Endzeitstimmung auf Koffeinentzug

31. Oktober 2025. Thomas Melle, der gerade für den Deutschen Buchpreis nominiert war, hat das Rausch-und-Ekstase-Drama "Die Bakchen" des Euripides neu überschrieben, Lilja Rupprecht bringt es in Dresden zur  Uraufführung. Der Text feiert eine Endzeitparty, die Inszenierung feiert nicht mit. 

Von Vincent Koch

"Die Bakchen" in der Regie von Lilja Rupprecht am Staatsschauspiel Dresden © Sebastian Hoppe

31. Oktober 2025. In Theben wird der Kaffee knapp. Die Nahrung muss rationiert werden, das Wasser geht ebenfalls zur Neige, und so langsam drehen alle durch. Diffuse Symptome für eine viel größere Bedrohung: Dionysos ist zurück in der Stadt, mit den Bakchen, seinen Fans, im Schlepptau. Er sinnt auf Rache, weil man seine göttliche Existenz leugnet.

Um allen zu zeigen, dass er der Gott des Rauschs ist, veranstaltet er im Wald eine orgiastische Party. Pentheus, der Herrscher von Theben, soll zunächst als letztes Bollwerk die Vernunft gegen das Chaos verteidigen, muss aber zusehen, wie die Verheißungen der Anarchie in der Bevölkerung zunehmend auf Gefallen stoßen. Wenn schon Endzeitstimmung auf Kaffeeentzug, dann wenigstens nochmal die Sau rauslassen.

Lifestyledrogen und Rentendebatten

Der Dramatiker Thomas Melle, der dieses Jahr für den Deutschen Buchpreis nominiert war, stellt in seiner Euripides-Überschreibung genau diese zwei Pole gegenüber: das Aufrechterhalten der öffentlichen Ordnung auf der einen Seite und die Lust am Exzess auf der anderen. Er nimmt den Grundkonflikt des Antikenstoffs mit, streut aber lässig Gegenwart herein: Taxifahrer, Lifestyledrogen, Drohnen und Rentendebatten. Seine schlagenden Sätze entwickeln einen eigenwilligen Rhythmus: "Mich verstreut verdreckt versagt vertan / immer wieder mich vertan." Genau diesen Drive vermisst man bei Lilja Rupprechts Uraufführungsinszenierung schmerzlich.

27211 bakchen 017 presse fotosebastianhoppeZwischen Ekstase und Ordnung: Leonie Hämer, Josephine Tancke und das Dresdner Ensemble auf Annelies Vanlaeres Bühne © Sebastian Hoppe


Es geht schon damit los, dass sie die ersten Sätze auf der Hinterbühne verebben lässt, während die Spieler*innen dort auf Stühlen hocken. Die Fallhöhe scheint da schon aufgegeben. In der Mitte ragt eine riesige Schiefersteinplatte schräg in den Zuschauerraum hinein (Bühne: Annelies Vanlaere). Dort darf Leonie Hämers Pentheus sogleich im aschgrauen Bleistiftrock ihr Unbehagen gegenüber der Völlerei darlegen, während Philipp Grimms karikaturesker Dionysos sie zunächst splitterfasernackt bedrängt und versucht, auf die Bühne zu kacken.

Als Kadmos und Teiresias, der im neongelben Polo aussieht, als käme er direkt von Globetrotter, beschließen, sich vom Normenkompass zu befreien und ebenfalls tanzen zu gehen, setzen sie verfilzte Langhaarperücken auf und geben suspekte Urlaute von sich. Was man grundsätzlich oft denkt ist, dass hier mehrere Inszenierungskonzepte in den Mixer geworfen wurden: Naturalismus, Slapstick, V-Effekte. An anderer Stelle läuft Torsten Ranft in Kapitäns-Montur einmal quer durchs Parkett und animiert, den Hans-Albers-Schlager "Beim ersten Mal, da tut's noch weh" mitzusingen. Als dann Ranfts Arm noch in Flammen aufgeht, glaubt man kurzzeitig, schon in einem effektgeladenen Weihnachtsmärchen zu sitzen.

Wo, bitte, geht's zum Trip?

Während der Abend ästhetisch unentschieden dahinplätschert, fragt man sich zunehmend auch, wo eigentlich die viel beschworene Ekstase ist. Das Problem mit diesem Abend ist, dass er nie so richtig vom Fleck kommt. Immer wieder versucht Philipp Romers pulsierende Live-Musik die Handlung voranzutreiben, aber die exzessive Party, die alle von ihren kapitalistischen Fesseln befreien soll, bleibt reine Behauptung. Den Backchen wurde nachgesagt, mit wilden Tieren zu leben – wo sind denn hier die theatralen Kontraste, wo ist der Trip?

