Vom Industriewagon zum Proust-Sektsalon

von Martin Krumbholz

Gladbeck, 21. August 2015. Die Maschinenhalle Zweckel in Gladbeck hat nichts von ihrem Zauber verloren. Auch wenn anfangs die Sonne durch die hohen Fenster dieser Industriekathedrale direkt auf die Tribüne scheint und das Publikum blendet: Die Aura des Raums ist einzigartig. Als Spielort für Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ wirkt sie freilich kontrapunktisch und letztlich etwas beliebig. Die Imagination eines Salons muss in der Inszenierung des polnischen Regisseurs Krzysztof Warlikowski mühsam hergestellt werden – durch eine Sektbar und einen fahrbaren Glaskasten – und sich gegen die unübersehbaren Überbleibsel dieses Orts schwerer körperlicher Arbeit behaupten. Warlikowski, an dessen Proust-Adaption hohe Erwartungen geknüpft wurden, nutzt den Kontrast nicht, er übersieht ihn.

Wo einst Fabrikarbeiter schwitzten, wird jetzt Prousts Monumentalwerk gewuchtet

Was überhaupt interessiert den 53-jährigen Regisseur an Prousts Monumentalwerk, dem er sich mit der zugleich bescheiden und anmaßend klingenden Formel "inspiriert von" nähert? Ist es vielleicht ein eng zugeschnittener thematischer Aspekt, wie eine Bemerkung über Michel Houellebecq im Programmheftinterview nahelegt – der eine, Proust, habe das 20. Jahrhundert eröffnet, der andere, Houellebecq, das 21.? Kaum.

Zwar beginnt der Abend, nach einer für die Zeit um 1900 typischen spiritistischen Sitzung zur Einstimmung, mit einem langen Monolog des Ich-Erzählers (Bartosz Gelner) über Homosexualität, in jenem denkwürdigen Proust-Sound, gemischt aus Camouflage und Enthüllung, wobei von "Sodomie" und von "Pervertierten" die Rede ist sowie von dem Zwang und den vorhandenen Mitteln, sich zu verstecken und vor der Ächtung der Gesellschaft zu schützen. Die Beiläufigkeit und betonte Unterspannung, mit der der Schauspieler, dem Publikum den Rücken zugewandt, diesen klugen kleinen Essay darbietet, ist interessant und macht hoffen auf eine Proust-Performance, die sich um Vollständigkeit und komplette Wiedergabe des Stoffs den Teufel schert.

Franzosen 1 560 Tal Bitton xMit Demut und Anmaßung: Krzysztof Warlikowski inszeniert Marcel Proust auf der Ruhrtriennale, Jacek Poniedziałek als Charlus und Agata Buzek als Marie von Guermantes.
© Tal Bitton

Aber leider, die Hoffnung trügt. Je länger der Abend dauert (fünf Stunden incl. zweier Pausen), desto mehr setzt sich die schlichte Erkenntnis durch, dass Warlikowskis Fassung natürlich auswählt, anders geht es ja nicht, dass aber doch sämtliche wichtigen Romanfiguren – mehr als ein sattes Dutzend – auftreten und sich ihren Anteil am üppigen Proustadaptionskuchen sichern sollen. Hat man anfangs noch geglaubt, das Thema Ausgrenzung der Minderheiten – Juden und Homosexuelle – bilde den eigentlichen Fokus, entpuppt sich diese Erwartung bald als Flop.

Warlikowski geht es nicht nur um den ganzen Proust, indem er exemplarisch einzelne Episoden mit recht konventionellen szenischen Mitteln illustriert. Der ganze Proust soll zudem auch noch so fett wie möglich mit Bild- und Musikmaterial aller Art zugekleistert und aufgepeppt werden; was das betrifft, kennt der Regisseur keine Scham, von Richard Straußens "Zarathustra" mit seinen Trommeln und Posaunen bis hin zu Paul Celans kostbar deklamierter "Todesfuge" darf hier nichts fehlen, was im europäischen Kulturgut der letzten hundert Jahre nennenswert scheint. Die aufklärerischen Komponenten des Textes werden überdies mit Metaphern aus Flora und Fauna, von Blütenstengeln bis zu Seepferdchen, untermalt und optisch befestigt.

Wenn Poetisches zur Plattitüde gerinnt

Die Eifersucht in allen ihren Schattierungen wäre ja auch ein Thema, das sich durch den Roman zieht (dessen sämtliche Einzeltitel übrigens genannt und nacheinander abgehandelt werden), aber auch hier schreckt Warlikowski vor einem energischen Zugriff zurück. Und seltsam, Prousts so ungemein gescheite Sätze klingen plötzlich, wenn man sie zusammengeballt auf einem Übertitelscreen liest, was sehr mühsam ist, beinahe wie Plattitüden. "Sie sind ein so besonderer Mensch, so anders als die anderen – und ich weiß ja, wie die Frauen sind!"

