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That's amore

von Nikolaus Merck

Schwerin, 20. Mai 2011. "1951 wird in Augsburg Herbert Fritsch geboren. Erstmals steht er mit sieben Jahren als ein Zwerg in 'Schneewittchen' auf der Bühne und macht sich vor Angst in die Hosen." So steht es im Programmheft von "Der Diener zweier Herren". Mehr braucht es nicht, um zu verstehen. Was wir gesehen haben vom Schauspieler und derzeit sehen vom Regisseur Herbert Fritsch, ist die Rache an dieser Angst. Die Losung lautet: Heute macht ihr (wir) euch in die Hosen – aber vor Lachen. In Schwerin (und in Oberhausen und in Halle, und bald auch in Berlin, Köln und überall) hat der kleine Junge von dunnemals Gleichgesinnte gefunden. Auf uns mit Gebrüll.

Spring doch! Spring doch!

"Heißa", geht der Schlachtruf im Großen Haus, "lasst uns von der Brüstung springen!", der Brüstung der Proszeniumsloge im himmelhohen zweiten Rang. "Aaaaaah!", schreit Italien unten auf – denn der "Diener" spielt ja im Venedig Goldonis im 18. Jahrhundert oder der mafiösen Dean-Martin-Italianitá Mitte des letzten Jahrhunderts oder dem Italien-Pizzeria-Klischee in unseren Köpfen –, und oben der Lover, mit Schielauge, Föhntolle unterm dandyesken Strohhut einer My-fair-Lady-Figur (Florian Anderer), wankt bedrohlich – hält denn da keiner fest? –, stürzt wirklich, – aber rückwärts in die Loge, anstatt – "Spring doch! Spring doch!" hatte sein unversöhnter Gegenspieler von unten gehöhnt – die 15 Meter hinab auf die Bühne. Und weiter geht's: "When the moon hits your eye, like a big pizza pie ...".

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Jakob Kraze und Florian Anderer
© Silke Winkler

Überhaupt herrscht an den Proszeniumslogenbrüstungen, allerdings denen im Parterre, rush-hour. Abgänge gibt es keine, beim Versuch von der Bühne zu kommen steht ohnehin erstmal die Portalwand – rassel, rumms – im Wege, dafür gibt es en masse Abflüge, Hechtrollen, Fosbury Flops, Seitroller, wie man halt eine Brüstung kopfüber oder -unter überwinden kann. Hauptsache Tempo. Zwischen dem Hechten feiert die Fallsucht auch an der Rampe fröhliche Urständ', mal with a little help from my Schauspielerkollegen, mal einfach deshalb, weil die Ereignisse den einzelnen Menschen, der sich ihrer Übermacht ausgeliefert sieht, in die Knie zwingen. Die Ereignisse sind unwahrscheinliche Verwicklungen, Verkleidungen, Verstellungen, Missverständnisse, Hinterfotzigkeiten wie sie die alte Commedia in Hülle und Fülle bereithielt, um die Liebenden drei Akte lang voneinander fernzuhalten und allen anderen reichlich Gelegenheit zu Improvisation, Schabernack und zotigen Späßen zu schaffen. Später gab's Reform, sprich: Ideologie, und fortan sollte das Theater den Betrachter läutern. Oder aufwiegeln. Oder überwältigen. Oder belehren.

