Aufbruchsversuch auf Exil-Eiland

13. September 2025. Verkehrte Welt: Miranda, die Tochter des mächtigen Zauberers Prospero, gilt als Primitive. Und Caliban, die versklavte Inselkreatur, wird zur Revolutionärin. Adewale Teodros Adebisi verleiht Shakespeares Insel-Klassiker über Rache und Macht einen emanzipatorischen Dreh. Gelingt die Neuausrichtung?

Von Tobias Prüwer

"Der Sturm", von Adewale Teodros Adebisi am Schauspiel Leipzig inszeniert © Rolf Arnold

13. September 2025. "Wie schnell man durch Blicke zum Objekt wird": Miranda wundert, dass der Inselbesucher in ihr eine Primitive sieht. Ob Erkenntnis in ihr reift? Immerhin nannte sie Minuten zuvor noch Caliban ein "wildes Weib". Richtig gelesen: In Adewale Teodros Adebisis Fassung von Shakespeares "Der Sturm" emanzipiert der Regisseur seine Caliban – zumindest textlich.

Zauberinsel als Horrorambiente

Optisch besticht die Bühne. Prosperos verzauberte Insel mit Spiegelkabinett wird zum verlassenen Schwimmbad. Leer ist das Becken in der Mitte, die Duschen zur Rechten laufen noch. Alles ist eingefasst in gelb-braune Fliesen. Verblasste Lebendigkeit strahlt das Ambiente aus. Über der Schwimmstätte, an denen man einst fröhlich zusammenkam, liegt der Charme eines Nichtorts. Projektionswände dienen zum Einspielen verschiedener Ansichten. Mal tut sich dort eine lebendige Ahnengalerie auf, wenn Zauberer Prospero seiner Tochter Miranda von früher erzählt, als er noch Herzog von Mailand war. Nun, ins Eiland-Exil verstoßen, sinnt er auf Rache. Er beschwört einen Sturm, um den König von Neapel und, in dessen Gefolge seinen Bruder Antonio, den amtierenden Herzog von Mailand, anzulocken. In Prosperos Insel-Labyrinth irren diese Gestrandeten dann herum.

Projektionen von Überwachungskameras eröffnen andere Räume, dokumentieren die totale Kontrolle. Licht, Nebel, sphärische Musik wecken Assoziationen zu Horrorfilmen wie der "Saw"-Reihe. Auf diese Zauberinsel wird das Publikums eingangs mit Projektionen von Meereswellen gezogen, die es unter anschwellendem Sirenengesang zusammen mit einer eingespielten Yacht an den Strand spülen. Eindrucksvoll.

Akustik schrumpft Bühnenpräsenz

Leider hat die Bühnensituation auch ein Manko. Noch immer dienen die alten Agra-Messehallen als Interim des Schauspiel Leipzig. Doch sie verfügen nicht über die Akustik des großen Schauspielhaus-Saals, wo derzeit die Technik erneuert wird. Der Agra-Raum ist eine Blackbox, nichts ist erhöht. Das Publikum sitzt zudem weit entfernt vom Geschehen. So passiert es immer wieder, dass die Darstellenden im hinteren Bühnenbereich akustisch unterpräsent sind. Zumal, wenn aus dem Off Musik und Effekte fett zu hören sind.

Der Sturm 1 C Rolf Arnold uIm Raum verloren wie auf der Insel: das Ensemble – Larissa Aimée Breidbach, Michael Pempelforth, Teresa Schergaut, Vanessa Czapla, Markus Lerch, Thomas Braungardt und Wenzel Banneyer in "Der Sturm" © Rolf Arnold

Markus Lerch als Prospero – hübsch in roter Alfa-Romeo-Kombi – bleibt anfänglich sehr blass. Doch ihm gelingt es, mit den Gegebenheiten umzugehen und sein Spiel zu entwickeln. Gerade nah am Publikum überzeugt er als Mann, der hin- und hergerissen ist in seiner Rolle zwischen Ex-Herrscher und Zauberer. Wenn er mit sich ringt, dabei zwei Gesichter zeigt, werden das im Lauf der Inszenierung packende Momente. Chips knuspernd sieht er den anderen schon mal bei Irrungen und Intrigen zu.

Durchgängig stark ist allein Wenzel Banneyer als machthungriger Antonio, den er mit sonorer Stimme als Mafia-Type gibt.

