plachetka. Live-Musik: Jens-Karsten Stoll, Dietrich Zöllner, Henk Buchholz.
Uraufführung am 5. Dezember 2025
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.staatsschauspiel-dresden.de

Kritikenrundschau

Die Uraufführung "bewegte sich hin und wieder auf so etwas wie einem poetischen Niveau. Dicht jedoch wirkte dieser rund 100 Theaterminuten lange Abend so gut wie nie. Dafür reihten sich die Begebenheiten zu nummernrevuehaft aneinander. Für eine Revue wiederum wurde nicht genug Schmiss oder gar Trash geboten. Wobei Regisseur Matthias Reichwald ziemlich wahrscheinlich eng an Meiers Textvorlage segelte, die dann jedoch eben ihre Schwächen offenbarte", kritisiert Torsten Klaus in den Dresdner Neuesten Nachrichten (8.12.2025).

Leo Meier habe "mal wieder einen leichtfüßigen, eigenwilligen Text geschrieben, der aus einem simplen Setting eine ganze Welt entwickelt", lobt dagegen Vincent Koch für die Sächsische Zeitung (8.12.2025). Regisseur Matthias Reichwald zeige "Alfis Odyssee als verspielte Komödie"; wobei eingewandt wird, dass "sich der Text einer konkreten Zielgruppe entzieht und am Ende – bei aller Liebe – auch ein bisschen diffus bleibt".

"Das ist ein fabelhafter Text. Jurorinnen und Juroren für den nächsten Drama-Preis in Mülheim sollten ihn unbedingt lesen", urteilt Michael Laages für die Deutsche Bühne (7.12.2025). Matthias Reichwalds Uraufführung treibe die "so einfach daherkommende Fabel" sehr schnell "hinüber in die Abstraktion. So gewinnt der 'Überbau' immer mehr an Gewicht und Bedeutung – diese klug und effektvoll sortierte Sammlung der Geschichten von tatsächlichem Verlust an Leben und Sinn in verschleißreichen Zeiten."

Kommentare  
Suche nach dem Bagger, Dresden: Schöner Adventssonntag
nachmittagsvorstellung… ein text, verständlich (mit handlung!) und von der regie nicht entstellt … nach einer stunde hatte die aufführung eine delle: die energie ging verloren (aber kurz). vielleicht resultiert das, weil das stück als staionendrama angelegt ist und nicht jede station die gleiche intensität hat … die frage nach der „perspektive“ war nicht ganz gelöst: ein fünfjähriges kind „denkt“ und „agiert“ natürlich nicht so, wir müssen bereit sein, es zu akzeptieren. es stört aber nicht, da die regie kein realismus anstrebt, aber auch nicht das ganze ins absurd-phantastische oder alberne kippt … am besten machen es Plachetka und Leupelt … das quadrat hat mich an die grabplatten in den alten italienischen kirchen erinnert, einfache tolle idee (am schluss hätte es die gabenstapler nicht bedurft) … also: einiges mitzudenken auf dem weg nach hause und ein schöner adventssonntag in dresden … und von berlin aus gut erreichbar …
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