Ideologisch verseucht

25. September 2022. Am Residenztheater gehen Hans-Werner Kroesinger und Regine Dura dem Münchner Olympia-Attentat auf den Grund. Beleuchten die Vorgeschichte der Olympischen Spiele von München 1972 und finden ein bitteres Schlussbild.

Von Steffen Becker

25. September 2022. Die entscheidenden Sätze zu "Die Spiele müssen weitergehen - München 1972" fallen im Residenztheater München (Marstall) fast am Schluss: "50 Jahre braucht es und die Drohung der Angehörigen zur offiziellen Gedenkfeier am 5.9.2022 nicht zu erscheinen, um sich 6 Tage vor dem 50. Jahrestags des Attentats endlich zu einigen: auf eine angemessene Entschädigungssumme, die lückenlose Aufarbeitung der Geschehnisse und die längst überfällige Freigabe der Akten."

Sie rahmen das Stück der Dokumentartheater-Macher Regine Dura (Regie, Konzept und Text) und Hans-Werner Kroesinger (Regie) - und die Historie selbst. "München 1972" sollten fröhliche Spiele sein, die der Welt ein buntes - harmloses - Deutschland zeigen sollte. Dafür vernachlässigten die Verantwortlichen die Sicherheitsmaßnahmen (möglichst wenig Uniformen auf den Straßen), ignorierten deutliche Hinweise, dass ein deutscher Rechtsradikaler den Top-Terrroristen des Attentats durch die Gegend fuhr. Und sie wollten nach dem Tod der israelischen Geiseln möglichst schnell zur Tagesordnung übergehen - "the games must go on". 50 Jahre später das gleiche Bild, die gleiche Logik Das offizielle Deutschland will eine würdige Gedenkfeier, mit bewegenden Bundespräsidenten-Worten und Hinterbliebenen, die versöhnliche Aufnahmen liefern.

Olympische Verlogenheit

Das Duo Dura und Kroesinger rückt den Zynismus des Umgangs mit dem Attentat in den Vordergrund. Aber sie bleiben dabei nicht stehen. Vordergründig ist der Abend geteilt. Zu Beginn erzählt das Dokumentartheater anhand von Interviewausschnitten und Vermerken, was sich der Oberbürgermeister von München, die Bundesregierung, die Bevölkerung in einer Straßenumfrage von München 1972 erhoffte: "Den Fleck’n von 1936 auf dem deutschen Revers wern ma wegwisch’n."

Im Bühnenhintergrund prangen die warmen offiziellen Farben der Spiele. Geschwungene Sitzgelegenheiten sind mit Nahaufnahmen des Olympia-Stadiondachs bedruckt (ein Meisterwerk der Architektur!). Aber die Schauspieler (ebenfalls bunt gekleidet: Hanna Scheibe, Patrick Bimazubute, Florian von Manteuffel, Pujan Sadri, Thomas Reisinger) sprechen auch Stoff ein, der die Verlogenheit der offiziellen olympischen Bewegung zeigt. Nicht nur die BRD hat politische Interessen (seht her, keine Nazis mehr weit und breit!). Die ganzen Spiele sind ideologisch verseucht. Stasi-Berichte zeigen, dass München 1972 nicht anderes ist als die Fortsetzung des Kalten Krieges mit symbolischen Mitteln: "Der DDR-Sportler muss in dem Sportler der BRD seinen politischen Gegner sehen wie der Grenzsoldat die Nato-Bundeswehr als Feind."

Gewollte Nüchternheit

Diese Sätze tragen die Schauspieler in der ersten Hälfte des Abends im frenetisch-angespannten Ton der Vorfreude und Selbstbestätigung vor - inkl. einigen dramaturgischen Gags, wenn etwa ausgerechnet die Darsteller mit den ausländischen Namen bei der Erwähnung von CDU und CSU hämisch High-Five machen (die damalige Opposition will nicht, dass die Spiele zum Erfolg der Brandt-Regierung werden). Arg viel Entfaltungsmöglichkeiten bietet der Abend den Schauspielern sonst nicht. Abgesehen von ein paar Songs sind sie Vortragende eines auf die Bühne gebrachten Quellenverzeichnisses.

