Wilde Zonenkinder

von Ralph Gambihler

Leipzig, 13. April 2008. Walter ist der erste, der mit dem Leben bezahlt. Er stellt sich dazu breitbeinig auf die Bühne, fixiert das Publikum und blickt entschlossen einer anstehenden Ritualhandlung entgegen, die etwas mit dem randvollen Maßkrug zu tun haben muss, den Walter in der Hand hält. Der Junge lässt sich Zeit. In seinen Blicken liegen Verachtung und Triumphgefühle. Dann setzt er den Krug an und zischt das Bier mit zwei langen Zügen weg.

Als das Glas leer ist, ist der Saal heiter. Das Schausaufen bekommt den einzigen Szenenapplaus des Abends. Sekunden später springt Walter mit Karacho durch die Kulisse und hinterlässt eine Blutspur an der Wand. Der junge Mann ist nun tot, der Applaus verstummt. Es war, so erfährt man, ein roter VW Jetta, mit dem er ins Jenseits raste – geklaut natürlich.

Rabenschwarzer Report

Die Szene ist punktgenau kalkuliert. Sie gehört zu den stärkeren Momenten im neuesten Menschenpanorama von Armin Petras, das als Koproduktion von Schauspiel Leipzig und Maxim Gorki Theater Berlin in Leipzig anlief. Petras zeigt sich einmal mehr als Spezialist für prekäre Ostexistenzen. Zusammen mit der Dramaturgin Carmen Wolfram hat er Clemens Meyers Jugendbandenroman "Als wir träumten" auf bühnenverträgliche 110 Minuten Spielzeit reduziert, zwei Jahre, nachdem der Leipziger Jungautor damit erstmals die Feuilletons in Wallung brachte.

Die Romanvorlage ist bezwingend, weil Meyer darin eine Sprache gefunden hat für das Lebensgefühl einer Jugend, deren abenteuerliches Abdriften mit dem Umbruch von 1989 zusammenfällt. Dani, Mark, Rico, Walter und Stefan alias Pitbull, das sind die Akteure in einem rabenschwarzen Report über Kinder der Orientierungslosigkeit, die irgendwo zwischen Pionier-Ehrenwort, Praline-Erotik und Fußball-Prügelei ihren Absturz erleben. Man kann das Buch als Wenderoman lesen, als Adoleszenz- und Cliquendrama, als Tragödie über Drogen und Gewalt oder, wie der Autor in einem Interview empfiehlt, als "Saga von Liebe, Freundschaft und Verrat". Aber wie man es auch dreht: das Vibrato dieser Prosa lässt sich damit kaum erfassen, diese Musik der Straße, unter der die Begriffe schlaff werden.

Wie ist es nun auf der Bühne? Alles in allem ernüchternd. Die Binsenweisheit, wonach Romane im Theater tendenziell eingehen, scheint sich einmal mehr zu bewahrheiten. Wir sehen: viel dramatisches Textaufsagen. Viele große Augen und geballte Fäuste. Szenen wie das kollektive Abkassieren der schluckfreudigen Oma, bei der sich die Zonenkinder glatzköpfiger Konkurrenz zu erwehren haben, wirken flach, weil in den Dialogen und Regieeinfällen keine Assoziationsräume eröffnet werden. Dann wieder sind Assoziationsräume verstopft, weil Handlung, die nur erzählt bzw. erinnert wird, vom Zuschauer imaginiert werden muss. Dazu gibt es viel Herein-Heraus. Die weitgehend nackte Bühne von Bernd Schneider und Ulrike Bresan, die die Spielfläche mit einer breiten Wand sehr symbolisch zur bloßen Rampe verengt, begünstigt den ständigen Auftritt.

Das rotzigste Girls Camp der Republik

Als veritabler Kunstgriff erweist sich indessen die Entscheidung, den Machismo der Vorlage von vornherein zu untergraben. Die fünf wilden Kerle sind durchweg weiblich besetzt. Es spielen Anja Schneider, Marlène Dunker, Caroline Conrad, Hanna Eichel und Anika Baumann. Verpackt in hautenge schwarze Jeans, schwarze Bomberjacken und schwarze Muskelshirts, bilden sie das derzeit wohl rotzigste und männlichste Girls Camp der Republik. Die Rückblenden in den sozialistischen Erziehungsalltag erleben die fünf in kurzen Turnhosen. Anfangs, wenn sich die Darstellerinnen allzu forsch in die Hosenrollen stürzen, ist man bestenfalls irritiert. Erstaunlicherweise verschwindet dieser Eindruck allmählich. Der Kontext Geschlecht, das Klischee vom Halbstarken werden verwischt zugunsten des Allgemeinmenschlichen.

