Es erschien so stabil

von Leopold Lippert

Wien, 18. Oktober 2018. Man kann sich wirklich spannendere theatrale Ausgangssituationen vorstellen. Am Wiener Volkstheater verspricht Regisseurin Christine Eder ein Stück über den Rechtstheoretiker und Mitautor der österreichischen Bundesverfassung Hans Kelsen (1881-1973), der sein Leben lang an verschiedenen europäischen und amerikanischen Universitäten über das Spannungsfeld von Demokratie und Freiheit gelehrt hat. Der Titel des Abends, "Verteidigung der Demokratie", ist einem Aufsatz Kelsens von 1932 entnommen, und das ist durchaus passend: Denn über weite Teile ist die Inszenierung mehr politikwissenschaftliche Abhandlung als dramatischer Dialog, mehr Thesenpapier als Figurenspiel.

Seine Ideale sind in der Welt

Kaum auf die Bühne gekommen, beginnt Christoph Rothenbuchners Kelsen schon zu dozieren. Über die Freiheit des Individuums. Über die Sinnhaftigkeit einer Verfassung, von Grundrechten. Über Demokratie als diskursive Kompromissfindung zwischen Mehrheiten und Minderheiten. Rothenbuchner spielt den Professor als eine Art akademischen Mark Zuckerberg: hypernerdig, selbstverliebt und mit übereifrigem Glanz in den Augen. Er weiß natürlich über alles schon im Vorhinein Bescheid, tut aber so, als formuliere er seine demokratiepolitischen Einsichten für uns dummes Publikum gerade zum ersten Mal.

Verteidigung der Demokratie Didi Ker 560 Lupi Spuma uDa ist das Gebilde noch halbwegs intakt: Didi Kern, Elise Mory, Thomas Frank, Nils Hohenhövel, Eva Jantschitsch, Imre Lichtenberger Bozoki © Lupi Spuma

Dabei entwirft Eder Kelsen ohnehin nicht als Figur im eigentlichen Sinne. Er ist bloß ein Vehikel, das Thesen vorbringt und Thesen verwirft. Als er 1973 stirbt, tut das nichts zur Sache: Seine Ideen sind in der Welt und werden von anderen eben weiterdiskutiert. Katharina Klar, Birgit Stöger, Thomas Frank und Nils Hohenhövel spielen um Kelsen herum eine Collage historischer Figuren, vom einstigen Schulkollegen Ludwig von Mises bis zu Margaret Thatcher, von Carl Schmitt bis zu Milton Friedman. Sie deklamieren mit der immergleichen Aufgeregtheit und einer beträchtlichen Anzahl unterschiedlicher Sprachfärbungen: breites Proletarierwienerisch, bundesdeutsche Schangsen, groteske südamerikanische Akzente – alles dabei in diesem weltumspannenden Panorama.

Dieses Gefühl der Dringlichkeit

"Verteidigung der Demokratie" ist Erklärtheater mit ungebrochen emanzipatorischem Anspruch. In einem großen ideengeschichtlichen Bogen ruft uns Christine Eder die Grundpfeiler des demokratischen Gemeinwesens in Erinnerung und sieht die Demokratie von latentem Faschismus und hegemonialem Neoliberalismus bedroht. Zentrales Bühnenelement ist dabei eine Wand aus gestapelten Kartonklötzen (Bühne: Monika Rovan), deren Stabilität metaphorisch für den Zustand der Demokratie gelesen werden will. Erst werden schleichend und beinahe unbemerkt einzelne Klötze entfernt; irgendwann kracht die halbe Wand zu Boden; dann rammt Thomas Frank mit knallrotem Schutzhelm den Rest ein; und am Ende wirbeln die Kartons lose verstreut mit der rotierenden Drehbühne herum.

Verteidigung der Demokratie Thomas F 560 Lupi Spuma uHier stürzt der letzte Rest: Thomas Frank mit Helm © Lupi Spuma

Man könnte das als plump und apodiktisch abtun, als aufgescheuchten TED-Talk, der die Möglichkeiten der theatralen Anordnung von Körpern im Raum allzu ungenutzt lässt. Aber dann ist da doch dieses Gefühl der Dringlichkeit, das Eder nicht nur über das Andeuten historischer Parallelen (die affirmative Rede von der "Entpolitisierung" der Verfassung der 1920er Jahre, die ergebnislose Flüchtlingskonferenz von Évian 1938) einmahnt, sondern auch mit slapstickartigen, wiederkehrenden Anrufen bei der "Terror-Hotline" des sogenannten "Bundesministeriums für Verteidigung der Freiheit und Demokratie".

Waren Sie nicht auf der Demo?

