Die Welt war schneller

von Lukas Pohlmann

Bautzen, 26. November 2016. Just vor ein paar Tagen hörte ich jemanden, der nichts mit Theater, wohl aber mit den gesellschaftlichen Verhältnissen in Sachsen zu tun hat, von den Bautzener Krawallen zwischen jungen Geflüchteten und Neonazis im September als der "Nacht der langen Messer" reden. Uff, dachte ich, das geht weit. Und ist in seiner rhetorischen Zuspitzung nahezu theatralisch. Krasse Zeiten brauchen krasse Vergleiche.

Das Deutsch-Sorbische Volkstheater Bautzen, dessen Intendant sich auch öffentlich zu den Krawallen äußerte, begegnet diesen Zeiten auf der großen Bühne: "Wir sind keine Barbaren" von Philipp Löhle hat Premiere. Ein Stücktitel wie ein Statement.

Nur scheint Löhles Text in Bautzen im Herbst 2016 wie ein Text von gestern. Uraufgeführt 2014 in Bern, wo es auch entstand, als die Schweiz auf SVP-Initiative über Flüchtlingskontingente abstimmte, greift das Stück in rasant klappernden Dialogen Ressentiments, Demagogensprech und Gutmenschenattitüde auf und zelebriert wohldosiert, weil unterhaltsam, den Riss, der durch die mitteleuropäischen Wohnzimmer geht.

Äthiopien oder Polynesien? Hauptsache Asien.

Linda und Paul ziehen neben Barbara und Mario ein, mit denen sie wenig gemein haben aber wenigstens ein paar Themen finden um die den Alltagstrott anreichernden gemeinsamen Abende mit Gesprächsstoff zu füllen. Dabei sieht man ihnen anfangs wie in einer besseren Boulevardschmonzette bei der Konversation und den gepflegten Missverständnissen zu: Was willst du trinken? Ich wollte gar keinen Prosecco. Ist das Wasser aus der Leitung? Das ist doch nicht etwa aus der Leitung? Bei dem Kalkgehalt werden aber die Gläser stumpf. Guck mal, die Gläser sind ganz stumpf ... Wobei der Gläser-Zustand auch die dahinplätschernden Minuten beschreibt.

Dann klopft es an beider Parteien Wohnungstüren, Linda und Paul (Ana Pauline Leitner und Mirko Brankatschk), so berichten sie später, weisen ab, Barbara und Mario (Lilli Jung und Marian Bulang) lassen ein: einen durchnässten Hilfebedürftigen. Den das Publikum nie sieht und über den nun klischeestrotzend in Small-Talk-Posen argumentiert, gewitzelt und gefrotzelt wird: Wie er nun heißen mag, Klint oder Bobo? Woher er stamme – unter dem Motto Äthiopien oder Polynesien, egal, Hauptsache Asien. Ob er eine Gefahr darstelle und dass er so traurige Augen habe. Das ist  unterhaltsam gespielt, aber doch nur die Wiederkehr zu oft gebrauchter Konversationsstofftexturen. Kein Wunder, dass mein älterer Sitznachbar wechselnd einnickt oder sich gegenüber seiner Frau beschwert, wie viele im Publikum darüber doch so herzhaft lachen könnten.

Denn gelacht wird viel und auch pseudo-empört geraunt. Jedenfalls bis im letzten Stückviertel die Nachricht von Barbaras Tod und dem vermeintlichen Mörder Bobo sehr postfaktisch und dabei doch so traurig-ernsthaft verhandelt wird, dass die Kichernden verstummen.

Wirsindkeine Barbaren Jung Bulang Brankatschk Leitner560 MiroslawNowotny u Plaudern für den Weltfrieden: Lilli Jung, Marian Bulang, Mirko Brankatschk, Ana Pauline Leitner
© Miroslaw Nowotny

Das Problem ist, dass dieses ganze Meinungstableau, dass da auf die Rampe gehievt wird, so vorhersehbar, so handwerklich sauber montiert ist, dass es langweilt. Selbst die Lacher im Saal könnten eingespielt sein wie in einer Nineties-Sitcom. Natürlich könnte man jetzt argumentieren, dass das trotzdem legitim ist. Denn der Bautzener Theaterzuschauer kennt ja nicht die ganzen Götter der Konversationskomödienschar. Aber zu der Tatsache, dass die Figuren wirklich jede Position zwischen Singekreis-Flüchtlingshilfe, Stammtischparolen, wahlweise CDU oder AfD-Machbarkeitsanalysen und Pegida-Facebook-Fanpage lang und breit ausbaldowern, kommen zwei weitere Übel unterschiedlichen Gewichts.

