James Brown trug Lockenwickler - Bühnen Bern
Auf den Flügeln der fremdeigenen Stimme
7. Dezember 2024. Yasmina Reza ist die Queen of Kammerspiel, die uneingeschränkte Königin des Well-made-Dramas. Mit "James Brown trug Lockenwickler" erzählt sie die Geschichte eines non-binären Kindes, "Jacob", das sich in die Identität von Céline Dion hineinträumt. Stephan Kimming inszeniert das Spiel in Bern mit zupackendem Realismus.
Von Andreas Klaeui
Yasmina Rezas "James Brown trug Lockenwickler" an den Bühnen Bern © Florian Spring
7. Dezember 2024. In Frankreich gibt gerade das neue Wörterbuch der Académie française viel zu reden. Die Akademie ist die Hüterin über die französische Sprache; im nahezu Hundert-Jahre-Rhythmus gibt sie einen neuen Dictionnaire heraus, das letzte Mal 1935. Entsprechend groß sind die Erwartungen, entsprechend pompös die Begleitumstände, entsprechend krachend diesmal das Scheitern. Beim Blättern reibt man sich die Augen.
Die Akademie wird ihrem Ruf als Hort des alten weißen Männertums durchaus gerecht. So ist "Frau" definiert als "menschliches Wesen, das durch seine geschlechtlichen Eigenschaften definiert ist, die ihm Empfängnis und Geburt von Kindern erlauben". "Homosexuell" ist, wer "eine sexuelle Anziehung zu Individuen seines Geschlechts empfindet"; Heterosexualität hingegen "bezieht sich auf die natürliche Sexualität zwischen Personen verschiedenen Geschlechts". Man beachte die Feinheiten: Individuen, Personen, und wo steht "natürlich"? Da erstaunt es dann schon gar nicht mehr, dass der Dictionnaire im Jahr 2024 zum ersten Mal das Stichwort "négroïde" einführt (und nicht etwa kritisch). Auch ein Wort, das – abgesehen vom puren Rassismus, der sich darin abbildet – im Alltag kein Mensch je benutzt.
Luft nach oben für Gleichstellung
Mit dem sozialen Alltag in der Republik haben solche Weltbildungsversuche wenig zu tun, obschon es auch in Frankreich in diesen Fragen einen massiven Stadt-Land- respektive Paris-Provinz-Graben gibt. Man muss Yasmina Rezas 2023 erschienenen Theatertext "James Brown trug Lockenwickler" auch vor diesem gesellschaftlichen Hintergrund sehen, um ihn einzuordnen. Dann klingt der Satz der Psychiaterin im Stück, "Bremsen heißt kapitulieren", nochmal anders, wie auch die Einsicht der Eltern, "Wir werden immer verfrorener".
Nun ergab eine repräsentative Bevölkerungsumfrage soeben, dass auch in der Schweiz nur rund ein Drittel der Befragten die Gleichstellung von Trans- und nonbinären Personen befürwortet. Es bleibt noch Luft nach oben. In dieser schwebt Jacob, der sich in Yasmina Rezas Stück als Céline Dion erlebt, auch wenn sie von den überforderten Eltern – wie auch von der Autorin – durchgehend als "Jacob" und "er" apostrophiert wird. Céline selbst geht es längst um andere Fragen, etwa die, ob Lima nicht doch besser ans Ende ihrer Welttournee passt und ob die Raumluft auch genügend befeuchtet ist, um ihre Stimme zu schonen.
Flugübungen für die Selbstbestimmten
Claudius Körber ist Céline, mit koketter Würde und bei jedem Auftritt in einem neuen Glitzerkostüm, wie es sich gehört, eine selbstbestimmte Diva, so virtuos mit dem Hula-Hoop-Reifen zugange wie als Disco-Queen auf dem Club-Podest. Überlebensgroß singt sie die Überlebenshymne "Stayin‘ Alive"; schon der selbstgeschriebene Song vom Jungen auf der Schaukel war ein Magic Moment.
