Menschen, nicht bei sich

von Steffen Becker

München, 3. Februar 2011. Der Beginn der "Winterreise" von Elfriede Jelinek ist an den Münchener Kammerspielen ein Kampf gegen die Naturgewalten. Schneeumtost wirft sich Stefan Hunstein gegen die Tür in der schwarzen Wand, die die Bühne abschließt. Dahinter müssen pervers große Windmaschinen wüten. Der Sturm, den sie entfachen, zerzaust selbst die Jelinek-Frisur der Dame in Reihe 17. Nach einiger Mühe ist das Wetter ausgesperrt und nur noch als Hintergrund-Heulen übrig. Die Jelinek-Frisur drückt gespannt ihren Rücken durch.

Elfriede Jelinek hat sich von Franz Schuberts Liedzyklus "Winterreise" inspirieren lassen und einen Text geschrieben, der die Motive dieser kalt-melancholischen Musik aufgreift. Es geht um Heimatlosigkeit, Sehnsucht, Einsamkeit und Irregehen, die Spannung zwischen dem eigenen Leben und der bürgerlichen Gesellschaft. Jelinek findet in diesen Themen Bankenskandale, das Entführungsopfer Natascha Kampusch und sehr persönliche Bezüge zur dominanten Mutter und zum geisteskranken Vater.

Im Gedankenstrom

Musik ist in der Inszenierung von Kammerspielintendant Johan Simons allerdings nur unterstützendes Beiwerk, das die Grundstimmung verstärkt. Das gelegentliche Anstimmen von Passagen aus dem Winterreise-Zyklus vermittelt eher eine Erinnerung an Schubert von sehr weit weg. Als Quelle für den Text sind die Einsätze am Klavier von Jan Czajkowski ohne Lektüre des Programmheftes nicht erkennbar.

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© Julian Röder

Für die Schauspieler ist auch die gekürzte Fassung des Jelinek-Textes eine Herausforderung. Ihr Gedankenstrom hat einen dichten Rhythmus, steckt voller Wortwiederholungen, Wortverdrehungen, Übertreibungen und kommt nahezu ohne Rollenverteilung aus.

Die Leistung der Regie von Simons liegt denn auch im Zusammenspiel seines Ensembles, obwohl sich die Schauspieler laut Vorlage nur beim Sprechen eines Textes abwechseln. Dafür interagieren sie körperlich perfekt aufeinander abgestimmt. Benny Claessens flirtet hinreißend im Trutschenkleid mit dem robusten Charme einer Drag Queen, wenn er die Vorzüge einer Bankenbraut anpreist, die Genussscheine frisst. Als die Gruppe sich über die Medienpräsenz von Natascha Kampusch aufregt (schließlich hatte man selbst einen Autounfall und darüber hat auch keiner berichtet) stolpert Kristof Van Boven über die Bühne, als würde sein Körper nicht zu ihm gehören. Er sucht Anschluss, als müsse er den Umgang mit Menschen erst lernen und wird durch fiese, kleine Gesten abgewiesen.

Im Unbehagen

Die Harmonie des Ensembles ist schlicht – beeindruckend. Man merkt der Inszenierung an, dass sich Schauspieler und Regie viel Zeit zum Experimentieren genommen haben. Besonders gefordert werden Hildegard Schmahl und Wiebke Puls, die nicht nur optisch als Mutter und Tochter Jelinek durchgehen. Die Tochter liebt ihre Mutter noch immer – sucht sie ihr Glück zwischen den Beinen der Mutterfigur. Der Part über die Vergeblichkeit der einen Liebe, die Schubert vergeblich sucht und für die Jelinek angesichts der virtuellen Auswahl im Netz keine Chance sieht, gehört zu den intensivsten Momenten dieser Winterreise.

Männer in Frauenkleidern, Frauen in Frauenkleidern, in denen sie sich unwohl fühlen, sind für Simons eines von vielen Mitteln, um das traurig-bissige Grundgefühl des Jelinektextes zu transportieren. Und die Bühne mit ihren schiefen Brettern und ihrem Wall, der den Sturm draußen hält, versprüht eine unwirkliche Atmosphäre. Halb Berghütte, halb Deich verstärkt sie die Assoziation, dass der Text und seine Darbieter in einer Kapsel spielen, sich selbst fremd. Das provoziert ein gewolltes Unbehagen, das sich verstärkt, je persönlicher die Winterreise wird.

