Im Puppenstübchen

von Michael Laages

Salzburg, 29. Juli 2014. "Heiliger Helmut Qualtinger, schau obi!" – der wortgewaltigste Interpret des monströsen Theatertextes aus der Werkstatt des Fackel-Trägers Karl Kraus möge doch bitte herunter schauen auf das Desaster, das da gerade angerichtet werde, trompetete ein besonders empörter Kraus-Verehrer in "Die letzten Tage der Menschheit" hinein; gerade ging das Licht zur Pause an nach zweieinhalb Stunden, und klar war schon da, dass dieser Versuch mit dem grandiosen Anti-Kriegs-Panorama nicht mehr zu retten sein würde. Der Protestrufer mag geahnt haben, dass es in weiteren eineinhalb Stunden kein bisschen besser werden würde – er ist gegangen.

Scheitern mit Ansage

Die Qualtinger-Beschwörung war natürlich auch unfair – niemand im Produktionsteam der Kraus-Inszenierung, die Georg Schmiedleitner zur Eröffnung des Schauspielprogramms der Salzburger Festspiele besorgt hat (als Einspringer für den mit Schande und Schimpf aus der Intendanz des Wiener Burgtheaters gejagten Matthias Hartmann), hätte sich mit Qualtingers Wucht messen wollen; niemand auch mit der Jahrhundert-Phantasie, die Johann Kresnik vor fünfzehn Jahren für den apokalyptischen Spiel-Raum des U-Boot-Bunkers in Bremen-Farge realisierte. Jetzt und hier in Salzburg (und später in Wien) sind "Die letzten Tage der Menschheit", dieses für jeden Versuch neu zu sortierende Destillat aus gut 200 Szenen, die es komplett zwar schon als Lesung und Hörspiel, aber naturgemäß nie als komplette, womöglich gar strichfreie Aufführung gegeben hat, nur die dröge Antwort des routinierten Stadttheaters auf eine der größtmöglichen Herausforderungen im Theater überhaupt.

Und das ist wohl das Armseligste, was sich über eine Kraus-Aufführung sagen lässt.

dieletztentagedermenschheit5 560 georg soulek uVergeblicher Kampf mit den Textmassen: Dörte Lyssewski und Sven Dolinski
© Georg Soulek

Und es war Scheitern mit Ansage. Denn schon die ursprüngliche Burg-Planung, noch mit Hartmann, ist auf den grotesken Einfall verfallen, Kraus im Landestheater zu spielen – natürlich der Drehbühne wegen, die in größeren Dimensionen ab September auch in der Wiener Burg selber fleißig rotieren wird. Spielbar ist im Landestheater aber kein Kraus; bestenfalls, wenn er daherkommt wie Schnitzler. Darstellbar wären die Schrecken des Jahrhundert-Gemetzels wohl nur im Raum der Perner-Insel am Festspielort in Hallein.

Schlaglichter mit Blasmusik

Selbst mit der Drehbühne im Puppenstübchen des Landestheaters kann Schmiedleitner aber nicht wirklich viel anfangen; eigentlich aber fährt auf ihr nur die "Post-Musik" (eine lokale Blaskapelle) herauf und hinunter. Wirkliche Beschleunigung im gleichmäßigen Strom der Kraus-Szenen gelingt auch im Drehen nie. Im Übrigen hat Volker Hintermeier die Bühne leergeräumt und bietet allerlei mehr oder minder einleuchtende Requisiten auf. Das dramaturgische Problem des Stückes selber (dass es nämlich gar keine Dramaturgie hat!) wird in diesem Raum aber besonders drastisch spürbar; nichts hängt mit nichts zusammen, mit jedem szenischen Schlaglicht beginnt die Geschichte im Grunde von vorn. Wer diese Unform als Stärke begreifen (und zeigen!) wollte, müsste mit grundsätzlich anderen Spielformen an den Start gehen – dafür war Kresniks Bremer Bunker-Spektakel das beste Beispiel. Schmiedleitner aber will Ordnung schaffen, wo Unordnung herrscht – und tut das auf allersimpelste Weise.

Er forciert die kabarettscharfen Dialoge zwischen dem kriegsbejahenden Optimisten und dem ewigen "Nörgler", dem "alter ego" des Autors, außerdem die Szenen der realen (und von Kraus zutiefst verachteten) Kriegsberichterstatterin und –fotografin Alice Schalek. Darüber hinaus wird Wiedererkennbarkeit über das Jahrhundert hinweg beschworen durch möglichst viele Szenen mit typisch österreichischen oder typisch preußisch-deutschen Familien- und Bürger-Profilen: also mit Wiener Hausfrauen, die einander bekeifen und mit Gemüse werfen; oder feinen deutschen Industriellen, deren Kinderlein Weltkrieg spielen, mit dem Schlachter an der Ecke, der mit fortschreitendem Krieg vom grassierenden Hunger in der Heimat profitiert. Dichter Ganghofer schenkt Kaiser Wilhelm ein Kriegsfeuilleton, der sterbende Franz Joseph singt das ewige Couplet davon, dass ihm nichts erspart geblieben ist – zuweilen gewinnt die satirische Seite im Kraus-Werk stark Oberhand, um nicht zu sagen: Übergewicht. Da ist dann der Komödienstadl nicht weit.

dieletztentagedermenschheit3 560 georg soulek uBetroffenheit und Träne im Knopfloch auf der Salzburger Drehbühne © Georg Soulek

Wohlgemerkt – all das steht ja so bei Kraus. Aber da steht eben auch unendlich viel mehr. Und schon die Auswahl des Materials (die Fassung stammt von Schmiedleitner und Florian Hirsch) markiert eben gerade nicht das Bemühen um das Fundamental-Panorama einer Welt im inneren Kriegszustand aller gegen alle und sich selbst – das bleibt allein Dietmar König vorbehalten: in den aus ganz viel Kraus-Hass geschliffenen Schärfen im Nörgler-Dialog mit Gregor Bloébs Optimist. Die ziemlich überpräsente (und mit szenischem Firlefanz überfrachtete) Schalek-Rolle ist selbst von Dörte Lyssewski nicht zu retten – sie passt eher zum sonst vorherrschenden bürgerlichen Allerweltsgewurschtel mit Betroffenheit und Träne im Knopfloch. Selbst starke Miniaturen von Elisabeth Orth und Peter Matic stimmen nicht versöhnlich.

