Konkurrenz produziert Einsicht

von Andreas Tobler

26. Juni 2015. Kolonialismus, Großspurigkeit, "reichlich vage Sachkenntnisse", "populistische Ressentiments", "lediglich durch den privaten Aufklärungs- und Kunstwillen (...) legitimiert": Die Vorwürfe waren zahlreich und heftig, die Esther Slevogt Ende des vergangenen Monats gegen Milo Raus "Kongo Tribunal" erhob, das der Schweizer Regisseur damals im Ostkongo ausrichtete und das ab heute Abend in den Berliner Sophiensaelen eine Fortsetzung erhält. Erklärtermaßen ist es das Ziel von Raus "Kongo Tribunal", anhand von konkreten Fällen die Ursachen der Misere zu untersuchen, die seit Jahrzehnten den Kongo im Würgegriff hält.

Formuliert hat Esther Slevogt ihre Kritik auf der Grundlage der Rede, die Rau zur Eröffnung seines "Kongo Tribunals" in Bukavu hielt – und die nachtkritik.de unmittelbar davor im Wortlaut publiziert hatte. Offen gestanden: Ich war überrascht, als ich Slevogts Replik auf meinem Laptop las, den ich in den Kongo mitgenommen hatte, um von dort aus als Journalist für das Schweizer Radio und die Schweizer Seiten der Zeit über das Theatertribunal zu berichten. Überrascht hat mich der Furor, mit dem ausgehend von der Eröffnungsrede und noch vor Beginn des eigentlichen Tribunals ein abschließendes Urteil über Raus Projekt gesprochen wurde, ohne dass die Autorin selbst die Möglichkeit gehabt hätte, ihr Verdikt am konkreten Verlauf der Verhandlungen zu überprüfen – denn Slevogt war nicht in den Kongo gereist.

Öffentliches Interesse wegen Dringlichkeit des Verhandelten

Also konnte sie nicht miterleben, wie in Bukavu Oppositionspolitiker und ranghohe Vertreter der kongolesischen Regierung, einfache Bäuerinnen und Minenarbeiter, Rebellenführer und NGOs zusammenkamen, um die kongolesische Misere zu beleuchten, und während drei Tagen Esther Slevogts Eindruck widerlegten, das "Kongo Tribunal" sei "lediglich durch den privaten Aufklärungs- und Kunstwillen des Theatermachers Milo Rau legitimiert". Das Gegenteil war der Fall: Während drei Tagen versammelten sich jeweils 500 Personen im Saal des Collège Alfajiri, um nonstop die mehrstündigen Verhandlungen zu verfolgen, die in Blöcken von bis zu fünf Stunden ohne Pause abgehalten wurden, was ich beachtlich finde.

TribunalBukavu2 560 AndreasTobler uPublikum im "Gerichtssaal" in Bukavu © Andreas Tobler

Nicht zuletzt, weil ich bei der Beobachtung von Milo Raus Zürcher Prozessen gerade die gegenteilige Erfahrung gemacht hatte: Als es 2013 im Theater Neumarkt um die Fragen ging, ob die rechtskonservative Zeitschrift "Die Weltwoche" sich der Schreckung der Bevölkerung, der Rassendiskriminierung und der Gefährdung der verfassungsmäßigen Ordnung schuldig gemacht hatte, gab es ein ständiges Kommen und Gehen; die Ränge des kleinen Theaters waren nur schwach und mit den üblichen Verdächtigen besetzt: "Weltwoche"-Journalisten, Experten, deren Angehörige, Theaternerds und einige Kritiker wie ich.

