König Krabat kämpft um Sachsen

von Hartmut Krug

Chemnitz, 10. Dezember 2015. Ein Fernsehmoderator stimmt sich auf seine Sendung ein und probt seine Posen, Positionen und Texte. Die Bierdose wird aufgerissen, die Beine werden auf den Studiotisch gelegt, und dann wird cool nachgedacht. Hier soll es um das Minsker Friedensabkommen gehen und um den "Kampf der Kulturen", den der Politologe und damalige außenpolitische Berater der Regierung in Washington Samuel Huntington Mitte der 1990er Jahre "treffend beschrieben" habe. Natürlich soll vor allem über die Aktualität seiner damals heftig umstrittenen These diskutiert werden, nicht Ideologien, sondern Kulturen bestimmten die Weltordnung.

Wenn die junge Mitarbeiterin Lisa mit Themenvorschlägen für einen Beitrag über den 11. September kommt, geht es dem Moderator aber nicht um Analyse, sondern um fertige Meinungen. Sein Motto: "Also Muslime haben ja generell Probleme, friedlich mit ihren Nachbarn zusammen zu leben." Statt einer Sendung, die sich mit den vielen angeblichen Widersprüchen und offenen Fragen von 9/11 beschäftigt, stimmt er schließlich einem Beitrag über die überlebenden Feuerwehrleute zu.

Potpourri der Politik

So wissen wir, während Lisa von ihm ignorant und arrogant mit immer anderen Namen angeredet wird, wie westlicher Journalismus geht. Die Fernsehsendung und Minsk spielen dann aber keine Rolle mehr, denn nun arbeitet sich René Schmidts Inszenierung, die durch Improvisationen mit den Schauspielern erarbeitet wurde, durch ein Potpourri von politischen Themen. Nicht eine direkte Auseinandersetzung mit Samuel Huntingtons Buch wird gezeigt, sondern allerlei politische Haltungen werden kritisch und kabarettistisch ausgestellt. Das Ganze: eine politische Nummernrevue. Auf einer Bühne, die mit ihren Bullaugen und einem Rettungsboot wie ein Schiffsraum wirkt. Dazu passt, Stichwort "Herz der Finsternis", dass hier oben ein Mann herumklettert, der von einem in den Urwald hinein schießenden Kriegsschiff, von ausgemergelten Schwarzen und Elfenbein raunt.Clash3 560 DieterWuschanski uHinterm Zaun: Lysann Schläfke, Christian Ruth und Dominik Förtsch © DieterWuschanski u

Während unten der Neoliberalismus und Privatbesitz erklärt werden. Der Mann und die Frau vom Anfang trinken nun Kaffee und benutzen dies zu einem wirtschafts- und umweltpolitischen Streit. Welcher Kaffee schmeckt besser, welcher ist fairer, welcher umweltfreundlicher, welcher unterstützt die Kaffeebauern stärker. Sogar mit der Behauptung "Mein Kaffee kümmert sich um meine Katze" werden Punkte gemacht. Viele der aufklärerischen politischen Sketche des Abends wirken durch ihre Überdrehung in die Absurdität. So muss eine Frau, die eine Beschwerde, wo auch immer, eingereicht hat, die verrücktesten Fragen beantworten – bis man ihr Gebiss fotografiert. So macht Bürokratie jeden Widerstand klein.

Wasser aus Afrika

Und nachdem zum Thema "Privatbesitz ist geil" erst eine Rolex und handgenähte Schuhe stolz präsentiert worden sind, geht es im wagemutigen Übergang (Geld zieht Geld an) zu Haltungen von Angela Merkel – natürlich mit Raute. Schließlich wird von der Privatisierung des Wassers als einem Geschäftsmodell erzählt, bei dem Wasser in Afrika gezapft wird.
Gespielt wird mit Intensität, doch meist dominiert das Plakative über das Komödiantische. Dass in einer längeren Szene schlechte rassistische Witze erzählt werden, scheint entbehrlich. Und der Kampf der Kulturen wird allzu langwierig als Tischspiel zwischen Westen und Russland gezeigt, bei dem es zum Sprung auf andere Kontinente kommt.

Wenn die drei Darsteller schließlich in einer Szene bei der Kolonisierung von Sachsen (Achtung: Kritik an Rohstoffgewinnung und Kolonialismus!) englische und amerikanische Töne hören lassen, dann wirkt die Pointe doch arg vorhersehbar: Der eine bekommt das Riesaer Diamantenflöz, der andere das Erzgebirge, und der dritte wird König Krabat der Erste in der Lausitz ... Gelegentlich stehen eben darstellerischer Aufwand und Erkenntnis- wie theatralischer Gewinn in keinem überzeugenden Verhältnis.

Am Ende müllert es

Bevor es um Flüchtlinge und Cegida (die Chemnitzer Variante von Pegida) geht, wird im kleinen Theaterraum ein Zaun zwischen offener Bühne und Zuschauern gezogen. Christian Ruth und Dominik Förtsch durchtoben die Möglichkeiten, in allen Lebenssituationen und bei allen Körperhaltungen den Hitlergruß zu zeigen. Und Lysann Schläfke wechselt furios zwischen der Figur einer Frau, die Verständnis für Flüchtlinge zeigt, und einer Flüchtlingsgegnerin. Das ist eine Szene mit dialektischem Witz und spielerischem Feuer, wie man sie sich an diesem Abend öfter gewünscht hätte. Der ist dann aber doch sympathisch, informativ und anregend genug, als dass es noch Heiner Müllers befreiungsunwilligen Prometheus gebraucht hätte, der am Schluss allzu bedeutsam die Muskeln der tieferen Bedeutung spielen lässt.

 

Clash Of Civilizations
Ein Experiment
Uraufführung
Regie und Bühne: René Schmidt, Kostüme: Hannah T. Förtsch, Dramaturgie: Kathrin Brune, Musik: Steffan Claußner, Choreographie: Monika Meyer.
Mit: Christian Ruth, Dominik Förtsch, Lysann Schläfke
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.theater-chemnitz.de

 


Kritikenrundschau

Das "ambitionierte Stück" geife "viele Themen auf, doch es sind zu viele", schreibt Marianne Schultz in der Freien Presse (12.12.2015). "Gespielt wird schlaglichtartig in rasendem Tempo. Dabei sind einzelne Szenen wirklich große Klasse und angesichts der großen Textmenge eine Herausforderung", so die Kritikerin. Aber: "Dass sich die Bundeskanzlerin von BASF und VW instrumentalisieren lässt, bleibt hingegen eine Behauptung, die, solange nicht Ross und Reiter benannt sind, billiger Klamauk ist." Die Kritikerin geht weitere Szenen durch, um dann zu resümieren: "Hätte man doch nur einen dieser Fäden gesponnen! So bleibt es vorzügliches, redegewandtes Politkabarett."

 

 

 
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