Grimasse Mensch

von Michael Laages

Schwerin, 3. Juni 2010. Er will ja nicht bloß auf Deubel komm raus der im ernsten Land der Deutschen stets gering geschätzten (und meist unter Wert geschlagenen) Farce zu neuem Recht verhelfen. Er hat sogar etwas ganz neu erfunden: Die Applausordnungen sind beim spätberufenen Regie-Talent Herbert Fritsch stets etwas ganz Besonderes. Und in jedem Fall ein Fall für sich.

In diesem sieht das Finale so aus: nachdem das Schweriner Ensemble in ziemlich logischer Konsequenz der knapp 90 Minuten zuvor zunächst den Regisseur unter der von ihm selbst entworfenen fahr- und kippbaren Kulisse begraben und auf ihm herum getrampelt hat, formieren sich alle hinter einem Seemann mit Akkordeon (dem Spree-Schiffer Wulkow halt im Stück) und brechen zum munter gegröhlten Lied vom "Hamborger Veermaster" auf zur Polonaise Blankenese. Auf und ab und rein und raus im kleinen Schweriner Theatersaal.

Wer einmal durch Fritschs Fegefeuer ging ...
Und immer wenn das nun doch schon recht erschöpfte Publikum dann endlich gehen will, kommt die schrille Bande noch mal und noch mal und noch mal herein gepoltert ... es hört nicht auf. Noch in der Premierenfeier wird das Lied zuweilen angestimmt. Schwerin, entfesselt. Was der einstige (und manchmal, im Film, ja immer noch) Extrem-Mime Herbert Fritsch mit Schauspielerinnen und Schauspielern auch aus gemeinhin eher wenig verhaltensauffälligen Ensembles in Stadttheatern des deutschsprachigen Raumes so anstellt, ist und bleibt fürs erste einzigartig.

Zunächst in Luzern, dann in Halle und Oberhausen, mittlerweile in dieser Spielzeit auch in Wiesbaden, Magdeburg und Leipzig, jetzt in Schwerin und übermorgen in Bremen verhilft, ja verführt er Kolleginnen und Kollegen dazu, sich quasi selber neu zu entdecken. Die Ergebnisse sind manchmal sensationell und bereiten immer (fast) allen viel Spaß. So kreiert der Regisseur landauf-landab und Fritschiade um Fritschiade immer neue Ulk-Nudeln und Klamottiers weit jenseits aller Grenzen, die der legendäre Schmierentheaterdirektor Emanuel Striese setzte.

Gekrümmte Marionetten des Obrigkeitstaates
Praktisch jeder und jede scheint im Umgang mit dem Überforderer Fritsch ein neues, verblüffend anderes Ich im Ich zu entdecken. Zu vermuten ist obendrein: Wer durch dieses Fegefeuer mal gegangen ist, wird nicht mehr so leicht zu vergrübeln sein im handelsüblichen Mainstream des Regietheaters.

Allerdings: zwar poltert und pöbelt Fritsch ganz gern gegen all die verkopften Zauberlehrlinge und Intelligenzbestien unter den interpretierenden Regisseuren, doch ist selbstverständlich auch seine Art der Arbeit Regietheater pur. Er biegt und formt sich die Vorlagen für "sein" Zaubertheater mit dem jeweiligen Ensemble ganz und gar nach eigenem Gusto. Manches gute alte Stück bleibt da naturgemäß auf der Strecke.

Gerhart Hauptmanns "Diebskomödie" vom "Biberpelz" ergeht es in Schwerin ja auch nicht viel besser. Ob zum Beispiel die kleinen Gaunereien, die dem Stück formal den Schwung, die Dramaturgie verpassen, noch so recht kenntlich sind? Wer weiß. Fritsch nimmt jedenfalls ein anderes Motiv ins Visier: das des in diesem Fall spätwilhelminisch-deutschen Obrigkeitsstaates, der alle zu zwanghaft gekrümmten Marionetten verbiegt; die, die Macht ausüben, genau so wie die, die sie erleiden.

Wenn das Grimmassieren den ganzen Körper erfasst
Dieser kollektive Zustand treibt nun das verbliebene Rest-Stück voran, und darin formiert sich speziell der kollektive Wolfsrudelhass auf den unangepassten "Demokraten" in diesem debilen Dorf kurz vor der Hauptstadt, den zum Schweriner Finale der zickig-zeternde Amtmann Wehrhahn der von allen Verdächten frei gesprochenen diebischen Waschfrau Wolff gefesselt zu Füßen legt. Ob sie, ihre langzähnigen Tochter und der Höhlenmensch von Gatte den armen Doktor Fleischer nun auffressen oder nur domestizieren werden nach Art des Dorfes, ist da fast schon egal.

