Keine Freiheit, nirgends

von Sascha Westphal

Bonn, 15. November 2018. Realismus war für Jean Genet ein Irrweg, den es zu meiden galt. Und ganz Unrecht hatte das enfant terrible der französischen Nachkriegsliteratur damit nicht. Das Vertraute und das Alltägliche laden zumindest im Theater leicht zu vorschnellen Schlüssen und damit auch zu ungenauem Sehen ein. Was man schon zu kennen meint, mit dem muss man sich nicht weiter beschäftigen. Stilisierungen und Verfremdungen, so wie sie Genet für sein überhitztes Spiel von zwei Zofen und ihrer Herrin vorschwebt, können dagegen den Blick schärfen. Wenn, wie der Autor fordert, Männer diese drei mit unsichtbaren Ketten aneinandergeschmiedeten Frauen verkörpern, tritt der existentialistische Spielcharakter des Stücks deutlicher zu Tage.

Claudia Bauer hat sich nicht ganz an Genets ursprüngliche Vorgabe gehalten. Die gnädige Frau und Solange werden in ihrer Inszenierung zwar von Männern, Holger Kraft und Daniel Breitfelder, gespielt. Aber die Rolle der Claire, der älteren Schwester Solanges, hat sie mit Sophie Basse besetzt. Trotzdem geht Claudia Bauer noch viel weiter, als Genet es erwartet hat. Sie hat diesem von Ritualen und Zeremonien erfüllten Einakter, der im Sinne Artauds auf ein mythisches Theater zielt, noch den allerletzten Rest an Realismus ausgetrieben. Nicht einmal die Schauspielerin und die beiden Schauspieler sind in diesen "Zofen" noch zu erkennen. Die beiden Männer tragen nicht einfach nur Frauenkleider, die zu einer Travestie der Wirklichkeit beitragen würden.

Alle drei stecken vielmehr in künstlichen, grotesk ausgepolsterten Frauenkörpern und tragen Latexmasken mit wulstigen Lippen, die weit offenstehen, und Perücken. Ihr tatsächliches Geschlecht wird ausgelöscht. Der Dualismus zwischen Frauen und Männer verflüssigt sich nicht nur, er löst sich komplett auf. Frausein ist in Claudia Bauers Konzept ein reines Konstrukt. Und das Gleiche gilt letztlich auch für die sozialen Positionen. Gnädige Frau und Zofe sind nichts als Rollen.

Zofen 0236 560 Thilo Beu uDie soziale Kälte kriecht durch den Fatsuit. Von links: Daniel Breitfelder, Sophie Basse © Thilo Beu

Um die Verfremdung, die in dieser Inszenierung zugleich auch eine Entfremdung ist, ins Extrem zu treiben, stattet Claudia Bauer ihr Ensemble mit Mikroports aus, die in der Werkstatt, der kleinen Bonner Spielstätte, eigentlich gar nicht nötig sind. Aber so können die Stimmen der drei elektronisch manipuliert, verzerrt und gepitcht werden. Zudem wird fast jede Bewegung der Zofen und ihrer gnädigen Frau von lauten Soundeffekten begleitet. Solange trägt zwar nur dicke Wollsocken und keine Schuhe. Trotzdem löst jeder Schritt, den sie auf dem Steg macht, ein lautes Knarzen aus. Sie ist nie für sich. Jeder Schritt weckt Aufmerksamkeit und führt so zu einem Gefühl von Paranoia. Auch das gehört dazu, wenn eine die falsche (soziale) Rolle erwischt hat.

Unten oder oben

Genet selbst schwebte zwar keine sozialkritische Lesart seines Stücks vor. Im Vorwort zu den "Zofen" schrieb er: "Eine Sache muss schriftlich festgehalten werden. Es handelt sich nicht um ein Plädoyer über das Los der Domestiken." Aber gerade die äußerste Verfremdung, die aus den Figuren fast so etwas wie animierte Puppen macht und den Darstellern ihre Individualität nimmt, lenkt den Blick ganz deutlich auf Machtverhältnisse.

Das Ungleichgewicht zwischen der gnädigen Frau und den Zofen ist in Claudia Bauers Inszenierung allgegenwärtig. Das beginnt schon bei der Kleidung, die sie über ihren künstlichen Frauenkörpern tragen. Während Holger Krafts gnädige Frau in ihrem weißen Kleid wie eine von Divine verkörperte Madonna in Erscheinung tritt, sind Claire und Solange zunächst nackt. Später tragen sie beide schwarze Schürzen. Das Leben offenbart sich hier als ein einziges sadomasochistisches Spiel, in dem es nur Unterdrücker und Unterdrückte gibt. Die Rolle, die der Einzelnen zufällt, entscheidet über materielle Vorteile ebenso wie über existentielle Unbill.

