Durst ist leise

26. Mai 2022. Sehnsucht nach dem Nass: Maria Ursprung hat als Hausautorin am Theater St. Gallen eine heiter-brutale Dystopie über eine Welt im Kampf um das Wasser geschrieben. Schauspieldirektor Jonas Knecht und Regisseurin Marie Bues inszenieren sie gemeinsam als Parabel von erschreckender Aktualität. 

Von Julia Nehmiz

26. Mai 2022. Noch nie hat man einen Theatersaal so durstig verlassen. Schwere Zunge. Der Mund trocken, rau, klebrig. Denn: Das Wasser ist weg. Es gibt keines mehr. Eindreiviertel Stunden hat man den sieben Personen beim Kampf ums kühle Nass zugeschaut. Wie sie zuerst heiter vom Freibad träumen, die Hitze und die Leichtigkeit eines Sommertages genießen, im Hintergrund lockt das Bild vom Sprungturm am See. Wie sie nichts von Dürre und Wasserknappheit ahnen, dann in Verteilkämpfe um die letzten Wasservorräte geraten, bis hin zur großen Katastrophe, wenn das Feuer alles verschluckt. 

Sprachbilder, die sich hineinbohren

Dieser Durst, der da verhandelt wird, der nagt sich langsam in einen selbst hinein. "Kennst du das, dass du manchmal gar nicht weißt, wie durstig du bist, bis du den ersten Schluck trinkst?", sagt eine Figur. "Jetzt vermisse ich diesen Durst. Er wurde ersetzt von einem, den ich noch gar nicht kannte." Und man möchte einfach nur zustimmen. Es sind diese feinen Sprachbilder, die sich hineinbohren. Durst sei leise, heißt es einmal im Stück. Diese Sehnsucht nach Wasser, die löst Maria Ursprung mit "Die nicht geregnet werden" aus. Sie schrieb ihr Stück während ihrer Zeit als Hausautorin am Theater St. Gallen. Dort wurde es nun uraufgeführt. Regie führten der St. Galler Schauspieldirektor Jonas Knecht und Marie Bues, designierte künstlerische Leiterin des Schauspielhauses Wien. Ihre erste Zusammenarbeit erweist sich als stimmungsvoller, eindringlicher Abend.

Eine aktuelle Parabel

Was wäre, wenn bei uns das Wasser knapp würde? Maria Ursprung folgt dem Gedanken bis zum Ende. Ihre Parabel über den Kampf ums Wasser ist erschreckend aktuell. Freibadbetreiberin Berit möchte nach der Beckensanierung das Wasser einlassen. Zuerst gibt es keines für sie. Dann soll das Wasser 65.000 Euro kosten – das Becken bleibt also leer. Immerhin hat der Mann von der Stadtverwaltung ihr noch gesteckt, es wäre vielleicht nicht schlecht, wenn sie sich mit Wasser bevorraten würde. Doch das spricht sich herum, die Nachbarn, alle Nachbarn machen sich über ihre Wasservorräte her. Wo bleibt die Solidarität im Angesicht der Katastrophe? Ursprung beschreibt, wie es an der Haustür, im Supermarkt, auf der Straße zu brutalen Kämpfen um die letzten Wasserflaschen und Eiswürfelbeutel kommt. Dazu verwebt sie die Geschichte zweier Schwestern hinein, eine Liebesgeschichte, Medienkritik, Massenpanik, und ein Märchen.

DieNichtGeregnetWerden2 Iko FreeseDer Kampf ums Wasser beginnt: Tobler, Pfeuti (vorne); Schröder, Pergoletti, Graupner © Iko Freese

Marie Bues und Jonas Knecht setzen dies bestechend um. Erzählen die Geschichte mit Heiterkeit und Zartheit, die brutal wird. Ihre Inszenierung beginnt sanft. Somewhere over the Rainbow, trällert jemand – und die anderen Figuren lächeln dicht gedrängt aus der Freibad-Umkleidekabine heraus. Aber ein Regenbogen entsteht nur, wenn es – eben – regnet. Und so singt die Wolke (später auch mal mit diabolischer Schärfe: Birgit Bücker) selig den Traum vom Regenbogen, über den die Vögel fliegen, aber sie selbst nicht. Später gibt es Wasserballett auf dem Trockenen zu fidelen Songs, Anbandelungen in der Umkleidekabine, einsame Menschen, die nach dem kleinen Glück suchen. Die Bedrohung nimmt unmerklich Gestalt an. Bues und Knecht arbeiten die existentiellen Kämpfe und Krisen heraus, ohne plakativ zu wirken.

Diese Sehnsucht nach dem Nass

Auch die Bühne (Ausstattung Indra Nauck) weckt Sehnsucht nach dem Nass. Ein großer Pool in der Mitte, anstelle des Wassers eine nackte Platte. Auf zwei großen Leinwänden lockt die fotorealistische Seeidylle mit Sprungturm und Badesteg. Präzise ausgeleuchtet, so dass man direkt hineinspringen möchte, wenn die Schauspielerinnen und Schauspieler dort trockenschwimmen oder schattenhaft hindurchtauchen.

DieNichtGeregnetWerden1 Iko FreeseTrügerische Idylle: Anja Tobler, Julius Schröder, Pascale Pfeuti, Anna Blumer © Iko Freese

Wer hat die Wasserknappheit ausgelöst? War es eine skrupellose CEO? Eine Verzweifelte Professorin, deren Warnungen nicht gehört wurden? Oder hat sich die Natur gegen den Menschen verbündet, und die Wolken zu einer Art Revolution aufgerufen, es nicht mehr regnen zu lassen? Ursprung belässt das in der Schwebe. Dadurch erhält der Text eine schöne Doppeldeutigkeit, die aber auch mal in Kitsch abrutscht. So sind wir doch alle Tropfen, die geregnet werden müssten, um etwas Neues entstehen zu lassen. Naja. Diese Passivität, nicht selbst aktiv zu werden, sondern geregnet zu werden, ist vielleicht die Schwäche des Stücks. Denn so eindringlich Jonas Knecht und Marie Bues und ihr Ensemble erzählen, wie sich der Kampf ums Wasser auswirkt – es rüttelt einen nicht auf. Es macht durstig.

 

Die nicht geregnet werden
Von Maria Ursprung
Regie: Marie Bues, Jonas Knecht; Ausstattung: Indra Nauck, Musik und Sounddesign: Albrecht Ziepert, Dramaturgie: Armin Breidenbach.
Mit: Birgit Bücker, Anna Blumer, Grazia Pergoletti, Pascale Pfeuti, Anja Tobler, Tobias Graupner, Julius Schröder.
Uraufführung am 25. Mai 2022
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.theatersg.ch

Kritikenrundschau

Mit raffinierten Dialogen schaffe es die Autorin, dass die Protagonist:innen in einfachen Worten über große, aktuelle Fragen unserer Gesellschaft verhandeln, schreibt Aylin Erol im St.Galler Tagblatt (29.5.2022). Jedes Wort wirke durchdacht doch am Ende "bleibt nicht nur ein unglaublicher Durst, sondern auch ein unschlüssiges Gefühl ob der vielen Metaphern".

Mit leichter Hans inszenierten Marie Bues und Jonas Knecht das Horrorszenario, das Maria Ursprung in ihrer dichten Text-Partitur entwerfe, schreibt Peter Surber im Ostschweizer Kulturmagazin Saiten (25.5.2022). Die Autorin stoße "kluge Fragen an, etwa zur Rolle der Medien", und zeige Menschen im Katastrophenmodus – "aktueller könnte Theater kaum sein".

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