Auf der Schädelstätte

von Andreas Wilink 

Oberhausen, 27. Februar 2015. In Elias Canettis brandgefährlichem Roman "Die Blendung" heißen die drei Teile: "Ein Kopf ohne Welt" – "Kopflose Welt" – "Welt im Kopf". Auf der von Volker Hintermeier gestalteten Bühne des Theaters Oberhausen dreht sich fortwährend das Gestell eines riesigen Globus', aus dessen zweiter Halbseite ein ebenso gewaltiger Totenkopf modelliert ist. Ein Schwert mit Kreuzgriff steckt darin. Yoricks Schädel, gewiss, aber auch das Bild für Hamlets Welt im Kopf und für die kopflose Welt um ihn her, die – hier nach der Pause zunehmend verrückt – aus den Fugen gerät ("The time is out of joint..." steht in gotischen Lettern am unteren Rand der Rampe), sich in ihrer gefassten Form auflöst, Klarheit und Sinn einbüßt. Der Text taugt nur noch als Material für psychodynamische Schübe. "Hamlet" – eine Zersetzung.

Hauptfigur: der "Ober-Müller"
Jemand nimmt Witterung auf, schnuppert, äugt und argwöhnt hinter dem schwarzen Gaze-Vorhang hervor: Jürgen Sarkiss als Totengräber hat den ersten Auftritt in der Inszenierung von Pedro Martins Beja. Die Hände geisterhaft vor dem Oberkörper gespreizt, metallisch die Worte setzend (wo andere sie eher vernuscheln), zieht er im Prolog mit Heiner Müller, dessen Übersetzung programmatisch gewählt wurde, die geschichtspessimistische Linie vom Imperium Rom zu Shakespeares Helsingör. Er ist in dieser exaltierten, nie klein beigebenden, auch sich versteigenden Aufführung die wahre Hauptfigur, ist Prophet aus dem "Traumreich des Todes", Apokalyptiker, eine dem Untergang zugewandte Maske. Ist gewissermaßen der Ober-Müller.

hamlet1 560 thomasaurin uEike Weinreich, Torsten Bauer, Elisabeth Kopp, Sergej Lubic © Thomas Aurin

Die Bühne ist wahrlich ein Ort für Gespenster: düster, kalt blendende Spots, Gerüste mit Lichtbatterien, ein aufgeworfener Erdhügel, ein ausgehobenes Grab-Rechteck, in dem ein Tümpel steht. Nur Nacht und Nebel. Und die Nachtgestalten in festlichem Todes-Schwarz; bis auf Ophelia, die sich auch mit ein paar weißen Kleider-Fähnchen schmückt. Sie, der unruhige, in den Irrsinn abgetauchte Geist (Laura Angelina Palacios), die nach "Papa" schreit, behält, umstellt von Lemuren, nach drei Stunden auch das letzte Wort. Bereit sein ist alles: besonders fürs Sterben. "Hamlet" – ein Schauerstück, in dem es dröhnend Zwölf schlägt, hallt und schallt, wenn der auf der Erdkugel mit abgewandtem Gesicht sitzende Vater-Geist das tödliche Geheimnis preisgibt. Ein pompe funèbre mit den Leichen von Vater und Sohn Hamlet, Polonius, Ophelia und Laertes, Mutter Gertrud, Claudius.

