Vater, Du machst mir Angst!

12. November 2021. Das "Fast Forward"-Festival für junge Regie gibt es 2021 analog vor Ort in Dresden und mit digitalen Streams im Internet. Zur Eröffnung überzeugt Wiktor Bagiński mit seiner Erzählung über Hautfarbe, Identität und männliche Rollenbilder: "Serce (Herz)" vom TR Warschau.

Von Michael Bartsch

12. November 2021. Dieser Live-Auftakt zum elften Jahrgang des "Fast Forward"-Festivals für junge europäische Regie am 11.11. bot Stoff für eine Grübelnacht, nicht für eine Fastnacht. Das 1945 gegründete TR-Theater Warschau setzte im Kleinen Haus des Dresdner Staatsschauspiels mit "Serce" Maßstäbe für die bis Sonntag folgenden sieben Festivalbeiträge. "Serce", das Herz also, geht zurück auf das "Herz der Finsternis", die erschütternde Kolonialerzählung von Joseph Conrad aus dem Jahr 1899. Autor und Regisseur Wiktor Baginski, der sich selbst als schwarzer Pole bezeichnet, geht mit "Serce" von seiner eigenen Biographie aus und überschreibt sie im Theatertext gemeinsam mit seiner Co-Autorin Martyna Wawrzyniak.

Über Autobiografisches hinaus verquickt dieses Vierpersonenstück in nur hundert Spielminuten Kolonialerbe und Rassismus mit mehreren zeitlosen wie auch brisanten Gegenwartsthemen. Entworfen wird schon beinahe ein Theatrum Mundi, überhaupt nicht mechanisch, sondern höchst vital. Die Suche nach dem Vater, mithin nach einem Teil der Identität, die Frage nach selbstverantworteter Lebensgestaltung, die polnische Debatte um Abtreibungen und traditionell egoistisch-patriarchalische Männerrollen durchdringen und überlagern das Hauptthema von Herkunft und Hautfarbe.

Vatersuche und ungewollte Rollenkopie

Fast schon eine Überfrachtung, schälte sich nicht nach und nach ein plastischer Plot heraus. Der Protagonist, ein junger Mann of colour, aber wie alle Rollen von Weißen gespielt, sucht seinen afrikanischen Vater. Wie dieser einst seine Mutter, so schwängert auch er recht bedenkenlos eine Frau, eine afrikanische Studentin, ohne sich um die diskutierte Abtreibung oder ein mögliches Kind zu kümmern.

Erst ein erforderliches psychiatrisches Gutachten führt ihn nach Jahren in die Therapiepraxis seiner damaligen kurzen Affäre. Seiner selbstherrlichen Respektlosigkeit begegnet sie mit präzisen Analysen seiner Komplexe und Traumata. Die Mitteilung, dass sie nicht abgetrieben habe und er Vater eines Sohnes sei, überfordert ihn schon. Als er dann noch von seiner Mutter erfahren muss, dass er das Kind eines gehassten Vergewaltigers ist, bricht er zusammen.

serce2 c wiktor baginskiMagdalena Kuta in "Serce (Herz)" am TR Warschau © Monika Stolarska

Die vier Akteure spielen die Vielschichtigkeit des Stoffes äußerst eindringlich aus. Baginski setzt verschiedene Stilmittel für eine Inszenierung ein, die zunächst konventionell erscheint. Mit Palmengarten, Sofa oder Kühlschrank abstrahiert das Bühnenbild jedenfalls überhaupt nicht. Kurze Choreografien, Lieder, Lichteffekte und vor allem ahnungsvolle, in Rastern aufgelöste Videos transzendieren das Geschehen und erzeugen retardierende und reflektierende Momente.

Online-Angebot als Ergänzung

Der umtriebigen Organisatorin Charlotte Orti von Havranek war ehrliche Erleichterung über die glückliche "Eröffnung in Echtzeit" anzumerken, nachdem die Grußworte der Offiziellen absolviert waren. Seuchenbedingt war im Vorjahr das junge Festival komplett auf die leidige Streamerei reduziert worden. Nun findet es hybrid statt. Was auf den Bühnen läuft, kann auch im Netz gefischt werden.

Hinzu kommen online: tägliches Frühstück, Inszenierungsgespräche, Beiprogramm und die freilich etwas triste Tagesausklangsparty mit einem einsamen Disko-Tisch in kahlem Raum. Charlotte Orti ist hier als "Ansagerin" und Moderatorin unermüdlich vor der Kamera im Einsatz.

Nicoleta Esinecus Monolog "Fuck you, Eu.ro.Pa!"

Einen der wenigen ausschließlich per Stream zu sehenden Beiträge steuerte am Eröffnungsabend die in der Republik Moldau lebende Autorin Nicoleta Esinencu bei. Ein knapp halbstündiger weiblicher Monolog über die skeptische Rezeption glücksverheißender westlicher Errungenschaften durch südosteuropäische Transformationsgesellschaften. Der provokante Titel "Fuck you, Eu.ro.Pa!" ausgerechnet bei einem europäischen Festival sagt alles.

fuck you eu ro pa 1Pauline Acquart im Solo "Fuck you Eu.ro.Pa!" © Daniel Rentzsch

Dieses Solo ist ähnlich wie "Serce" an einen Vater in der Heimat adressiert und gipfelt in dem englisch untertitelten Satz "I was afraid to see it". Auf dem Teppich, der kein fliegender ist, liegen Fragmente der Konsumgesellschaft, die man als "merde" in der französischen Originalsprache auch im Katalog bestellen kann.