Leonie Hämer gibt wirklich alles, um ihrem eisernen Pentheus hin und wieder eine Form von Emotionalität zu verleihen und ihren Zwiespalt deutlich zu machen, wird aber im nächsten Moment ausgebremst von einer maskierten Dionysos-Figur mit Struwwelpeter-Haaren, die ihr auf Video mit verzerrter Stimme den Tod voraussagt. Pures Spiel clasht mit Verfremdungseffekten, die jegliche Interpretation dieser Figur sofort ins Nirwana schießen.

27195 bakchen 001 presse fotosebastianhoppeGeradeaus gesprochene Sätze: Josephine Tancke, Thomas Eisen und Leonie Hämer in Thomas Melles "Bakchen"-Überschreibung © Sebastian Hoppe

Die Aufteilung des Dionysos auf vier Spieler*innen ringt der Figur nicht mehr Facetten ab, sondern lässt sie verschwimmen. Meist sprechen Rupprechts Spieler*innen ihre Sätze einfach geradeaus, was jammerschade ist, weil die Figuren so kein Gegenüber haben, geschweige denn der Eindruck entsteht, hier würde jemand etwas verhandeln. Schließlich ist mehrfach von Dionysos als der "Seuche" die Rede, auch Asien als Herkunft fällt. Die Anspielung auf das Corona-Virus ist unüberhörbar: Wer nicht hamstern und ausharren wollte, konnte auch auf illegale Partys gehen, Maßnahmen ignorieren, nahm allerdings ein Todesrisiko in Kauf. Das wirkt vielleicht etwas zu konstruiert, ist aber zumindest ein Experiment, wie die Natur zurückschlägt, wenn wir sie weiter so zerstören.

Der Text swingt

Einmal gruppieren sich die Bakchen tatsächlich als Chor und versuchen sich an einer radikalen Rhythmisierung ihrer Sprache – da swingt Melles Text plötzlich, und man spürt das Potenzial. Selbst Pentheus wurde in den Wald verführt, das Tierische in ihm provoziert. Dort wird ihn seine Mutter im Gewaltrausch töten und erst hinterher in dem von ihr Ermordeten ihren Sohn erkennen. Was man hier alles hätte erzählen können: Zerstörungswut, Gewaltspiralen, Endzeitangst. Exzess als Ausweg aus einer krisenhaften Welt. Alles liegen gelassen. Statt dass die Inszenierung den Text weiter aufschließt oder zumindest in ein konkretes Setting verfrachtet, bleiben die Ebenen völlig disparat. Es muss am Koffeinmangel liegen.

 

Die Bakchen
von Thomas Melle nach Euripides
Regie: Lilja Rupprecht, Bühne: Annelies Vanlaere, Kostüme: Christina Schmitt, Musik: Philipp Rohmer, Video: Moritz Grewenig, Choreografie: Rigo Saura, Lichtdesign: Olivia Walter, Dramaturgie: Jörg Bochow, Tassilo Pyko.
Mit: Leonie Hämer, Christine Hoppe, Thomas Eisen, Torsten Ranft, Jakob Fließ, Fanny Staffa, Josephine Tancke, Philipp Grimm, Torsten Ranft sowie Sarah Franke, Jakob Bödrich, Jakob Frenzen, Live-Musik: Philipp Rohmer.
Premiere am 30. Oktober 2025
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.staatsschauspiel-dresden.de

Anmerkung Redaktion, 1. November 2025: Drei kleine Fehler zu Kostümen und dem erwähnten Hans-Albers-Song wurden nachträglich berichtigt (siehe Kommentar #3).

Kritikenrundschau

"Lilja Rupprecht klebt Idee an Idee, aber eine Vorstellung von oder einen Sog hin zum Rausch des Untergangs findet sie nicht," konstatiert Eberhard Spreng in der Sendung "Kultur heute" vom Deutschlandfunk (31.10.2025). "In Thomas Melles Nachdichtung sind eher beiläufig zeitgenössische Begriffe eingestreut. Man hört die Worte Rente, Drohne, Virus aus dem Osten. Dabei meidet Melle klug die aktuellen Debattenthemen." Derweil suche Regisseurin Lilja Rupprecht in allen Figuren nach möglichen fluiden Identitäten.

"Was zunächst sehr statisch und sittlich auf Stühlen beginnt, nimmt vor allem auch durch Thomas Eisen und Torsten Ranft komödiantische Fahrt auf," schreibt Sebastian Thiele in der Sächsischen Zeitung (1.11.2025). "Aber in eine klamaukige Komödienvariante möchte weder die Textfassung noch die Regie abdriften. Auch wenn Trash visuell wie spielerisch immer wieder durchblitzt." Was aber diesen maskenreichen Abend unterhaltsam macht, sind aus Sicht des Kritikers "nicht zuletzt die Bühnenbildideen von Annelies Vanlaere. Wenn am Ende symbolisch riesige Gliedmaßenteile des Pentheus umherliegen, die zum Klettern und Kriechen einladen, so ist die Verbildlichung surrealer Dystopie kaum steigerbar."

