Hinter jeder Fassade ein Riss

von Katrin Ullmann

Kiel, 23. April 2021. Für die einen ist es das Sofa von Ikea, für die anderen das Abtauchen in einer Gute-Laune-Badekugel oder der Duft nach frischen Küchenkräutern: Zuhause. Darum (und um die Sehnsucht und Suche danach) geht es in Ingrid Lausunds Stück "Bin nebenan". Neun Monologe umfasst das Stück, in Kiel wurden sie nun im Rahmen des Modellprojekts Schleswig-Holstein auf die Bühne gebracht. Live. Analog. Und für eine sehr überschaubare Anzahl von zuvor negativ auf Corona getesteten Zuschauern.

In der Reihe eigenständiger Texte

Die Regisseurin Annette Pullen hat das Stück inszeniert. Hat Einblicke hinter die Fassaden der jeweiligen Figuren gewährt, in deren Nöte und Lebenslügen. Zugute kommt ihr, dass es sich bei den Monologen um ganz und gar eigenständige Textteile handelt. Dass etwa der Ikea hassliebende Mann (Maximilian Herzogenrath und Imanuel Humm – warum auch immer als Doppel-Ich) aus dem ersten Mini-Drama rein gar nichts mit der anschließend monologisierenden, einsamen Dame im Schaumbad (Yvonne Ruprecht), dem inständig um Anerkennung ringenden jungen Mann (Tristan Steeg) aus dem dritten Monolog zu tun hat oder der gescheiterten Künstlerin (Anne Rohde), von deren Seelenabgründen man im vierten erfährt.

Bin Nebenan 4 OlafStruck uHasslieben ihr Ikea-Sofa: Maximilian Herzogenrath und Imanuel Humm © Olaf Struck 

Im Laufe des Stücks gibt es keine raffinierten Querverbindungen, Verknüpfungen oder gar Wiederauftritte von bereits bekannten Figuren. Absolute Autonomie kennzeichnet die Monologe. Das macht jeden einzelnen zu einem autarken kleinen Stück Theater. Von denen manch einer positiver herausragt als der andere, manch einer mehr Klischees bedient als der andere. In seiner Struktur ist der Abend scheinbar kurzweilig. Schließlich dauert jeder Monolog kaum länger als 10 Minuten. Und ist mal einer darunter, der allzu vordergründig oder plump daherkommt, ist auch dieser spürbar bald vorbei, der jeweilige Darsteller dann von der Bühne.

Lebens-Erklär-Szenen und liebevolle Porträts

Diese szenische Eigenständigkeit ruckelt aber auch – wie soll es anders sein? – an den szenischen Übergängen, (die es ja stückgemäß auch gar nicht gibt). Das Bühnenbild von Iris Kraft spielt dabei eine entscheidende Rolle. Was zunächst wie eine riesige, überdimensionale, reinweiße Ikea-Tasche daherkommt, wird im Lauf des Abends zur puren und äußerst flexiblen Behauptung für die unterschiedlichen Interieurs. Zwischen den Szenen verändern die Darsteller*innen es mit wenigen Handgriffen. Dann sackt es mal wie ein schlaffer Luftballon über der gesamten Bühne zusammen, krabbeln Darsteller darunter hervor oder wird es zur heimeligen Wohlfühlhöhle gefaltet. Annette Pullen allerdings untermalt diese raschen, offenen Umbauten immer wieder mit sehr, sehr, sehr gefühlvoller Musik. Weniger wäre mehr gewesen.

