Zu oll / zu doll

von Kai Bremer

Münster, 22. Dezember 2017. Es ist noch keine vierzehn Tage her, als hier der bisher letzte Kommentar in der vehement geführten Debatte um Stefan Ottenis Shakespeare-Inszenierung "Die Fremden / Der Kaufmann von Venedig" am Theater Münster erschien. In ihr ging es immerhin um den Antisemitismus in Shakespeares Drama und um nicht weniger als die Frage, ob zumindest einige Szenen der Inszenierung unreflektiert eine antisemitische Bildästhetik pflegen. Gestern nun kam am selben Haus mit Max Frischs "Andorra" (und zum Teil denselben Schauspielern) ein Stück zur Aufführung, das sich dem Thema Antisemitismus ganz eindeutig stellt.

Wie eindeutig das bei Frisch der Fall ist, das stellt Regisseurin Laura Linnenbaum gleich von Beginn an aus. Sie lässt die Figuren nämlich erst einmal sich im Bühnenvordergrund zusammenfinden und mit einer Suhrkamp-Ausgabe in der Hand den Text durchgehen, um zu zählen, wie oft das Wort "Jud" fällt. Und weil es beim Umblättern der Seiten immer wieder lustig staubt, ist gleich klar, dass Linnenbaum keine Scheu hat, mit vordergründig frecher Symbolik ("Mal gucken, ob das nicht längst ein oller Klassiker ohne Gegenwart ist") Frischs Parabel zu bebildern.

Vereindeutigung der Bilder

Dass es sich um eine solche handelt, signalisiert umgehend die Ausstattung. Zwar nähern sich die Kostüme (David Gonter) der Mode der frühen 1960er Jahre an. Die bleich geschminkten Gesichter der Schauspieler lassen jedoch nicht daran zweifeln, dass hier was Abstraktes geboten wird. Diesen Eindruck unterstützt entschieden die Bühne, deren Boden Gonter als ein nach hinten leicht ansteigendes Dreieck gestaltet hat. Es ist mit weißen Kieselsteinen ausgelegt, so dass es bei jedem Schritt knirscht, als ginge dort nicht ein einzelner Mensch, sondern als marschierte ein halbes Bataillon. Eingerahmt ist das Dreieck mit geweißten Sperrholzplatten. Das nimmt zunächst klug auf, dass in "Andorra" zu Beginn die Häuser fleißig geweißelt werden.

Andorra1 560 OliverBerg uGruppenbild in Andorra: Garry Fischmann, Gerhard Mohr, Natalja Joselewitsch, Jonas Riemer,
Christoph Rinke, Ilja Harjes, Christian Bo Salle, Bálint Tóth © Oliver Berg

Als zuletzt das an sich schon fragile Sozialgefüge der Stadt ins Wanken gerät, wackeln die weißen Wände bedeutungsvoll und geben den Blick ins Schwarz des Bühnenhintergrunds frei. Diese Holzhammersymbolik ist deswegen besonders ärgerlich, weil durch die Bühne an sich die exemplarische Handlung elegant konzentriert wird. Aber statt darauf zu vertrauen, werden die Bilder immer wieder vereindeutigt. So kommt der Verdacht auf, dass die Bildsprache dieser Aufführung nach der Debatte um Ottenis Shakespeare-Inszenierung partout keinen Anlass zum Widerspruch geben sollte.

Wie heute antisemitisch geschwiegen wird

Erhärtet wird er dadurch, dass Linnenbaum Frisch nicht nur im Programmheft und mittels einer Einspielung gegen Ende zu Wort kommen, sondern zudem als Figur (mit sanftem Schwyzerdütsch: Bernward Bitter) die Inszenierung rahmen lässt – ganz so, als benötige dieses nun wahrlich nicht missverständliche Stück die Autorität der Auslegung durch den Autor. Die Regisseurin nimmt all diese Vereindeutigungen zwar mit leichtem Augenzwinkern vor. Das ändert aber nichts daran, dass die so intelligenten wie vorsichtigen Text-Striche, die sie setzt, und vor allem die überzeugenden Positionierungen der Schauspieler auf der Bühne, die wiederholt für eindrucksvolle Szenen und Schattenspiele auf den weißen Sperrholzwänden sorgen, den Eindruck nähren, dass "Andorra" vielleicht doch im Endeffekt ein etwas angestaubtes Repertoirestück ist, dem kaum mehr abgewonnen werden kann als die an sich banale Erkenntnis, dass Antisemitismus diskursiv generiert wird.

Gleichwohl hat der Abend ungemein starke Seiten. Linnenbaum lässt die Andorraner im Handlungsverlauf nie das Wort "Jud", das sie eingangs im Dramentext gezählt haben, aussprechen. Das tut schließlich nur der vermeintliche Jude Andri (Garry Fischmann), kurz bevor er getötet wird. Die Inszenierung entlarvt so das antisemitische Sprechen der Gegenwart, das durch Verschweigen von vermeintlich diskreditierten Begriffen versucht, sich nicht angreifbar zu machen. Und führt zudem en passant vor, dass ihr sensibler Umgang mit dem Text diesem viel angemessener ist als ihre symbolische Bildsprache.

Andorra
von Max Frisch
Regie: Laura Linnenbaum, Bühne, Kostüme: David Gonter, Musik: Lothar Müller, Dramaturgie: Barbara Bily.
Mit: Regine Andratschke, Bernward Bitter, Frank-Peter Dettmann, Garry Fischmann, Ilja Harjes, Claudia Hübschmann, Natalia Joselewitsch, Gerhard Mohr, Jonas Riemer, Christoph Rinke, Christian Bo Salle, Bálint Tóth.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.theater-muenster.com

 

Kritikenrundschau

"Andri ist mit Garry Fischmann auf den Punkt besetzt. Ein ängstlicher Rebell, der irgendwo zwischen Shylock und James Dean seinem Ende zusteuert," schreibt Arndt Zinkant von der Westfälischen Zeitung (27.12.2017). Die Inszenierung punkte "mit ästhetischer Stringenz und pendelt überzeugend zwischen Kälte und Sarkasmus." (...) "Und der Antisemitismus? Max Frisch wurde durchaus zu Recht vorgeworfen, dessen ureigenes Wesen zu verwässern. So liest am Ende jeder aus 'Andorra', was ihm beliebt. Jene, die eben noch vor dem Brandenburger Tor Israel-Fahnen verbrannten, dürften sich jedenfalls kaum gemeint fühlen."

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