Die Liebe, die nicht reicht

von Martin Thomas Pesl

Wien, 29. April 2016. Ist jetzt bald Schluss mit den gepflegten Sicherheitsstücken, den Fingerübungen für die Regisseure und den dankbaren Eh-klar-Vehikeln für die Burgschauspieler? Klar darf man seinem Publikum mal was Leichtes gönnen, und die nächste politischere Spielplanposition im Akademietheater steht mit Árpád Schillings Europa-Dystopie "Eiswind" schon an. Aber ein bisschen unglücklich wirken die gleich zwei französischen Lacherfolge in einem Monat doch.

Heizkörper-Chiq?

Vor knapp vier Wochen hatte Yasmina Rezas "Bella Figura" hier Premiere, nun folgt der nächste Hit aus Paris: Joël Pommerats "Die Wiedervereinigung der beiden Koreas", eine Szenenfolge, die einmal mehr, nein: 18-mal mehr das Thema Liebe und Beziehung anleuchtet. Pommerat gilt in Frankreich als bedeutender zeitgenössischer Autor. Vielleicht ist also Peter Wittenbergs Regie daran schuld, dass er hier eher wie ein talentierter Sketch-Schreiber rüberkommt, ein harmloser Woody Allen des 21. Jahrhunderts, der alles ein bisschen zu gut meint.

WiedervereinigungderbeidenKorea1 560 Georg Soulek uSchmollmundfatalismus?: Markus Hering, Dörte Lyssewski, Dorothee Hartinger, Sabine Haupt in "Die Wiedervereinigung der beiden Koreas" © Georg Soulek

Wittenberg lässt jede Pointe voll ausspielen und fügt mit Bühnenbildner Florian Parbs noch einen kleinen Insider-Meta-Schmäh hinzu: Seit jeher kennt das Publikum die großflächigen Heizkörper auf der nackten Hinterwand der Akademietheaterbühne; es verdreht traditionell die Augen, wenn sie schon wieder in einer Inszenierung sichtbar sind. Auch an diesem Abend prägen sie das Bild, und obendrein tauchen Repliken von ihnen auf, die über der an sich leeren Bühne verteilt als Raumteiler dienen. Da war dem Regisseur eines recht selbsterklärenden Textes wohl langweilig.

Daneben bebildert die Ausstattung und macht es sich sehr leicht: Ästhetisch will man pur und minimalistisch wirken, aber die Putzfrauen dürfen ihren Putzwagen dabeihaben, der gestresste Chef seinen Schuhlöffel, und wenn das neunköpfige Ensemble 52 Figuren verkörpert, gibt es auch 52 Kostüme. Mindestens, denn immer wieder schlüpfen einzelne Schauspielerinnen (und einmal Martin Reinke) in ein Glitzerkleid und singen Klagelieder. Das wirkt unfreiwillig komisch, folgt aber tatsächlich Regieanweisungen im Stücktext wie dieser: "Jemand, der singt, begleitet allein auf der Bühne den Schmerz der Frau."

Putzfrauen-Klamauk

Bei allem Bekenntnis zur Unterhaltsamkeit fordert Wittenberg das Sitzfleisch ziemlich heraus: Im Schnitt kaum zehn Minuten pro Minidrama? Klingt flott, aber bald schon brummt einem der Schädel, wie wenn man zu viele Kurzgeschichten hintereinander liest. Diesen Takt muss man hier fast zweieinhalb Stunden hindurch pausenlos durchhalten: Auf Klamauk folgt Nachdenkliches und dann wieder allgemein Absurdes.

Da ist die Putzfrau, die über ihren Kerl lästert, während er die ganze Zeit erhängt über ihr baumelt. Der Mann, der nach zehn Jahren kurz bei seiner Ex vorbeischaut, weil er damals vergessen hat, "Au revoir" zu sagen. Die Sekretärin, die von ihrem Chef wissen will, ob er im Schlaf in sie eingedrungen ist, aber beteuert, dass ihr das gar nichts ausmacht. Der Mann, der täglich seine Frau besucht, die ihr Gedächtnis verloren hat. Plötzliche Trennungen aus Mangel an Liebe oder weil "Liebe nicht reicht".

