Sehnsucht nach Erlösung

von Sascha Westphal

Essen, 28. April 2017. "Die Stadt verschlingt Rohstoffe und Konsumgüter wie ein gefräßiger Wal. Was hinten rauskommt, ist stinkender Abfall, sind die Exkremente eines Molochs", heißt es einmal in Martina Clavadetschers Parabelstück "Umständliche Rettung" über Sodiriya, dieses moderne oder auch postmoderne Sodom irgendwo westlich des Jordans. Nicht einmal die Menschen, die ihr Leben in ihren Häusern verbringen, wissen etwas Gutes über sie zu sagen. "Drecksloch" nennt die "zufriedene Hure" Baganja ihre Geburts- und Heimatstadt und spricht damit das abschließende Urteil.

Doppelter Hang zum Pragmatischen

All das weckt Erwartungen. Doch die unterläuft Martina Stoians Bühnenbild konsequent. Das Publikum muss sich sein eigenes Bild von dieser anscheinend monströsen, nur mehr auf ihren Untergang wartenden Metropole machen. Was es sieht, ist auf jeden Fall eher nichtssagend. Eine treppenartig angelegte Mini-Einöde aus Kunststoff, in deren schwarzer Hinterwand zwei türlose Durchlässe eingelassen sind, eine Fleischerei und ein Schnapsladen, deutet Stadt und Natur, Biblisches und Modernes, an. Leben möchte man an so einem Ort natürlich nicht. Aber eine Vision von einer Stadt, die von allen Übeln der Zeit und des Kapitalismus gezeichnet ist, beschwört diese triste Bühnenlandschaft nicht unbedingt herauf. Sie weckt eher Überlegungen zum Pragmatismus des deutschen Stadttheaters. Das passt allerdings. Schließlich hat auch das Stück der Schweizer Autorin durchaus einen Hang zum Pragmatischen.

UmstndlicheRettung 10 560 Hupfeld Birgit uEngel vor Mini-Einöde aus Kunststoff: Silvia Weiskopf (MItte) mit Jan Pröhl und Jaëla Carlina Probst
© Birgit Hupfeld

Es geschieht einiges und auch einiges Ungeheuerliches in Clavadetschers Überschreibung der alten Erzählung von Lot, den Engeln und der Vernichtung Sodom und Gomorras. Aber das meiste wird einfach nur berichtet. So verlegt schon die Autorin die großen Bilder in die Köpfe der Zuschauerinnen und Zuschauer. Sie sollen ausmalen, was der Text nur referiert.

Ein Gefallener, der plötzlich Hoffnung wittert

Etwas Seltsames geschieht in Sodiriya. Eine junge deutsche Wissenschaftlerin namens Yamila ist in die Stadt auf der arabischen Halbinsel gekommen, um die Auswirkungen der Verschmutzungen von Boden und Pflanzen zu erforschen. Aber ihr rationales Weltbild gerät ins Wanken, als sie immer wieder dem gleichen Mann begegnet. Hinom El-Arad ist ein Gefallener, der plötzlich Hoffnung wittert. Denn es heißt, Yamila sei ein Engel, der gekommen ist, einen Menschen aus der Stadt zu retten. Doch Baganja wollte unbedingt die Auserwählte sein. Darauf war ihr ganzes Leben ausgerichtet. Also schleppt sie Yamila und El-Arad vor einen Untersuchungsrichter, der alles aufklären soll, vor allem das Missverständnis, das den Engel zu dem verworfenen Sünder und nicht zu ihr geführt hat.

So zurückhaltend wie Martina Stoians Bühnenbild ist auch Thomas Ladwigs Inszenierung. Abgesehen von einigen kleineren szenischen Einfällen, wie eine eingeschobene Szene, die Baganjas pragmatische Haltung zu ihrer Arbeit illustriert, bleibt Ladwig ganz nah am Text. So wird die Uraufführung zur Einladung an das Ensemble, greifbar zu machen, was das Stück nur andeutet.

"Rational ist wichtig. Rational ist richtig."

