Gang durch die Hölle

von Jens Fischer

Lübeck, 31. Oktober 2014. Mit einem schlichten "Hallo, wir kennen uns" wird ins Unspektakuläre der abzubildenden Realität eingestiegen, die üblichen Fragen, Probleme, Konflikte des Zusammenlebens. Nach "Herbstsonate" (2007, Theater Lübeck) und "Treulose" (2013, Staatstheater Braunschweig) übersetzt Anna Bergmann zum dritten Mal ein sensibilisierendes Feel-bad-movie des peniblen Ultraschallkünstlers für Seelenschmerzen, Ingmar Bergman, ins Theater: "Szenen einer Ehe" werden gespielt, einer modernen, also nicht nur scheiternden, sondern auch geschiedenen Ehe. Der Weg dahin führt durch die Hölle.

Lebenslügen müssen aus den Körpern geradezu herausgeprügelt werden. Zu Beginn spielen Sina Kießling und Andreas Hutzel Theaterbesucher. Im Rangfoyer des Theaters Lübeck treffen sie händeschüttelnd auf ihre Zuschauer: Theaterbesucher. Die vermeintlich idealen Paarmimen stellen ihre Ehe und ihren Beruf als Sprach- und Rollenspiel vor, im Comedy-Modus gibt's ein Hin und Her von Männer- und Frauenperspektive sowie einen Dialog zwischen Bergmans Charakteren und ihren Darstellern. Verwirrend soll das sein und spürbar machen, dass sich die Eheleute selbst nicht kennen und jemand anders verstehen sollen.

Zur weiteren Verwirrung trägt bei, dass entsprechend der verhandelten Inhalte die Spielart und der Spielort gewechselt werden. Die Reise zweier Menschen hinter die Kulissen ihre Beziehung inszeniert Bergmann als Reise durchs Theater – ein exklusives Erlebnis für jeweils 40 Zuschauer, die den Stationendrama-Weg mitzugehen haben.

Jenseits der Romantik
Andreas Hutzel erweist sich darin als Idealbesetzung. Die Superhelden spielt er sonst, Rio Reiser, Frank'N'Furter, Willy Brandt, Stanley Kowalsky, Adrian Leverkühn, Faust, Jim Morrison. Für die Johan-Figur passt der Balanceakte zwischen Eitelkeit und Narzissmus. Er sonnt sich im Spotlight, gibt den maß- und rücksichtslosen Selbstverwirklicher und Macker alter Schule. Im Treppenhaus des Theaters posaunt er: "Mein Gesicht ist meine Maske." Und erklärt anhand ausgestellter Szenenfotos das Leben als Star.

szenen einer ehe1 560 falk von traubenberg uRosenkrieg-Kampfkunst: Sina Kießling, Andreas Hutzel in "Szenen einer Ehe"
© Falk von Traubenberg

Die sein Wohlergehen umsorgende Gattin hat keine Chance im Ehe-Projekt dieser Interessengemeinschaft, bei der die romantische Sehnsucht vom Eins-sein-Wollen längst einer zweisamen Einsamkeit gewichen ist. Erste Risse werden deutlich beim Rangfoyer-Plaudern darüber, ob Ehe ein Bund fürs Leben oder auf Zeit ist. Die Kluft wird zum Abgrund im Theaterkeller: Sie wäscht schmutzige Wäsche, er bügelt weiße Hemden. Komödienhaft symbolisch. Die Szene wirkt improvisiert.

Anders als in der Vorlage sind die Protagonisten kinderlos und diskutieren, was Paare Mitte 30, Anfang 40 heute so umtreibt: Sollen/wollen sie noch schnell kleine Murkel in ihre Welt setzen oder nicht. Marianne ist jedenfalls schwanger und Johan nicht begeistert. Er will seine Ansprüche und Erwartungen an die Ehe nicht weiter reduzieren, die laue Zufriedenheit als Minimalkonsens macht bereits jetzt so viel nervtötende Arbeit.

