Verzweifelte Wut

Leipzig, 30. Oktober 2021. Giacomo Puccini holte in "La Bohème" verelendetes Künstlerprekariat auf die Opernbühne. Wo ist dieses Prekariat heute? Anna-Sophie Mahler und Anne Jelena Schulte sind auf die Suche gegangen.

Von Jorinde Minna Markert

Verzweifelte Wut

von Jorinde Minna Markert

Leipzig, 29.10.2021. Stets nieselt im Eingangsbereich des Leipziger Hauptbahnhofs klassische Musik aus unsichtbaren Lautsprechern herab – angeblich eine Maßnahme gegen herumhängende Wohnungslose – Vertreibung per Dauerberieselung. Hier hetzen Leute, sitzen Leute, stopfen Coffee-To-Go-Becher in überquellende Mülleimer, die andere später nach Leergut durchwühlen. Widersprüche findet man hier zuhauf. Auch die Bohème des 21. Jahrhunderts?

Utopische Floskeln

Regisseurin Anna-Sophie Mahler und Autorin Anne Jelena Schulte suchten für ihr halb-dokumentarisches Musiktheaterstück auf Puccinis Fährte auf eben diesem Hauptbahnhof eben diese Bohème. Und fanden einen Ort, der gleichzeitig mitten in und komplett außerhalb der Stadt liegt: Eine bewohnte Brache zwischen Bahnhof und Gleisen, eine Übergangsniederlassung, "ein Heim für Wanderer" – einen Widerspruch in sich.

Katrin Connans Bühnenbild dieser neuen, am Schauspiel Leipzig uraufgeführten "La Bohème" spürt der Brache nach: ein Himmel, ein Zelt, ein Felsbrocken, sonst nichts. Am Feuer hockt vorn der Brachensiedler Franz (Katharina Schmidt), dem Schulte und Mahler bei ihrer Recherche begegneten und der als eine Art Verwalter und Visionär der Brachensiedlung auftritt. Seine Sprache ist repetitiv, hat etwas latent Selbstgesprächiges wie bei Leuten, die so oft allein waren, dass es für sie inzwischen keinen Unterschied mehr macht, ob jemand zuhört oder nicht. Es klingen utopische Floskeln durch – "Nimm, was du brauchst, gib, was du kannst" – und viel Frustration.

Hoffnung auf ein Leben in Schönheit

Die anderen Charaktere tragen die Namen der Opernfiguren und sind ausgestattet mit biografischen Sprengstücken der Recherche – Marcello (Paulina Bittner) tritt auf als militanter Brachenverteidiger, der immer wieder fordert: "Gebt uns die Wiese. Okay, die Hälfte der Wiese." Rodolfo (Patrick Isermeyer) ist ein Suchtkranker, der in seiner Laufbahn Heroin im Wert von zweieinhalb Lamborghinis verbraucht hat und gleichermaßen für Goethes Faust und Astronomie schwärmt. Musette (Julius Forster) steht als mittellose, eingewanderte Tänzerin am Glühweinstand in Deutschland und kann sich nur immer wieder fragen: Was mach ich hier? Mimì schließlich (Alina-Katharin Heipe) erscheint als traumatisierte Person, die "nicht erzählen kann, was ihr passiert ist".

In der Geste, mit der sie Blumensamen ins Publikum pfeffert – zur "Verschönerung" –, bebt die verzweifelte Wut der Weltverschöner:innen und Utopist:innen. Etwas wie eine stringente Erzählung findet aber nicht hinein in den gesprochenen Text, der selbst wie ein Brachland wirkt – gerodet und nur bedingt regenerierbar. Aber in der Ödnis leuchten die Sterne umso mehr – auch die künstlichen aus Strass an den Kostümen der bohèmen Bewohner:innen.

Wie ein Leuchten, das kurz vergessen macht, dass da Plastik und keine Himmelskörper funkeln, wirkt die Musik, die in extrem reduzierter Form mit Cello, Piano und dem Gesang des Ensembles immer wieder die wichtigsten Momente der Oper und die Hoffnung auf ein Leben in Schönheit anskizziert.

la boheme 1000 RolfArnold uSehnsucht nach einem Leben in Schönheit: Hubert Wild und Paulina Bittner © Rolf Arnold

Der Sänger Hubert Wild materialisiert sich an ausgewählten Stellen aus der Musik wie ein androgyner Todes-Engel. Alles hält inne und schaut zu ihm, wie er mit schwarzem Kleid, funkelnder Totenschädel-Maske und eindringlicher Falsettschwingung das Elend zur Kunstform erhebt. Ob er Tod oder Leben bringt – egal – denn er bringt Schönheit und Schönheit ist Sinn. Bohème ist ein schwer zu erklärendes und kaum übersetzbares Wort. Doch dass der Bohème-Entwurf auf ein Leben in Schönheit zielt, soviel kann man vielleicht sagen. 

