Schimmernde Schluchten - Bühnen Bern
Dorf unterm Schatten
22. Januar 2025. Wie unter einem Gletscher taut die Geschichte hervor in Anaïs Clercs Stück "Schimmernde Schluchten". Amelie von Godin inszeniert die Uraufführung über die ländliche Schweiz und eine von allen verschwiegene Schandtat.
Von Andreas Klaeui
Anaïs Clercs "Schimmernde Schluchten", uraufgeführt an den Bühnen Bern von Amelie von Godin © Yoshiko Kusano
22. Januar 2025. "Hunde und Menschen und ein Beispiel", sagt der allegorische Berg in Anaïs Clercs Stück, und es ist beinahe so was wie die Kürzest-Zusammenfassung des Texts. Die Hunde, das sind Bernhardiner, alle mit Namen Barry wie der legendäre Rettungshund vom Großen St. Bernhard, der ausgestopft bis heute im Berner Naturhistorischen Museum zu bewundern ist. Die Menschen sind ein ungleiches Geschwisterpaar, Armela und Armin, beide im Dorf aufgewachsen, aber da nicht heimisch. Das Beispiel enthüllt seine ambivalenten Aspekte nach und nach in den eineinhalb Stunden, die die Aufführung dauert.
Indizien für ein Verbrechen
Es hat eine analytische Spannung, wie Clercs Figuren eine ungelöste, unbewältigte Geschichte, die Jahre zurückliegen muss, ans Licht bringen. Als taute sie unter einem schmelzenden Gletscher hervor. Der Berg, der seine Lawinen ausschickt, das Dorf, in dem Armin eine Autorität sein will, die Alphütte, in der Armela sich versteckt hat – es ist eine ländliche Schweiz, die Anaïs Clerc mit ihrem Text aufsucht. "Ein kleines Dorf zwischen Bergen in einem kleinen Land", gibt sie als Spielort an. Eine Schweiz wie die, in der in den neunziger Jahren zahlreiche Anschläge auf Asylheime verübt wurden, weit mehr als heute, wie Clerc in einer Kontext-Notiz präzisiert: Die Datenbank der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus verzeichne "allein für das Jahr 1992 gegen 20 Brandstiftungen auf Flüchtlingseinrichtungen".
Alte Schande. So explizit kommt sie im Stück allerdings nicht zur Sprache. Die Rede ist nicht davon, es ist der Schatten, der auf dem Dorf liegt. "Es ist nicht so, als wäre in diesem Land den Männern das Reden beigebracht worden", sagt einer der Barrys. Nach und nach kommt ans Licht, was damals geschehen sein muss in dem Dorf mit 1291 Einwohner:innen – genau wie die Jahreszahl des Schweizer Bundesbriefs. Clerc lässt die Vorgänge sich abzeichnen, hält geschickt mal etwas zurück, bringt mal etwas nach vorn, beinahe möchte man von Indizien sprechen. In einer Sprache, die einerseits sehr konkret ist, anderseits eben Vieles ungesagt lässt.
Aussprache unter der Schneedecke
Armin, den seine Schwester Arminius nennt, wie Hermann den Cherusker, ist Dorfpolizist geworden. Armela eine "Kaschmirkommunistin", wie Armin sagt. Es gab diesen Anschlag. Wer stand auf welcher Seite, wer hat was getan oder (es wird die Pointe sein) gerade nichts getan? Gefangen in einer Schneelawine, kommen Bruder und Schwester endlich miteinander ins Gespräch. "Wie kann man denn / an so einem Ort bleiben? Mit Menschen, bei denen man nicht mehr weiß, wer dagegen und wer dafür", fragt Armela, und Armin entgegnet: "Wie kann man denn / von so einem Ort weggehen? Mit Menschen, bei denen man nicht mehr weiß, wer dagegen und wer dafür und / weggehen, ohne etwas zu machen? Du warst so lange weg!" Aber auch die Bernhardiner, die Rettungshunde, haben ihren Eigensinn. Und der sprechende Berg ohnehin.
Opfer eines Verbrechens? Amelie von Godin ermittelt mit Bühnen Bern zeigt Amelie von Godin mit Anaïs Clerc in den Schweizer Bergen © Yoshiko Kusano
Anaïs Clerc ist zurzeit Hausautorin bei den Bühnen Bern, der Text in diesem Rahmen entstanden. Wie schon in ihrem Dramenprozessor-Stück "brennendes haus", mit dem Clerc zum Heidelberger Stückemarkt eingeladen war, entwickelt sie auch hier ihre Figuren und deren Geschichte vor einem konkreten politischen Hintergrund – in "brennendes haus" war es die Fremdunterbringung von sogenannten Verdingkindern –, und wie im früheren Stück steht es auch bei Armin und Armela mit dem historischen Bewusstsein nicht zum Besten, erweist sich die Aussprache als mögliches Auftauen. Das lässt sich freilich auch als Theater-Programmatik lesen.
Anschauliches Spiel rund um den Berg
Für die Regisseurin Amelie von Godin ist die Berner Uraufführung zugleich ihre Diplominszenierung (an der HfS Ernst Busch). In der kleinen Vidmar2-Halle, der Kammerspielstätte der Bühnen Bern, ist ein Hundekäfig eingebaut. Gitterzaun den Wänden entlang und um die Zuschauer:innenreihen herum, die wiederum einen kleinen Spiel-Berg flankieren. "Wir sitzen alle im selben Zwinger", hält ein Barry treffend fest. Die Bernhardiner tragen Pelzmütze und das notorische Rettungs-Fässchen, das allerdings schon leicht verschimmelt ist, sie kläffen sehr schön und stellen eine durchaus hündische Mischung von Eifer und passivem Widerstand zur Schau.
Im Flug switchen sie zu den Menschenfiguren – Amelie von Godin vertraut in ihrer Inszenierung ganz auf den Text und überführt ihn in anschauliche Spielsituationen. Sie trumpft nicht auf mit großer Geste, sondern hört einlässlich hin und bringt auch die im Text angelegte Ironie zur Geltung. Die drei Darsteller:innen folgen ihr mit performativer Lust und bringen den metaphernreichen Text zum multiplen Bühnenleben. Bis der Berg seine Lawine losschickt und alle, Publikum wie Figuren, sehr eindrücklich unter einer Flut aus Trockeneis begräbt.
Schimmernde Schluchten
von Anaïs Clerc
Uraufführung
Regie: Amelie von Godin, Ausstattung und Sounddesign: Kristin Buddenberg, Licht: Reto Dietrich, Dramaturgie: Elisa Elwert.
Mit: Lou Haltinner, Stéphane Maeder, Bene Greiner.
Premiere am 21. Januar 2025
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause
stuecklabor.ch
www.buehnenbern.ch
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