Zofen 2131 560 Thilo Beu uHorrorpuppen: Daniel Breitfelder, Sophie Basse © Thilo Beu

Äußerlich sind die gnädige Frau, Claire und Solange durch die Masken und die verfremdeten Stimmen weitgehend entindividualisiert. Aber Sophie Basse, Daniel Breitfelder und Holger Kraft gelingt es dennoch ihnen persönliche Züge zu verleihen. Gerade weil die drei Darsteller*innen nicht zu erkennen sind, bekommt jede Bewegung eine besondere Bedeutung. Holger Krafts meist kerzengerade Haltung signalisiert Macht, während Breitfelders übervorsichtige Schritte von Solanges Angst ebenso wie von ihrer unterdrückten Wut zeugen. Wenn sich Sophie Basses Claire im Spiel mit ihrer Schwester die blonde Langhaarperücke ihrer Herrin aufsetzt, wird sie ihr ähnlich und kommt doch nicht an sie heran. Die Spiele der Zofen, die bis zum simulierten Mord an der gnädigen Frau gehen, wirken in dem absolut künstlichen Umfeld noch trauriger und trostloser als in anderen Inszenierungen des Stücks. Selbst im Spiel, das für Genets Figuren eine Art Lebenselixier ist, geht ihre Phantasie nicht über das ihnen Bekannte hinaus. Wen wundert es also, wenn Claire am Ende zum vergifteten Lindenblütentee greift, der eigentlich für die gnädige Frau bestimmt war.

 

Die Zofen
von Jean Genet
aus dem Französischen von Simon Werle
Regie: Claudia Bauer, Bühne: Franz Dittrich, Kostüm: Vanessa Rust, Musik und Live-Sounds: Roman Kanonik, Licht: Maximilian Urrigshardt, Dramaturgie: Elisa Hempel, Projektionen: Max Schwidlinski.
Mit: Sophie Basse, Daniel Breitfelder, Holger Kraft.
Dauer: 1 Stunden 45 Minuten, keine Pause

www.theater-bonn.de

 

Kritikenrundschau

Stefan Keim sagte in Fazit auf Deutschlandfunk Kultur (15.11.2018): Die Figuren seien unter ihren Masken und in ihren Kostümen "komplett, fast puppenartig verfremdet". Es sei eine unglaubliche Leistung der beiden Schauspieler und der Schauspielerin, dass sie es schafften, "durch diese Verfremdung hindurch" immer wieder "direkte Töne" zu finden, so dass das Publikum immer wieder schmunzele, lache oder entsetzt sei. Es gäbe große ausgestellte Theater-, Hollywood-, Opernmomente. In den zwei Stunden Dauer laufe sich das "stark durchgehaltene Regie-Konzept" irgendwann aber tot. Das sei allerdings auch schon das Grundproblem von Genets Stück.

Auf der Website des Bonner General-Anzeigers (17.11.2018) schreibt Dietmar Kanthak: Claudia Bauer betäube "mit all ihrer artifiziellen Intensität" lange vor dem Ende alle Sinne des Zuschauers. Lieber hätte man "Die Zofen" von Schauspielern gesehen, die "gleichsam nackt vor dem Publikum ihr verwüstetes Seelenleben ausbreiten". In Bauers Inszenierung, die "in ihren besten Momenten dem Pathos und der abgründigen Komik Genets" nahe komme, spiegele "die Hässlichkeit ihrer Verpackung das Innere der Figuren". Diese Inszenierung vermittele "allenfalls eine Ahnung" davon, "was Genets Zofen auf der Bühne alles anrichten könnten".

Dorothea Marcus in Kultur Heute auf Deutschlandfunk (17.11.): Es spiele keine Rolle, ob die Figuren Männer oder Frauen seien, sie sähen mit ihren Fleischwülsten jedenfalls aus wie "Gummisexpuppen", einmal durch das "Universum von Francis Bacon gedreht". Jeglicher "Realismus" sei ausgetrieben, die handelnden Personen so sehr verfremdet, dass weder Geschlecht noch Machtposition eine Rolle spielte. Alles sei "Zuschreibung". Alles eine Frage der Geburtslotterie. Genet habe gedacht, durch die Kunst, Theaterkunst könne man sich immerhin momentweise befreien. Bauer allerdings zeige, dass die beiden Zofen immer "die ihnen zugewiesenen Rollen" mitspielten, sie könnten nicht aussteigen aus dem gesellschaftlichen Spiel, das "größer sei als sie". Eine "kleine, feine Inszenierung", die auch immer wieder komisch sei.

 

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