Ein großer Sog entsteht für Kaddi Cutz von den Neuen Dresdener Nachrichten (1.11.2025) an diesem Abend nicht. "Zwar gibt die Musik (live von Philipp Römer) alles, um Stimmung aufkommen zu lassen, so richtig in Fahrt kommt das Ganze aber irgendwie nicht." So bleibt das größte Verdienst der Inszenierung aus seiner Sicht "die Aktualisierung des Mythos in vielen eindrucksvollen Bildern. Sie lädt dazu ein, über Exzess, Sicherheitslogiken und gesellschaftliche Bruchlinien nachzudenken. Das Potenzial für ein wirklich packendes, zeitgemäßes Drama ist da, es fehlt jedoch an Mut, den Rausch wirklich zu zeigen."

"Es wird also viel aufgefahren, vor allem darstelllerisch und bühnntechnisch," schreibt hn in der Dresdner Morgenpost (3.11.2025): "Und doch bleibt das extatische Potenzial des Stücks seltsam ungenutzt."

Lilja Rupprecht gelinge "eine spektakuläre Inszenierung", urteilt hingegen Michael Laages in der Deutschen Bühne (31.10.2025). Thomas Melle habe der "spektakulären Fabel" eine "schmale Rahmenhandlung verpasst, die die Geschichte in einen zeitgenössischen gesellschaftlichen Zusammenhang stellt", er lege Spuren aus, "die weit hinein reichen in die kollektive Psychologie moderner Zivilisation". Mit der "Konzentration auf den familiären Kern der Fabel" setze die Regie noch einmal einen anderen Schwerpunkt. Kurzum: "Traum und Alptraum vom beglückenden Kontrollverlust haben viele Gesichter. Thomas Melle fächert sie in seinem starken Text auf, Lilja Rupprecht entfesselt ein verführerisches Spiel mit ihnen – immer haarscharf am Abgrund von Ordnung und Zivilisation".

Kommentare  
Bakchen, Dresden: Koffeinmangel
Ich frage mich, ob dieser Koffeinmangel nicht eher beim Verfassen dieser Kritik vorlag.

Der Text eine Wucht! - soweit stimme ich überein. Doch die Inszenierung, die dunkel und grau beginnt, entwickelt einen Sog, einen Rausch, eine Farbexplosion, die sich im imposanten Chor, der Zerreißung entlädt! - und gerade so spannend: die Dionysos Vervielfachung, jede(r) für sich eine eigene Welt, die absurden Facetten eine inneren Ich-Kampfes.
Bakchen, Dresden: Fesselnd
Ich kann mich Herrn Wolffs Kommentar nur anschließen. Gand die Inszenierung absolut fesselnd, hatte über weite Strecken das Gefühl, dass das Publikum zu atmen vergaß und abgesehen von der Shantyeinleinlage ergab für mich alles seinen Sinn. Mein Verstehen des letzteren kann aber auch an meinen Scheuklappen als Beinahe- Ostseekind in Anbetracht von volkstümelnden Fernsehendungen aus der Rostocker Hafenbar scheitern. Und vielleicht liegt in diesem Unbehagen dann ja doch genau der Sinn.
Bakchen, Dresden: Nicht wach
Hans Albers als Neunziger-Jahre Schlager? Matrosen-Kostüm? Kadmos im gelben Polo? Eine Kritik, die ziemlich kritisch ist, dafür dass sie so voller Fehler steckt. Und auch ich werde das Gefühl nicht los, dass die Kritik gestern nicht wach genug war. Ja, man hätte gerne die feiernden und rauschenden Backchen wirklich ernsthaft rauschen gesehen, ok. Und es stimmt, Mätzchen gab es. Aber Pentheus’ Gegenspieler Dionysos als vielgesichtiger Verführer, vom verschüchterten Partygast zum alles vernichtenden Manipulatir und Rachegott: lesbar, spürbar. Dass Rupprecht dem Text, der die meiste Zeit seinen eigenen Gegenstand sprachlich explizit verhandelt, mit solch theatraler Fülle und Kunstsinn begegnet, das hat dem Abend einfach gut getan.

Wenn ich mir dagegen eine geradlinige Inszenierung im „konkreten Setting“ mit sauberer psychologischer Figurenentwicklung und sog. „theatralen Kontrasten“ (aber bitte nicht Verfremdungs- und Spezialeffekte, trotzdem trippy) vorstelle… da brauch ich sicher mehr als einen Kaffee, um an diesem Text dranzubleiben.

Dann lieber noch alle auf einen Sambuca in die Rostocker Hafenbar! Vielleicht klappt es ja doch noch mit dem Trip. wir

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(Anmerkung Redaktion: Vielen Dank für die Hinweise. Wir haben die fehlerhaften Stellen korrigiert.)
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