Woo hoo!

von Sabine Leucht

München, 29. Juli 2020. Im Theater in der ersten Reihe zu sitzen, hat dieser Tage den Vorteil, dass man den nahezu leeren Zuschauerraum im eigenen Rücken fast vergisst. Dafür schreien vorn die in großzügigem Abstand voneinander aufgestellten Bänke auf Anna van Leens Bühne laut "Corona", und die Schauspieler Nina Steils, Anne Stein, Silas Breiding und Vincent Sauer verteilen sich ebenfalls brav an der Rampe. Einerseits!

Andererseits aber wird da oben gesungen und oft derart gebrüllt, dass jeder, der dachte, die nächsten Monate sei Flüstertheater angesagt, sich eine neue Befürchtung oder Hoffnung suchen muss.

Weltenbrand

Die, denen die vier auf der Bühne des Münchner Volkstheaters ihre Stimmen leihen, haben allem Fürchten und Hoffen abgeschworen. Sie sitzen in der allerersten Reihe beim Weltenbrand, den Laura Naumann 2017 für das Schauspiel Frankfurt aufs Papier gebracht hat. Dort liest sich das Ganze wie eine in Duktus und Tonlage denkbar heterogene Stoffsammlung zu den Brandstiftern und Brandbeschleunigern der Gegenwart – teils nüchtern bilanzierend, teils aufgekratzt oder poetisch-überhöhend, teils auch noch sehr roh. Es geht um Sicherheit (und wo es sie überall nicht gibt), um Unübersichtlichkeit und Ohnmacht und um einen einfachen und offenbar mehrheitsfähigen Weg da raus, den ein Phänomen namens Rosa mit den Worten "Alles muss brennen!" weist.

Dashaesslicheuniversum1 560 vincentsauer ninasteils annestein silasbreiding Arno DeclairShowtime mit Freddie Mercury und Freunden: Vincent Sauer, Nina Steils, Anne Stein und Silas Breiding spielen Weltuntergang © Arno Declair

Die, die das am Ende wörtlich nehmen, als Figuren zu bezeichnen, ginge zu weit, aber ein paar Fixpunkte gibt es schon. Da sind Sahar und ihr verliebter Nachbar mit Rassismus-Ratgeber unterm Arm, da ist die alleinerziehende Mutter von drei Kindern, die nach etwas Lebenssinn jenseits von Wäschebergen und Geographietestvorbereitungen sucht, und da ist der Influencer "Engagierter Bürger", der weiß, dass seine Follower die "Sehnsucht nach dem Ausgewogenen" umtreibt, das zwischen "aufgebauschtem Horror" und beschwichtigendem Alles-gar-nicht-so-Schlimm keinen Platz mehr hat. Da fühlt man sich schon sehr an die Corona-Blockwarte und -Leugner von heute erinnert. Und dieser automatische Übergriff der Realität aufs Stück tut dessen sehr luftigem Gefüge gut.

Frühstart am Volkstheater

Sapir Hellers Inszenierung ist die zweite in der vorzeitig gestarteten 2020/21er-Saison des Münchner Volkstheaters, das einen im deutschsprachigen Raum einzigartigen Weg aus den Pandemie-Beschränkungen nimmt: Nach einer vorgezogen Sommerpause wurde an Christian Stückls Haus schon Mitte Juni mit den gleichzeitigen Proben für fünf coronataugliche Inszenierungen begonnen, die derzeit im Wochenabstand auf die Bühne drängen. "Das hässliche Universum" ist nach George Taboris "Die Goldberg-Variationen" in der Inszenierung des Intendanten auch der zweite Beweis für die ungeheure Spiellust, die hier herrscht – verbunden mit der Freude am Erzählen schräger Geschichten, die man/frau gerne noch etwas schräger macht.

Dashaesslicheuniversum3 560 annestein ninasteils silasbreiding Arno Declair uNina Steils als Frida Kahlo-Geisha auf der Bühne von Anna van Leen (im Hintergrund: Anne Stein und Silas Breiding) © Arno Declair

Hier etwa heizen ein wackerer Ritter in Papprüstung, ein Cowgirl im Glitzerkleid, ein Frida Kahlo-Geisha-Verschnitt und ein Freddie Mercury-Lookalike für den finalen Countdown ein. Unter einem schief hängenden Schild, auf dem Leuchtbuchstaben "The Goodbye Show" ankündigen, veranstalten sie eine Art popkulturelle Jam session – "one, two, three, four – hit it, guys!" – mit viel Geschnipse.