Mit sich im Unreinen, auf der Suche nach ihrem Ich, ist Larissa Aimée Breidbachs Miranda-Figur. Auch sie hat starke Momente, wenn sie vorn agieren darf – und sich dabei eben nicht als Spielball der Herrschenden und des Patriarchats zeigt. Auch ihre Rolle hat der Regisseur von den Fesseln des Shakespeare-Originals befreit. Sie wird nicht einfach verheiratet; mit einem offenen Schluss darf auch ihre Zukunft offen bleiben. Wenn sie sich nicht fügt und kokettiert, überzeugt Breidbach. Dafür ist ihr Extratext zugedacht, in welchem sie mit sich fremdelt – und mit dem Shakespeare-Satz von der ganzen Welt, die Bühne ist, auf der wir alle immer Rollen spielen. Für solche Reflexionen über die Gesellschaft war schon im Original das Spiegelkabinett vorgesehen; die aktuellen Ergänzungen sind hübsch, aber nicht tiefgehend.

Caliban bleibt die Andere

Enttäuschend als Figur ist Caliban. Viel Raum, die Rolle auszufüllen, bekommt Teresa Schergaut nicht. Anfangs wackelt ihre Caliban mit einer Maske vorm Gesicht durchs Schwimmbecken. Sie ist hier nicht mehr Sklavin des Magiers, sondern verbalradikale Revolutionärin. Aber sie gibt Widerworte, ohne zu handeln. Und wirkt, eingeklemmt in ein Kunstlederkostüm mit üppigem Dekolleté, wie ein Maskottchen.

Der Sturm 2 C Rolf Arnold uZwei Frauen auf der Suche nach Befreiung: Caliban (Teresa Schergaut) und Miranda (Larissa Aimée Breidbach) © Rolf Arnold

Schergaut muss allerhand Verrenkungen ausüben, deren Sinn sich nicht erschließt. Schwadronierend muss sie herumgeistern und Text aufsagen – "I gave peace a chance. But not again". Das ist schade, denn so bleibt auch diese Caliban-Figur ein Objekt, erzeugt durch den Blick von Regisseur und Publikum. Befreiung sieht anders aus.

Wenn diese Inszenierung so exzellent mit Projektionen arbeitet, warum dann nicht Caliban zu einer solchen machen? Othering findet durch Projektionen statt: Menschen werden zu Frauen, zu Fremden, zu Kolonisierten gemacht. Adewale Teodros Adebisi geht in seiner emanzipatorischen Stoßrichtung nicht weit genug, seine Inszenierung bleibt ästhetisch hinter ihrem Anspruch zurück. So findet Caliban nur ein bisschen Frieden in hübscher Umgebung.

Der Sturm
von William Shakespeare, Fassung von Adewale Teodros Adebisi
Regie: Adewale Teodros Adebisi, Bühne, Kostüme & Video: Alexander Grüner, Musik: Stella Goritzki, Dramaturgie: Marleen Ilg, Licht: Veit-Rüdiger Griess, Video: Hannes Barginde, Kai Schadeberg.
Mit: Wenzel Banneyer, Thomas Braungardt, Larissa Aimée Breidbach, Vanessa Czapla, Markus Lerch, Michael Pempelforth, Teresa Schergaut.
Premiere: 12. September 2025
Dauer: 1 Stunde, 50 Minuten, keine Pause

www.schauspiel-leipzig.de


Kritikenrundschau

In Adebisis Fassung schippere Shakespeares alter Adel "als blasierte Polit-Schickeria" und "Oligarchen-Bande" in einer Luxusyacht über die Meere, schreibt Steffen Georgi in der Leipziger Volkszeitung (15.9.2025) Von Shakespeares luftig tänzelndem Szenenreigen, einem bitter-komischen poetischen Abgesang, sei hier nicht viel zu spüren: Unter der Agenda einer postkolonialen Aufführungstradition schrumpften hier bestimmte Figuren, "damit andere umso größer erscheinen dürfen". Dieses Regiekonzept überzeugt Georgi nicht: Prospero, der durchaus plausibel mit Ariel zu einer Figur verschmolzen sei – Prosperos zwiespältiger Charakter, Monologe als innere Zwiesprache –, wirke "vorrangig senil", während Miranda "wie ein Prachtexemplar weiblicher Selbstermächtigung" und Caliban, "aller Caliban-haften Schatten beraubt", mit der Emphase der Eindimensionalität aufspiele. Unterhaltsam seien die Nebenfiguren, "als gestrandete Bagage, ein wenig zerzaust zwar vom engagierten Wind der Weltverbesserung, aber gottlob dann doch eher mit sich und ihren kleinen Leben beschäftigt".

 

Kommentare  
Der Sturm, Leipzig: Unglaublich langweilig
Es war so unglaublich langweilig. Das Ensemble scheitert gnadenlos. Wann ist dieses Debakel endlich zu Ende? Ja ja ich weiß! 2027. Möge man weise eine Nachfolge wählen!
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