Gegen Ende spricht André Jung eine Passage, in der sich der Vater über die Einweisung in die Irrenanstalt durch Frau und Tochter beklagt. Ein verwirrend glaubwürdiges Wechselspiel zwischen Verwirrung, Trauer, Sehnsucht und Reflektion. Passend zur Krankheit des Vaters gerät der Text hier in eine Endlosschleife. Dramaturgisch macht es Sinn – man glaubt mit der Mutter und der Tochter, dass er "kein Mann und kein Vater mehr ist", sondern ein Irrer, der weg muss. Als Jung allerdings zu einem neuen Zyklus ansetzt, sinkt auch die Jelinek-Frisur in Reihe 17 ermattet in ihren Stuhl.

 

Winterreise (UA)
von Elfriede Jelinek
Regie und Bühne: Johan Simons. Musikalische Konzeption: Christoph Homberger, Martin Schütz, Jan Czajkowski. Kostüme: Dorothee Curio. Licht: Jan Haas. Dramaturgie: Julia Lochte.
Mit: Benny Claessens, Katja Herbers, Stefan Hunstein, André Jung, Wiebke Puls, Hildegard Schmahl, Kristof Van Boven, Jan Czajkowski (Musiker).

www.muenchner-kammerspiele.de

 

Mehr zu Elfriede Jelinek finden Sie auf den nachtkritik-Sonderseiten zu den Mülheimer Theatertagen. 2009 gewann Jelinek mit Rechnitz (Der Würgeengel) den Mülheimer Dramatikerpreis, 2010 war sie mit Die Kontrakte des Kaufmanns nach Mülheim eingeladen. Alles zu Elfriede Jelinek: im Lexikon.

 

Kritikenrundschau

Von einer "wunderlich-wunderbaren Aufführung", von " Kunst, die das Herz ergreift", spricht Barbara Villiger-Heilig in der Neuen Zürcher Zeitung (5.2.2011). Seit ihrem Roman "Die Klavierspielerin" sei Elfriede Jelinek nicht mehr so autobiografisch gewesen. Und doch führe sie "mitten in die öffentliche Gegenwart". Den Zugang, welchen Uraufführungsregisseur Johan Simons finde, "kann, darf, muss man trotz Künstlichkeit und Kunstfertigkeit seiner Regie unverkrampft-natürlich nennen," so die Kritikerin. Aus ihrer Sicht präsentieren die Kammerspiele München mit dieser Inszenierung ein weiteres Beispiel dafür, "dass der Stoff, aus dem die jelinekschen Albträume sind, grösste Bühnenwirkung erreicht, wenn er in die richtigen Hände gerät und an die richtigen Schauspieler". Denn Simons' siebenköpfiges Ensemble verwandelte Wortlawinen in pures Theater.

Das Meiste an diesem Abend könne man vergessen, findet dagegen Gerhard Stadelmaier in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (5.2.2011). Zum Beispiel das Stück selbst: "Es ist samt einer ausgedehnten Heideggerei über Sein, Weib und Zeit (...), das übliche jelineksche, apokalyptische Krähen-Getön'. Über unsere Köpfe hinweg," so der Kritiker. Vergessen könne man auch den Großteil der Regie von Johan Simons, "der unter Zuhilfenahme zweier niederländisch gaumenbrechender Transvestiten-Spieler (...) die 'Winterreise' als wirr schreiendes, eisschwitzendes Irrenhaus-Kabarett mit "Tatatata"-Summ-Chören" abziehe, und zwar "unter Schmockgewittern" und Einsatz von "grenzdebil kollektivem Kitsch." Bemerkenswert findet Stadelmaier einzig André Jung, der Jelineks subjektive Befindlichkeit grandios objektiviere. "Der mehr als die ganze übrige kapitalismus- und spießerkritische Leier ins Herz unserer Zeit trifft. Diesen Alzheimer-Virtuosen, der vom leisen, höhnisch-resignierenden Lächeln bis zum bewusstseinslosen Verzweiflungsschrei alle Ablebenstonarten durchwandert – den müssen wir uns merken."