Besonders neugierig darf man auf den österreichischen Lockdown-Beitrag "Rise like a virus" oder den dreistündigen Stadt-Landschaftsspazierung von Studio Beisel sein. Wie viel "Resilienz und Revolte" wird zu spüren sein, wie Intendant Joachim Klement formulierte, der 2017 "Fast Forward" von Braunschweig an das Dresdner Staatsschauspiel mitbrachte?

 

Serce (Herz)
von Wiktor Bagiński
nach Motiven von "Herz der Finsternis" von Joseph Conrad
Regie: Wiktor Bagiński, Mitarbeit Text: Martyna Wawrzyniak, Bühne: Anja Oramus, Kostüme: Marcin Kosakowski, Licht & Video: Natan Berkowicz, Musik: Bartek Prosuł, Choreografie: Krystyna Lama Szydłowska, Regieassistenz: Wojciech Sobolewski, Inspizienz: Piotr Piotrowicz, Produktionsmanagement: Magda Igielska, Produktionskooperation: Maria Herbich.
Mit: Jan Dravnel, Dobromir Dymecki, Magdalena Kuta, Aleksandra Popławska & Wiktor Bagiński (im Video).
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause
Produktion TR Warschau

Fuck you, Eu.ro.Pa!
von Nicoleta Esinencu
Regie: délit B.-Malthet, Bühne & Kostüm: Elena Ortega, Video, Ton & Postproduktion: Daniel Rentzsch, Schnitt: délit B.-Malthet.
Mit: Pauline Acquart.
Dauer: 30 Minuten, keine Pause
Produktion Staatsschauspiel Dresden, Fast Forward & Maillon, Théâtre de Strasbourg – Scène Européenne


Kritikenrundschau

Von einem "beeindruckend spielenden" Ensemble sah Andreas Herrmann für die Dresdner Neuesten Nachrichten (13.11.2021) eine "raffinierte Familiengeschichte" und eine "packende wie moderne Inszenierung mit mehreren akuten Bezügen, teilweise aus allen Blickwinkeln herrlich politisch unkorrekt". Der "furiose Start" von "Fast Forward" 2021.

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Kommentare

Kommentare  
#1 Fast Forward, Dresden / nkplus: Die sind interessantKonrad Kögler 2021-12-06 23:55
Neben der HIV-Collage „Rise like a virus“ vom Salzburger Mozarteum und „R-Faktor – Das Unfassbare“ von der Münchner Otto Falckenberg-Schule sind vor allem die beiden Eröffnungsproduktionen interessant: aus unserem Nachbarland Polen kommt „Secre“ (auf Deutsch: „Herz“), eine Überschreibung der Novelle „Herz der Finsternis“, die mit enormen Textmassen und viel Video-Einsatz anspielungsreich zwischen Marlon Brando in der berühmten Kino-Adaption „Apocalypse Now“, Debatten über Postkolonialismus und kulturelle Appropriation sowie dem Streit um die strengen polnischen Abtreibungsgesetze dahinschlängelt.

Wiktor Bagińskis Arbeit, die vom TR Warszawa produziert wurde, ist hoch ambitioniert, ächzt allerdings unter einer Überfrachtung. Der Inszenierung ist deutlich anzumerken, dass der Regisseur und sein Team möglichst viele Themen ansprechen wollten, die ihnen auf den Nägeln brannten. Zwischen all den Textmassen und Problembergen kommt der Spielfluss zu kurz.

Ebenfalls aus Osteuropa stammt der kurze Text „Fuck you, Eu.ro.Pa!“ von Nicoleta Esinencu. Die Autorin schrieb diesen Text schon 2003, im Jahr der EU-Osterweiterung, während eines Stipendienaufenthalts in der Akademie Solitude Stuttgart. Der Text polarisiert, wurde preisgekrönt, aber in ihrer Heimat, der postsowjetischen Republik Moldau, verboten. „Fuck you, Eu.rp.Pa!“ wurde schon mehrfach nachgespielt, zuletzt von Marina Frenk im Rahmen des Gorki Herbstsalons 2019 auf der dortigen Studio-Bühne. In Dresden war eine französische, digitale Fassung zu Gast: Pauline Acquart rechnet in dem halbstündigen Monolog, den Délit B.-Malthet für das Maillon, Théâtre de Strasbourg eingerichtet hat, mit ihrem Vater ab. Vor dem Spiegel eines Badezimmers zählt sie eine lange Liste von Krankheiten auf und schlägt immer wieder den Bogen zur Situation eines saturierten Westeuropas, einer Konsumgesellschaft, deren Lebensstil nach dem Zusammenbruch des Sowjetsystems im Turbotempo auch in den Transformationsstaaten Einzug hielt.

Komplette Kritik: daskulturblog.com/2021/12/06/fast-forward-festival-2021-kritik/

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