Viel Glück, du neues politisches Zentrum!

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 31. Oktober 2015. Nach dem Volkstheater und dem Brut wurde nun auch am Schauspielhaus Wien die Spielzeit und eine neue Intendanz eröffnet. Während das Volkstheater mit der Leitung von Anna Badora lediglich eine neue Publikumstribüne bekam, wurde im Brut und Schauspielhaus deutlicher auf räumliche Veränderung gesetzt. Das Brut ist mit Kira Kirsch im Aussehen grau und seriös geworden, das Schauspielhaus mit Tomas Schweigen als neuem künstlerischem Leiter rot und grün. Das ist nicht ganz so seriös und vielmehr optisch übel, aber nach der Eröffnungspremiere "Punk & Politik" ein Spruch aus dem Volksmund: Don't you judge that book by its cover!

Naja, eigentlich hat der Abend wenig mit einem Buch zu tun (wenn, dann am allermeisten mit "Der Europäische Landbote" von Robert Menasse), sondern ist eine Stückentwicklung von Tomas Schweigen und Ensemble. Sieben Schauspielende gehören zum Ensemble, und der Bühnenbildner Stephan Weber spielt an diesem Abend, im T-Shirt mit Schauspielhaus-Sujet, als er selbst auch noch mit.

Superseriöse Leichtfüßigkeit

Da, wo Bühne war, sitzt das Publikum auf einer Tribüne. Da, wo Tribüne war und wo noch immer der Eingang ist, steht die nachgebaute Fassade des Schauspielhauses detailgetreu als Bühnenbild da. Vor diesem Schauspielhaus-Fassaden-Double, durch welches das Publikum zu den Plätzen nach draußen, vor das Double kommt, wird Wirkmächtigkeit von Theater behauptet.

Dass nämlich Theater als gesellschaftliches Ereignis sehr wohl politische Ausblicke tätigen und aktivistische Positionen einnehmen könne. Darum geht's, erstmal grob gesagt, und deswegen ist der Abend im Anliegen eigentlich superseriös. Das "eigentlich" rührt aus der Leichtfüßigkeit, Weitläufigkeit und vor allem dem überschwänglichen Humor der (böse Zungen sagen:) Nummernshow bzw. der (Engelszungen sagen:) Doku.

PunkundPolitik1 560 Matthias Heschl uNeuanfangen am Schauspielhaus und in Europa: "Punk und Politik" © Matthias Heschl

Zwischen all den Lachern lassen sich zwei große Sinnstränge ausmachen. Zum einen der politische Beispielfall: Der isländische Komiker Jón Gnarr war von 2010 bis 2014 Bürgermeister von Reykjavík. Seine Partei ("Die beste Partei") startete als Witz, als Anti-Programm zu einer elitären und potentiell korrupten Politik. Aus Witz wurde Ernst und aus einem Komiker ein Bürgermeister – eine solche DIY-Attitüde sucht der Abend vorzustellen. Und startet folgerichtig mit den Schauspielenden in Klarnamen, die sich mit dem Anfangen (weil's ja wirklich ihr Anfang am Schauspielhaus ist, ist's der erste Lacher des Abends) schwer tun und erstmal diskutieren, was sie hätten tun können, wenn sie hätten wollen würden sich beschäftigen mit Politik. Der verwuschelte Konjunktiv ist der zweite Lacher. Stimmt ja eh, tun sie doch.

Politische Positionsbeziehung

Der zweite Sinnstrang liegt in der aktivistischen Positionsbeziehung. Und die hat was mit Menasse zu tun. In seinem Essay "Der europäische Landbote" fordert er eine "nachnationale Demokratie" und plädiert für Identität – in der Regionalität. Auf der Bühne kommt Menasse nicht nur in den textlichen Reflexionen über die Möglichkeit eines Endes von nationalstaatlichem und also dem Beginn eines europäischen (was in diesem Zusammenhang immer "solidarisch" meinen will) Denkens vor, sondern auch in Videoaufnahmen von einem Interview. Auf ebendiese Video-Weise präsent sind auch Jón Gnarr (der echte) und Victoria Kupsch von der Initiative european-republic.

Darin liegt jetzt wirklich die aktivistische Positionsbeziehung, da werden auch Flugblätter geworfen, was einer der vielen zauberhaften Theatermomente des Abends ist. Ein anderer: wenn alle sieben als Clowns verkleidet versuchen, die Übersetzungsproblematik der EU anhand von Beispielwitzen zu verdeutlichen, und dabei gleichzeitig ein großes Übersetzungsdurcheinanderchaos veranstalten.