Quer durch den Filmgemüsegarten

Herbert Fritsch nun geht auf diese letzte, schon überm heraufziehenden Realismus verröchelnde Goldoni'sche Commedia mit großer Operngeste, Standbein, Spielbein, Hand aufs schmachtend Herz los, schmeißt sie in einen alten Jerry-Lewis-und-Dean-Martin-Film, stanzt sie mit Marx-Brothers-Gags, gibt achtzehn Esslöffel aufgerissene Augen, Münder und spitze Stummfilmschreie hinzu, hier indes nicht stumm, sondern gellend oder schrill, und überzuckert sie mit Pirouetten kreiselnder Beinarbeit, dass es nicht weiter Wunder nähme, führen im nächsten Moment Gene Kelly oder Fred Astaire steppend aus dem Bühnenhimmel in diese rasend gewordene Revue herab. Und fließt dann der Schweiß in Bächen, sind reichlich Leiber verschlungen und wieder entwirrt worden, singen die Herzen auf der Bühne ein Lied: "Parole, Parole, Parole". Dass die dauernd im Mund geführte Rede von der Liebe bloß Geschwätz ("Parole") ist, weil es in Wirklichkeit um Geschäft, Geschlechterkampf und puren Sex geht, erzählen die Schweriner Italiener in ihren hinreißenden Kostümen quer durch den Filmgemüsegarten (man überreiche Fritschs Kostüm- und Maskenbildnern schleunigst einen Oscar) natürlich auch, Fritschiaden sind schließlich keine Wellness-Oase für Romantiker.

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© Silke Winkler

Doch der beliebte quälende Entlarvungsgestus des deutschen Theaters spielt in dieser Lustbarkeit so gut wie gar keine Rolle. Statt Worte gibt es Taten. Die heiratswillige Clarice (Jana Kühn) etwa wird zwar wie ein nasses Bündel auf der Bühne hin- und hergeworfen, wenn aber Papa Pantalone (Andreas Lembcke) ihren Kopf ausgiebig auf den Boden geknallt hat, zahlt sie umgehend mit gleicher Münze, mit An-den-Beinen-Herumschleifen und Remm-demm-demm-Pantalonekopf-auf-Boden zurück. Desgleichen beweist sich Beatrice (Sonja Isemer), auch sie hauptberuflich eine Liebende, als erfahrene Nahkämpferin. Überhaupt begegnen sich die Geschlechter vornehmlich auf Augenhöhe, während das Klassenverhältnis von oben und unten, Diener und Herr, unangetastet bleibt. Hunger, die Jagd nach Geld, Begehren und Schadenfreude fungieren im komischen, aber skeptischen Fritschtheater als anthropologische Konstanten.

Stinkbomben in der Schöngesangarena

Erwartungsgemäß offenbart die hoch geputschte Komiko-Anarchie auch im "Diener zweier Herren" ihre Schwäche. Trotz der ingeniösen, schleichenden Körperlichkeit von Jakob Kraze als Truffaldino gerät die Geschichte in Treibsand. Weil Fritsch seine Leute von Anfang an auf 180 Stundenkilometer losrasen lässt und seine Dramaturgie auf Immer-noch-einen-Gag-noch-eine- Aberwitzigkeit gründet, kommt unausweichlich der Moment, an dem die Schauspieler sich nicht mehr selber überbieten können. Diesmal versucht der Antreiber als Regisseur, mit einigem Erfolg, gegenzusteuern. Er benutzt die traditionelle Sangeslust des Schweriner Ensembles, angeführt von Pianist John R. Carlson mit Langhaar bis zum Po, Frack und Gipsbein, und musifiziert die Komödie. Wobei die Liedtexte vom albernen "Whooly Bully" von Sam the Shame and The Pharaos bis zum surreal quatschig angehauchten Dean-Martin-Evergreen "That's amore" als zusätzliche Kommentarebene funktionieren. Noch das vorsätzliche Scheppern dieses Chorgesangs mag man als eine Stinkbombe verstehen, die Fritsch in der von Popmusikern wie Stefan Pucher beherrschten Schöngesangarena deutscher Theaterliedkunst zündet.

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Für die kleinen Mühen der Ebene entschädigt, wie üblich, am Ende die ausgefeilte Applausordnung vor und hinter der farbig gestreiften durchscheinenden Bühnenrückwand. Der befrackte Regisseur kredenzt Sekt auf dem Silbertablett, was ihm schlecht bekommt, das gesetzte Schweriner Premierenpublikum trampelt vor Begeisterung.