Der Rest ist gekonnter, ach was: supervirtuoser Slapstick. Und der erfasst jenseits des schier unerschöpflichen Grimassierens den ganzen Körper. Was sich hier jeder und jede an Gags und Gimmicks drauf geschafft hat, macht Staunen bis über beide Backen. Wenn Animator Fritsch die Körper-Kunst mit noch ein bisschen mehr Sprach-Schärfe angereichert hätte, wär's sogar noch schöner. So geht's textlich zuweilen schon ein bisschen arg drunter durch und drüber weg: beim "Pi-Pa-Pelz".

Auch schön übrigens wäre es übrigens, wenn es in Schwerin gelänge, auch das Publikum wirklich mit zu nehmen auf diesen Trip. Denn die Kundschaft spielt ja durchaus nicht immer mit bei Fritsch, lässt sich nicht immer so leicht verführen zur Haltlosigkeit. Und nichts als das wirft bislang kleine Schatten auf die mit Abstand erstaunlichste Regie-Karriere unserer Zeit.


Der Biberpelz
von Gerhart Hauptmann
Regie und Bühne: Herbert Fritsch, Kostüme: Bettina Lauer: Dramaturgie: Ralph Reichel.
Mit: Klaus Bieligk, Rüdiger Daas, Sonja Isemer, Jakob Kraze, Andreas Lembcke, Stephane Maeder, Brigitte Peters, Özgür Platte, Marcel Rodriguez Silveiro, Lucie Teisingerova, Isa Weiß, Johann Zürner.

www.theater-schwerin.de

 

Mehr zu Herbert Fritsch im einschlägigen Eintrag des Nachtkritik-Glossars.

 

Kritikenrundschau

"Hier wird gnadenlos dem unteren Fernsehhumor hinterhergehechelt," befindet Manfred Zelt in der Schweriner Volkszeitung (5. Juni 2010). Eine Vollgas-Groteske fege den ursprünglichen Sinn aus dem Stück, und "Verrenkungen und Fratzen drängen sich fett vor den Text." Das modische Theater traue den alten Geschichten von Menschen kaum noch, klagt der Kritiker, und halte Charaktere auf der Bühne meistens für langweilig, habe "es womöglich verlernt, sie in Szene zu setzen, spielt sie dennoch: treibt es mit Comic-Figuren und feiert die eigene Lust daran." Nun habe der Regisseur Herbert Fritsch also auch den "Biberpelz" im Schweriner E-Werk mit dem Comedy-Virus infiziert, nein, sogar "hinweggerafft ins Panoptikum." Wenn anfangs ein Pulk der Schauspieler als eine Art antiker Chor die Regieanweisungen des Autors vor blumiger Wand mit Goldrüsche skandierten, erwartet der Kritiker noch Ironie. Die Hoffnung vergeht ihm rasch "im Gezappel, Geschrei, Gestampfe, in wilden Wortsalven."

Die "streitbare", "herrliche doofe", "überdrehte" und "schrille"  Inszenierung, die "nichts will als spielen, spielen, spielen, das aber unbedingt", rezensiert Dirk Pilz in der Berliner Zeitung (6.5.2011) nach einem Besuch in Schwerin und vor ihrer Premiere beim Berliner Theatertreffen 2011: Es träten "keine Betroffenheitsfigürlein und keine politisch korrekten Klagewesen auf", sondern vom "Irr- und Widersinn der Zeiten gepeitschte Grimassenschneider. Sie alle drehen einer Welt, die ihre Kälte hinter verlogenem Mitleid versteckt, eine lange Clownsnase."

Über die geteilte, aber eher freundliche Aufnahme der Inszenierung beim Berliner Theatertreffen 2011 schreibt Holger Kankel auf svz.de (9.5.2011), dem Online Portal der Schweriner Volkszeitung.

In der Berliner Zeitung (10.5.2011) bedankt sich Ulrich Seidler anlässlich des Theatertreffen 2011-Gastspiels bei Herbert Fritsch und der Theatertreffen-Jury, dass sie uns "Abgebrühten" gezeigt habe, dass wir "noch verarschbar" seien, über Gemüter verfügten, "die sich doch noch erhitzen lassen."

 
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