Bin Nebenan 2 OlafStruck uGlamourös einsam: Yvonne Ruprecht als "Dame im Bad" © Olaf Struck

Mit einer Entscheidung zum Weniger hätte Pullen auch auf einige der Monologe ruhig verzichten oder sie zumindest kürzen können, schließlich variieren diese stark in Qualität und Originalität. In manchen Fällen sind sie gar aufdringlich ausschweifend oder schmerzhaft schlicht, denkt man etwa an den Monolog des verwirrten Professors, der ein Kaufhaus mit der Universität verwechselt und die dort angepriesenen Blockbuster-DVDs für die Neuanschaffungen der Bibliothek hält: "Aha, sieht mir alles hier sehr populärwissenschaftlich aus." Mehrere Male verrennt sich Pullen mit ihrem offensichtlichen Anspruch auf Vollständigkeit in langweilige Lebens-Erklär-Szenen. Andere Male wiederum gelingen ihr liebevolle Porträts dieser Menschen von "nebenan". Dann zeigt sie ganz unaufgeregt und ohne Wertung, wie diese bei dem Wunsch nach Gutmenschentum oder interkulturellem Begegnungswillen in unvermeidliche Fettnäpfchen stolpern (herrlich: Ellen Dorn). Oder wie sie in die nahende Esstisch-Lieferung die Rettung ihrer gescheiterten Beziehung hinein sehnen (wunderbar zerrissen und nahbar: Isabel Baumert).

Dass hinter jeder Fassade ein Riss, vielleicht sogar ein (seelischer) Abgrund stecken mag, dass mancher Mensch, obwohl er ein Dach über dem Kopf hat, kein Zuhause hat, dass Träume anders buchstabiert werden als die Realität und dass viele Menschen auch in der Zweisamkeit einsam sind: Das sind die Kernaussagen dieses nicht wirklich aufregenden Abends. So aufgelistet klingen sie wie Kalendersprüche. Ein bisschen Sprachpoesie war schon auch mit dabei. Gut versteckt zwischen dem perfekten Ikea-Sofa, frischen Küchenkräutern und mancher Badekugel.

 

Bin nebenan
von Ingrid Lausund
Regie: Annette Pullen, Ausstattung: Iris Kraft, Dramaturgie: Jens Paulsen.
Mit: Isabel Baumert, Ellen Dorn, Maximilian Herzogenrath, Imanuel Humm, Christian Kämpfer, Werner Klockow, Claudia Macht, Zacharias Preen, Anne Rohde, Yvonne Ruprecht, Tristan Steeg.
Premiere am 23. April 2021
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.theater-kiel.de

 

Kritikenrundschau

"Vielleicht würde man unter anderen Umständen strenger urteilen", schreibt Falk Schreiber im Hamburger Abendblatt (26.4.2021). "Vielleicht würde man die Ambitionslosigkeit des Abends bemängeln, vielleicht, dass Regisseurin Annette Pullen sich die Übergänge zwischen den einzelnen Szenen mit wenig motivierter Musik arg einfach macht, vielleicht, dass nicht alle Figuren gleich fein herausgearbeitet sind." So aber sehe man 150 Minuten pralles Theater, "lustig, beunruhigend, berührend. Und wann sah man so was zuletzt? Man freut sich, man ist gnädig."

Annette Pullen habe Ingrid Lausunds Monologe "mit großer Sensibilität in ein traurig schönes Panoptikum verwandelt", schreibt Ruth Bender in den Kieler Nachrichten (26.4.2021). "Ingrid Lausund kann das, das Politische subtil ins Persönlich-Alltägliche weben. Und Annette Pullen findet poetische Bilder dazu, lässt den Abend zwischen Komik und Tragik in sämtlichen Graden der Melancholie flirren." Mit Präzision und "Gefühl für die kleinen Implosionen und plötzlichen Verschiebungen" dringe das Ensemble in die tieferen Schichten des Textes vor, "holt weit mehr heraus als Abstandsregeln und Pandemie-Einsamkeit".

Lausund decke in ihren Texten Brüche auf "und lässt ihre Figuren vom schmalen Grat fragiler Zufriedenheit abstürzen“, schreibt Sabine Christiani in der Eckernförder Zeitung (26.4.2021). Annette Pullen habe diese Brüche "mit Fingerspitzengefühl herauspräpariert", "sensibles Spiel lässt sie spürbar werden."

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