Schlimmer scheitern war nicht drin. Die Menetekel des Krieges sind weit weg. Wer mehr erfahren will darüber, von und mit Karl Kraus, fährt für "Die letzten Tage der Menschheit" vielleicht doch besser nach Dresden und schaut sich Wolfgang Engels Inszenierung an. Und ganz glücklich ist eh nur, wer den Qualtinger im Plattenschrank hat.

 

Die letzten Tage der Menschheit
von Karl Kraus
Fassung: Georg Schmiedleitner und Florian Hirsch
Inszenierung: Georg Schmiedleitner, Bühne: Volker Hintermeier, Kostüme: Tina Kloempken, Komposition: Timo Hojsa, Matthias Jakisic, Licht: Peter Bandl, Volker Hintermeier, Dramaturgie: Florian Hirsch.
Mit: Bernd Birkhahn, Gregor Bloéb, Sven Dolinski, Stefanie Dvorak, Alexandra Henkel, Dietmar König, Christoph Kreutzler, Dörte Lyssewski, Peter Matic, Petra Morzé, Elisabeth Orth, Thomas Reisinger, Laurence Rupp; Lenny Dickson, Timo Hojsa, Matthias Jakisic.
Dauer 4 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.burgtheater.at
www.salzburgfestival.at

 

Kritikenrundschau

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (31.7.2014) schreibt Gerhard Stadelmaier, dass "die Regie des wackeren Spielvogts Georg Schmiedleitner (...) sofort den Autor opferte: auf dem Altar des tobenden Wahnsinns." "Ein Verlust nicht nur an Überlegenheit, sondern an Überlegtheit." Schmiedleitner verlege das Stück über Entmenschung "in ein österreichelndes Gemenschele. So, als wolle er ständig zur Apokalypse 'Küss’ die Hand!' sagen." Universum samt Teufel, Gott und Meteorregen fielen bei Schmiedleitner weg, vieles sei "sehr nett". "Der Erste Weltkrieg dauert in Salzburg vier Stunden. Danach ist man herzlich froh, dass nicht nur der Krieg vorbei ist."

Wenn im zweiten Teil der Zweite Weltkrieg angedeutet werde, "ist die Inszenierung, die sich nie hineingetraut hat in das Abenteuer und die Abgründe dies Stücks, schon nicht mehr zu retten", schreibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (31.7.2014). Es obsiege auf ganzer Linie das "gute alte Stadttheater". "Das ist natürlich, gerade bei so einer Textvorlage, eine blanke Niederlage." Das Stück werde "schön ordentlich eingekastelt und leicht konsumierbar zurechtgebogen auf Guckkastenformat. Szenisch zum Gähnen." Tempo und Rhythmus würden nicht stimmen, "es fehlt komplett an Zunder". Durch den "ungebührenden Sicherheitsabstand zum Text" werde "kaum je eine Pointe" getroffen.

"Georg Schmiedleitner hat als 'Einspringer' für Matthias Hartmann den Stier beherzt bei den Hörnern gepackt", schreibt Ronald Pohl im Standard (31.7.2014). "Man enthält sich jeder naheliegenden Bescheidwisserei." Schmiedleitner interessiere sich für die Fragen: "Wie entsteht Öffentlichkeit? Wodurch werden Menschen derart enthemmt, dass sie sich um Kopf und Kragen reden?" Auch wenn niemand die "Letzten Tage" zur Gänze ausschöpfen könne; "aber zu zeigen, dass die letzten Tage noch immer (und lange) andauern und somit bestenfalls die vorletzten sind: Das verstand Schmiedleitner glänzend."

Krieg bestehe auch aus "Warten, Wachen und Erschöpfung", stellt Norbert Mayer in der Presse (31.7.2014) fest. In dieser Hinsicht sei der Regisseur "der Darstellung des Ersten Weltkriegs in jeder Hinsicht gerecht geworden". Über dramaturgische Schwächen oder die Auswahl des Textes könne man zwar streiten, "aber diese Inszenierung ist eine seriöse Auseinandersetzung mit dem Stück – mit den Mitteln eines Stadttheaters eben". Die Aufführung bliebe "inszenatorisch insgesamt verhalten", "lieber verlässt sich die Regie auf die Sezierkunst von Kraus, als selbst dramatisch zu operieren."

Da muss in einer Szene eine überforderte Schauspielerin mit piepsiger Stimme an Seilen vom Schnürboden baumeln," präzisiert Joachim Riedl in der Zeit (12.8.2014) sein Missfallen an diesem Abend. "Da scheppert ein Trupp Blechbläser unentwegt Marschmusik in das chaotische Bühnengeschehen. Die einzelnen Rollen (zehn der dreizehn Schauspieler verkörpern mehrere Gestalten) purzeln in einer Beliebigkeit durcheinander, die an Ahnungslosigkeit grenzt."

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