Es stellt sich hier am Rande grundsätzlich die Frage, wie sinnvoll es ist, eine polnische Aufführung eines französischen Textes vor deutschem Publikum zu präsentieren, was den Zuschauer zwingt, ständig auf die Übersetzung (komplexer Dialogzeilen) zu schielen und zwangsläufig manches von dem zu verpassen, was sich auf der Bühne hier und da abspielen mag. Interkulturalität ist sicher eine lobenswerte Sache, gerade auf der Ruhrtriennale, aber in diesem Fall mutiert sie fast ein wenig zur Parodie ihres eigenen Anspruchs.

Warum heißt das Ganze nun "Die Franzosen" und nicht "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit"? Es erschließt sich nicht so recht, ist aber wohl charakteristisch für die Mischung aus Demut und Anmaßung, aus einem Zuviel und zu wenig, das diesen vorgeblich von Marcel Proust lediglich "inspirierten" Theaterabend ausmacht.

 

Die Franzosen
nach Marcel Prousts Roman "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit"
in einer Fassung von Krzysztof Warlikowski und Piotr Gruszczynski
Regie: Krzysztof Warlikowski, Bühne, Kostüme: Malgorzata Szczesniak, Licht: Felice Ross, Originalmusik: Jan Duszynski, Choreografie: Claude Bardouil, Video: Denis Guéguin, Grafikanimation: Kamil Polak, Dramaturgie: Piotr Gruszczynski.
Mit: Magdalena Cielecka, Marek Kalita, Agata Buzek, Maciej Stuhr, Jacek Poniedzalek, Mariusz Bonaszewski, Ewa Dalkowska, Malgorzata Hajewska-Krzysztofik, Zygmunt Malanowicz, Bartosz Gelner, Maja Ostaszewska, Claude Bardouil, Piotr Polak, Maria Lozinska, Wojciech Kalarus, Michal Pepol.
Dauer: 5 Stunden, zwei Pausen

www.ruhrtriennale.de

 

Kritikenrundschau

Für Deutschlandradio Kultur hat Dorothea Marcus die Aufführung besucht. Sie schreibt (21.8.2015): Die feine Gesellschaft stehe unter einem Glaskasten und plappere sich besinnungslos in den Abgrund, "rassistisch, ermattet, gelangweilt und sexgeil" – "ein schlichtes und schönes Bild für die Ignoranz des reichen Europas". Warlikowski ziehe einen roten Faden durch die "gewaltige Erzählung", aus den "berühmtesten Szenen" kreiere er "große Schauspielermomente". Darunter liege ein "melancholischer, klagender Ton, die Diagnose einer Endzeit, ein Abgesang auf Europa". Das wäre nicht originell, wenn Warlikowski nicht doch auch feiere, "was Europa ausmacht: die Kunst." Einer der grandiosesten Momente des Abends: wenn der Cellist Charles Morel (am echten Cello: Michal Pepol) im Salon aufspielt.

Auf welt.de (23.8.2015) schreibt Stefan Keim: endlich gehe es mal nicht um "Liebeleien, Eifersucht und Migräne. Sondern um die existenzielle Bedrohung der westlichen Welt". Der erste Teil sei zwar fast "pures Konversationstheater" und man käme beim "Wahnsinnstempo" der polnischen Schauspieler mit dem Übertitel lesen und auf die Szene schauen einfach nicht mit. Doch werde es nach der Pause besser, weil Warlikowski nun Bilder inszeniere. In der Mitte gebe es ein Cellokonzert des – von Proust erfundenen – Komponisten Charles Morel, verbunden mit einem Videoclip. Dieser Film mit Livemusik sei das "optische Zentrum des Abends, Schönheit und Zerstörung bilden eine Einheit". Das wunderbare Ensemble entwickle oft erotisches Flair. "Trotz ihrer moralischen Desorientierung macht es auch Freude, diesen Menschen zuzusehen." Ein "komplexer und anstrengender, ein faszinierender und lohnender Theaterabend".

Bildmächtiges, "großes, klassisches und ganz und gar ironiefreies Schauspielertheater" hat Regine Müller von der taz (24.8.2015) in Gladbeck erlebt. Warlikowski "sieht fatale Parallelen zwischen Prousts dekadenter Fin-de-siècle-Gesellschaft und dem heutigen Hedonismus. Er präpariert die antisemitischen Passagen zur Dreyfus-Affäre aus dem Roman heraus und deutet die Abgrenzungsstrategien gegenüber unliebsamen Minderheiten (damals wie heute) als untrügliche Vorzeichen kommender elementarer Umwälzungen", so die Kritikerin. "Trotz Längen ein starker Abend und grandioses Schauspielertheater."