Hier bekommen Wut- und Mutbürger gleichermaßen von kompetenten Expert*innen erklärt, warum diese oder jene Beschneidung von Grundrechten eben unabdinglich für die Aufrechterhaltung von Demokratie und Freiheit sei. Ebenfalls unheimlich aktuell das hyperbolische Überwachungsszenario, in dem Katharina Klar mit einem wissenden "Waren Sie nicht auch auf der Demo gegen die Regierung?" eingeschüchtert wird – just an dem Premieren-Donnerstagabend, an dem sich in der Wiener Innenstadt tatsächlich tausende Menschen zu einer Demo gegen die österreichische Bundesregierung versammelt haben.

Und dann ist da natürlich noch Gustav: Nach dem Remake der Proletenpassion (2015 im Werk X) und Alles Walzer, alles brennt (2016 am Volkstheater) ist "Verteidigung der Demokratie" schon die dritte Zusammenarbeit von Regisseurin Christine Eder mit der Musikerin Eva Jantschitsch alias Gustav. Die Kooperation tut dem Abend gut: Nicht nur, weil die getragenen Synthesizer-Kompositionen tolle Musik sind, sondern auch, weil durch die Songs, die abwechselnd von Jantschitsch oder den Schauspieler*innen vorgetragen werden, doch so etwas wie eine Emotionalisierung der trockenen Staatstheorie stattfindet. Und wenn Jantschitsch den "Narzissmus der Gekränkten / vermengt mit Größenwahn" als Wurzel des Faschismus besingt, oder den gefallenen Demokratie-Kartonklötzen ganz verblüfft "Es erschien so stabil / bis ich stieß / und es fiel" entgegenhaucht, dann wünschte man, der Abend hätte sich ein bisschen mehr Mühe mit der Integration von diskursiver Wissensvermittlung und emotionaler Kraft, mit der Verschränkung von These und Performanz gegeben.

 

Verteidigung der Demokratie
Politshow von Christine Eder und Eva Jantschitsch
Regie: Christine Eder, Musikalische Leitung, Komposition, Liedtexte: Eva Jantschitsch, Bühnenbild: Monika Rovan, Kostüme: Alice Ursini, Video: Philipp Haupt, Licht: Jennifer Kunis, Dramaturgie: Roland Koberg.
Mit: Thomas Frank, Nils Hohenhövel, Katharina Klar, Christoph Rothenbuchner, Birgit Stöger; Band: Eva Jantschitsch, Didi Kern, Imre Lichtenberger Bozoki, Elise Mory.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.volkstheater.at

 


Kritikenrundschau

Den "Theatergeschichts(doppel)stunden" von Christine Eder hafte "etwas Anachronistisches und Widerspenstiges" an, berichtet Margarete Affenzeller im Standard (19.10.2018). Die historische "Materiallage" in dieser neuen Arbeit "ist erdrückend – und das ist auch das Problem des Theaterabends. Im Affentempo bricht der Redeschwall der zeitlos gekleideten Demokratie-Verhandler über die Rampe. Hier hat es jemand sehr, sehr eilig." Gewürdigt wird die musikalische Gestaltung des Abends.

Christine Eder "zeichnet klare Fronten, hier skrupellose Kapitalisten, dort Sozialabbau. Stupid Economy", schreibt Barbara Petsch in der Presse (20.10.2018). "Wen solche Schwarz-Weiß-Malerei nicht stört, der wird einen tollen Abend erleben: mit Karacho durch die Zeitgeschichte!" Die Musik sei grandios. Aber: "Der Textmüll nervt." Fazit: "Popmusik besiegt an diesem Abend das Schauspiel."

"Je später der Abend, desto deutlicher die Stoßrichtung: gegen den Wirtschaftsliberalismus und den Innenminister", schreibt Hans Haider in der Wiener Zeitung (19.10.2018). "Von den vielen Namen, Pro-und-Contra-Reden und flatternden Ausbrüchen in Ironie brummt der Schädel. Und vom harten mechanischen Sound."

Für die Tiroler Tageszeitung (20.10.2018) berichtet Bernadette Lietzow über diesen "bemerkenswerten Beitrag" des Volkstheaters: Hier werde deutlich gemacht, "dass Demokratiebegriff und Freiheit gleichsam Synonyme sind. Verdienstvoll webt Christine Eder zudem noch eine kleine Geschichte des Neoliberalismus ein, auf dessen geistiger Gehaltsliste eine ganze Reihe aktiver Politiker und Regierungschefs stehen – mit Folgen, an denen die nächste Generation noch schwer zu tragen haben wird." Die Musik und die Songtexte "verdichten kongenial die rechtsphilosophischen Inhalte".

 

 

 
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