Diese Winterreise sei eine Tour de Force, aber eine lohnende, so das Fazit von Norbert Mayer in der Wiener Tageszeitung Die Presse (5-.2.2011) Sie habe keine Mitte, sondern viele Brüche. Doch bei aller Raffinesse des Regisseurs Johan Simon und seiner Dramaturgin Julia Lochte, aus diesem substanziellen Lamento "die Essenz herauszuholen und in starke Bilder umzusetzen, bei allem Willen der Akteure, sich zu verausgaben" flirre die Inszenierung "vor Zitaten philosophischer und musikalischer Art sowie profaner Aktualität."

Für Peter Michalzik wiederum ist (für die Dumont-Titel Frankfurter Rundschau und BerlinerZeitung am 5.2.2011) der Eindruck unabweisbar, dass Johan Simons "den Sprung vom Text zum Theater nicht ganz vollziehen konnte oder wollte". Sonst ein Regisseur, "der beeindruckende Denkstücke auf die Bühne" bringen könne, scheint dem Kritiker diesmal "die Fantasie des Bild- und Situationserfinders" wie eingefroren. "Die dreistündige Aufführung, es wurde weniger als die Hälfte des ursprünglichen Textes gespielt, scheint in der Sprache festzustecken, im Nachlauschen des mäandernden Textes gefangen." Damit falle Simons hinter die Jelinek-Befreiung zurück, "die die Theaterregie in den Neunziger Jahren durch Schleef und Castorf erlebt hatte, und die dann ermöglichte, dass die Jelinek-Spezialisten Jossi Wieler und Nicolas Stemann (seit neustem auch Karin Beier) sich frei und mit eigenständiger Fantasie in diesen Texten bewegen können."

"Sieben Personen suchen in Johan Simons Uraufführungsinszenierung ihre Geschichte hinter der Fassade aus Konventionen, Klischees, medienbeherrschtem Wortgeklingel und dem Unwillen, das Leiden anderer überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. Wie eine Sturzgeburt landen die Figuren im Bühnenleben auf dem aus rohen Brettern gezimmerten zuschauernahen Podest", berichtet Cornelie Ueding für den Deutschlandfunk (4.2. 2011) Der ganze letzte Teil sei dem verrückt gewordenen und ausgegrenzten Vater von Elfriede Jelinek gewidmet, und "André Jung macht diesen Monolog zum unzweifelhaften und ergreifenden Höhepunkt der Aufführung". Verständlich, dass Regisseur Johan Simons hier, "bei dem Verlöschen einer Person, nicht noch stärker kürzen wollte". Dennoch hätte es "dem Rhythmus der Inszenierung gut getan, Jelineks Wortflut insgesamt noch etwas mehr einzudämmen und den Abend zu verdichten: gerade weil die fantastischen Schauspieler so viele Nuancen erspielen".

Aus Sicht von Christopher Schmidt von der Süddeutschen Zeitung (5.2.2011) hat sich Johan Simons mit "dieser gedankenlos-selbstzufriedenen Inszenierung" als Regisseur ein Stück weit entzaubert. Am Stück liegt es nicht: "eine schmerzhafte Gedankenreise durch die eigene Biografie, die immer tiefer in ihre Familiengeschichte hineinführt. Selbst ihr fataler Hang zum defekten Kalauer, dieses Umkreisen und gezielte Entgleisenlassen der Sprache, bei dem einzelne Wörter ihren Doppelsinn enthüllen, hat einem als Strukturprinzip noch nie so eingeleuchtet wie in diesem subtil instrumentierten Klagegesang." Doch von der mürben Art und Weise, wie Elfriede Jelinek sich hier selbstkritisch mit hineinnehme in die Brüchigkeit und Asche auf ihre Hasskappe streue, vermittelt sich Schmidt kaum etwas auf der Bühne. Dort ergehe man sich "in lauten und polternden Improvisationen, wie sie so grobmotorisch und plärrend kaum je auf dieser Bühne zu erleben waren. Jelinek als holländisches Bauerntheater? Das kann einfach nicht gutgehen. Gleichsam in Holzpantinen wird das feine Textgespinst zertrampelt."