WiedervereinigungderbeidenKorea2 560 Georg Soulek u"Du ...!": Martin Reinke, Sabine Haupt, Frida-Lovisa Hamann. © Georg Soulek

Es ist nicht so, als könnte Pommerat keine Dialoge schreiben. Man hört schon zu, wie seine Figuren sich um Kopf und Kragen reden. Aber die Prämissen der meisten Szenen sind auf dem Reißbrett schon so klar gezeichnet, dass man ihr Ausagieren gar nicht mehr abwarten muss. Das Wort "Liebe" steckt halt auch in "beliebig".

Nachdenklichkeit erwächst

Es ist natürlich wohlkalkuliert, dass das Thema jeden Menschen betrifft und wir uns und unser Umfeld in der einen oder anderen Gefühlsregung wiedererkennen. Freilich fällt ein gewisser Überhang an hysterisch verliebten Frauen- und emotional verklemmten Männerfiguren auf. Das Ensemble spielt sie alle absolut sauber aus und wirft sich in die Psychologie der vielen kleinen Hauptrollen mit solcher Wucht hinein wie das bei Edward Albee ausgeborgte Paar, das sich einredet, Kinder zu haben (Dörte Lyssewski und Markus Hering), und dazu sogar eine Babysitterin engagiert.

Nachdenklichkeit erwächst vor allem aus einer Szene. Sie dreht sich um einen Lehrer, der glaubhaft versichert, den kleinen Antoine im Schullandheim nicht missbraucht zu haben. Je schlüssiger und beherzter Daniel Jesch ausführt, er liebe einfach seine Arbeit und die Schulkinder, desto empörter reagieren die Eltern und die Direktorin. Hier zeigt sich sehr schön die Erkenntnis aus dieser Szenenfolge, aufgrund derer selbige aber auch deutlich straffer hätte ausfallen können: Liebe ist schon ziemlich absurd – sobald wir versuchen, darüber zu reden.

 

Die Wiedervereinigung der beiden Koreas
von Joël Pommerat, Deutsch von Isabelle Rivoal
Regie: Peter Wittenberg, Bühne: Florian Parbs, Kostüme: Alexandra Pitz, Musik: Wolfgang Siuda, Licht: Peter Bandl, Dramaturgie: Hans Mrak.
Mit: Frida-Lovisa Hamann, Dorothee Hartinger, Sabine Haupt, Markus Hering, Daniel Jesch, Dörte Lyssewski, Petra Morzé, Dirk Nocker, Martin Reinke.
Dauer: 2 Stunden 20 Minuten, keine Pause

www.burgtheater.at

 

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Kritikenrundschau

"Ein toller Abend, der Heikles, Triviales wie auch Tiefes mit Leichtigkeit darstellt", schreibt Norbert Mayer in Die Presse (1.5.2016). Ein "Showdown an Beziehungsdramen", von dem ein Großteil gelungen sei. "Voll Verve spielen zum Beispiel Sabine Haupt und Petra Morzé enttäuschte Liebende, Dorothee Hartinger würzt ihre Auftritte mit etwas Geheimnis, Dörte Lyssewski vermittelt zuweilen schlampige Verlorenheit, Frida-Lovisa Hamann jugendliche Frische. Markus Hering und Martin Reinke geben ihren Auftritten in den besten Momenten eine Wendung ins Absurde, Dirk Nocker und Daniel Jesch betonen oft das Virile." Aber das seien nur Momentaufnahmen, "denn die meisten im Ensemble spielen facettenreich und vor allem souverän im Setzen der Pointen."

Ronald Pohl schreibt auf der Website des Standard (30.4.2016): Peter Wittenberg habe "hübsche Kondensate hergestellt". Ein "Stück weit" hielten die Schauspieler zu "ihren Minutenrollen" Abstand. "Einzelne Darsteller wüchsen "buchstäblich über sich hinaus", etwa Dirk Nocker oder Markus Hering, Dörte Lyssewski und Dorothee Hartinger. Dieser feine Abend sei, "obwohl in düsteren Farben gemalt, ein heiteres Achselzucken angesichts" der Unmöglichkeit der Liebe. Er verhelfe der Burg zu einem "hübschen, weidlich bejubelten Triumph". Jetzt dürften ruhig wieder "spröde, vergrübelte, zähe, tranige Stücke" kommen.

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