Und wie geht's der Zimmerpflanze?

22. August 2025. Im deutschen Exil schrieb die russische Investigativjournalistin Jelena Kostjutschenko ein Buch, in dem sie ihre eigene Familiengeschichte zu Reportagen aus dem autokratischen Russland in Beziehung setzte. Anna Narinskaya und Polina Solotowizki haben es beim Kunstfest Weimar auf die Bühne gebracht.

Von Tobias Prüwer

"Das Land, das ich liebe" beim Kunstfest Weimar © Victoria Nazarova

22. August 2025. "Mich haben sie gerettet, aber nur mich." Was können Worte bewirken, angesichts des russischen Angriffskriegs? Was tun in einem Russland, das die eigene Bevölkerung quält? Wie soll man sich positionieren zu einem Land, das mal Heimat war. Oder hat man sich das nur vorgegaukelt? Im Berliner Exil fragt sich das die russische Autorin Jelena Kostjutschenko in "Das Land, das ich liebe". Beim Kunstfest Weimar dient ihr autobiografisch-dokumentarisches Buch Anna Narinskaya und Polina Solotowizki als Materialsammlung.

Text und Projektionen

In einer alten Maschinenhalle sind links und rechts Schreibtische aufgebaut. In der ausgeleuchteten Mitte steht ein Glaskasten. Er erinnert an die Zellen, in denen politische Angeklagte in russischen Gerichten ihren Prozessen beiwohnen müssen. An den Tischen verteilt sitzt das Team, das die Technik steuert. Mal wirkt es wie eine Redaktionssitzung, mal wie Wissenschaftler, die ein Experiment überwachen. Die Mitte könnte die Spielfläche sein. Nur findet davon wenig statt.

DasLanddasichliebe2 1200 VictoriaNazarovaMehrsprachige Versuchsanordnung © Victoria Nazarova

Die russischsprachige Schauspielerin Evgenia Borzykh stellt die Autorin dar, die mit sich und ihren Erinnerungen ringt. Und sich positionieren will. Die meiste Zeit spricht sie auf Russisch. Teile des Teams ringsum ergänzen mit Textzeilen auf Deutsch. Der Blick des Publikums klebt an den oben im Raum projizierten Übersetzungen. Ein Dialog kommt nur mit der Mutter zustande, die mittels Kameraprojektion in den Raum geholt wird. Mit ihr führt Jelena Streitgespräche. In ihnen lässt sich die Zerrissenheit der Figur am ehesten erahnen.

Infos aus dem Staatsfernsehen

Denn die Mutter hält die Krim für russisch, sie sei es immer schon gewesen. Mit welchem Recht würde die Ukraine die Halbinsel mit den so schönen, weißen Felsen allein für sich beanspruchen. Das seien alles Faschisten. Russland müsse doch seine Bevölkerung schützen. Ihre Informationen hat sie aus dem Staatsfernsehen. Jelena, die bis zur Auflösung der Zeitung für die kritische Novaja Gazeta als Journalistin schrieb, widerspricht. Es bleibt beim Versuch der Kommunikation und des Verständnisses. Sie reden schließlich nur noch über Zimmerpflanzen und die Katze.

DasLanddasichliebe3 1200 VictoriaNazarovaGefangen in der Erinnerung an die Heimat © Victoria Nazarova

Zwischen diese Kernszenen sind Reportagen von Jelena Kostjutschenko geschnitten. Es wird von Armut und Ohnmacht berichtet, etwa unmenschlichen Umständen, unter denen Behinderte in einem Heim leben müssen. Schlaglichter auf die russische Gesellschaft werden sichtbar, die man im Westen kennt. Wie die Menschen das hinnehmen, was die Autokratie mit ihnen macht, kommt nicht zum Vorschein. Außer, dass Moskau eben nicht Russland ist und umgekehrt. Das bietet zu wenig Erklärung. 

Installation als Theaterform

Zusätzlich zu den Gesprächsszenen erfüllen immerzu Projektionen an der Rückwand den nebelgefluteten Raum. Es ist zu sehen, wie Leute aus dem Team Bilder zusammen puzzeln, die sie zuvor im Aktenvernichter zerstückelt haben. Aus Zeitungspapier formen sie einen Frauenkörper, der einmal unvermittelt von mehreren als Puppe geführt zu Technobeats über die Bühne tanzt. Live auf Saiteninstrumenten erzeugte Musikfetzen erklingen. Abstrakt und vage bleibt das. Vielstimmigkeit entsteht nicht, nur weil ein paar mehr Menschen Text sprechen.

Das sind Suchbewegungen, den Text in eine Theaterform zu überführen. "Theaterinstallation" nennen es die Regisseurinnen. In manchen Momenten wird der Abend tatsächlich zu so etwas wie einem Erinnerungsraum von Jelena. Etwa wenn Evgenia Borzykh sich in der gläsernen Zelle krümmt und verbiegt. Oder sie mit rotem Stift Worte an seine Wände schreibt. Inhaltliche Tiefe eröffnet sich dadurch aber trotzdem nicht. Zerfaserungen und Fragmentierungen statt größerem Verständnis bleiben als ästhetische Botschaft übrig. Den Eindruck verstärkt der Schluss, wenn das Team sein technisches Equipment und die Aktenordner in Kisten packt und aus der Halle schleppt. Versuchsaufbau beendet, während die Schlussworte hallen: "Können Worte ein Land retten? Können Worte den retten, der sie ausspricht? Mich haben sie gerettet, aber nur mich."