Dura und Kroesinger sind keine Effekthascher. Eine Stimme von Franz Josef Strauß hätte man leicht verballhornen können, die Äußerungen von Hinterbliebenen würden sich schon für tränenerstickte Performance und traurige Hintergrundmusik eignen. Die Regisseure versagen das ihren Schauspielern: Sie wollen Nüchternheit. Lediglich die Tonfärbung wechselt für Teil 2 mit der Schilderung der Geiselnahme und ihres Todes auf dem Militärflughafen Fürstenfeldbruck hin zu gedämpft.

Auf der Hintergrundleinwand spielt die Inszenierung grobkörnige Bilder des Geisel-Hauses und des Flug-Towers ein. Sie wiederholen sich und korrespondieren teilweise nicht mit der Nacherzählung der Geschehnisse. Manchmal verliert man dabei etwas den Überblick. Auch der Basketballkorb auf der Bühne erschließt sich nicht (die Geiseln waren Offizielle, Ringer, Sportschütze, Gewichtheber und Trainer). Auch erfordert das Stück nicht wenig Vorwissen – ohne sind manche Stimmen und Bilder teils nicht zuzuordnen.

Bitteres Schlussbild

Aber diese Abstraktheit scheint einer Absicht zu folgen: "München 1972" will nicht München 1972 spektakulär nacherzählen. Die Botschaft des Dokumentartheaters ist: Die Geiselnahme und Ermordung israelischer Sportler auf deutschem Boden – wenige Jahrzehnte nach dem Holocaust – war in ihrer Tragweite eine außergewöhnliche Tragödie. Aber die Strukturen dahinter, wie sie der Abend dem Publikum mit technokratischen Behördenaufschrieben vor Augen führt, die waren gewöhnlich: Verantwortliche sehen weg. Verantwortliche ergreifen keine Initiative. Verantwortliche wollen Fehlervermeidung und Vermeidung von Fehlereingeständnissen. Das hat sich oft wiederholt, auch im Umgang mit dem Gedenken an das Attentat.

Das Stück München 1972 endet denn auch wenig freundlich. Hanna Scheibe liest die Postkarte eines Opfers, die einen Tag nach seiner Ermordung dessen Tochter erreicht: "Viele Küsse und viel Liebe. (…) Ich warte auf dich und ich möchte, dass du mich einfach in deine Arme nimmst. In Liebe Amitzur." Dazu stehen Scheibe und ihre Kollegen vor dem Olympiamaskottchen, dass sie aus Bühnenrequisiten zusammengesteckt haben: Ein Dackel, ausgewählt als süße Überschreibung von Hitlers Schäferhund. Ein bitteres Schlussbild, ganz im Sinne des Abends.

Die Spiele müssen weitergehen - München 1972
Inszenierung: Regine Dura (Regie, Konzept und Text) und Hans-Werner Kroesinger (Regie), Bühne, Kostüme und Video: Rob Moonen, Musik: Daniel Dorsch, Licht: Barbara Westernach, Dramaturgie: Almut Wagner, Sina Corsel.
Mit: Hanna Scheibe, Patrick Bimazubute, Florian von Manteuffel, Pujan Sadri, Thomas Reisinger.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause
Premiere am 24.9.2022

www.residenztheater.de

Kritikenrundschau

Kroesinger und Dura seien "außerordentlich versierte Dokumentartheatermacher", schreibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (25.9.22); sie könnten gegen Widerstände Aktenberge aufspüren und diese "lesen wie andere Leute ein Bilderbuch". Diesmal aber sei die Fülle des Materials "zu riesig", diagnostiziert der Kritiker. "Holprig und fahrig" gehe es durch das Geschehen, und "eines lassen Kroesinger und Dura vermissen, auch wenn das Ende außerordentlich wirkmächtig ist: die Plastizität der Emotion".

Am Ende dieses Theaterabends fühle man sich wie von einer kleinen Zeitreise zurückgekehrt, schreibt Alexander Altmann im Münchner Merkur (26.9.2022). Im Collagestil von Radio-Features werden hier laut dem Kritiker Informationen nicht bloß transportiert, sondern "so überblendet, dass vor allem Stimmungen nacherlebbar sind."

 

 

mehr nachtkritiken

Kommentare

Kommentar schreiben