"Warlikowski ist ein Meister der Abläufe", schreibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (24.8.2015); "neben dem Gehörten gibt es hier eine Video-Bilderflut, bestehend aus Filmküssen, gleichgeschlechtlichen wie heterosexuellen, aus Blüten, die von Insekten begattet werden. Das steht alles so bei Proust, hier wird es zu einer durchorganisierten, bewusst ästhetisierten Bilderoper. Warlikowski hat ein sehr aufgeschlossenes Verhältnis zum Pathos." Der Vorgang des Erinnerns, der bei Proust so zentral ist, spiele bei Warlikowski keine Rolle, "da die Aufführung das Erinnerte zum unmittelbaren Geschehen erhebt. Hier erlebt man nicht die Imagination einer Welt, sondern diese Welt selbst, als monströse, überbordende, krass durchgeformte Reportage."

Andreas Rossmann von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (24.8.2015) beklagt die Unmöglichkeit, "eine Inszenierung zu besprechen, deren Sprache er nicht versteht“. Es werde hier ein Panorama "des Fin de Siècle komponiert". Und: "Das große, fabelhaft ausgeglichene und an Persönlichkeiten reiche Ensemble wird bis zur 'wiedergewonnenen Zeit', wenn die Gesellschaft vergreist und vollends verknöchert ist, differenziert unter Spannung gehalten. Inwieweit darin aber auch, so der Anspruch, ein Abgesang auf Europa anklingt“, bleibe fraglich. "Ohne Verständnis der Sprache muss der Eindruck der Inszenierung unvollständig und vorläufig bleiben."

 Warlikowski "ist ein Bildererzähler, ästhetischer Brandstifter und gegenüber Kitsch und Pathos nicht ungefährdeter Verstörungskünstler“, berichtet Andreas Wilink auf Spiegel Online (24.8.2015). Der Abend beginne mit der Figur des Alfred Dreyfus und den Formen der Mimikry in Zeiten von Homophobie und Antisemitismus. Er choreographiere im zweiten Teil "das erotische Grenzgängertum zwischen den Geschlechtern, Klassen und Rassen" und halte im dritten Teil "Gerichtstag" über "den 'Bankrott' Europas" und verdamme "kulturpessimistisch die Verkommenheit der Epoche". Zum Schluss seufzt der Kritiker auf: "Totale Erschöpfung!"

Auch für Max Florian Kühlem von der Rheinischen Post (24.8.2015) ist dieser Abend ob seiner sprachlichen Bedingungen "eine Zumutung". Der Kritiker gibt zu Protokoll, "dass nach etwa zwei Stunden vom wechselnden Blick ins helle Inszenierungslicht und auf die matten Obertitel die Augen brennen und es unmöglich wird, dem Geschehen zu folgen, diesem Reigen aus Prousts Jahrhundertwende-Figuren, die langsam ins Heute driften und zum Schluss als Untote an der Rampe sitzen."

Ein "anstrengender Abend" ist es für Svenja Suda vom Onlineportal der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung derwesten.de (24.8.2015). In polnischer Sprache "entfaltet sich ein Sprachgewebe mit schier unzähligen Verknüpfungen. Politik, Geschichte, Antisemitismus, Homosexualität, Intoleranz, Tod und Kunst, Leidenschaft und Liebe: Themen, die in oft brutaler Bösartigkeit vor den Zuschauern ausgebreitet werden. Der Niedergang wird beschrieen."

Warlikowski habe mit seinen Schauspielern "eine lange freie Assoziation" entworfen, schreibt Edda Breski im Westfälischen Anzeiger (24.8.2015): "gesellschaftliche Konfliktlinien, um die Warlikowski quasi herumdenkt. Das ist spannend, führt aber in die Überfrachtung und endet in Starre."

"Die Regie will an diesem Abend alles auf einmal: Dritte Republik und Gegenwart, Antisemitismus bis in höchste Gesellschaftsschichten, sexueller Liberalismus, aber auch Eifersüchteleien, Beziehungsdramen und versteckte Gewaltausbrüche", fasst Hans-Christoph Zimmermann in der Neuen Zürcher Zeitung (25.8.2015) zusammen. Sie wolle zu viel – und verpasse ob all des Geplauders die Zuspitzung. Man frage sich, ob Warlikowski nicht selbst einem undifferenzierten Konservatismus frönt: "Reicht Putzen als Charakteristik des Bürgertums? Homosexualität, Antisemitismus, Esoterik, Dekadenz, Kulturpessimismus – reichen diese Symptome zur Diagnose einer Krise, und lassen sich Gestern und Heute derart lässig kurzschliessen? Und wofür steht am Ende der Monolog von Racines Phädra über die Liebe zu ihrem Stiefsohn?"

 
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