Der Tod ist ein DJ

von Martin Thomas Pesl

Wien, 5. März 2019. Wenn wir sterben, dann kommen wir nicht in den Himmel. Wir kommen in die Disco. Das heißt aber nicht, dass das Leben danach eine einzige Party ist. Auf der Tanzfläche begegnen uns nämlich unsere verstorbenen Familienmitglieder, jeweils in dem Alter, in dem sie starben. Und dann gibt es natürlich erst mal einiges zu besprechen, so René Kalisky.

Von der Bühne zum Film und zurück

Der belgische Dramatiker (1936–1981) ist außerhalb des französischen Sprachraums kaum bekannt. Eines seiner letzten Stücke, bevor er jung an Lungenkrebs starb, war "Falsch", dessen Kinoadaption – Fun Fact am Rande – den ersten Langspielfilm der Gebrüder Dardenne darstellte. Im Hamakom erfuhr "Falsch" nun in der Inszenierung des künstlerischen Ko-Leiters Frederic Lion eine späte österreichische Erstaufführung (die deutschsprachige Erstaufführung kam 1986 in Bonn heraus).

Falsch2 560 Marcel Koehler uNICHT-Ort für Verstorbene: die After-Life-Disco von Bühnenbildner Andreas Braito © Marcel Köhler

Kalisky war Sohn eines in Auschwitz ermordeten Juden, und auch ein Großteil der Verwandten, die Joseph Falsch im eingangs erwähnten Nachtclub empfangen, starben im KZ. Wenn, dann ist Wiens geschichtsträchtiges jüdisches Theater Hamakom also der richtige Ort für die Wiederentdeckung. Es wurde von Bühnenbildner Andreas Braito mithilfe eines DJ-Pults, silbriger Weihnachtsgirlanden und einer Installation aus Neonröhren zur Disco umfunktioniert. Schon beim Einlass clubbt das Ensemble im Nebel auf schwarzem Kies, der möglicherweise die Asche der im KZ Verbrannten symbolisiert. Die laut Kaliskys einleitender Regieanweisung "ungewöhnliche Musik, die einerseits heutig ist, andererseits etwas Altmodisches, Nostalgisches hat", stammt von Karl Stirner, wiederholt sich oft und ist Elektro, eher Eighties.

Familienfest im Jenseits

Hier also landet Joseph alias Joe (Franz Xaver Zach) nach einem tödlichen Sturz aufs harte New Yorker Pflaster. Ihn empfangen Eltern, Geschwister, Onkel und Tanten. Regisseur Lion hat das Personal – mit Ausnahme einer Szene, in der fünf der acht Spielenden kurz in andere Rollen schlüpfen – auf die Kernfamilie reduziert. Nur Josephs Jugendliebe Lilli, Tochter eines Nazis, hat es wundersamerweise auch auf die posthume Familienfeier geschafft. Nach Josephs Emigration 1938 starb die Schöne im Bombenhagel auf Berlin. In Wien wird sie jetzt von der jungen Marlene Hauser gespielt.

Das Zurechtfinden im Jenseits ist schon für den Betroffenen verwirrend genug – er braucht ein Drittel der 90-minütigen Aufführung, um alle zu erkennen. Noch schwerer fällt es dem Publikum durchzusteigen, wenn die einzelnen Familienmitglieder ihre Werdegänge, Vorwürfe und Ausreden, ihre Gründe, damals aus Berlin wegzugehen oder nicht wegzugehen, mal andeuten, mal aussprechen, mal in Rückblenden vorspielen. Und hat man es geschafft, weiß man nicht recht, was man mit den Informationen anfangen soll. Es ist wie auf einem Familienfest bei Thomas Vinterberg oder Tracy Letts, nur dass alle tot und buchstäblich aus der Zeit gefallen sind.

Falsch1 560 Marcel Koehler uTableau mort: das Ensemble spielt Ahnengalerie © Marcel Köhler

Dennoch pflegt der Abend konsequent eine drückende Atmosphäre, als hätten Joe und die anderen wahnsinnig viel zu verlieren. Das Ensemble harmoniert im anklagenden Ton des Seelendramas. Selbst ein absurder Satz wie "Ihr stinkt ja nach Leben!", mit dem sich der junge Ben (Thomas Kolle) über das Verhalten seiner Brüder echauffiert, kommt todernst. Einzig Thomas Kamper als schauspielender Bruder Gustav springt als unbekümmerter Schelm aus der Reihe, gibt einmal sogar einen Broadway-Hit zum Besten. Mit Entsetzen starrt man anfangs auf Kampers Blackface, bis man erleichtert erfährt, dass es sich offenbar um eine Masche der Figur handelt: Gustav schämt sich für sein Gesicht, jedenfalls meint er, mit einem anderen besser Karriere zu machen.

Dieser in Wahrheit fürchterliche Gedanke erhält hier ebenso wenig Entfaltungsraum wie eine Fülle anderer Aspekte, deren potenzielle Tiefe von Choreografien und schönen Lichtstimmungen geblendet wird. Da fällt schon auf, dass der Dramaturg Karl Baratta, dem im Programmheft für den Stückvorschlag gedankt wird, danach die Produktion nicht begleitete – und auch sonst niemand. So ist Lion mit seiner Begeisterung für das Stück alleingelassen und erliegt trunken dessen altmodischer Form, die allgemeingültige Abstraktion anstrebt und von extremer Konkretheit schon räumlich nicht loskommt. Inhaltlich vermag er kaum mehr herauszuholen als die im bedeutungsvollen Abschlusssatz "Sie vergessen, was sie vergessen wollen" zusammengefasste mahnende Erinnerung an den Holocaust. Die zumindest hat fraglos immer ihre Berechtigung.

 

Falsch
von René Kalisky
Deutsch von Ruth Henry
Österreichische Erstaufführung
Regie: Frederic Lion, Raum: Andreas Braito, Kostüme: Andrea Költringer, Musik: Karl Stirner, Choreografie: Jasmin Avissar, Maske: Marianne Meinl, Licht: Andreas Braito, Edgar Aichinger.
Mit: Barbara Gassner, Florentin Groll, Marlene Hauser, Thomas Kamper, Thomas Kolle, Jakob Schneider, Franz Xaver Zach, Katalin Zsigmondy.
Premiere am 5. März 2019
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.hamakom.at

Kritikenrundschau

Die Figuren wirkten nicht wie echte Menschen, "eher sind sie alle recht abstrakte Typen in einer künstlichen Familienaufstellung", so Katrin Nussmayr von der Presse (6.3.2019). "Die Inszenierung bleibt zu distanziert, um wirklich zu berühren: Die Mitglieder dieser Familie Falsch können zärtlich und hart zueinander sein – aber sie bleiben letztlich Gespenster, wie sie nur auf einer Bühne zusammentreffen können."

Mit der Frage, was sich an der Schwelle des Todes abspielt, setze sich das Theaterstück von René Kalisky auf bemerkenswerte Weise auseinander, so Petra Paterno von der Wiener Zeitung (6.3.2019). "Regisseur Lion inszeniert mit starkem Formwillen, erstaunliche szenische Bilder gelingen", das achtköpfige Ensemble spiele mit Verve. Dennoch verfange das Stück nicht wirklich, die Schicksale ließen einen seltsam unberührt.

 
Kommentar schreiben