Tour de force durch die innere Wüste Gobi

von Ralph Gambihler

Leipzig, 12. Februar 2010. Halten wir uns zunächst an den Autor. Und zwar nicht, weil man das so macht in solchen Fällen, sondern weil die Distanz zwischen dem exzessiven Zwei-Personen-Experiment, das nun am Centraltheater Leipzig in der kleine Spielstätte Skala heraus kam, und Hamsuns 120 Jahre altem Roman auf den ersten Blick unfassbar groß ist. Und weil der Abend postdramatisch über sich hinaus greift. Er macht Theater mit sich selber und gibt obendrein Anschauungsmaterial in Sachen "Dogma", jenem programmatischen Schlagwort, das am Centraltheater herumgeistert, seit es Intendant Sebastian Hartmann im vergangenen Herbst via Presse in die Debatte geworfen hat.

Radikal individualistisch

Hamsun also. Von ihm selber wissen wir, dass ihn der physische Hunger (den er aus eigenem Erleben kannte und bis in die feinsten Regungen hinein erfasst hat) nur mittelbar interessierte. Sein tieferes Interesse an seinem Protagonisten, dem namen- und mittellosen Möchtegern-Schriftsteller aus Kristiania (heute Oslo), galt "den Mysterien der Nerven in einem ausgehungerten Körper" und den "heimlichsten Bewegungen des Gemüts". Im Irrewerden, im Abdriften von Empfindung und Assoziation sah Hamsun eine letzte Wahrheit des menschlichen Seins. Mit Sozialkritik hatte das wenig zu tun. Der Ansatz war (und ist) radikal individualistisch und machte "Hunger" zu einem bahnbrechenden Erzählwerk der Moderne.

In der sehr freien Adaption von Pernille Skaansar, einer jungen, wie Hamsun aus Norwegen stammenden Regisseurin aus dem Leipziger Skala-Kollektiv, ist ein nicht minder radikales, allerdings zeitgenössisches Happening daraus geworden. Ein drastischer, in seiner Drastik sehr konzentrierter Versuch über Hamsun, der verstörend und bisweilen komisch ist, verstörend durch notorische Sinnzertrümmerung und den schonungslosen Körpereinsatz des Darstellers Maximilian Brauer, komisch durch eine finstere Überdrehtheit, die in allem zu liegen scheint.

Pfützen der Entfremdung

Der frei begehbare Bühnenraum von Susanne Münzner ist im Wesentlichen Leere. Da ist nichts, woran man sich halten, wohinter man sich verbergen könnte. Nur Anwesenheit. Dauernd. Und Regen. Von oben kübelt es über weite Strecken auf den schwarzen Kunststoffboden herunter. Die zwei Spieler - neben Brauer agiert Edgar Eckert als eine Art Widerpart und Schatten - werden tropfnass und schlittern ausgiebig durch die Pfützen der Entfremdung, was viel spritzt, im Zweifel ins Publikum hinein, das sich an den trockenen Seiten zusammendrängt.

Wie bei Hamsun beherrschen unbekannte Mächte das Gemüt, allerdings unter veränderten Vorzeichen. Einen leeren Magen hat in dieser schlingernd-wüsten Versuchsanordnung niemand! Brauer und Eckert kreisen um seelische Leere, nicht um Hungerempirie. Wir sehen: die innere Wüste Gobi (nass) in der äußeren Wohlstandsgesellschaft, den unstillbaren Hunger der Satten und Saturierten, die Verzweiflung im Nichts bis hin zur totalen geistigen und emotionalen Bedürftigkeit. Handlung und ein Figurentableau gibt es nicht mehr in diesem Hamsun-Destillat, das vom nackten, rohen Ringen des Menschen um sich selber handelt.

Triumph des Dogmas

Der Abend ist im Grunde eine einzige Zumutung, die Zumutung aber ist erfreulich gelungen. Was insbesondere an Brauer liegt, diesem jungen, schmalen, hoch präsenten Darsteller, der in Skaansars Spielvereinbarung - von Inszenierung kann man eigentlich nicht sprechen - Grenzen des Darstellbaren ausschreitet. Wenn er etwa, ohnehin ein elendes Wutbündel, mit blank gezogenem Hinterteil schwer zwanghafte, immer heftigere Selbstpenetrationen zeigt, sich beispielsweise eine güldenen Kette einführt und mit hoch gerecktem Anus nach herab fallenden Regentropfen zu schnappen scheint.

Von Hamsuns Text bleiben letzte Kerne, Splitter, Sätze, die kurz aufscheinen. Der Rest ist Postdramatik und ein überraschend prononcierter Probelauf dessen, was als Leipziger Dogma die Runde gemacht hat. Der Darsteller darf sich dogmengerecht zum Performer aufschwingen und auf eine neue Form der Authentizität hoffen. Am Premierenabend gelang dabei ein möglicherweise unwiederholbarer Moment, als Brauer und Eckert am Ende mit ihrem Beifallhunger in schwere Not gerieten. Das Publikum machte nicht mit, ließ die beiden minutenlang zappeln und verfolgte genüsslich, wie sie sich in ein Stehgreif hinein improvisierten, um nicht im Nichts zu stehen, bis man dann gnädig war und viel applaudierte.


Hunger
nach Knut Hamsun, basierend auf der Romanübersetzung von Siegfried Weibel.
Regie: Pernille Skaansar, Bühne/Kostüme: Susanne Münzner, Licht: Lothar Baumgarthe, Musik: Alexander Nemitz, Dramaturgie: Anja Nioduschewski.
Mit: Maximilian Brauer und Edgar Eckert.

www.schauspiel-leipzig.de

 

Wie wird an der Leipziger Skala sonst so gearbeitet? nachtkritik.de sah hier zuletzt Im Pelz, inszeniert von Johannes Schmit, Mädchen in Uniform und Cosmic Fear von Regisseurin Mareike Mikat sowie Idioten von Martin Laberenz nach Lars von Trier.


Kritikenrundschau

"Schon klar", winkt Nina May von der Leipziger Volkszeitung (15.2.2010) angesichts von Pernille Skaansars Skala-Abend "Hunger" ab, "diese Witzfigur im rosa Tütü (...), die da in beeindruckend pausenlosen Wortkaskaden sich selbst negiert und zugleich mit der ganzen Welt gleichsetzt, leidet an seelischer Leere". Nach kurzer Zeit haben man alles "begriffen, und dann geht es einfach so weiter, die enervierende Wiederholung ist von Beginn an Programm". Die Wortspiele seien zum Teil amüsant, genügten aber sich selbst. "Und die Diskurse (...) werden auch nicht erhellender, wenn sich Brauer dabei im Po rumprokelt". So stellt sich bei der Kritikerin "die Sehnsucht nach mehr ein, nach einer anderen Herangehensweise an einen Stoff, als: Ich lasse ihn durch mich durchsickern, extrahiere ein Gefühl und huldige ihm in einer Art kultischen Heimsuchung". Brauer zeige einmal mehr "sein Talent fürs In-Rage-Improvisieren", und der Abend könne "prototypisch" für das Hartmanns-Theater stehen, "das den Schauspieler frei von Textzwängen zum Autor macht". Doch zeigten sich hier "zugleich Stärken und Schwächen des Konzepts: Da erlebt das Publikum zum einen den großartigen Parforceritt des Spielers, vermisst aber zugleich andere Elemente eines Theatererlebnisses", etwa eine "Geschichte" oder einen "weniger sinnentleerten Diskurs und mehr Sinnlichkeit".

 


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