Affären und Alpträume

Rollenwechsel in der Garderobe, Johans Bart ist ab, Mariannes Perücke fort. Im Selbstgespräch vorm Spiegel erzählt sie von Abtreibung und Schuldgefühlen. Seine frisch geduschten Sprüche versuchen das Trauma zu vertreiben. In der kleinen Raumbühne beginnt und endet eine quälend ratlose, panische Selbstentblößung. Im Zentrum der mythische Ort ehelicher Angelegenheiten: das Bett. Sie alpträumt darin von Kinderhänden, er beichtet die Affäre mit einer Studentin. Womit sie die biologische Sollbruchstelle der Ehe erklärt. Aber Haltung bewahren, nicht loslassen will – ihn vom Slip befreit, mit gespitzten Lippen zum Oralsex ansetzt. Er: "Vielen Dank für das Angebot, aber ich schlafe schon fast."

szenen einer ehe3 560 falk von traubenberg uLetzte Warnung, Abrechnung, Therapieversuch? © Falk von Traubenberg

Verzweifelt, würdelos bettelt Marianne um eine Abschiedsnummer, Johan ruckelt mitleidig auf ihr herum, sie weint, schreit, versinkt in Scham. Atemberaubend psychologischer Realismus. Im Theaterrestaurant versuchen es beide noch einmal mit boulevardeskem Leichtsinn, aber Verständigung klappt genauso wenig wie Sex auf der Männertoilette. Nicht mit, nicht ohne einander können: Die Hassliebe muss ausgefochten werden beim Streit um die Scheidungspapiere.

Happyend-Kuss

Im "Landschaftszimmer" dann einsturzbedrohlich gedellte Decke, gepflasterte Risse, Schimmelspuren, Wasserflecken auf Wandgemälden, bröckelnder Putz: Tolles Ambiente für eine ins derb Komische überdrehte Kampfchoreografie für Splatter-Freunde. Aber ist dies Zerfleischungstheater die letzte Warnung vor oder Abrechnung mit der Institution Ehe? Aufklärung, Therapieversuch?

Nein, einfach intelligent nur ein gekonnter Jux, ein nicht nur für Lübecker Verhältnisse außergewöhnlich gelungenes, herrlich verspieltes Experiment. Mit einem Epilog in Doku-Soap-Manier. Im Hochzeitskleid hockt Marianne wieder im Bett, der Ex-Göttergatte tändelt als Superstar lässig herein. Da sie sich nun von ihren Frauenrollenklischees emanzipiert, von den traditionellen Zwängen der Ehe entfernt, von Johan befreit hat, können beide jetzt etwas miteinander anfangen. Darauf einen fetten Happyend-Kuss. So viel Zuneigung – siegt über so viel Wut, Verachtung, Behauptungswille bei den Veteranen des Rosenkriegs. Das ist grell komisch: ernst gemeint.

           

Szenen einer Ehe
nach dem Film von Ingmar Bergman, Deutsch von Renate Bleibtreu
Regie und Ausstattung: Anna Bergmann, Mitarbeit Bühne: Katharina Faltner, Sounddesign: Heiko Schnurpel, Kampfchoreograph: Stefan Richter, Dramaturgie: Tobias Schuster.
Mit: Sina Kießling, Andreas Hutzel.
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, keine Pause

www.theaterluebeck.de

Kritikenrundschau

"Dass das Theater parallel zu den Einblicken in verwundete Seelen auch Einblicke in seine Eingeweide gibt, ist ein schöner Nebeneffekt dieses Abend", schreibt Michael Berger in den Lübecker Nachrichten (3.11.2014). Die Bühne besinnt sich hier auf ihre Unmittelbarkeit, dazu braucht es keine technische Maschinerie, "sondern nur eine mutige Regie und verwegene Darsteller". Wenn man nach dem Hutzel-Kießling-Parforceritt noch einmal Szenen aus Bergmans Kinofilm schaut, kommen einem die damals hochgelobten Darsteller Liv Ullmann und Erland Josephson leblos vor, "überwältigender Beifall vom Publikum". 

 

Kommentar schreiben