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Alles für die Fiktion

von Sarah Heppekausen

Essen, 23. Mai 2012. Eine einzige Geschichte zu erzählen – eine Geschichte mit einem Charakter, der sich entwickelt und mit einer Handlung, deren Anfang und Ende klar definiert sind – das ist nicht die Sache von Forced Entertainment. Denken die britischen Performer um Regisseur Tim Etchells über eine Erzählung für die Bühne nach, dann wird das Erzählen selbst bühnentauglich. Die Frage ist nicht, welche Geschichte hier erzählt wird. Die Frage ist, was passiert, wenn jemand erzählt. Nicht der Inhalt macht dieses Theater, der Modus macht es.

thecomingstorm1 280h timetchells uTanz die Geschichte: "The Coming Storm"
© Tim Etchells
Gut, das ist nichts Neues im postdramatischen Theater. Aber die Sheffielder Performer gelten nicht umsonst als Pioniere des Experimentaltheaters. Vor fast 30 Jahren gründete sich die wichtigste britische Gruppe. Seitdem bezaubern sie mit Anti-Illusionismus und verführen zu Visionen durch (non)fiktionale Verwirrungen. Ihr neues Stück "The Coming Storm", uraufgeführt beim Essener PACT Zollverein, widmet sich also einem durchaus erwartbaren Thema. Es handelt mit Erzählungen und vom Erzählen, das immer wieder in Frage gestellt wird.

Klaus Kinski, der Busfahrer

Was braucht eine gute Geschichte? Einen guten Anfang, eine charismatische Hauptfigur, eine offene Frage (was denkt diese Frau, wer ist der Vater des Kindes?), Missverständnisse, Komplikationen, einen Cliffhanger (wird die Bombe explodieren?) oder auch einen literarischen (wird das Kind von der Klippe stürzen?)... Mit diesem Anfang setzt Performerin Terry O'Connor den theoretisch-reflektierenden Rahmen und alle nun folgenden Erzählungen der ständigen Überprüfung aus. Die von Phils Piraten, die von Claires Erlebnis als gefangene Sexsklavin, vom Medizinmann-Opa, der ins Museum gebracht wird oder die von der Urlaubsromanze. Die sechs Geschichtenerzähler unterbrechen sich. Ihre Geschichten werden aufgepeppt (jede gute Erzählung braucht einen Mörder), dramatisiert und umbesetzt. Konstruktion und Dekonstruktion formieren sich zu einem Event, zum Ereignis Erzählvorgang.

Jede gute Story braucht außerdem die richtige Musik. Zum ersten Mal spielt Forced Entertainment live auf der Bühne. Aber auch die Musik ist selbstverständlich materialisiert, als Theatermittel nutz- und erkennbar gemacht wie die selbstgebaute Windmaschine. Beim Wort "Killer" lässt sich eine der Performerinnen Hintern-rücks aufs Klavier fallen, das Schlagzeugspiel ist Spannungserzeuger, das Gitarrengeschrumme melodramatisiert den Erzählstoff. Wie im Film. Also wird dann auch der passende Hollywood-Schauspieler für eine Rolle gesucht. Klaus Kinski wird zum Busfahrer, Demi Moore aber nicht zur weiblichen Hauptfigur in der Ferien-Lovestory, sie ist zu alt.

Elektrischer Stuhl aus Holz

Wie gewohnt gibt es auch in dieser Arbeit wieder die grandios komischen und die melancholisch berührenden Momente. Dann hält sich Richard Lowdon mit gelassener Selbstverständlichkeit ein paar Äste vor den Körper und ist der Wald. Oder er scheitert beim Selbstmordversuch durch den Strick an der zu tief hängenden Kleiderstange. Es gibt die Längen – sogar bei diesem verhältnismäßig kurzen, hundertminütigen Abend –, die es auszuhalten gilt, um sich vom nächsten Einfall noch mehr überraschen lassen zu können. Denn zu sehen ist ein Prozess, das Erzählen von Geschichten, aber keine erzählte Geschichte. Das klingt mal sehr persönlich, mal wie gelesen, mal reißerisch, mal nach Postkarten-Erinnerung, mal nachdenklich und mal spontan.

thecomingstorm 560 timetchells uDer Wald in "The Coming Storm" © Tim EtchellsFür "The Coming Storm" hat die Gruppe im Kostüm-, Masken- und Perückenfundus gegraben, hat Tanzschritte geübt, die charmant-dilettantisch vorgeführt werden, und einen Elektrischen Stuhl bloß aus Holz gefertigt. Das reine Kopftheater aus Tomorrow's Parties (2011) oder "And on the Thousandth Night" (2000) hat Forced Entertainment diesmal um sicht- und hörbare Stoffe erweitert. Alles für die Fiktion. Alles für eine gute Geschichte. Gäbe es einen Preis für die unterhaltsamste Nicht-Erzählung, "The Coming Storm" hätte ihn verdient.

 

The Coming Storm
von Forced Entertainment
Regie: Tim Etchells, Konzept und Produktion: Forced Entertainment, Musik: Phil Hayes, Design: Richard Lowden.
Mit: Robin Arthur, Phil Hayes, Richard Lowdon, Claire Marshall, Cathy Naden, Terry O'Connor.

www.pact-zollverein.de
www.forcedentertainment.com

 

Kritikenrundschau

Mit Live-Musik versuchten Forced Entertainment, diesmal einen besonderen Akzent zu setzen, schreibt Sylvia Staude in der Frankfurter Rundschau (25.5.2012)."Denn in der Tat ist das zugrunde liegende Erzählprinzip – die Vielfalt der Stränge, die Fragmentisierung, das unvollständig bleibende Schicksal- und Lebenspuzzle – dem regelmäßigen FE-Gucker so wohlbekannt, dass eine solche Überraschung nicht schaden kann." So sparsam ihre Mittel seien, so gut verstünden es FE doch, "in entscheidenden Momenten den Schrecken und den Tod ums Eck schauen zu lassen." Außerdem behielten sie eine der vielen aufgetsellten und gebrochenen Erzählregeln immer im Blick: Jede Geschichte müsse ein Geheimnis haben.

"Drei Frauen, drei Männer der Gruppe 'Forced Entertainments' spielen mit den Erwartungen des Uraufführungspublikums", skizziert Sonja Weber in der Rheinischen Post (25.5.2012) den Abend. Das Suchen sei das Ziel dieses Spiels, bei dem mehrere Erzähler um die Aufmerksamkeit der Zuschauer buhlten, die mit langem Applaus dankten.

Wie schon so oft besteche Forced Entertainment auch an diesem Abend "mit einem perfekten Anschein des Gebastelten oder Geradeso-Fertigen", schreibt Melanie Suchy für die Süddeutsche Zeitung (12.6.2012). Frontal würden Geschichten erzählt, "mal mit, mal ohne theatralische Darstellung", gespickt mit Reflexionen darauf, was eine gut gemachte Story benötige (Mystery, starke Gegensätze, Katastrophen etc.). "Es sind irrwitzig banale Erzählungen vom Davonkommen und der Alltäglichkeit des Lebens." Der Titel dieses "bei aller Nichtigkeit seltsam berührenden Stücks verkündet den 'kommenden Sturm', doch der Wind ist längst da. Die Endzeitstimmung hat nichts mit globalen Katastrophen und großer Politik zu tun, auch wenn Assad, Merkel und der Nahe Osten kurz erwähnt werden, sondern mit der Endlichkeit des einzelnen Lebens und dem Zusammensein mit anderen, das einen schon mal nerven kann."

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