Angetan mit allerlei Instrumenten und einem höchstens mal willentlich torpedierten Rhythmusgefühl zerdehnen sie Songs oder zerlegen sie in kreischige, pathetische oder todernst deklamierte Partikel, singen Sprechpassagen a cappella (oft schön, aber mit kalkulierten Kippmomenten!) und schmecken vergnügt für ein, zwei Sätze in Gefühlszustände statt Figuren rein, so dass Breidings Ritter ebenso mit den Wäschebergen der Alleinerziehenden kämpfen muss wie Sauers Freddie-Mercury-Typ mit den Hausaufgaben ihrer Kids, während Glitzergirl Stein einen langen "Nein"-Monolog der Ablehnung und des Überdrusses wie die zunehmend verzweifelte Suche nach dem richtigen Wort klingen lässt und Kahlo (Steils) den wohl bekanntesten Blur-Song ( "Woo Hoo…") zur Unkenntlichkeit zerbrüllt.

Mit diebischer Freude

Eine der witzigsten und aufschlussreichsten Szenen ist jene, in der die vier im Plauderton darüber debattieren, wofür Rosa wirklich steht. Für das Ende von Kapitalismus und Familie, für "wenn alle mehr kuscheln, dann wird alles gut" oder für "unsere Vorstellungskraft ist unsere Waffe". Und für jeden stimmt das, was seine Erlösungssehnsucht verlangt.

Dashaesslicheuniversum 2 560 vincentsauer ninasteils annestein silasbreiding Arno Declair uAnstehen für den Weltenbrand: Vincent Sauer, Nina Steils, Anne Stein und Silas Breiding © Arno Declair

Warum es am Ende dann für alle der brennende Planet sein muss, können und wollen weder Autorin noch Regisseurin wirklich klären. Vielleicht, weil dieses Finale einer Sehnsucht nach Eindeutigkeit bedient, die beide nicht teilen? Naumanns Text zelebriert die Kontraste, inadäquate Repliken und innere Widersprüche wie etwa die absurde Sorge darum, sich nicht den Finger zu verbrennen, wenn man zwischen lodernden Flammen die Gasplatten entzündet. Heller geht da mit diebischer Freude mit und macht aus der Beerdigung alles Gewesenen und Bekannten eine Party – als Behauptung, aber vor allem auch energetisch, denn ihre Crew macht und hat hier eindeutig Spaß. Das muss genügen.

 

Das hässliche Universum
von Laura Naumann
Regie: Sapir Heller, Bühne & Kostüme: Anna van Leen, Musik: Ralph Heidel, Dramaturgie: Laura Mangels.
Mit: Nina Steils, Anne Stein, Silas Breiding, Vincent Sauer.
Premiere am 29. Juli 2020
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.muenchner-volkstheater.de

 

Kritikenrundschau

Wie ein Kommentar auf coronabedingte Einschränkungen des Lebens wirkt Laura Naumanns 2017 herausgekommener und damals thematisch frei flottierender Text auf Egbert Tholl von der Süddeutschen Zeitung (31.7.2020). Der Kritiker lobt das "fabelhafte Solo" von Anne Stein, auch, "weil Toben das Beste ist, was man mit Laura Naumanns Text anfangen kann". "Das hässliche Universum" sei "mehr eine Idee als Bühnenliteratur, eine Textflut, die erst von der Regisseurin Sapir Heller in Form gebracht wurde". Die Regisseurin finde einen "feinen Rhythmus", versammle das Vierer-Ensemble, das Lust und komödiantischer Präzision den Untergang schildere, zu mit Liedern und Gesängen durchsetzten Chorpassagen. "Doch nicht einmal mit diesem äußerst charmanten und auf den Punkt wachen Personal gelingt es, dem Text seine Seifigkeit, sein konturloses, mäanderndes Herumfischen in dystopischen Gefilden auszutreiben."

Als "Musiksensation" bezeichnet Michael Stadler von der Münchner Abendzeitung (30.7.2020) den von Sapir heller inszenierten apokalyptischen "Abgang mit Party-Feeling". Sich selbst instrumentell begleitend, sängen die Performer*innen vierstimmig, coverten bekannte Songs, teils originalgetreu, teils sehr eigenwillig: "'It’s My Life' von Bon Jovi als eine Art Choral gesungen, ist schon eine deutliche Aufwertung der Vorlage." Als Imitate von Popmythen und Figuren aus Kulturgeschichte träumten die Vier von einer Heilsfigur, "die das Zeug zu einer echten Rebellin gegen das pervertierte System hat", so Stadler. Ihr Palavern von einer Rosa funktioniere "als kleine satirische Einlage auf den Fakten-und-Fake-News-Wirbelsturm unserer digitalen Zeit hervorragend lustig". Laura Naumanns Theatertext wirke "recht konfus", habe aber nichts an Aktualität verloren – "Endzeitstimmung geht halt auch immer" –, die Nummern ihrer "Theater-Revue" glänzten dank des hochmusikalischen Ensembles. Und Sapir Heller beweise erneut "ihr Talent für klangvolle, pointiert rhythmisierte Inszenierungen".

 

 
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