Am besten ist der Abend, wo er ohne große Kraftanstrengung über den bloßen Dialog hinauswächst. Wenn etwa Anja Schneider und Marlène Dunker als Dani und Mark sehr lang nach oben gucken, in den nächtlichen Sternenhimmel, der voller "Himmelsfotzen" hängt, während die Luft zwischen den beiden vereist, weil sich der eine um die beginnende Drogensucht des anderen sorgt, hat das Spiel eine eigene Handschrift und Poesie. Oder wenn bei Marks Beerdigung die Figuren Doppelgänger in Form von Handpuppen bekommen, die stellvertretend schluchzen, entstehen einnehmende Bilder von Entfremdung, Verlorenheit und Sehnsucht. Da war die Inszenierung ganz dicht dran an Menschen, die rauschhaft und schuldlos ihre Unschuld verlieren.

 

Als wir träumten, UA
von Armin Petras nach dem gleichnamigen Roman von Clemens Meyer
Koproduktion des Schauspiel Leipzig mit dem Maxim Gorki Theater Berlin
Regie: Armin Petras, Bühne und Kostüme: Bernd Schneider, Ulrike Bresan. Mit: Anja Schneider, Marlène Dunker, Carolin Conrad, Hanna Eichel, Anika Baumann, Maria Doubs, Berndt Stübner.

www.schauspiel-leipzig.de

 

Andere Inszenierungen von Armin Petras finden Sie hier: Mefisto forever, Gertrud (eingeladen zum Berliner Theatertreffen 2008) und Heaven (zu tristan) (ausgezeichnet mit dem Friedrich-Luft-Preis 2007).

Kritikenrundschau

Hartmut Krug hat kurz nach Ende der Aufführung in Leipzig im Deutschlandradio Kultur (13.4.2008) Armin Petras' Version von "Als wir träumten" besprochen. Er fand, die Schauspielerinnen spielten "selbstverliebt spielerisch", mit "sehr viel Charme, Witz und Eleganz". Aber Petras habe den Text "mit menschenfreundlicher Ostpoesie weich gespült", alle Härte von Meyers Vorlage  "weggenommen". Die Inszenierung wolle "auf keinen Fall realistisch oder sozial genau sein". Petras wolle allgemein menschliche Haltungen zeigen, das wird Herrn Krug "zu vage". Man wisse nicht worum es gehe und wo das alles spiele. Verglichen mit diesem Abend sei jedes Grips-Stück "erbarmungslos realistisch".

Für Andreas Hilger, einen der wichtigsten mitteldeutschen Kritiker, er schreibt in der Mitteldeutschen Zeitung (15.4.2008), ist Armin Petras einer jener Theatermacher, die "laut Max Reinhardt ‚ihre Kindheit heimlich in die Tasche gesteckt und sich damit auf und davon gemacht haben’." Bei der Meyer-Adaption komme ihm das "offenbar" in die Quere. Dabei sei die Idee der cross gender Besetzung "perfekt". "Wo Schauspieler automatisch das Sein versucht hätten, bleibt es hier ausdrücklich beim Spiel - und alle Nöte mit Liebe und Sex werden ebenso ironisch gebrochen wie die Posen der Faustkämpfer und Autoknacker." Das sei aber zugleich "ein Problem": "Auch die amoralische, asoziale Energie dieser Jugend, die ihrer Eltern und ihrer Heimat beraubt ist, entlädt sich nur mittelbar." Zumal Berndt Stübners Interpretation der Frauenrollen die Inszenierung zusätzlich in "Richtung Struwwelpeter" verschiebe. Zu loben sei Petras "erzählerische Souveränität" und das "wunderbare Ensemble".

Einen "Irritationsflash, den Bertolt Brecht sich besser nicht hätte ausdenken können", erlebte Christine Wahl in Leipzig, angesichts des gender crossing mit fünf Damen, die Szenen aus dem "Jungsbuch" von Clemens Meyer spielten und dem einen Herrn, der fast alle Frauenrollen übernahm. Auf Spiegel online schreibt Frau Wahl weiter: Petras setze die "Differenz bewusst als Stilmittel ein", um unter allen Umständen zu vermeiden, "eine auf der Bühne notgedrungen defizitäre Romanbebilderung abzuliefern". Zudem schaffe dieser Kunstgriff Distanz zum drohenden Gefühlskitsch, weil "Meyers Jungsclique" bei aller Härte "etwas unglaublich Romantisches" habe. Es gebe in der Inszenierung anrührende Momente und lustige Szenen, aber wo der Roman durch genau Beschreibung eine "grandios Ambivalenz zwischen Jungscliquen-Familienersatz und einer ungeheuren, blutigen Härte" schaffe, könne die Inszenierung, zumal sie gelegentlich drohe, in "Gutjungsgefilde" abzurutschen, der Vorlage nichts Adäquates entgegensetzen.