 

Der Diener zweier Herren
von Carlo Goldoni
Schweriner Fassung unter Verwendung der Übersetzung von H. J. Saal von 1771
Regie und Bühne: Herbert Fritsch, Kostüme: Bettina Lauer, Musik: John R. Carlson.
Mit: Jakob Kraze, Sonja Isemer, Florian Anderer, Andreas Lembcke, Jana Kühn, Bettina Schneider, Özgür Platte, Amadeus Köhli, Brigitte Peters, Klaus Bieligk, Stéphane Maeder.

www.theater-schwerin.de

 

Gerade war Herbert Fritsch mit zwei Inszenierungen zum Berliner Theatertreffen eingeladen: mit dem Biberpelz, ebenfalls aus Schwerin und mit Jakob Kraze in der Rolle des Amtsvorstehers, sowie mit Nora, aus Oberhausen.

 

Kritikenrundschau

Im Rahmen eines großen Porträts des Regisseurs Herbert Fritsch schreibt Peter Michalzik in der Frankfurter Rundschau (23.5.2011) auch über die "Diener zweier Herren"-Inszenierung: Jakob Kraze sei als Truffaldino "eine Art heißgelaufener Didi Hallervorden", er spiele, "als ob er alle Phantasien Fritschs in den eineinhalb Stunden unterbringen müsse. Immer ist er für andere da, seine Fresslust hilft ihm, er selbst zu bleiben. Gut drei Wochen hatten sie zum Proben. Aber die Schauspieler glänzen und schmelzen, schlecken und furzen, klingen und quirlen. Sie legen sich gegenseitig flach und hechten in die Seitenlogen. Diesmal mischen sich Michael Jacksons Hand im Schritt und klassiche Amore-Italianità."

"Fritsch und das wie entfesselt aufspielende Schweriner Schauspielensemble kippten reichlich scharfe Soße über den Döner, pardon, Diener. Bitte einmal Theater mit alles, guten Appetit", schreibt Philipp Schroeder in der Schweriner Volkszeitung (23.5.2011). Das Stück werde derart beschleunigt, "dass man sich als Zuschauer wie in den Sitz gepresst fühlt." Der "Bildungsspießer" dürfe sich bei dieser Aufführung "gequält abwenden und wieder einmal das Übel des Regietheaters beschwören". Das Stück sei bei Fritsch "das Gerüst, an dem die Schauspielerei emporwuchern darf. Grimasse ist erwünscht, Improvisation auch." Bei Goldoni aber sei Fritsch "mit seinem Inszenierungsstil natürlich genau richtig".

Wirkte Fritschs "Erweckung des Komischen bei Gerhart Hauptmanns Sozialdrama [" Der Biberpelz"] wie eine Rosskur der Befreiung vom Staub der Geschichte, so bleibt sie bei Goldoni 'nur' grelle Ausmalung der bekannten Komödie", meint Dietrich Pätzold in der Ostsee-Zeitung (23.5.2011). "Doch wie fröhlich ausufernd, über alle Stränge und Bühnenränder purzelnd diese Ausmalung geriet, wie konsequent, präzise und höchst artistisch sie gespielt wurde, das war dann doch ein Vergnügen." Zelebriert werde "die pure Lust am Abschweifen, eine Befreiung von jeglicher Vorgabe. Zuweilen ist das ein riskantes Spielchen mit der Freiheit, die sich selbst im Nichts zu verlieren droht." Trotzdem komme die Stückhandlung "irgendwie zu ihrem Recht".

"Man springt und stürzt, tanzt und tobt, rennt gegen Wände oder hechtet in Logen, geht sich gruppenweise an die Wäsche oder einzeln an den Hals und lässt sich dabei vom Pianisten den Takt vorgeben", beschreibt Hartmut Krug den Abend im Deutschlandfunk (24.5.2011). Fritsch nutze Zitate über Zitate: "die Marx-Brothers kommen zu Ehren, Dean Martin und wohl auch Jerry Lewis singen oder hampeln vorbei. Mal sind wir im Musical, mal in der Operetten-Parodie." Fritschs Problem allerdings sei, "seine gleich auf höchster Erregungsstufe lostobenden Inszenierungen als Gagfeuerwerk immer wieder steigern zu müssen und so über die Zeit zu bringen. Doch das heftige Spiel sinkt immer wieder in sich zusammen und dröhnt nur noch leer; als Zuschauer hat man manchmal all die Zappelei satt."

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