Offensichtlich gab es in Bukavu für die Anwesenden eine andere Dringlichkeit, dem Tribunal zu folgen und damit eine Öffentlichkeit für die verhandelten Fälle zu schaffen. Für Simone Schlindwein, Ostafrika-Korrespondentin der taz, war das "Kongo Tribunal" denn auch mehr als nur Theater: "In Ermangelung eines funktionierenden Justizsystems im Kongo" habe Raus Projekt "zum ersten Mal in der Geschichte die Frage nach der Verantwortung für die Verbrechen gestellt", sagt sie. Das genügt selbstverständlich nicht: Am letzten Prozesstag formierte sich vor dem Collège Alfajiri eine Gruppe Protestierender, die ein richtiges Tribunal forderten, das Sanktionen gegen die Täter und Genugtuung für die Opfer ermöglichen soll.

Legitimation durch Tradition: Verteidigung von Milo Raus Argumentation

Neben der Legitimation durch Interesse gibt es ein weiteres Argument, das für das "Kongo Tribunal" spricht – und das sind die "Russell-Tribunale", auf die sich Milo Rau beruft: Als Jean-Paul Sartre 1967 in Stockholm mit einer Rede das Tribunal eröffnete, ging er an zentraler Stelle auf die Nürnberger Prozesse ein, die mit der Eröffnung eines internationalen Strafgerichts etwas ganz Neues geschaffen hatten, dabei aber mindestens zwei Mängel in Kauf genommen hätten. Der erste Mangel der Nürnberger Prozesse bestand gemäß Sartre darin, dass sie letztlich nichts anderes gewesen seien als ein "ein simples Diktat der Sieger über die Besiegten", da die Alliierten über die Nazis Gericht gehalten hätten. In seiner Eröffnungsrede übernimmt Rau dieses Argument von Sartre, mit dem – so Esther Slevogt – "seit siebzig Jahren vornehmlich Rechte die Legitimation der Nürnberger Prozesse anzuzweifeln versuchen".

Der springende Punkt bei Sartres Argumentation ist aber, dass er die Legitimität der Nürnberger Prozesse nur deshalb in Zweifel zieht, um das einzufordern, was er 'Universalität' nennt: Gemäß Sartre hätte man es 1945 nicht bei der Anklage der Nazi-Verbrecher belassen dürfen. Vielmehr hätte man einen permanenten Gerichtshof einrichten müssen, der alle Verbrechen zur Anklage bringt. Darunter auch jene der Kolonialisten in Afrika und Asien, auf die Rau in seiner Eröffnungsrede verweist. Aber dies sei auf internationaler Ebene nicht möglich, da die staatlichen Abhängigkeiten zu stark seien, weshalb gewisse Vorgänge nie zur Anklage kämen. Das war für Sartre der zweite Mangel einer internationalen Justiz wie derjenigen von Nürnberg. Es bräuchte also einen Gerichtshof, der unabhängig von allen Staaten ist. Und genau hier setzt das "Russell-Tribunal" an: Es will alles verhandeln, was vom Standpunkt eines intellektuellen Engagements einen Anspruch darstellt. Die "Legitimität" des Tribunals ergibt sich dabei aus seiner Autonomie gegenüber der Staatsmacht. Deshalb ist es denn auch notwendigerweise machtlos im juristischen Sinne, da das Gewaltmonopol, das zur Vollstreckung von Urteilen notwendig ist, beim Staat bleibt.

Der Gouverneur als Zuspätkommer

Mit seiner Rede zur Eröffnung seines "Kongo Tribunals" versucht sich Rau also durch die Tradition zu legitimieren, wobei man die "Russell-Tribunale" kritisieren darf – wie man selbstverständlich jedes intellektuelle Engagement als anmaßend empfinden und infrage stellen kann. Eine wirkliche Kritik lässt sich meiner Meinung nach aber nur anhand des konkreten Projekts formulieren, also auf dem Hintergrund von Erfahrungen im Theatergerichtssaal, die im Fall von Raus "Kongo Tribunal" in Bukavu widersprüchlich bleiben: Denn an jedem Tag ließ der Gouverneur als Vertreter der Regierung das Publikum und die Produktionsgesellschaft spüren, dass er es war, der das "Kongo Tribunal" in Bukavu erst möglich machte. Am ersten Prozesstag kam er eine Stunde zu spät, weshalb die Verhandlungen verzögert beginnen mussten. Und vor jeder Sitzung gab es Diskussionen zwischen seiner persönlichen Mitarbeiterin und Raus Produktionsgesellschaft, wie viele Sitze die Entourage des Regierungsstaathalters in Anspruch nehmen kann, was offensichtlich wichtig war – gegenüber den Medien und der politischen Opposition, darunter deren Kandidat für die anstehenden Präsidentschaftswahlen im Kongo.