Tanztraining für die Welttournee? "James Brown trug Lockenwickler" in Bern © Florian Spring
Eine Schaukel gibt's tatsächlich auf der Bühne von Sigi Colpe, Flugübungsgerät auf glattem Terrain. Stephan Kimmig und das Berner Ensemble verlegen den Realismus, den Yasmina Reza jeweils per Regieanweisung aus ihren Stücken verbannt, in die Figurenzeichnung, in eine nüchterne Spielweise auf ungesichertem Untergrund, und erreichen damit eine Selbstverständlichkeit der Figurensetzungen, die dem Stoff guttut.
"Was würde das schaden?"
Überhaupt sind die beiden Freunde Céline und Philippe die authentischsten Figuren im Berner Spiel. Philippe, der weiß ist, sich aber als Schwarzer Aktivist konzipiert, ist in Kilian Lands Verkörperung ein eifriger Junge, die Aufrichtigkeit und die Wachsamkeit in Person. Weit weniger stabil erscheinen dagegen die Elternfiguren: die durchgängig anhysterisierte Pascaline von Isabelle Menke, deren aufgesetzter Euphorie immer mal wieder ein verräterisches Kichern entwischt; der gutmütige, aber verständnislose Lionel von Jan Maak, mit eingefallenen Schulterblättern, dem das Herkömmliche eigentlich vollauf genügen würde.
Wenn die Psychiaterin, die von den Eltern beauftragt ist, Jacob zu heilen, aber für Célines Selbstbestimmungsrecht eintritt, sie danach fragt, wer Lionel und Pascaline für Céline sein mögen, bleibt ihnen der Mund offenstehen. Die Psychiaterin, Susanne Marie Wrage, tänzelt sich in die Erlebniswelten von Philippe und Céline hinein und nimmt die Dinge, wie sie sind. Mit Meterschritten vermisst sie den Raum und hat ihren großen, gänzlich unaufgeregten Auftritt mit der Umdeutung von Aschenputtel als zutiefst bösartigem und ihren Schwestern als sympathisch defizitären Wesen.
"Was würde das schaden?" ist ihr Motto den Vorschlägen der Welt und der Menschen gegenüber – auf die aufklärerische Frage läuft Stephan Kimmigs Inszenierung den ganzen Abend lang schon mit freundlicher Klarheit zu. Und auf Célines Fazit: "Man kann seine Freude nicht ins Leere hinein singen." Mal sehen, ob die neuen Vokabeln der Académie française in hundert Jahren die bislang im Dictionnaire gähnende Leere endlich füllen.
James Brown trug Lockenwickler
von Yasmina Reza
Aus dem Französischen von Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel
Regie: Stephan Kimmig, Ausstattung: Sigi Colpe, Musik: Michael Verhovec, Licht: Rolf Lehmann, Dramaturgie: Julia Fahle.
Mit: Claudius Körber, Kilian Land, Isabelle Menke, Jan Maak, Susanne Marie Wrage.
Schweizer Erstaufführung am 6. Dezember 2024
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause
buehnenbern.ch
Kritikenrundschau
"Das Stück ist so kurzweilig, wie man es von Rezas gesellschaftskritischen und feinfühligen Dramen gewohnt ist, obwohl es eine grosse Frage stellt: Wer sind wir, und wer hat das Recht, das zu bestimmen?", schreibt Joanna Nowotny im Bund (7.12.2024). Das Ensemble könne "glänzen, weil die Dramaturgie (Julia Fahle) vielseitig ist". Zwar werde gelegentlich "dick aufgetragen", aber der Abend sei auch "doppelbödig und anrührend" und habe den "Mut", mit einer "melancholischen Szene zu schließen".
"Starregisseur Stephan Kimmig" wird von Daniele Muscionico im St. Galler Tagblatt (10.12.2024) gefeiert. Und das Berner Haus ebenso: "Wer Theater am Puls der Zeit sucht, wer auf Sprechbühnen etwas erleben will, kommt um Bern nicht herum." Zu Inszenierung heißt es: Genau "so wie Kimmig den Text musikalisch moduliert und manifestiert, möchte man das: ‚Realismus‘ ordert die Dramatikerin zwar in ihren Regieanweisungen, doch Kimmig weiss es besser und mischt dem Realismus Bilder des surrealen Theaters bei. Das tut er so umsichtig, wie die Psychiaterin Auto fährt: Bremsen überflüssig, die Fahrt, der Abend verläuft maximal normgetreu. Das ist ein Trick. Hinter der Supernormalität lauert der Wahn."
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