Das Wir gewinnt

Das leichtere: Löhle hat seine ausführlich recherchierte Dialoglandschaft mit Chortexten garniert. Die werden von einem Laien-"Heimatchor" gegen die Zuschauerstirnen geklatscht, dass es eine Art hat. Die Choreuten reflektieren sich als großes Wir. Ein Wir, das im Schnitt 82 Jahre alt wird, Angst vor dem Zahnarztbohrer und der Überfremdung hat. Ein Wir, dem die Beschwerde ebenso nah ist wie der Fleiß. Ein Wir, das beliebt ist aber geliebt werden will. Da sind wirklich starke, differenzierungswillige Passagen dabei, in denen bewusst wird, dass das kein reines Sachsen-Wir ist und auch kein Bern-Wir war. Es ist auch das Orban-Wir und das Le Pen-Wir. Aber der Chor kennt nur eine Pose: In affektiertem Beschwerdegestus wird von der Bühne herab belehrt und vorgehalten als habe Regisseur Stefan Wolfram nur der Vorwurf interessiert. Dabei entsteht doch da, wo Zwischentöne sind, Gedankenpotenzial. Bei so einem so weit erhobenen Zeigefinger verliert man die Lust daran.

WirsindkeineBarbaren Buergerchor 560 MiroslawNowotny uDer Heimatchor klagt an © Miroslaw Nowotny

Das größere Übel ist jedoch das schamvolle Empfinden des Gestrigen. Gerade in Sachsen erscheint Wohnzimmeranalyse zynisch zu kurz gegriffen. Hier laufen offen Nazis rum. Und die werden toleriert. Bis Ende letzten Jahres konnte man sich noch mit Betonköpfen beschäftigen, die höchstens montags Fahnen schwenkend ihre Schreihälse in der Verbalgosse schmieren. Aber inzwischen gibt es offene Gewalt auf der Straße. Brandanschläge. Hier macht sich die irrwitzige Hoffnung breit, wenigstens das Kalenderjahr ohne Todesopfer zu überstehen. Das ist viel mehr Lange Messer als Social-Media-Kontakte entfreunden, weil sie einen Pegida-Post geteilt haben.

Die Welt draußen hat sich die Zuspitzung, die sonst das Theater aufzeigen könnte, längst selbst verpasst.

Aber an diesem Abend in Bautzen würde man wohl am liebsten dem "Wir sind keine Barbaren" ein "Echt! Bitte, das müsst ihr uns glauben!" anhängen.

Na hoffentlich ist der Wunschzettel noch nicht abgeschickt.

 

Wir sind keine Barbaren
von Phillip Löhle
Regie und Bühne: Stefan Wolfram, Kostüme: Irina Steiner, Dramaturgie: Eveline Günther, Musik: Tasso Schille, Chorrepetition: Gabriele Rothmann, Videos: Miroslaw Nowotny.
Mit: Lilli Jung, Ana Pauline Leitner, Mirko Brankatschk, Marian Bulang.
Der Heimatchor: Gabriele Rothmann, Robert Beyer, Cindy Bommersbach, Toni Bufé, Anja Hauptmann, Angela Hillmann, Marion Hönig, Barbara Kummer, Heike May, Olaf Panse, Ralf Panse, Claudia Petasch, Thomasz Schanz, Manuela Thomas, Heike Wenskus, Jana Wendt, Anna Zacharias, Klaus Zschiepang.
Dauer: 2 Stunden und 20 Minuten, eine Pause

www.theater-bautzen.de

 

Kritikenrundschau

"Stefan Wolframs Inszenierung zeigt auf uns alle, auf das WIR, auf unsere Befürchtungen, auf die Veränderungen, die mit den vielen Flüchtlingen einhergehen werden", schreibt Rainer Könen von der Sächsischen Zeitung (28.11.2016). Wolfram deute darauf hin, "wie schnell es vorbei sein kann, mit der Menschlichkeit wenn das, was man täglich über die Flüchtlingskrise aus den Medien erfährt, mit einem Male zur Realität wird". Schade sei, dass die Inszenierung keine richtigen Antworten, keine Lösungsvorschläge anbiete. Der Abend hinterlasse "tiefe Nachdenklichkeit beim Premierenpublikum".

Löhle widme sich 'dem Hau-drauf-Politgenre' und kopiere dazu den trostlosen Slang abgeklärter Vorabendserien neudeutscher Prägung – "dies aber durchaus spitzfindig und gekonnt", schreibt Andreas Herrmann von den Dresdner Neusten Nachrichten (3.12.2016). Regisseur Wolfram kompensiere die Schwächen des Stückes und liefere eine überzeugende Arbeit auf recht kompliziertem Terrain. Den Heimatchor nutze er als Bürgerchor, "um die anfängliche Komödienstimmung, bei der viele Lacher völlig unkorrekt rausrutschen, allmählich kippen zu lassen".

 
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