TribunalBukavu1 560 AndreasTobler uZeugenaussagen vor Publikum und Kamera © Andreas Tobler

Angesichts dieser Machtdemonstrationen des Gouverneurs könnte man den Anspruch der Unabhängigkeit von Raus Tribunal infrage stellen. Denn mit seinem Gebaren zeigte der Gouverneur deutlich an, dass die Autonomie des "Kongo Tribunals" eine gewährte und daher auch begrenzte ist. Im Widerspruch zu solchen Machtdemonstrationen erhoben sich die Regierungs- und Oppositionsvertreter aber immer, wenn der Vorsitzende des Gerichts den Saal betrat, oder sie verstummten, wenn er mit seinem Hämmerchen Ruhe einforderte. Und alle Anwesenden setzten sich den Befragungen durch die internationale Expertenjury aus. Darunter auch der Innenminister der Provinz Süd-Kivu, der zu Protokoll gab, er wisse nicht, ob die Polizei in jener Nacht im Dienst war, als das Massaker geschah, das Rau mit seinem "Kongo Tribunal" untersuchen wollte. Geraune im voll besetzten Saal.

Kunstwillen spielte Nebenrolle

Letztlich war Milo Raus "Kongo Tribunal" in Bukavu nichts anderes als ein soziales Dispositiv, das durch sich überkreuzende Interessen ermöglicht wurde – und angesichts derer Esther Slevogts Kolonialismus-Vorwurf nicht haltbar ist: Es waren die verschiedenen Interessen, die Konkurrenz und die Rivalitäten, die Gruppierungen wie die Regierung und die Opposition, die NGOs und die Angestellten von Minenunternehmen in einem Saal zusammen brachten – nicht Raus "finsterer Kunstwillen". Und es war diese Konkurrenz ("Wenn der hier ist, will ich auch kommen") und nicht zuletzt die juristische Konsequenzlosigkeit der Kunst, die Einsichten und Geständnissen zuließen, die in einem regulären Prozess kaum möglich gewesen wären. "Hat ihre Miliz vergewaltigt?", wurde der Vertreter einer Rebellentruppe gefragt. "Die kongolesische Armee vergewaltigt auch", entgegnete der Befragte, der zwecks Anonymität verschleiert auftrat.

Ob sich beim Berliner "Kongo Tribunal" nun wiederum ein solch wildes Geflecht aus sich überkreuzenden Interessen ergeben wird, muss sich zeigen. Ein weiterer Streit über die Legitimität von Milo Raus "Kongo Tribunal", aber auch anderer Projekte, wäre wünschenswert. Gerade in Westeuropa, wo im Kunst- und Theaterbereich vieles nur stattfindet, weil es finanzierbar ist und eine Geschmacksgemeinde findet, die sich dafür interessiert.

Mehr zum Kongo Tribunal:

Milo Raus Eröffnungsrede zu "Das Kongo Tribunal", hier auch auf Französisch.

Die Kritik der Rede von Esther Slevogt.

Presseschau vom 11. Juni 2015Die Zeit berichtet aus Bukavu von Milo Raus Kongo Tribunal

Andreas Toblers Erträge von seiner Reise in den Kongo  sind auch in einer Sendung des Schweizer Rundfunks SRF 2 nachzuhören.

 

 
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