Das Land, das ich liebe
nach dem Buch von Jelena Kostjutschenko
Konzept: Anna Narinskaya, Regie: Polina Solotowizki, Regieassistenz: Diana Meyerhold, Künstlerische Assistenz: Anton Troschin, Dramaturgie: Polina Borodina, Bühne: Vanya Bowden, Kostüme: Ksenia Sorokina, Choreografie: Tanya 4, Sound Design: Alina Petrova, Alina Anufrienko, Produktion: Svetlana Dolya, Ksenia Ignatova.
Mit: Chulpan Khamatova (Videosequenzen), Evgenia Borzykh, Leon Wieferich, Antonia Leichtle, Johanna Dähler.
Premiere am 21. August 2025
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.kunstfest-weimar.de

Kritikenrundschau

"Es ist wieder harter Stoff, die Zeiten sind so", schreibt Rüdiger Schaper in seinem Festivalbericht für den Berliner Tagesspiegel (23.8.2025). "Wie queere Menschen in Moskau verprügelt und verhaftet werden, wie es zugeht in einem russischen Psycho-Knast, wie indigene Völker in dem Riesenland leiden, das hat diese junge Journalistin recherchiert und am eigenen Leib durchgemacht. Die Aufführung läuft in Weimar passend in einer abgeranzten Riesenlocation aus DDR-Zeiten. In den Gesprächen der Heldin mit der Mutter zeigt sich die Zerrissenheit der russischen Gesellschaft."

"Die Aufführung ist ein dröhnender Abriss russischer Geschichte, Reportage von den schwarzen Rändern des Reichs, unterdrückte Indigene, zur Prostitution gezwungene Mädchen, Krieg, bis ins Mark erschütternd, mit der fabelhaften Evgenia Borzykh in der Mitte. Die hadert mit ihrer Mutter, die Putin toll findet, mit ihrer Liebe zu einer Frau, mit dem menschenverachtenden System, diskutiert auf Russisch mit drei deutschen Mitschauspielern, altes Videomaterial flackert über die Wand der alten Ket-Industriehalle, Jelzin, Wurzel allen Übels (Putins Vorgänger): ein hässlicher Mann mit einem zu großen Kopf. Da mag er nicht der einzige sein in der Weltgeschichte", schreibt Egbert Tholl in seinem Festivalbericht für die Süddeutsche Zeitung (23.8.2025).

Es seien die "bewussten Entscheidungen zur Komplexität, zu einem gelassenen Nebeneinander an Kommunikationskanälen, die diese Uraufführung so einzigartig machen", berichtet Alexandra Abel in der Thüringer Allgemeinen (23.8.2025). Mittels der Übertitelungen der verschiedenen Sprachen könne "jeder jeden verstehen und zugleich die Besonderheit der anderen Sprache erfahren, ihren Klang, ihre Struktur als Verarbeitungssystem für unsere Gedanken und Gefühle." Eugenia Borzykh agiere "brillant in der Rolle der Journalistin" und beginne "zugleich sanft und schnell wie eine Getriebene, von ihrem Leben zu erzählen, von politischen Auseinandersetzungen mit ihrer Mutter, ihrer Verfolgung als lesbische Frau, dem Tod einiger ihrer Kollegen."

"Das in der Zeit vor- und zurückspringende Anderthalbstundenstück skizziert eine Jugend in der Wolgastadt Jaroslawl während der wilden Neunzigerjahre", notiert Kerstin Holm in ihrem Festivalbericht für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (25.8.2025) und wendet gegen den Abend ein: "Schade, dass nur der Mutter-Tochter-Dialog, nicht jedoch die Sozialreportagen dramatische Stringenz entfalten."

Die russische Performerin Evgenia Borzykh besetze das Zentrum des Abends "und kann all das spielen: was es bedeutet, mutig zu leben, wenn dieser Mut einen das Leben kosten kann. Und was es bedeuteten würde, aufzu­geben: den Mut und damit auch das Land, das sie trotz allem liebt", schreibt Sabine Leucht in der taz (26.8.2025). "Eine (russische) Perspektive, die im Exiltheater dieser Tage selten beleuchtet wird."

"Ein Höhepunkt des Festivals" ist diese Uraufführung für Jakob Hayner von der Welt (28.8.2025). "Der postindustrielle Charme der KET-Halle (in der DDR kurz für: Kartoffel-Ernte-Technik) trifft auf eine eindringliche Collage mit Video- und Hörspielelementen in deutscher und russischer Sprache." Im Ganzen: "Ein trotz ein paar Längen spannender Erzählabend über den Weg in eine formierte Gesellschaft."

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