Es sei geradezu ein "Muss" für Armin Petras, diesem "Mann mit Herz für kleine und kleinste Leute", gewesen, "Als wir träumten" auf die Bühne zu bringen. Leider, schreibt Reinhard Wengierek auf Welt online (14.4.2008)  sei dieses "Stück großes Kino und bittersüße Oper" im Leipziger Schauspiel "überraschend ernüchternd" ausgefallen. "Dieses so saudreckige, dumme, doofe, irgendwie aber verrückterweise auch herzensreine Daseinspanorama einer Handvoll Jugendfreunde" sei  zum "exzessiven Textaufsagen" geraten. Eine "exzellente Wortfuge" zwar, aber auch "eine laue Anekdoten-Collage". Die "Girls-Gang" beeindruckte "als virtuoser Amazonen-Trupp", aber statt "lebensprallen Figuren" seien ihre Jungens zu "wild choreografierten Schattenrissen" geraten. Diesen "artifiziellen Kunstgriff" habe der Regisseur wohl benutzt, "aus Angst, womöglich in Elendsromantik, im Verliererkitsch, im ‚Unterschichten-Kasperltheater’ zu versacken."

Armin Petras Uraufführung von Meyers Roman habe "wenig mit gebrochenen Lebensläufen und schon gar nichts mit politischen Zusammenhängen im Sinn", schreibt Irene Bazinger in der FAZ (15.4.2008). Ihre einzige Idee bestünde darin, "die Maskulinitätsrituale der Vorlage zu konterkarieren", indem nahezu alle "Männerrollen mit Schauspielerinnen besetzt wurden". Den Rest schustere Petras "so routiniert wie kunstgewerblich zusammen", halte sich zwar halbwegs an die Buchstaben der Vorlage, ohne allerdings dem "flüchtig-ambivalenten Geist dieser Saga ‚über Liebe, Freundschaft, Verrat und das Scheitern von Menschen’ (Meyer) ernsthaft auf die Spur kommen zu wollen". Er reproduziere den Roman völlig falsch als "ironische Abfolge skurriler Episoden". Bei Meyer sei der "melancholische Rückblick eines Überlebenden auch lustig", bei Petras bloß ein Witz "aus der altherrenhaften Mottenkiste des sich zunehmend selbst kopierenden En-masse-Regisseurs."

Gegen die cross-gender-Besetzung wendet Christopher Schmidt in der Süddeutschen Zeitung (15.4.2008) ein: Die "ausgestellten Macker-Gesten und prollig geschürzten Lippen" wirkten angeschafft. "Man sieht den Probenschweiß, den es gekostet hat, sich auf Krawall zu bürsten". Petras wolle "den Naturalismus des Romans brechen", den das Theater nicht zu erwecken vermöge. Stattdessen wuchere es "demonstrativ mit seiner Zeichenhaftigkeit und benutzt denkbar ungeeignete, 'theaterhafte" Requisiten'." Das Problem des Abends sei nicht so sehr, dass Petras "zwischen Ensemblesport und Kasperltheater nichts auslässt, was ungut an reformiertes Jugendtheater erinnert", sondern wie "selbstbehüterisch" das Theater auf seine Mittel achte. Im Gegensatz zu Meyer setze Petras "sein Handwerk nie der Verunsicherung oder Verführung durch den Stoff" aus, sondern streife ihm "nur probate Darbietungsformen über".

"Dieser Abend", schreibt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung und nimmt kein Blatt vor den Mund (15.4.2008), sei wie der "hornhautfarbene Wimpel von Frau Seidel und der Chemie-Leipzig-Schal von Dani: selbstgestrickt, mühevoll, Masche für Masche. Was man in der DDR nicht kaufen konnte, musste man sich eben basteln. Es steckte zwar viel Liebe drin, sah meistens aber eher scheiße aus." Petras habe in die Inszenierung "viel Liebe hineingesteckt". Die Schauspielerinnen in den Männer-Rollen machten "das zwanghafte Machogepose als Panzer und Abwehrstrategie kenntlich". Ansonsten schreie die Inszenierung das Publikum geradezu an: "Tut mir leid, ich bin nun mal nur Theater!" Die fünf Frauen spielten "mit viel Elan, zwischen Kumpelkabarett und Betroffenheit pendelnd, was einen, wenn es einen denn berührt, erst recht ärgert." Einziger Lichtblick: die blinde 16-jährige Maria Doubs, die ihre Figuren in fröhlicher "Weltzugewandtheit" verkörpere.

 
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