Liebe im Versuchslabor

von Elisabeth Maier

St. Gallen, 19. Dezember 2015. Die Angst ihrer Generation vor dem körperlichen Verfall lässt die englische Dramatikerin Lucy Prebble in ihrem Stück "The Effect" durch Sätze und Szenen geistern. Da nehmen zwei Menschen an einem Medikamentenversuch teil. Eingesperrt in ein Labor, finden sie die Liebe. Mit dem beklemmend aktuellen Stück feierte die 1981 geborene Autorin 2012 am Londoner National Theater Erfolge. In der Lokremise des Theaters St. Gallen hat nun Regieassistentin Melanie Osan die Schweizerische Erstaufführung auf die Bühne gebracht. Den ironischen Biss dieser verzweifelten Romanze in der Zentrale eines Pharmakonzerns erfasst ihr zaghafter Zugriff auf den Text nur bedingt.

Angst-Missbrauch

Desinfektionsmittelblaue Plastikplanen grenzen Michael Kraus Bühne ein, die ein Gefängnis ist. Auf glänzender Oberfläche zersetzt sich die blasse Farbe. So, wie das Leben der Akteure durch das Antidepressivum aus der Bahn gerät. Starke Momente hat das solide Regiedebüt vor allem dann, wenn sich Osan und das Ensemble jenseits der Worte wagen.

TheEffect1 560 Tine Edel uUnten und oben: Tristan (Tobias Fend) und die Psychiatrie-Ärztin (Olga Wäscher) © Tine Edel

Die zarten Gefühle  der Probanden Tristen und Connie übersetzen Tobias Fend und Meda Gheorghiu-Banciu in betörende Körperbilder. Wunderschön lassen die zwei manchmal Sätze tanzen. Zu langsam befreit sich dagegen Olga Wäscher als Psychiaterin aus dem Korsett medizinischer Begrifflichkeiten. Wenn sie ihrem aalglatten Chef die Maske vom Gesicht zerrt, spürt sie dabei seine Verlogenheit  auf. Oliver Losehand geht diesen Weg in die zerrissene Seelenlandschaft nur bedingt mit. So verwischen Osan und ihr Ensemble die Tiefenschichten der Angst, die ja gerade den Reiz dieses Zeitstücks ausmachen. Trotz mancher Verspieltheit und vertaner Chancen – Musik und Video bleiben Beiwerk – macht die erste große Regie Melanie Osans neugierig auf ihre weitere Entwicklung.

Kontrapunkt zeitgenössische Dramatik

Jungen Talenten ein Sprungbrett zu bieten, ist ein wichtiger Baustein des Konzepts von St. Gallens Schauspielchef Tim Kramer, der zum Spielzeitende das Vierspartenhaus  verlässt. Gerade in der Nebenspielstätte Lokremise, einem umgebauten Eisenbahngebäude, wagt er Neues. Auch, um damit einen Kontrapunkt zum ansonsten eher konservativen Profil des Hauses zu setzen, dessen Schwerpunkt auf Opern und Musicals liegt.

TheEffect2 560 Tine Edel uMeda Gheorghiu-Banciu als Connie © Tine Edel

Viel Mainstream ist auch im Schauspiel zu finden. "Die Zuschauer sind erst mal skeptisch, wenn es um Neues geht", sagt der scheidende Schauspielchef. Dennoch sei das Publikum in der Stadt mit 75.000 Einwohnern, die einst durch die Stickereibranche weltbekannt und sehr reich war, viele Wege mit gegangen. Bewusst konfrontierte Kramer, der sich selbst als "sehr textorientierten" Regisseur begreift, die Thurgauer auch auf der großen Bühne mit markanten Handschriften des Regietheater,  etwa der von Thorleifur Örn Arnarsson, der heute leitender Regisseur am Staatstheater Wiesbaden  ist.

Ans junge Publikum

Schwer tut sich Kramer mit dem jungen Publikum. Trotz mancher Anläufe habe man es nicht geschafft, die Studenten der Universität zu erreichen,  die in der Ökonomie zu den führenden Instituten  gehört. Das klingt etwas resigniert. "Themen, die die Stadt bewegen, haben wir aber immer wieder aufgegriffen", sagt er. Und das habe gerade die älteren Zuschauer zunehmend gepackt.

Im Auftragswerk "Stilles Erbe" hat sich Rebecca C. Schnyder mit dem Niedergang der Wirtschaft in den 20er-Jahren auseinandergesetzt, der bis heute ein Trauma ist. Schnyder, die aus dem Thurgau kommt,  gewann den Publikumspreis des hoch dotierten Autorenwettbewerbs, den die Theater St. Gallen und Konstanz gemeinsam ausloben. Das grenzüberschreitende Förderprogramm bindet Autoren an die Theaterpraxis. Gerade ein Haus wie St. Gallen, das jenseits der Zentren liegt, bietet da für Kramer beste Möglichkeiten.

The Effect
von Lucy Prebble
Schweizerische Erstaufführung
Regie: Melanie Osan, Bühne: Michael Kraus, Kostüme: Michaela Mucha , Video: Norbert Wobring, Ton: Marco Mathis, Dramaturgie : Sonja Lamprechter.
Mit: Tobias Fend, Meda Gheorghiu-Banciu, Oliver Losehand, Olga Wäscher.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, ohne Pause

www.theatersg.ch

 

Kritikenrundschau

"Vielleicht ist das die grösste Schwäche an diesem Stück: Dass es ein dringliches Thema unserer gelebten Alltagswelt in eine Künstlichkeit verschiebt, die mit der Realität wenig zu tun hat", schreibt Brigitte Schmid-Gugler im Tagblatt St. Gallen (21.12.2015). Regisseurin Melanie Osan tue sich außerdem schwer damit, den kopflastigen Text in ein glaubwürdiges Spiel zu verwandeln, so Schmid-Gugler: "Es wird sehr viel geredet und fast wie im dokumentarischen Theater einer vermeintlichen 'Wirklichkeit' nachgesprochen. Es passiert fast nichts. Das ist der Grund des Unbehagens, das sich im Verlaufe des Abends einstellt."

Kommentar schreiben