Winterreise ins Hirn
Die oft dumpf aufschlagende Begleit-Musik (Jörg Follert) spielt ein paar Mal verstörend verfremdend mit Schuberts "Winterreise" und lässt im 17. Lied "Im Dorfe" die Ketten rasseln und es "zu Ende mit allen Träumen" sein. Eine weitere Schwärzung für diese Leichenbeschau, in die der Titelheld überraschend eine leichte Note bringt. Eike Weinreich ist ein seltsamer Prinz, hängt schlapp in seinem Anzug wie Watteaus berühmter Gilles, seine Worte haspeln ihm über die Zunge. Er teilt sich weniger durch seine wie nebenher laufenden Monologe mit, als mit seiner ganzen verwischten Gestalt. Alles muss raus aus seinem Hirn, damit der Platz frei wird für Gedanken und Gedenken an den Vater. Der Junge hält es im Kopf nicht aus – nichts von straffer Intellektualität oder körperlicher Elastizität. Am nächsten kommt er noch seinem Bochumer Hamlet-Bruder Dimitrij Schaad in Kapuzenjacke und Springerstiefeln, der vor ein paar Jahren unter Jan Klatas konfuser Regie nur noch maschinenhaft in Heiner Müller-Zungen reden und mühsam Buchstabenfolgen zusammenbringen konnte. Aber Weinreich bleibt defensiver, täppisch, störrisch, manchmal hintersinnig, auch komisch, wenn er sich mit Horatio, Ophelia und dem Totengräber anlegt oder abgibt.

Dann aber, in der Schauspielerszene / "Mausefalle", verlassen Pedro Martins Beja alle guten Geister. Wieder müllert es massiv, und die Inszenierung lässt im Führerbunker Hitler, Goebbels und eine blonde fette Germania pornografisch-possenhaft ferkeln; "Die heilige Familie" wird mit einem Dalida-Chanson, den Schlagworten Islamismus, Terrorismus und dem "Wir sind das Volk"-Slogan aufgepeppt. Solche bittere Pillen konnte der Oberhausener Apothekersohn Christoph Schlingensief besser und in stärkerer Dosis verabreichen. "Hamlet", hybrid – eine Kinderei. Unter zuckenden Licht-Blitzen, ungestüm und voll Überschwang geht alles zu Schanden – Laertes ficht mit dem Degen ins Leere hinein, Hamlet stirbt unter einem roten Blut-Guss, Ophelia orakelt finster. Vom Band läuft die Canzone "Azzurro" und lügt das Blaue vom Himmel, wo wir doch zu Schwarz-Sehern gemacht wurden. "Hamlet" – ein Jugendwerk. Man muss sich nur trauen.

Hamlet
von William Shakespeare
aus dem Englischen von Heiner Müller (Mitarbeit: Matthias Langhoff)
Regie: Pedro Martins Beja, Bühne: Volker Hintermeier, Kostüme: Elke von Sivers, Musik: Jörg Follert, Dramaturgie: Simone Kranz.
Mit: Torsten Bauer, Bastian Kabuth, Elisabeth Kopp, Sergej Lubic, Henry Meyer, Laura Angelina Palacios, Jürgen Sarkiss, Peter Waros, Eike Weinreich.
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.theater-oberhausen.de

 

Kritikenrundschau

Zwei einander konträr gegenüberstehende Kritiken finden sich auf dem Medienportal Der Westen (Zugriff 2.3.2015). Zum einen schreibt Thomas Becker von einer "wirklich originellen Inszenierung". Im Mittelpunkt des Schauspiels stünden "bei Pedro Martins Beja die Begegnung mit Tod und Vergänglichkeit sowie die Welt der Toten und ihre Macht über die noch Lebenden." Die jungen Schauspieler ließen "vor dem düsteren Jammertal (…) den inhaltsschweren Stoff dieses klassischen Werkes mit neuen Augen sehen." Ein "hervorragendes Ensemble" garantiere dafür, "dass Shakespeares 'Hamlet' immer noch ein großes Vergnügen sein kann, das die Auseinandersetzung mit dem Theaterstoff unbedingt lohnt."

Wolfgang Platzeck hingegen befindet auf derselben Plattform, Martins Beja vertraue "dem Inhalt, dem Gehalt des Shakespeareschen Textes nicht einmal in der Müller-Fassung" und suche "sein Heil in der Kunst vordergründiger Aktualisierung. Doch es ist mehr Künstlichkeit als Kunst – die Räder der Versatzstücke greifen nicht ineinander. Auch sonst hapert es bei der Verständlichkeit. Beja setzt große Emotion mit hohem Dezibelwert gleich." Allein Jürgen Sarkis als Totengräber verhindere, "dass die Inszenierung vollends zu Grabe getragen wird".

 
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