Aus dem Nachthimmel gefallen

Außerhalb der musikalischen Momente ist die Inszenierung aufs Brutalste aller Schönheit und allen Sinns entschält. Die recherchierten Geschichten werden im gesprochenen Text dermaßen spröde, unatmosphärisch und unzusammenhängend aufbereitet, dass es schmerzt. Auf andere Art schmerzt, als sich schließlich herausstellt, dass der reale Franz inzwischen tot und die Brachensiedlung geräumt ist. Der riesige Felsbrocken, der das ganze Stück über wie aus dem Nachthimmel gefallen auf der Bühne ruhte, bekommt jetzt eine Funktion: Es ist Franz' Grabstein. Mit Franz ist die Seele dieses utopischen Ortes gestorben.

Was schon wie das vermeintliche Ende wirkt, wird dann noch durch eine Szene ergänzt: Die Cellistin improvisiert, der astronomieliebende Rodolfo lauscht. Mit Sechzig werde er auch endlich Cello lernen. Das habe er sich immer vorgenommen, erklärt er strahlend. Heroin an sich sei gar kein so schädlicher Scheiß, nur das, womit es gepanscht werde. Mit Heroin kann man das schaffen. Hier offenbart sich, was dem Abend bei allem musikalischen Leuchten und allem Willen zum Widerspruch gefehlt hat: Humor.

 

La Bohème
von Anna-Sophie Mahler und Anne Jelena Schulte
nach der gleichnamigen Oper von Giacomo Pucci
Inszenierung: Anna-Sophie Mahler, Text & Recherche: Anne Jelena Schulte, Bühnenbild und Kostüme: Katrin Connan, Musikalische Leitung: Arno Waschk, Dramaturgie: Benjamin Große, Cello: Natania Hoffman, Piano: Arno Waschk, Sounddesign: Albrecht Ziepert, Rafał Stachowiak / Stachy, Licht: Ralf Riechert, Theaterpädagogische Betreuung: Babette Büchele.
Mit: Paulina Bittner, Julius Forster, Alina-Katharin Heipe, Patrick Isermeyer, Katharina Schmidt, Hubert Wild.
Premiere am 29. Oktober 2021
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.schauspiel-leipzig.de

 

Kritikenrundschau

Stefan Petraschewsky schreibt auf der Website von MDR-Kultur (online 30.10.2021, 1954 Uhr) über den "vielversprechenden Auftakt" der neuen Hausregisseurin Anna-Sophie Mahler: Das Bühnenbild erinnere an einen anderen Planeten, der Sternenhimmel als Rundhorizont sei eine "Meisterleistung der Malerwerkstätten". Das lohnende Programmheft verrate, dass Anna-Sophie Mahler und Anne Jelena Schulte reale Vorbilder für ihre Figuren auf einer Brache hinter dem Leipziger Hauptbahnhof gefunden hätten. Die prekäre Existenz bekomme in der Inszenierung  "plötzlich etwas von Utopie" und "Poesie". Mit Katharina Schmidt als Franz sei immer auch "der kleine Prinz" mit auf der Bühne. "Fast ein Weihnachtsmärchen für Erwachsene". Obwohl die reale Geschichte "eine von Flucht und Vertreibung" sei. Womit die Handlung wiederum etwas "universales und globales" bekomme. "La Bohème" an der Leipziger Oper inszeniert von Peter Konwitschny vor 30 Jahren wirke "wie ein Vorbild für diesen Abend hier".

Als "beachtliches Dokumentar-Theater" stelle diese „La Bohème“ die Inszenierung "authentische Träume vom Rand der Gesellschaft auf die Bühne", schreibt Dimo Rieß in der Leipziger Volkszeitung (1.11.2021). Gegenwarts-Szenen verwebten sich "mit Opern-Elementen, die die authentisch schroffe, auf der Brache erlauschte Sprache umwölken und die Atmosphäre sinnlich verdichten". Puccinis Musik reduziere sich aufs Fragment – behutsam auf die beiden Instrumente Cello und Klavier reduziert, erklängen die Hauptmotive –, die Liebesgeschichte suche man vergebens, dafür sei das Ringen um ein Stück Freiheit umso deutlicher herausgearbeitet. Das Ensemble verleihe den Figuren Würde, ohne sie zu romantisieren. "So entsteht ein mutiger, ein konsequenter Abend, voller Respekt für die Menschen und ihre Ideale, ohne sie und ihre Ziele zu verklären."

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