Gerade in der ersten Hälfte der Inszenierung reißt Jaële Carlina Probsts Baganja die Szenen immer wieder an sich. Mal ist sie die gewiefte Hure, die schon alles gesehen und erlebt hat, aber nichts an sich heran lässt. Nur um gleich darauf zur idealistischen Eiferin zu werden, die fest an Engel und Rettung glaubt. Ihrem Gegenpart, dem von Jens Winterstein wunderbar stoisch gespielten Untersuchungsrichter, gehört dann zumindest die Schlussphase. Während er zuvor die bisher unbekannte, aber faszinierende Kunst geprobt hat, alle Aufgeregtheiten und Absurditäten durch das Knabbern von Pistazien zu kommentieren, darf er schließlich von der Apokalypse erzählen. Und auch dabei behält er einfach die Ruhe, als würde es jeden Tag Feuer und Schwefel vom Himmel regnen. Damit wird er zum perfekten Verbündeten der Autorin, die auf das Pathos religiöser Erzählungen mit sanfter Ironie antwortet.

Silvia Weiskopfs Engel wider Willen und Jan Pröhls Lot-Wiedergänger bewegen sich zwischen den Polen, die Jaële Carlina Probst und Jens Winterstein abstecken. Silvia Weiskopf gewinnt Yamilas Ratlosigkeit eine feine Komik ab. "Rational bleiben. Rational ist wichtig. Rational ist richtig." Doch auch dieses Mantra kann sie nicht schützen. Wer alles nur mit dem Kopf macht, scheitert genauso wie die, die nur ihrem Herz folgen. Den schwierigsten Part hat Jan Pröhl. Er ist das Monster, das für die Verkommenheit einer ganzen Stadt steht. Wenn er sich mit Lots Geschichte selbst von dem Vorwurf der Vergewaltigung und des Kindesmissbrauchs freispricht, schaudert es einem. Trotzdem hat El-Arads Sehnsucht nach Erlösung etwas Rührendes. Wenn sich Pröhl regelrecht an die Hoffnung klammert, gerettet zu werden, offenbart dieses Monster eine irritierend sanfte Seite. Aber das ist es, scheint uns Martina Clavadetscher in diesem Moment regelrecht entgegenzurufen, was uns alle verblendet. Jeder glaubt doch, dass er es am Ende verdient, verschont zu werden.

 

Umständliche Rettung
Uraufführung
von Martina Clavadetscher
Regie: Thomas Ladwig; Bühne und Kostüme: Martina Stoian; Dramaturgie: Vera Ring; Licht: Dirk Struwe; Ton: Markus Schmiedel.
Mit: Jaële Carlina Probst, Silvia Weiskopf, Jens Winterstein, Jan Pröhl.
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

www.schauspiel-essen.de

 

 
Kritikenrundschau

"Ein feinsinniges Gespinst aus Andeutungen und Assoziationen entspannt sich, mit zahlreichen Verweisen auf die biblischen Städte Sodom und Gomorra", so Sabine Hübner in der WAZ (2.5.2017). Die Steinterrassen-Bühne gebe unter den Füßen der Darsteller nach. Zugleich verschwimmen die Grenzen zwischen den Handlungsebenen und Perspektiven. "Letztendlich erweist sich gerade dieser ungewollte Effekt als durchaus stimmige Metapher für den Schauplatz der Handlung, die in Unrat und Unmoral zu versinken droht." Clavadetscher lege sich nicht auf eine Wahrheit fest, "die Geschichte erhält eine eigenwillig ironische, ja schwebende Qualität". Der subtile Humor der Sprache inspiriere Regisseur Thomas Ladwig offenbar zu einigen handfesteren Kalauern. Fazit: "Eine nachdenkliche Parabel über Schuld und Gerechtigkeit, Angst und Hoffnung, die tief berührt und lange nachwirkt".

Viel zu viele theatrale Mittel sah Martin Burkert (WDR, 29.4.2017), die sich nicht so recht zusammenfügen wollen. Das sei bereits im Stück angelegt, wobei Thomas Ladwig sehr stückdienlich inszeniere, "er streicht nichts, fügt auch nichts hinzu". Das Bühnenbild erinnere an eine Ausgrabungsstätte, im antiken Grundgestus mit banalen Elementen. Es komme keine theatrale Leichtigkeit auf, die Geschichte werde auf zu vielen Ebenen ausgebreitet. 

 

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