Die FPÖ als großer Witz

Was wäre, wenn wir anfangen würden, nachnational zu denken? Und was wäre, wenn die Theater Europas dieses Denken vorantreiben würden? So berichten weitere Videos von dem Vernehmen der frohen Botschaft an vielen Theatern Europas. Menschen vor diesen Häusern rufen nach Wien (Zitat ungefähr): Viel Glück, Schauspielhaus, du neues politisches Zentrum! Diese fröhlichen Ermutigungen sind Teil der Vorwegnahme der Utopie von solidarischem Handeln, an welcher sich der Abend versucht.

Darum geht's, noch immer grob gesagt. Auch geht es um den Neuanfang am Schauspielhaus, sieben Schauspielende stellen sich als Bande vor, stellen sich als politisch engagierte Menschen und als Schauspielende vor. Auch geht es um die Infragestellung von diesem Neuanfang, von politischen Ausblicken und aktivistischen Positionen im Theater. Am Ende steht aber nicht höflich distanzierende Ironisierung, sondern heftig engagierter Humor. Wenn Krise Chance heißen kann, dann wider die Angst am besten mit Humor. Mit theoretisch-geschichtlich versiertem und doppelbödigem Humor. Herrlich HC Strache: In einem Video zum Bundeskanzler montiert spricht er über die FPÖ als großen Witz, der die Menschen bloß zum Wählen motivieren wollte, um dann die eigentliche Politik, nämlich die solidarische betreiben zu können – genau mit solchem Humor wider die Belanglosigkeit und für ein Theater, das wirkmächtig sich selber und Gesellschaft macht. Ich halte das für eine gute Strategie.

Punk & Politik
von Tomas Schweigen & Ensemble
Regie: Tomas Schweigen, Bühne: Stephan Weber, Kostüme: Anne Buffetrille, Musik: Jacob Suske, Video: Tim Hupfauer, Dramaturgie: Anna Laner, Tobias Schuster.
Mit: Simon Bauer, Sebastian Schindegger, Vera von Gunten, Steffen Link, Jesse Inman, Sophia Löffler, Stephan Weber, Vassilissa Reznikoff.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.at

 

 

Kritikenrundschau

"Die reuelose Freude eines Kindergeburtstages erfasst jeden, der sich dieser Tage an der politisch gemeinten Talk-Revue 'Punk & Politik' ergötzt", schreibt Ronald Pohl im Standard (2.11.2015). Der Kritiker selbst ergötzte sich nicht. "Sieht man von ein paar prächtigen Video-Einspielungen mit dem kettenrauchenden Brüssel-Experten Robert Menasse ab, ist das alles bräsiges Politkabarett. Spaßeshalber gründen die Politaktivisten eine Internationale der Herzen, mit Filialen in den Theatern von Graz bis Aachen. Treuherzig ist das, die Liddeckel flattern vor lauter Augenzwinkern."

Tomas Schweigens reflexiver Politabend lädt Thomas Kramar in der Presse (online 1.11.2015) zu einem generellen Einleitungsstatement ein: "Zu den ödesten Erlebnissen, die einem Theater bescheren kann, zählt es, wenn Schauspieler – meist auf Geheiß eines experimentierfreudigen, aber ideenarmen Regisseurs – auf der Bühne darüber reflektieren, warum sie denn dort stehen." Abgedrosche Politphrasen hat er vernommen und "kindischem Schlingensief-für-Arme-Aktivismus" beigewohnt. Fazit: "Und wer den Geist von Punk nicht versteht, soll ihn nicht beschwören."

 Die Eröffnungsproduktion von Tomas Schweigen am Schauspielhaus sehe aus, "als hätte eine freie Gruppe ein Stadttheater übernommen und wüsste jetzt nicht so recht, was sie damit anfangen soll", schreibt Wolfgang Kralicek in der Süddeutschen Zeitung (3.11.2015). Zwar nötigt die "Chuzpe, ein Theater mit einem solchen Anti-Theaterabend zu eröffnen", dem Kritiker "Respekt" ab. Aber der Ansatz führe nicht weit. "Was selbstreferenziell gemeint ist, wirkt irgendwann nur noch selbstverliebt. 'Punk & Politik' ist nicht besonders punkig, und auch das Politische ist mehr eine Behauptung."

 

 

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