Großes Gespür bescheinigt Margarete Affenzeller in der Wiener Tageszeitung Der Standard (5.2.2011) Johan Simons und seiner Inszenierung. "Zusammen mit Julia Lochte habe er die Vorlage auf knapp die Hälfte des Textumfangs verdichtet, "und ihr dadurch schlussendlich mehr Kraft verliehen." Mit der Fokussierung auf einzelne Textpassagen rückt für die Kritikerin "auch Jelineks Verfahren einer sich selbst entlarvenden Sprache in den Vordergrund." "Die Sätze schwingen oft zwischen Sprechen und Gesang, ein zentraler Zugriff in Simons Regie: weniger Requisite, mehr Ton - und was für einer."

Einen "intensiven Theaterabend", auch "dank des homogenen Ensembles und einiger starker und berührender Szenen", annonciert Michael Schleicher im Münchner Merkur (5.2.2011). Simons greife, um Jelineks hochkomplexen Gedankenstrom fassbar zu machen, immer wieder auf einfache Bühnenmittel zurück. Das funktioniert aus Kritikersicht manchmal sehr gut, "dann schlägt sich Simons einen klugen Weg durch Jelineks Text-Gebirge. An einigen Stellen jedoch sieht der Kritiker auch Szenen in plumpe Klamauk abgleiten oder die Inszenierung mit ihrem unbedingten Willen zur Visualisierung anderweitig hinter der Wucht der Prosa-Arbeit zurückbleiben."

Warum sich Johan Simons mit diesem Text gar so schwer tut, fragt sich Petra Hallmayer in der tageszeitung (8.1.2011): "Immer wieder behilft er sich mit vordergründigen Bildern und drolligen Spielereien, um die monologischen Wortfluten im Theater konsumierbar zu machen. Ein nicht enden wollender Schluckauf befällt die Akteure, da wird getänzelt, gegrabscht, geträllert. Eine kalauernd kapitalismuskritische Hochzeitsfarce, in der Jelinek das gierblinde Aufkaufen und Fusionieren auf dem Finanzmarkt vorführt, gerät Simons gar zur überdehnten Comedynummernrevue." So mache Simons Jelineks "Winterreise" zerrissener und verrätselter als sie ist; selbst "die großartigen Schauspieler" könnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass er zu diesem "todtraurigen Textgewebe" keinen Zugang gefunden hat.

In der Zeit (10.2.2011) mutmaßt Silvia Stammen: womöglich irritiere es Elfriede Jelinek, wenn ein Regisseur aus ihren "schroff übereinandergetürmten Textflächen" mit "den Mitteln der Schauspielkunst" so etwas "wie »lebendige« Figuren herausoperieren würde". Genau dieses gelinge Johan Simons bis zur Pause "dank seines famosen deutsch-holländischen Ensembles" ganz gut. Simons gehe die Sache handwerklich an. Angenehm "unprätentiös" das von ihm selbst angeordnete Bühnenarrangement, und nach zwei Stunden sei eine "produktive Balance zwischen Spiel und Ernst, Personen und Figuren auf der Bühne" erreicht. Doch mit den Bildern der holländischen Flutkatastrophe von 1953 beginne der Einbruch des "Dramatisch-Verkünstelten in das bis dahin offene Experiment". Zwar gelängen André Jung noch "anrührend schlichte Momente der Verlorenheit und Selbstauflösung", doch dann flüchte der "große Minimalist" in die "fragwürdige Virtuosität einer Alzheimer-Studie als darstellerisches Bravourstück", was die beinahe ausgeräumten anti-illusionistischen Vorbehalte der Autorin plötzlich wieder aktuell erscheinen lasse. "Ebenso unvermittelt" vollführe ein lispelnder Junge - womöglich "ein Alter Ego des Regisseurs" - einen "tollkühnen Veitstanz in Holzschuhen". Simons' Abstecher in die eigene Vergangenheit erscheine eher wie "ein Ausweichmanöver, um sich nicht der eigentlichen Kernfrage nach der Autorstimme in einer lärmenden Gegenwart stellen" zu müssen. Am Ende wirke der Abend "wie amputiert".

 

 

 

 

 

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