Neues aus der Anstalt

von Andreas Wilink

Düsseldorf, 12. November 2010. Lügen haben vielleicht doch längere Beine, als der Volksmund sagt. Sie können offenbar die Entfernung von Bodenwerder im Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg, wo Hieronymus Carl Friedrich Freiherr von Münchhausen geboren wurde, nach Düsseldorf im ehemaligen Herzogtum Jülich-Kleve-Berg abmarschieren. Der deutsche Fantasie-Held mit realer Biografie ist ein Kind des 18. Jahrhunderts.

Am besten kennen wir ihn in Gestalt von Hans Albers aus der 6,5 Millionen Reichsmark teuren, bunt pompösen Ufa-Produktion des Kriegsjahres 1943, wo der fabelhafte Schwindler sich zugleich als skeptischer, nur seiner eigenen Moralität und Wahrheit verpflichteter Lebemann zu erkennen gab. Da die Zeiten territorialer Eroberungen in Europa vorüber sind, darf sich Münchhausen mit Kunst statt mit Krieg befassen. Der Abenteurer ist von Instinkt und Anlage her ohnehin kein Machtmensch, sondern Künstlernatur.

Der närrische Baron und die Konfettikanone
Dies mag Antrieb gewesen sein, ihn auferstehen zu lassen, ihn lokal zu verorten und während seiner musikalischen und "pseudologischen Reise bis zum Mond" gewissermaßen einzugemeinden. Als Reiseleiter fungieren Niklaus Helbling, Eva Jantschitsch und Dirk Thiele. Weil ja eben erst und tags zuvor der elfte Elfte war, beginnt es wie bei einer närrischen Prunksitzung, was an den historischen Kostüm-Uniformen liegt, und endet mit der Konfetti-Kanone. Zwischendurch (und das ist ziemlich lang) soll es so lustig zugehen, wie viele Rheinländer glauben, dass Karneval sei.

Die Bühne im Schauspielhaus-Central muss leer bleiben, denn es wird ein Imaginationsraum installiert. Da störten Requisiten bloß; also reichen Mikrofonständer, ein Flügel, etwas Video-Geflimmer und Kartons zu hauf. Sechs Münchhausens (fünf männlich, einer weiblich) beglaubigen akrobatisch – und einsatzfreudig – des Barons multiple Persönlichkeit. Spaßtheater als Zirkusnummern-Revue.

Nachdem ein paar Stationen erledigt worden sind (Polen, Russland, Dinkelsbühl – die persische Episode muss warten), befinden wir uns unerwartet im Jahr 1944 und belauschen einen Flugzeugabsturz über der Krim. Dabei fallen Worte wie Tataren, Filz, Fett, auch Hase, Kojote, Wärmespender. Ein Hut wird aufgesetzt, ein junger Mann "Herr B" genannt.

Hasen ohne Pfeffer
Aus einem Grund, der außerhalb des landeshauptstädtischen Schauspielhauses weder zu suchen ist noch zu finden wäre, kommen Joseph Beuys, eine Fluxus-Aktion (wurde eigentlich Eva Beuys unterrichtet?), Martin Kippenberger, die Kunstakademie und der Ratinger Hof ins Spiel. Aber außer einem Verkleidungswitz mit Attrappen von Campino, Vivienne Westwood, Malcolm McLaren und rheinisch akzentuiertem Englisch passiert nicht viel.

Zu erzählen hat der Abend nichts. Von Beuys übrigens auch nicht. Und von Münchhausen ebenfalls nicht – da hatte Hans Albers mehr Charakter und Eigenschaften. Die geschwätzige Veranstaltung, die sich einen wissenschaftlichen und – bei Frau Luna auf dem Mond – philosophischen Überbau hochstapelt, scheint mit ihrer Selbstrechtfertigung einige Mühe zu haben.

Jedenfalls schiebt sie zwischen Münchhausens Best of-Flunkereien und dem Heimspiel, bei dem sich das Theater als Filiale des Kunstvereins oder der Kunstsammlung NRW ausgibt, (um allerdings den Künstler eher der Belustigung preiszugeben), Neues aus der Anstalt ein: Die Münchhausens dilettieren als kindische stationäre Patienten, auf die sich das klinische Bild der "Pseudologia Phantastica" anwenden lässt, und ziehen 'ne Hasen-Show ab.

Der Schreiber müsste lügen, würde er sich amüsiert geben.


Münchhausen – oder die pseudologische Reise bis zum Mond
von Niklaus Helbling, Eva Jantschitsch und Dirk Thiele
Regie: Niklaus Helbling, Bühne: Dirk Thiele, Kostüme: Viktoria Behr, Musik: Eva Jantschitsch, Henning Brand, Video: Elke Auer, Choreografie: Salome Schneebeli, Dramaturgie: Stephan Wetzel.
Mit: Henning Brand, Gunther Eckes, Moritz Führmann, Daniel Graf, Caudia Hübbecker, Milian Zerzawy.

www.duesseldorfer-schauspielhaus.de

 

Mehr lesen? Beim Zürcher Theaterspektakel 2010 brachten Niklaus Helbling und seine Gruppe Maß & Fieber ihr Stück Geld und Gott heraus.

 

Kritikenrundschau

Claus Clemens schreibt in der Rheinischen Post (15.11.2010): Das Schauspielhaus übe mit dem Auftritt einer Sechser-Prinzengarde, die den Münchhausen darstelle, den Karneval. Münchhausens "pseudologische Reise bis zum Mond" erscheine als musikalische Revue von Dinkelsbühl bis Petersburg, von Persien bis auf den Erdtrabanten - mit längerem Aufenthalt im Düsseldorf der 80er Jahre. Die Sache mit Beuys und dem Ratinger Hof indes wirke "aufgesetzt". Die "musikalisch gelungene Schau" wimmele von Zitaten des Mannes mit dem Hut. Aber "eigentlich" werde "nichts erzählt". Gerade als man denke, dass der Abend wenigstens kurzweilig zu Ende ginge, enthüllten die Filzrollen ihre Funktion als Gummiwände eines Asyls lügenkranker Kobolde, die sich mit einer Hasen-Nummer die Zeit vertreiben. "Von nun wird die Zeit lang." Das Premierenpublikum habe sich anfangs gut amüsiert, am Ende aber nur mäßig begeistert gezeigt.

Ulrich Fischer schreibt auf Welt Online (15.11.2010) das Publikum habe die Aufführung mit "begeistertem Beifall belohnt". Regisseur Niklaus Helbling entbinde den "größten Teil des Witzes durch episches Spiel". Die Schauspieler deuteten die Pferde, den Schlitten und den Wolf an, das Publikum müsse "mitmachen, seine Vorstellungskraft anstrengen". Wenn die Zarin in ihrem "fantastisch-luxuriösen Hofschlitten" nach Moskau reise, reichten ein paar alte Kartons, um den Schlitten-Palast anzudeuten. Auch das "Staatskleid der Zarin" bestünde aus Pappe und reiche "schwarz- weiß bemalt" völlig, um "die Fantasie des Publikums anzuregen". Das Spiel funktioniere "wie die Lügengeschichten des Barons - nur mit dem augenzwinkernden Einverständnis der Zuschauer". Allerdings würden die Schwächen des Textes "unübersehbar", wenn die Geschichte die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts erreiche. Anspielungen auf den Künstler Joseph Beuys legten nahe, "er sei ein Nachfahre Münchhausens".

 

 
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