Theater sind systemrelevant

von Norbert Lammert

 

Sehr geehrte Frau Ministerpräsidentin,

lieber Herr Präsident Zehelein,

verehrte Gäste hier im Aalto Theater und an den Radio- und Fernsehgeräten!

 

"Die Kraft des Theaters besteht darin, Fragen aufzuwerfen, die es weder beantworten kann noch will."

Dieser schöne, richtige Satz ist leider nicht von mir. Er stammt von August Everding, dem großen Theatermann, der übrigens aus dem Ruhrgebiet stammt. Und August Everding hat hinzugefügt: "Das Theater hat nur selten Revolutionen beginnen lassen, selten Staatschefs gestürzt und nie die Menschheit verändert. Es hat aufgerufen, angerufen, lachen und weinen gemacht, es hat nachdenklich und zornig gemacht, fröhlich und aufsässig. Theater hat Kräfte mobilisiert" - Ende des Zitats.

Deshalb, meine Damen und Herren, genau deshalb sind Theater systemrelevant - so muss es heute wohl heißen, wenn etwas nicht nur wichtig, sondern unverzichtbar und unersetzlich ist. Theater sind systemrelevant, anders, aber gewiss nicht weniger, als Banken oder als Parlamente.

Die Kunst hat einen Anspruch gegenüber dem Staat, soweit er denn Kulturstaat sein will, nicht aber der Staat gegenüber der Kunst. Salopp formuliert: Der Kunst kann der Staat egal sein, dem Staat die Kunst nicht. Und die Kultur schon gar nicht.

In Zeiten knapper Kassen sind die Erwartungen an Regierungen und Parlamente nicht weniger ausgeprägt als die Besorgnisse – verbunden regelmäßig mit dem Hinweis, dass die Politik den Stellenwert von Kunst und Kultur hochhalten und sich gleichzeitig aus diesem Bereich möglichst heraushalten soll.

Alles nur Theater? Sicher nicht.

Die Erwartungen sind ebenso begründet wie die Besorgnisse.

Die Öffentlichen Hände, Bund, Länder und Kommunen geben jedes Jahr etwa 2 Milliarden Euro für die öffentlich getragenen Theater und Orchester aus. Dafür haben wir in Deutschland – weltweit beispiellos – rund 150 öffentliche Theater mit mehreren hundert Spielstätten. Wir haben rund 130 professionelle Opern- und Sinfonieorchester. Wir haben fast 40 große, jährlich stattfindende Festspiele. In jeder Spielzeit werden in Deutschland im Sprech- und Musiktheater etwa 2500 Werke in mehr als 5000 Inszenierungen aufgeführt. Und dafür finden sich weit über 30 Millionen Besucher Jahr für Jahr auf unseren Bühnen ein. Das ist eine ganze Menge – aber durchaus noch steigerungsfähig, wenn ich mir diesen Hinweis an die Damen und Herren Intendanten erlauben darf. Um Ihnen nur einen Anhaltspunkt zu geben: Die Zahl der Besucher in Deutschlands öffentlichen Badeanstalten beträgt etwas mehr als 160 Millionen.

Das erlaubt übrigens auch einen gewissen Aufschluss über die hygienischen und die ästhetischen Bedürfnisse der Kulturnation Deutschland.

Das Theater mobilisiert Kräfte, deshalb hat es Preise verdient. Und eine Preisverleihung, die seinen eigenen Ansprüchen gerecht wird, die großes Theater nicht auf kleine Fernsehformate reduziert, die literarische Dialoge nicht mit belanglosen Talkshows verwechselt. Und den FAUST schon gar nicht mit dem "Oscar".

Der Deutsche Bühnenverein hat das Ziel der heutigen Veranstaltung wie folgt formuliert: "Unser Hauptanliegen ist, dass die nominierten Künstler ihre Arbeit positiv gewürdigt sehen, und dass die Zuschauer am Verleihungsabend die Breite und Bedeutung unserer Theaterlandschaft erleben."
Das ist meine Erwartung auch.

In diesem Sinne wünsche ich uns einen ebenso motivierenden wie inspirierenden Abend.

 

Transkript der Rede von Bundestagspräsident Norbert Lammert nach einem Mitschnitt des ZDF-Theaterkanals der Faust-Gala in Essen am 27. November 2010. In der ZDF-Mediathek ist die Aufzeichnung der gesamten Veranstaltung online abrufbar.

 

Der Show-Charakter der Veranstaltung aus Anlass der Verleihung der Faust-Theaterpreise war anschließend von Lammert in einem Offenen Brief scharf kritisiert worden. Der Deutsche Bühnenverein als Mitveranstalter entgegnete der Kritik seinerseits in einem Offenen Brief.

 

 

 

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